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Genuss-Radtouren im Weinviertel

Genuss-Radtouren im Weinviertel

16.08.21 08:23 3.895Text: NoManFotos: Erwin HaidenJetzt ist es so weit: Die Bikeboard-Crew wird alt. Warum sonst sollte sie E-Bikes der Machart komfortabel satteln, und damit von Kellergasse zu Kellergasse tingeln? Protokoll einer Horizonterweiterung, erfahren im Retzer Land. 16.08.21 08:23 4.150

Genuss-Radtouren im Weinviertel

16.08.21 08:23 4.150 NoMan Erwin HaidenJetzt ist es so weit: Die Bikeboard-Crew wird alt. Warum sonst sollte sie E-Bikes der Machart komfortabel satteln, und damit von Kellergasse zu Kellergasse tingeln? Protokoll einer Horizonterweiterung, erfahren im Retzer Land. 16.08.21 08:23 4.150

Das Weinviertel, unendliche Weiten. Wir schreiben das Jahr 2021. Dies sind die Abenteuer des Bikeboard.at-Redaktionsteams, das mit seiner vier Mensch starken Besatzung zwei Tage lang unterwegs ist, um fremde Kulturen zu erforschen, unbekanntes Leben und neue Fortbewegungsarten. Viele Lichtjahre von ihrem performance-orientierten Ansatz entfernt dringt die BB-Crew in Welten vor, die nie ein Racer zuvor gesehen hat.

 Genussvolle Gelassenheit 

Das Motto des Weinviertels, Leitmotiv unseres Selbstversuches

"Weit sind wir ja noch nicht gekommen." Ein wenig irritiert legt NoPain den Helm zur Seite und hebt hernach sein Glas. "Na dann, Prost!" Zart klirrt und flirrt der Signature-Sound des Weinviertels über die Wiese und verebbt irgendwo hinter dem dritten Weinstock von links. Der Gelbe Muskateller rinnt süß und süffig unsere Kehlen hinunter.
NoSane, Halb-Retzer von Herkunft und Weinkenner von Familienhintergrund, hatte schon recht: So als zweites Frühstück auf allmählich wieder leerer werdenden Magen ist der liebliche Rebensaft die bessere Wahl als der regionstypischere, aber trockene Veltliner.

"Ja, ja, Familientour ..." Luki lässt grinsend seinen Blick 'gen Norden schweifen, über schier endlos aufgereihte Rieden, klein strukturierte Felder, sanft gewellte Wälder. Keine zehn Kilometer von unserem idyllischen Rastplatz entfernt, grüßt aus dieser Richtung Retz, der Ausgangspunkt unserer Tour, herüber. "Immerhin können eure Kids hier super Fangen spielen, bis ihr ausgetrunken habt", ätzt der einzig Kinderlose unserer Truppe.
Stimmt. Oder Kellerkatzen streicheln. Auf Presshausdächer klettern und wieder runterrutschen. Dem Wein beim Wachsen zusehen. Dunkle, verzweigte Erdröhren erforschen. Finden sich doch eh immer eine Beschäftigung, die lieben Kleinen ...

Nomen est Omen: Kellergassen Radtour

Ein ausrangiertes Eichenfass dient uns als Tisch, eine schlichte Holzbank als Sitzgelegenheit. Die Räder lehnen am Hauseck' fast so lässig auf ihren Seitenständern, wie wir hier in der Wiese beim Selbstbedienungs-Weinladen in der Pillersdorfer Öhlbergkellergasse lümmeln.
"Radlerrast" stand über der offenen Tür im oberen Abschnitt der adrett renovierten Ansammlung historischer Produktions- und Lagerstätten örtlicher Weinbauern. Natürlich hat uns das neugierig gemacht. Mit den Cleat-bewehrten SPD-Schuhen (note to myself: nächstes Mal vielleicht besser Freeride-Treter und Plattform-Pedale?) mehr schlecht als recht die drei Stufen hinuntergestöckelt, offenbarte sich uns auf nur wenigen Quadratmetern die Quintessenz des Weinviertels: exzellente Rebensäfte, vergoren oder unvergoren, völlig gelassen und im Vertrauen auf die Ehrlichkeit der Besucher samt einiger kleiner Snacks wie Nüsschen oder Waffeln mittels Preisliste und Handkasse zum Verkauf und Genuss dargeboten. Ein Regal für die Gläser, ein Kühlschrank für die Flaschen, dazu ein Tischchen mit etwas Infomaterial, einem Gästebuch und der Einladung, es sich irgendwo gemütlich zu machen - so geht flexible, unkomplizierte Gastfreundschaft!

Und zwar nicht nur hier, im zweizeilig angeordneten Ensemble aus rund 40 Presshäusern, wie wir alsbald erkennen werden. Radlerrasten wurden (schon lange vor Corona!) als wesentlicher Teil der touristischen Infrastruktur des Weinviertels quasi flächendeckend eingerichtet - mal nur als Trinkbrunnen, mal als extra aufgestellte Holzhütte, in der vom Kartoffel bis zur Mehlspeise auch gleich direktvermarktet wird, mal als "offener Keller" mit angeschlossener Sitzgelegenheit verschiedenster Größe.
Noch flexibler sind da nur die Picknickkörbe, welche bei rund 20 Betrieben im ganzen Weinviertel gebucht, abgeholt und aufs Rad geschnallte werden können - Details dazu im Infokasten.

Die Öhlbergkellergasse ist die erste von drei veritabeln Kellergassen und vielen weiteren, mehr oder weniger zusammenhängenden Weinkellern, die wir auf unserer heutigen Tour besuchen werden. Das ist insofern stimmig und wenig verwunderlich, als wir die „Weinviertler Kellergassen Radrunde“ am Tagesplan haben: Eine Strecke mit etwa 50 Kilometern durch das malerische Retzer Land und das Pulkautal, dessen Start und Ziel in der – wie passend auch dies! – stolzen Weinstadt Retz liegt.
So weit, so gut. Nur: Bikeboard.at und Seitenständer? Timetrial-Spezialist NoPain beim E-Trekking? Langstrecken-Fan NoMan am Komfort-Rad?

Der vermeintliche Widerspruch ist im Grunde schnell erklärt. Auch Bikeboarder sind nur Menschen und leben abseits von hochriskanten Kurvenlagen, adrenalingetränkten Trail-Orgien und grenzwertigen Rennabenteuern gar biedere Leben mit Kind und Kegel, Haus und Garten, PartnerIn und Familie. Im Zuge unserer Recherchen für den Rennrad-Report im Weinviertel haben wir unlängst das nordöstliche Viertel Niederösterreichs, genauer: das Weinviertel ober den Leiser Bergen, näher erforscht. Schien bereits die Kombination von Rennradfahren und Therme Laa leidlich familientauglich, spannen wir angesichts des sanft-hügeligen Landes um Laa, des dichten, aber verkehrsarmen Wegenetzes und manch dortiger Kellergasse endgültig euphorische Ideen von glücklichen Familienwochenenden: Am Samstag solo auspowern bei einer Rennradtour, am Sonntag gemütlich und entspannt mit Sack und Pack durch die Gegend gondeln, Anreise und Rückfahrt ob der geografischen Nähe zu unser aller Lebensmittelpunkt in Ostösterreich denkbar einfach und kurz.

Aber was braucht's denn nun, um bessere Hälften, eventuellen Nachwuchs und radtouristisch unbedarfte Ex- oder Möchtegern-Racer gleichermaßen zufriedenzustellen?
Wir entschlossen uns, durchaus egoistisch, zu einer Probe aufs Exempel; und wir entschieden weiters, durchaus altruistisch, deren Erkenntnisse mit euch zu teilen.

 Wuselnde Wolken über welligen Weiten 

Unser Ausblick

Punkt eins: Planung ist das halbe Leben. Weshalb nach einleitendem Kartenstudium (Stichwort: Topografie), Check des Tourenangebots (Stichwort: Abkürzungen/Varianten) und Bewertung weiterer Urlaubsaktivitäten (Stichwort: Familieninteressen) die Wahl auf das westliche Weinviertel fiel - jenem Landstrich "unter dem Manhartsberg", der gegen das Waldviertel hin von eben diesem Hügel begrenzt wird, im Norden von Tschechien und im Süden vom Donauraum samt Wagram.

Mit Retz beherbergt dieser Teil des flächenmäßig größten Weinbaugebietes Österreichs ein facettenreiches touristisches Zentrum. Ob funktionstüchtige, historische Windmühle, nostalgische Erlebnisbahn samt Heurigen-Waggon, interessante Museen, Galerien und Initiativen rund um Kunst, Musik und Literatur oder der nahe Nationalpark Thaytal: In und um die Jahrhunderte alte Stadt gibt's für jeden Gusto etwas zu erleben. Auch und vor allem ist Retz jedoch eine Weinmetropole, deren früher Reichtum sich nicht zuletzt im prächtigen Hauptplatz mit italienischem Flair widerspiegelt.
Für den berühmten Retzer Erlebniskeller, ein gigantisches, mehrstöckiges Labyrinth, welches mit umfangreicherer Gesamtlänge als das oberirdische Straßennetz den gesamten Stadtkern durchzieht, fanden wir leider keinen passenden Zeit-Slot. Umso konsequenter wollten wir uns abseits dieses Highlights dem Weinbau und seinen landschaftlichen und kulturellen Implikationen widmen.

Kellergassen Radrunde also. Genauso gut hätten wir uns auch für einen anderen thematischen Schwerpunkt entscheiden können. Der "6 Städte Radweg" beispielsweise verbindet auf rund 100 Kilometern die Weinstadt mit Znojmo (Znaim) und Vranov (Frain) in Tschechien sowie Hardegg (mit 79 Einwohnern bekanntlich die kleinste Stadt Österreichs), Pulkau und Schrattenthal (beide nicht viel größer) und stellt deren Burgen, Schlösser und Kirchen in den Mittelpunkt. Der "Reblaus Radl-Weg" würde eine kurzweilige Kombination mit dem gleichnamigen Express-Zug (Farradtransport gratis!) und Stippvisite im Waldviertel gestatten. Der "Iron Curtain Trail" erradelt dies- und jenseits der Grenze zu Tschechien (bzw. später Slowakei, Ungarn, Slowenien etc., bis zum Schwarzen Meer - aka EuroVelo 13) jenes Gebiet, das einst durch den Eisernen Vorhang getrennt war - anschaulicher Geschichtsunterricht bei Mahnmalen, Museen und Freiluft-Einrichtungen inklusive. Oder der "Wein und Kultur Radweg": Ebenfalls grenzüberschreitend, macht er binnen gut 50 Kilometern mit den Kult- und Wohlfühlplätzen, Weinlandschaften und Hauptstädten des Retzer und Znaimer Landes bekannt.

Die ältesten Radtourismus-Offerte der Region hören auf so typische Namen wie "Portugieser" (70 km) oder "Chardonnay" (44 km). Das früheste Aushängeschild heißt folgerichtig "Weinviertel DAC" (54 km), wie der flüssige Botschafter des Weinviertels, ein Grüner Veltliner mit fruchtigem, würzig-pfeffrigen Geschmack. Auch extra ausgetüftelte Radtouren für Familien mit Kindern umfasst das Programm, und als mehrtägiger Klassiker durchzieht die "Kamp-Thaya-March-Route" die Gegend von Nordwest nach Ost. Generell bietet das Retzer Land mit seinen gut 400 km Rad- und Wanderwegen eines der dichtesten Streckennetze Österreichs. Und zehn davon haben wir nach eineinhalb Stunden "Fahrzeit" ja immerhin schon geschafft.

Good To Know

Touren
Das Weinvietel durchzieht ein Netz gut ausgeschilderter Radwege und Touren. Eine Übersicht dazu samt weiterführenden Links und GPS-Daten findet sich unter www.weinviertel.at.
Ergänzend empfiehlt sich die kostenlose Radkarte Weinviertel, die sämtliche Genussradtouren übersichtlich darstellt - hier zu bestellen

Auskunft
TVB Weinviertel
Wiener Straße 1, 2170 Poysdorf
Telefon: +43 2552 3515
eMail: info@weinviertel.com
www.weinviertel.at

Gästeinfo Retzer Land
Hauptplatz 30, 2070 Retz
Telefon: +43 2942 2700
eMail: office@retzerland.at
www.retzer-land.at

Übernachtung
Über 100 radfreundliche Betriebe (Gastro & Unterkünfte) erfüllen spezielle Qualitätsmerkmale. Eine Übersicht aller Beherberger gibt's hier

Radverleih
Quer durchs gesamte Weinviertel können Räder ausgeborgt werden - hier geht's zur Übersicht

Radlerrast
Einen Überblick zu sämtlichen Raststationen mit Selbstbedienungsprinzip gibt's auf www.weinviertel.at

Radlerpicknick
Ergänzend zu den "offenen Kellern" wurde im Juli 2021 eine weitere Selbstversorger-Option eingeführt: das Weinviertler Radlerpicknick. Gefüllt mit regionalen Köstlichkeiten, Getränken und etwas Süßem, sind per Montageplatten am Gepäckträger zu befestigenden Picknickkörbe in zwei Versionen (klassisch und vegetarisch) bei vorerst ca. 20 Betrieben erhältlich. Mindestens 24h vorher buchen, abholen, aufs Rad schnallen, und - wo auch immer - genießen! Kosten: € 33,- für 2 Personen, Zusatzangebot Kinderrucksack gefüllt: € 10,- Detailinfos

Notfalltaxis im Weinviertel
Taxi4you - Transportiert bis zu drei Räder, 24h erreichbar.
2020 Hollabrunn - 0660 4239411
2136 Laa/Thaya - 0650 2054811
2130 Mistelbach - 0660 3901222
2170 Poysdorf - 0660 3588300

Alles mit der Zeit

Unsere Weingläser sind ausgetrunken, die Zeche bezahlt. Der nächste Teilabschnitt ruft. Mit etwas schweren Beinen, aber leichtem Kopf schwingen wir uns wieder in den Sattel unserer erstaunlich leichtgängigen Räder.
Die ersten Kilometer hatten uns ausgehend vom ehrwürdigen Althof, einer ehemaligen Burg der Grafen von Hardegg und heute Viersterne-Unterkunft samt Öko-Tourismusfachschule, über den stolzen Hauptplatz samt Pestsäule und bemerkenswert klerikalem Rathaus südwärts auf den Hochsteinerberg geführt. Nun geht's mit der ersten Kellergasse im Rücken und Blick in wellige Weiten und wuselnde Wolken wieder leicht bergab. Via Schrattenthal - eine veritable Stadt, wie wir weiter oben ja gerade gelernt haben; mit Stadtmauern und Türmen, Schloss samt Wehranlagen und, wie könnte es anders sein, Kellergasse ("Stadtgraben") - rollen wir, locker-flockig über die Unterstützungsgrenze von 25 km/h tretend, hinunter zur Pulkau.

"Alles mit der Zeit" steht über dem gotischen Torbogen des prächtigen, im Stile der venetianischen Renaissance umgebauten Verderber-Hauses am Retzer Hauptplatz. Wir übersetzten diese Inschrift mit "Gemach, Gemach. Nur nicht hudeln, nichts erzwingen. Alles hat seine Zeit."
Deshalb hatten wir der berühmten Retzer Windmühle, erhaben über der Stadt am Kalvarienberg thronend und erreichbar über die gleichnamige pittoreske Gasse, schon am Vorabend unserer Tour einen ausführlichen Besuch abgestattet.
Für eine Führung waren wir leider zu spät dran. Ersatzweise wussten der Kindheits-Local unserer Runde und seine Verwandtschaft gar Interessantes zu berichten: vom initialen, windstärkenabhängigen Einhängen der Holzklappen an den vier "Fludern" und Aktivieren per Seilzug; vom hölzernen Hausbaum, an dem die gesamte drehbare Dachkonstruktion samt Flügeln hängt; vom empfehlenswerten Windmühlheurigen; von den Renovierungsarbeiten in Holland; von der Staubentwicklung beim Mahlen; von Kämmen, Stöcken und der Königswelle, Brotbackkursen für Klein und Groß, uvm.
Wie hektisch, wenn wir dies samt der Raderlei in einen Tagesausflug gepackt hätten!

 Das Pensum: überschaubar
Die Pausen: häufig
Die Rückkehr: spät 

Beim Genusssradeln ticken die Uhren anders!

Und auch nun, da sich die Regenwolken bedrohlich verdunkeln, halten wir uns an die Empfehlung des Kaufmannes Thomas Verderber und nehmen uns Zeit.
Zwar würden uns etliche grün-weiße Schilder direkt an der eingeschlagenen Route den Weg zu radfreundlichen Betrieben weisen, die gewiss adäquaten Schutz vor den angesagten Niederschlägen böten. Allein: Wir haben uns für heute dem Genuss auf allen Ebenen verschrieben. Und hierfür eine Empfehlung etwas abseits der Strecke, in Röschitz, erhalten: das W4 - Restaurant, Veranstaltungssaal und Vinothek in einem.
Das Wetter?
Der Umweg?
Eile mit Weile, wird schon halten!

Nicht, dass unsere Kilometerleistung schon nach besonderer kalorischer Kompensation verlangen würde. Aber es ist Mittagszeit, und der Mensch ein Gewohnheitstier.
Außerdem: sortenreiner Traubennektar … Beef Tatar mit Wachteleiemulsion und Hirsekaviar … gebratenes Filetstück von der Lachsforelle auf zweierlei Paprikapüree mit Verjus-Perlen und Radieschenchips … oder auch „nur“ Karotten-Kokoscremesuppe mit salzigem Blätterteigstangerl und Granatapfel-Erdbeerknödel in Minze-Karamellbröseln auf Rhabarberchutney!
Als dann auch noch NoPains allwissende Wetter-App zu hundert Prozent Recht behält und der 15-minütige Schauer pünktlich auf die Sekunde niedergeht, fühlen wir uns vollinhaltlich bestätigt.

Dumm nur, dass unsere Rucksäcke schon so gut gefüllt sind. Hätten wir uns nicht mit Pumpe, Werkzeug, Ersatzmaterial, analogem Kartenmaterial, Notfall-Riegel, 3G-Nachweis, 1.-Hilfe-Set, Geldbörse, Maske, wärmerer Kleidung für allfällige Pausen, Windattacken oder wechselnde Temperaturen sowie wasserabweisenden Jacken für echten Regen gegen alles gewappnet, was unterwegs so eintreten kann, bliebe nun Platz für ein, zwei Flaschen aus der Vinothek, die wir zwecks Abwarten der Wolkenfront besuchen.
Learning Nr. 2: Bei erwartbarem Souvenir- und Mitbringsel-Aufkommen ruhig Packtaschen montieren, um für alle Fälle gerüstet zu sein! Davon abgesehen, dass ein Ausflug mit Kindern ob der Fülle an Wechselkleidung, Lieblingsstofftieren & Co. förmlich nach dieser durchaus schlauen, weil rückenschonenden Volumserweiterung schreien würde.

Ob der anfänglich noch nassen Straßen froh über die zweckdienliche Erfindung des Kotflügels, kehren wir mit einer kleinen Extra-Schleife über die Weinviertel DAC Runde und damit über den Sandberg bei Platt, bekannt für Aussichtswarte, Keltensiedlung und Steinzeitkeller, zurück auf unsere angestammte Route.
Der Digestif ist laut Blick auf den Streckenverlauf schon fixiert - nicht hochprozentig, aber doch. Die Maulavern wartet, die Kellergasse von Zellerndorf. Und sohin ein weiterer Selbstbedienungskeller: die Radlerrast der Döllers. Mittlerweile haben wir uns gänzlich auf das für Sportler ungewohnte Stop & Go eingepegelt. Zum Wohl!

K&K-Land: Keller und Kirche

Mit knapp 90 Presshäusern ist die Maulavern eine der längsten Kellergassen im Weinviertel. Rund 1.000 davon gibt es in ganz Niederösterreich, die meisten hier im Nordosten. Einige sind nur wenige Häuser kurz, die größte baulich geschlossene (Hadres) 1,5 km lang. Manche sind platzartig angeordnet, wie die Poysdorfer G'stetten, manche an einen Hang geschmiegt, wie der Wildendürnbacher Galgenberg. Selten graben sie sich direkt in die Lösswände archaisch anmutender Hohlwege, wie jene in Herrenbaumgarten.
Meistens flankieren sie, wie auch die Maulavern, sanft gewundene, schmale Straßen mit dicht an dicht stehenden, typischerweise kalkweiß getünchten Presshäusern. Deren zweiflügelige Eingangstüren – gerne mit dem blau-grünen Kupfervitriol gestrichen, das zwecks Schutz der Reben vor dem Mehltau ohnehin vorhanden war – führen über die ehemalige Produktionsstätte mit Weinpresse und kleiner Sitzecke über den sogenannten Hals in den eigentlichen Weinkeller: Ein oder mehrere in den weichen Löss gegrabene Erdröhren, in denen der in Fässern gelagerte Wein bei gleichbleibenden Temperaturen von 8-12°C und 70-80% Luftfeuchtigkeit – sprich: idealen Bedingungen – seiner Vollendung harrte.

Ihren zeitgeschichtlichen Ursprung haben die Kellergassen in der Aufhebung der Leibeigenschaft (1781) und der Zirkularverordnung (1784), welche den Bauern die Selbstvermarktung gestattete. Nachdem innerhalb der Dörfer damals kein Platz mehr war für ein weiteres Wirtschaftsgebäude pro Hof, geschweige denn für die fachgerechte Lagerung des Weins, wichen die Bauern, ebenfalls im schützenden Verbund, in ihre geografisch nahen Rieden aus.
Die moderne Kelterei ist diesen historischen Anlagen kraft ihrer Hightech-Geräte und computergesteuerten Maschinen längst entwachsen. Wiederbelebt wurde in den letzten Jahrzehnten jedoch ihr sozialer Aspekt. Die frühere „Kellerstund'“, das – oft tägliche – gemeinsame Verkosten, aber auch Besprechen von Allfälligem, feiert in der heutigen Nutzung als Heuriger oder für stimmungsvolle Kellergassenfeste sein Comeback.

Mit Döllers Rebensaft im Bauch und dem Weinviertler Lebensgefühl im Kopf schwenken wir ein ins Pulkautal. In den malerischen Gassen dieser weiten Niederung künden alsbald Schilder mit der Aufschrift „Polt Radroute“ davon, wer hier touristisch Regie führt. Überhaupt scheint das westliche Weinviertel prädestiniert für Film und Fernsehen. So wurden Retz und sein Umland um die Jahrtausendwende beispielsweise auch durch die Serie „Julia – eine ungewöhnliche Frau“ bekannt.
Über die freundlichen Dörfer des Pulkautals, allen voran Haugsdorf mit seiner nochmals anders gearteten „Großen Kellertrift“ – große Akazien und ebensolche Presshäuser säumen hier einen ungewöhnlich breiten Hohlweg – schaukeln wir uns allmählich zurück ins Retzer Land. Sehr viel häufiger noch als Original-Drehorte und ja, sogar Kellergassen bekommen wir dabei etwas zu sehen, das uns zum Kürzel K&K-Land inspiriert: verschiedenartigste Zeugnisse menschlicher Frömmigkeit.

Die Kirche ist im Weinviertel ebenso allgegenwärtig wie die Keller. Kein Dorf, das ohne Gotteshaus auskommt, keine Siedlung ohne Kapelle. Jedes Gasserl ziert ein Wegkreuz, und kaum eine Gabelung, die nicht ein Marterl hat.
Schon in Retz war uns die riesige und etwas furchteinflößend gestaltete Kreuzigungsdarstellung am Kalvarienberg aufgefallen; wenig später thronte eine ähnlich gigantische Figurengruppe über Schrattenthal. Unzählige Feldheiligtümer, Kirchen und Bildstöcke später scheint der (nicht nur frühere, wie u.a. frisch drapierte Blumen und renovierte Mauern bezeugen) Bedarf an Bitte und Abitte noch immer nicht gestillt.

Insofern ist's eine fast schon ironische Randnotiz, dass wir gegen Ende unserer Tour auf zwei Landmarken treffen, die ausnahmsweise nicht dem christlichen Glauben geschuldet sind:
Die monumentale Südmähren Warte am Schatzberg nahe dem Grenzübergang Kleinhaugsdorf erinnert nicht nur an die aus Südmähren vertriebenen Deutschen, sondern gewährt nach 30 spiralförmig betonierten Stufen auch Aussicht auf den Shopping- und Vergnügungstempel Excalibur City im tschechischen Hatĕ, das naheliegende Znojmo und, wenn's nicht zu diesig ist, das Atomkraftwerk Dukovany.
Und rund um den Kultplatz beim Hl. Stein in Retzbach gruppieren sich zwar auch Kapelle, Holzkreuz und Kirchenmauern, deren Reste von einem futuristischen elliptischen Aussichtssteg umschlossen werden. Eigentlich geht's hier aber um den mindestens 50.000 Jahre alten Schalenstein, welcher dem Totenkult zugeschrieben wird. Opfergaben, Fruchtbarkeitsrituale, heilendes Wasser - was auch immer hier dargebracht, durchgeführt oder hergestellt wurde: Die Atmosphäre ist gut, zutiefst friedlich; die Aussicht ins Retzer Land, ins Pulkautal und hinüber nach Tschechien wunderbar.

Retz schon vor Augen, lassen wir unseren Blick noch einmal übers Land streichen. Neuerlich inhalieren wir diese gefällige Mischung aus akkurat in Reih und Glied gepflanzten Rebengärten, blumengesäumten Feldern, wogenden Wiesen, Buschwerk, lieblichen Dörfen und weit gespanntem Himmel.
Wir sind über schnürlgerade Güterwege gefahren und durch sanft gewundene Gassen, sind flach entlang der Pulkau geradelt und mäßig ansteigend auf manch Hügel oder "Berg". Zu keinem Zeitpunkt mussten wir aufs Tempo drücken, ruppiger als Kopfsteinpflaster wurde der Boden nie. Insofern wären gemütlichere Schuhe samt normalen Pedalen ob des ausgiebigen, sporartenuntypischen Drumherums eventuell die bessere Wahl gewesen als unsere stöckelnden SPDs. Die Pullover und Jacken leisteten beim Pausieren und nach dem Regen gute Dienste, die altbackene "Papierkarte" war ob eines umgedrehten Richtungspfeils und demzufolge irritierenden GPS-Tracks einmal Goldes Wert. Auch das Pannenset haben wir benötigt, um einen Patschen zu beheben. Für eine Bouteille aus der Vinothek war in unseren Rucksäcken leider kein Platz mehr frei; auch hätte die wohl Kreuzschmerzen verursacht. Den "Ernstfall", zumal mit Kindern geplant, bestreiten wir deshalb vielleicht besser mit Packtaschen.

Die Motorunterstützung hätte es bei alledem natürlich nicht benötigt. Selbst mit unserer Extraschleife nach Röschitz sind die letztlich knapp 70 Kilometer und 600 Höhenmeter nichts, was g'standene Sportler als Tagesprogramm in die Bredouille bringen kann. Aber um die kellergassenschweren Beine wieder in Dienst zu stellen und dem mitunter starken Wind entspannt lächelnd entgegentreten zu können, waren die leise surrenden, erfreulich reibungsarmen Extrakörner dann doch recht fein.
Auf nasser Fahrbahn haben wir rasch die Vorzüge tief gezogener Kotflügel zu schätzen gelernt. Und mit dem inkludierten Front- und Rücklicht werden wir uns spät, sehr spät, an diesem wunderbar entspannten, genüsslich zelebrierten Urlaubstag noch über ein weiteres Ausstattungsdetail unserer Trekking-Bikes freuen.
Aber das ist eine andere Geschichte, die ungefähr beginnt, als wir mit der schon tiefstehenden Abendsonne wieder im Althof einreiten. Justament da stellt Luki NoSane nämlich eine interessante Frage, die uns zum nochmaligen Aufsatteln und laaangen Ausbleiben verführt: "Wo ist eigentlich die Kellergasse von Retz?" ...


Ergebnis 1 bis 9 von 9
  1. #1
    früher mal Weltmeisterin Avatar von NoMan
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    Genuss-Radtouren im Weinviertel

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  2. #2
    im Training Avatar von krümelmonster
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    Gut dass der Urlaub jetzt ansteht, sehr schön ist es bei uns
    Die Suche nach dem Einhorn beginnt am Anfang des Regenbogens

  3. #3
    Benutzter Avatar von ventoux
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    Trekking-E-Bikes?? Ist das ein Blick in die Zukunft des Bikeboard?

    Österreich ist nicht nur in den Alpen schön.

  4. #4
    Admin Avatar von NoPain
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    Also mir hat die Gegend extrem getaugt. Hab ich fix am Plan für den Herbst. Allerdings würde ich dann die Tagestouren unmotorisiert mit dem Gravler in Angriff nehmen.

  5. #5
    Schwergewicht Avatar von NoFatMan
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    Ja Martin über den Urzeitweg bis Eggenburg und dann zum Retzer Raum, genial. Auch der Heldenberg usw.

  6. #6
    Admin Avatar von NoPain
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    Zitat Zitat von NoFatMan Beitrag anzeigen
    Ja Martin über den Urzeitweg bis Eggenburg und dann zum Retzer Raum, genial. Auch der Heldenberg usw.
    Exakt! An einiges davon kann mich erinnern. Bin zwar generell ein echter Fan vom Waldviertel, aber das Weinviertel ist wirklich top! <3

  7. #7
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    Zitat Zitat von NoMan Beitrag anzeigen
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    Wolf

  8. #8
    Keine Panik! Avatar von marty777
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    Man muss es nicht immer eilig haben. Genuss-Radtour finde ich als Bezeichnung dann eh sehr passend.

  9. #9
    sitzt am kürzeren Ast Avatar von stetre76
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    Zitat Zitat von NoPain Beitrag anzeigen
    Also mir hat die Gegend extrem getaugt. Hab ich fix am Plan für den Herbst. Allerdings würde ich dann die Tagestouren unmotorisiert mit dem Gravler in Angriff nehmen.
    Beschränk es dann aber nicht nur aufs Wein- & Waldviertel, sondern mach auch einen Abstecher nach Tschechien!
    Dort lässt es sich nämlich fantastisch Graveln, die Akzeptanz ist weit höher (mir ist dort noch kein Radfahrverbotsschild aufgefallen) als in AT und es gibt wirklich schöne Routen.

    Bei Retz/Mitterretzbach zum Beispiel beim "Heiligen Stein" rüber nach Tschechien und dann hinauf zu den Weingärten.
    Dort kann man dann auch schön weiter entweder Richtung Hardegg oder weiter auf tschechischer Seite nach Vranov nad Dyji.

    stefan
    Chaot N° 489