Bikeboard.at - Ein Herz für den Radsport
  
Da schnappt ein Ausdauer-Genie ein paar Zeilen Mountainbike Revue auf und radelt zwei Monate später um die Wette quer über den afrikanischen Kontinent. 10.500 km, von Kairo nach Kapstadt. Die MBR bleibt ihm während seines 120tägigen Abenteuers auf den Fersen, soweit es seine technischen Möglichkeiten erlauben.
  

Seit 18. Jänner befinden sich 39 Biker (die meisten aus Nordamerika und Kanada, aber auch ein Holländer, ein Belgier, ein Engländer und ein Maria Enzersdorfer ;-)) auf dem Weg von Kairo nach Kapstadt. 100 Tage Race plus 20 Tage Sightseeing stehen am Programm, durchschnittlich 100 km gilt es pro Etappe zurückzulegen.

Gestartet wurde am Fuße der großen Pyramide von Gizeh in Ägypten, weiter geht’s durch den Sudan, Eritrea, Äthiopien, Kenia, Mosambik, Tansania, Malawi, Simbabwe, Botswana und Südafrika, wo die Teilnehmer am 18. Mai das Ziel in Kapstadt erreichen sollen.

Gewertet werden die Rider in vier Kategorien (Race einzeln, Race-Team, Hobby volle Distanz und Teilstrecke), die Verpflegung besteht großteils aus Trockennahrung, übernachtet wird in Zeltlagern. Das Gepäck wird – oh, welch Luxus! – von Begleitfahrzeugen zum jeweils nächsten Etappenort gebracht.

Die Tour d’Afrique ist aber mehr als nur ein Radrennen: Es sollen auch eine Million US $ Spendengelder eingefahren werden, die sich aus fünf Prozent des Startgeldes und Beiträgen von Sponsoren zusammensetzen.

 

       
  

Sascha ist Mountainbike Revue-Leser. Sascha ist spontan. Sascha hat Telefonitis. Sascha hat diese drei Eigenschaften zu einem genialen Ganzen kombiniert, in der letzten MBR von der Tour d’Afrique gelesen, sich kurzerhand zur Teilnahme entschlossen und uns dann angerufen, um uns von seinem Vorhaben zu erzählen.

Nun sitzt er da, der 26jährige Vegetarier aus Wien, mit Potato-Wedges im Mund und Flausen im Kopf. Vom 100tägigen Rennen quer durch Afrika spricht er wie von einem Kurzurlaub in Ägypten, Mehrtagesrennen ist er noch nie gefahren, dafür lernt er gerade tanzen, spielt Hallenfussball und beherrscht eine asiatische Kampfsportart.

Was ihn zur Teilnahme an diesem Extrem-Bewerb bewegt hat? Sascha erscheint ob der Frage überrascht, nennt ein paar no-na Gründe und wird aufgrund seiner angeblichen „schlechten Vorbereitung auf das Interview“ ein klein wenig nervös. Dafür ist Jürgen umso lockerer. Jürgen ist Saschas Freund, Händchenhalter und sowas wie der perfekte Pressesprecher.  Erzählt von Selbstfindung, Schule für’s Leben, von der Notwendigkeit, auf sich allein gestellt zu sein und von Frauen, die es zu vergessen gelte.

Sascha nickt.

Wie weit er mit den Vorbereitungen sei? „ Impftermin hab ich schon.“ Und sonst? Bezüglich Klima muss er sich erst erkundigen, das Material passt angeblich, wenngleich, kaum erwähnt, eine Reifenbreiten- und Gelsattel-Diskussion zwischen den beiden Freunden entflammt, trainingstechnisch tut er halt so dahin, das mit den Powerbar-Riegeln und Compex wird schon hinhauen und überhaupt wird ja das ganze Gepäck sowieso nachtransportiert. Tagesgepäck? Wasser und ein Minitool. Sascha vertraut voll und ganz auf die Kompetenz der beiden Veranstalter, die ja bereits weiß Gott wo waren – Selbstorganisation hin, Lebensschule her. „Ich würde mir das schon genau überlegen, was ich am Rad mitnehm’. Außerdem solltest du dir die Füße tapen, wegen der Blasen. Und das mit dem Übergepäck musst du noch organisieren“, meint Jürgen.

Sascha nickt.

Worauf er sich besonders freue? Der Ägypten-Fan blüht auf, erzählt von Pyramiden, Hiroglyphen, Ramses den Zweiten, der Strecke am Nil, dem Abschnitt beim Roten Meer und schwört, vor dem Mount irgendwas keinen Blick auf den Tacho werfen zu wollen. Und gibt bei aller zur Schau gestellten Unbekümmertheit zu, doch sehr oft an sein bevorstehendes Abenteuer zu denken, wenn er alleine sei. Angst? Nein. Aber mental ein Nackabatzl. Jürgen sagt ausnahmsweise nichts und grinst.

Und was sagen Chef und Geldbörse? Der Kerl hat Glück und einen Chef, der zum Sponsor mutierte. Tja, Mechaniker beim Mountainbiker müsste man sein. Dann nämlich wird man bei entsprechend überzeugendem Auftreten für Extrawürste wie die Tour d’Afrique freigestellt und ist außerdem bei den Banken kreditwürdig. „Du brauchst aber auf jeden Fall noch andere Sponsoren“, wirft Jürgen ein und greift alsbald zum Telefon, um ein paar Beziehungen spielen zu lassen.

Sascha nickt.

Beim Abschied verspricht Sascha, regelmäßig anzurufen und e-mails zu schicken, zwecks online-Tagebuch. Dass der Renntross nur allerseltenst Zivilisation und somit Steckdosen , Internetcafes und Telefonzellen streifen wird, glaubt er erst, als es einige Tage später in einem e-mail der Veranstalter steht. Und quittiert die Nachricht mit einem derart lockeren „I lass mi überraschen“, dass man glauben könnte, Jürgen fahre mit.

       
 

Die MBR traf den jungen Wiener gut ein Monat vor Beginn seines Abenteuers. Sascha Hartl - der erste Kontakt.
  
  

Wer ihn nur flüchtig kennt, mag seine Zweifel haben, aber: Wenn sich das ehemalige Nachwuchskader-Mitglied mit einem Faible für Duathlon- und Triathlon etwas in den Kopf setzt, macht es das auch. Weshalb Sascha nun quietschvergnügt durch Afrika radelt …
  

100 Tage Race, 20 Tage Pause, Afrika von Nord nach Süd. Wie erlebt Sascha das größte Abenteuer seines Lebens? Wo zwickt’s, was freut, was fasziniert? Wie ist der Alltag zwischen Rennfahren und Sightseeing? Und was sagt ein Vegetarier zum Trockenfutter? In seinem Tagebuch liefert Sascha die Antworten, soweit es die technischen Möglichkeiten (Satelliten-Telefon und Internet-Cafes) erlauben.
         
Jänner Februar März April Mai

  
Donnerstag, 16. Jänner
Es ist so weit, Sascha wird von der AUA um 10:20 a.m. nach Kairo verfrachtet. Freunde und Verwandte haben ihn zum Flughafen begleiten und an die charmanten Flugbegleiterinen übergeben. Guten Flug, Simba!
  
Samstag, 18. Jänner
Simba (Saschas Spitzname seit er den Entschluss, in die Wüste zu fahren, gefasst hat – aus „König der Löwen“) ist gut angekommen, das Wetter ist mit 17-18° perfekt für die langen Tage am Rad. Im Rahmen eines gemütlichens Radausflugs hat er einige seiner 38 Reisegefährten schon kennen gelernt und ist schwer begeistert.
Die ersten Etapen wurden leicht geändert. Sie fangen heute mit einer kurzen Etape von nur 79km mit Start um 09:00 vor den Pyramiden (wow!) an. Am Sonntag und Montag wird es schon ernst mit 126 resp. 135km aber das packt er ganz locker.
      
  
Montag, 20. Jänner
Sascha ist jetzt im ersten "Desert Camp" und hat schon die ersten drei Etappen = 522 km (!!!) hinter sich gebracht. Nach Luxor, Saschas erstem großen Ziel zwischen Kairo und Kapstadt, sind’s noch ca. 340km. Die Starts sind um 6:00 Uhr früh (autsch!) und entsprechend kühl (gestern 4°C, heute 8°C). Gefahren wird noch mit Windstopper Jacke, Bein- und Ärmlingen, trotzdem war heute erstmals Baden im Roten Meer angesagt. In David, einem Teilnehmer aus England, hat Sascha bereits einen Freund und etwa gleich schnellen Mitstreiter gefunden, momentan liegt er auf dem sensationellen sechsten Rang.
      
  
Dienstag, 21. Jänner
Hier mal Sascha im O-Ton, manchmal kreuzt er nämlich Internet-Cafes!
„137 km, 32 km/h Durchschnitt, huegelig, früh 8 grad, untertags 20 grad und blauer himmel.

david (engl),scott (canada), kyle (usa) und ich hatten uns nach ca. 15 km abgesetzt. wiederum 5 km spaeter setzten david und ich noch einen drauf und konnten uns zu zweit einen 7 min. vorsprung herausfahren. bei km. 50 hatte dann das führungsauto die orientierung verloren und wir damit 5min. Als wir dann wieder richtig waren, gaben david und ich wieder vollspeed. wir konnten unseren vorsprung wieder ein wenig ausbauen. bei km 70 stand ploetzlich die polizei vor uns und deutete uns, dass wir am falschen weg seien. ich wollte das nicht gleuben, wir diskutierten herum – wieder 2min. ich sag dir das war echt nervig!!! es hat sich als richtig erwiesen, dass wir weiter gefahren sind, denn 5km später erreichten wir die labestation. nach einer kurzen brake gings auch gleich wieder weiter. wir fuhren echt ein gutes rennen bis zum km 120. denn da wussten wir wieder nicht wohin wir sollten und dieser stopp kostete uns die führung. kyle und scott sind zu uns gestossen und wir fuhren zu viert weiter. ich war ziehmlich angefressen, aber was soll's. letztendlich gewann aber david die etappe. scott wurde zweiter, ich dritter.

dann passierte eigentlich genau das was jeden tag passiert: essen, dehnen, zelt aufbauen, relaxen und dann kommt schon das abendessen. ich gehe meistens um 19.30 schlafen, da ist es gerade 18.30 bei euch. gestern uebernachteten wir in der wueste. es war ein sternenhimmel wie aus 1001 nacht – echt sweet :-) !
  
Donnerstag, 23. Jänner
Die letzten beiden Nächte in einem Hotel, einmal noch richtig duschen und rasieren. Dann geht’s ab in Ägyptens Süden und in den Sudan, dorthin, wo sonst nichts und niemand ist.
      
  
Freitag, 24. Jänner
Ruhetag in Luxor. Alle sind kaputt, aber die Stimmung ist gut. Sascha ist Gesamtdritter (suuuuper!) mit nur 7min. Rückstand auf den Ersten, seinen Kumpel David aus England. Nochmal O-Ton vor den kommenden 5 Wochen Camp: „seit dem heutigen tag nehme ich die lariam tabletten gegen malaria und momentan geht's mir sehr gut. die sollen auf die psyche gehen aber ich merke zum glück noch nichts :-)) gestern habe ich erfahren, dass wir in ethiopia auf einem 4000er herum biken. na gruess gott! die ersten scheisserein haben wir auch schon im camp. ich bin aber zum glück nicht dabei.
aufs klo wird in der wüste gegangen und das trockenfutter ist echt gut – man kann es geschmacklich gut variiren indem man marmelade beigibt :-) trotzdem: ich hab gusto auf ne pizza magarita mit 2 spiegeleier von der pasta, aber das muss wohl noch warten :-(
leider gottes hat david eine überlastung am rechten knie aber he, ich werde ihn unterstützen, wo’s geht. wir haben jetzt rund 4 wochen zeit bis es wirklich in die berge geht und ich hoffe, er ist bis dahin genesen.“
  
Sonntag, 26. Jänner
Erster Etappensieg für Sascha, Congratulations! Als Belohnung gab’s am Nachmittag eine Pizza-Schlemmerei, direkt am Nil und einen Karton Snickers, direkt vom Basar – leck-schleck!
  
Freitag, 31. Jänner
Die Tour ist heute nach 5,5 Stunden mit dem Schiff sicher im Sudan angekommen. Alles glatt gegangen, nur die Zollbeamten waren ein bißchen "übermotiviert".
  
 

>> Februar