Richtige Rahmengröße und optimale Sitzposition
by , 12-05-2012 at 11:20 (25851 Hits)
Die Wahl der "richtigen" Rahmengröße ist eine Wissenschaft: Bei Standard-Sloping-Rahmen greift der Racer zum kleinstmöglichen Rahmen, bei welchem eine gestreckte Sitzposition samt sportlicher Überhöhung möglich ist. Dazu benötigt es eine kleine Rahmenhöhe sowie ein niedriges Steuer- und ein langes Oberrohr. Aber auch der Winkel des Sitzrohrs ist nicht zu vernachlässigen, da er die tatsächliche Länge (Reach = horizontale Distanz Mitte Tretlager bis Mitte Steuerrohr) des Rades beeinflusst.
Bei Touren- und Marathonfahrern sieht die Sache schon wieder anders aus. Diese Gruppe bevorzugt komfortablere Überhöhungen - allerdings können Rahmen mit höheren Steuerrohren wiederum unangenehm lang ausfallen. Zur Not werden in weiterer Folge (zu) kurze Vorbauten montiert, die so manches Rennrad in engen Kurven nahezu unfahrbar machen, da am Vorderrad der nötige Grip fehlt.
Eine Möglichkeit wäre es, vor einem Rad- oder Rahmenkauf eine Probefahrt zu machen bzw. das Rad zumindest beim Händler Probe zu sitzen. In Wahrheit wissen aber die wenigsten Menschen (Kunde wie Händler), wie man optimal auf einem Rad sitzt (Streckwinkel bei Knie, Hüfte, Ferse, Einsatzzweck, physiologische Eigenheiten des menschlichen Körpers, etc.), und so werden "Sitzpositions-Mängel" oftmals von einem Rad zum nächsten übernommen. Mein Tipp an alle ambitionierten Rennradler lautet daher, unbedingt eine professionelle Sitzpositions-Analyse durchführen zu lassen. Mittlerweile gibt es schon viele Spezialisten in Österreich und Deutschland, die ein solches Service offerieren. Dabei sollten allerdings Aufnahmen mit speziellen Hochgeschwindigkeits- und Infrarotkameras samt computergestützer Auswertung geboten werden, da man wirklich nur unter realen Bedingungen (Treten unter Last mit hohen Kadenzen) die Einstellung kontrollieren und Fehler identifizieren kann.
Ich war bei Christian Bernhard (Sport-Support.at) und ließ mich anhand des revolutionären Retül-Fitter-Systems für mein TT- und das neue Cannondale Rennrad testen und vermessen.
Jede noch so kleine Änderung an Sattel, Lenker und den Pedalcleats kann mit dem Retül-System innerhalb einer Minute ausgewertet und analysiert werden. Der Probant tritt dazu mit 250-300 Watt in die Pedale; den Rest erledigt das System. Am Monitor können schon wenige Sekunden später das Motion-Video sowie die errechneten Werte und Winkel begutachtet werden. Alle Auswertungen sind sowohl für Renn- und Zeitfahrräder als auch Mountainbikes möglich, da bei jedem dieser Einsatzgebiete andere Winkel und Eigenheiten zu berücksichtigen sind.
Nach etwa einer Stunde inklusive Vor- und Nachbereitung fanden wir meine optimale Sitzposition und ich erhielt zwei umfangreiche Auswertungen für zukünftige Aktivitäten wie Rahmenkauf und Radeinstellungen. Der Cyclist-Report enthält alle körperbezogenen Werte (Winkel der Hüfte, am Knie, Fuß, den Ellenbogen, etc.) sowie eine Analyse des Knieverlaufs. Im Bicycle Fitting Report finden sich alle gängigen Raddaten (Sattelhöhe, Sattel-Setback, Reach, Stack, etc.) mit denen ich alle meine Räder einstellen kann. Andererseits kann ich dieses Factsheet auch mit den Geometriedaten der Radhersteller vergleichen und so treffsichere Aussagen über die benötigte Rahmengröße treffen.
In diesem Punkt hatte Christian Bernhard noch eine Überraschung für mich parat: den Retül Framefinder. Ist die Online-Software erst mal mit meinen ermittelten Retül-Daten gefüttert, können diese per Knopfdruck auf fast alle gängigen Radmodelle in allen Größen appliziert werden.
In meinem Fall stellte ich mir die Frage, ob ich das Cannondale SuperSix Evo in 52 oder 54 kaufen sollte. Der Händler schlug mir Größe 56 (=Large) vor...
Nach fünf Minuten war alles klar. Größe 56 schied komplett aus. Zu lang das Oberrohr bzw. der Reach, zu hoch das Steuerlager. Ich hätte eine Leiter gebraucht, um auf das Rad zu steigen.
Die roten/gelben/blauen Flächen beschreiben den Einstellbereich. Die schwarzen Punkte stehen für meine optimale Position. Vorbau und Sattelstütze wurden entsprechend ausgewählt.
Größe 54 passte schon recht gut. Ich sitze allerdings relativ weit vorne, stünde deshalb mit den meisten Sätteln am Einstellbereich der Stütze an und bräuchte eine gerade Sattelstütze mit 0cm Setback. Außerdem müsste ich mich von allen Spacern trennen, was einen späteren Wiederverkauf erschweren würde.
Bei der Rahmengröße 52 wurde ich schlussendlich fündig. Da sich der Sitzrohrwinkel im Vergleich zum 54er nach oben hin ändert, kommt das 52er auf den gleichen Reach (siehe Grafik, 38.4 cm bei 52 & 54cm). Somit fällt es auf den Millimeter gleich lang aus wie das 54er, ich kann eine normale Stütze mit 20/25mm Setback fahren und der Standard-Spacer (Lagerschalenabdeckung) mit 25 mm Höhe vorne verbleiben. Perfekt!
Also ganz ehrlich - wäre ich mit dem empfohlenen 56er aus dem Shop gewackelt, hätte ich mir am Abend während der Radeinstellung das Leben genommen.
So sind Besitzer und Bike wohlauf, eine aggressive Position ist möglich und ein reibungsloser Wiederverkauf in einiger Zeit garantiert. Ich bin vom Retül-System begeistert. Ich schwörs bei meinem Augenlicht und dem Leben meiner ungeborenen Tochter.
Cannondale SuperSix Evo 2012 in Größe 52 samt Retül-Fitting by Christian Bernhard














