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Trans Portugal

Trans Portugal

27.02.17 09:00 4.885Text: Stefan HacklFotos: Pedro Cardosa (Race), Stefan Hackl (Lissabon)Tour der Leiden, Tour de Gatsch - von wegen sonniges Portugal! Der Niederösterreicher Stefan Hackl hat die bis dato feuchteste, kälteste und dreckigste Durchquerung der Pyrenäenhalbinsel von Nord nach Süd im Renntempo absolviert. Hier sein epischer Bericht.27.02.17 09:00 4.907

Trans Portugal

27.02.17 09:00 4.907 Stefan Hackl Pedro Cardosa (Race), Stefan Hackl (Lissabon)Tour der Leiden, Tour de Gatsch - von wegen sonniges Portugal! Der Niederösterreicher Stefan Hackl hat die bis dato feuchteste, kälteste und dreckigste Durchquerung der Pyrenäenhalbinsel von Nord nach Süd im Renntempo absolviert. Hier sein epischer Bericht.27.02.17 09:00 4.907

"Batterie schwach"- nur noch 2,5 km bis ins Ziel. Bei jedem anderen Rennen würden mich nun Richtungspfeile zum Zielbogen geleiten. Nicht aber hier, am Rande des Nationalparks Serra de Sao Mamede. Denn bei der Trans Portugal muss jeder Starter selbst navigieren und in einem Korridor von 60 m die vorgegebene Strecke zurücklegen. Mit der letzten Energiereserve erscheint das Firmenlogo. Die Pixel erlischen wie Sternschnuppen beim Eintritt in die Erdatmosphäre. Danach spiegelt sich nur mehr mein schlammverkrustetes Gesicht im Display wider. Während ich im Rucksack nach meinem Ersatznavi wühle, verwandelt sich der siebenstündige Nieselregen in Starkregen. Die Regentropfen prasseln auf meinen Helm nieder. Damit setzt sich der Kampf gegen die Wetterkapriolen und den inneren Schweinehund fort. Nach den letzten drei Tagen nichts Ungewohntes ...

Etappe 1: Braganca – Freixo 144 km|3.300 Hm

Im Foyer des Hotels durchsuche ich noch schnell meine Tasche. Klar, die Windstopperweste liegt ganz unten. Vor dem Quartier ertönt bereits der Startschuß der M40- Kategrie. Noch so eine Besonderheit der Trans Portugal: Die einzelnen Kategorien erhalten einen prozentuellen Vorsprung und starten getrennt. Sieger der Etappe wird, unabhängig von der Altersklasse, derjenige Fahrer, der als Erster die Ziellinie überquert. Wie Kate Aardal im letzten Jahr bewies, haben damit Frauen und Masters-Fahren eine reale Chance auf den Tagessieg.
Rasselnd ziehe ich den Reißverschluß der Transporttasche bis zum Anschlag zu. Mit einem lautem „Brrrrr“ ziehe ich mir die Windstopperweste über, um dem Wind und Regen etwas entgegenzusetzen zu haben. Im Startgelände bläht der Wind die Regenjacken der Ausdauermasochisten zu lärmenden Lycrablasen auf und lässt sie wie Michelin- Männchen aussehen. Die grauen Wolken hängen tief und bedrohlich über dem Starterfeld. Aber das bekommen lediglich die Zuschauer mit, denn die Biker warten nur mehr auf den erlösenden Startschuss.

Endlich übertönt das Startsignal für einen kurzen Augenblick den brausenden Wind. Gemeinsam stemmt sich das Feld gegen die Unwirtlichkeit und braust auf die erste Kurve zu. Ohne Stürze verlaufen die weiteren drei Kilometer auf Asphalt, ehe das Navi den Weg ins Gelände weist. Schnell bildete sich eine Viererspitze bestehend aus Jose Silva, Ricardo Monteira, Tiago Monteiro und mir. Ab der Hälfte des ersten langen Anstieges kann ich das hohe Tempo nicht mehr mitgehen und bin daher auf mich allein gestellt.
Bald zeigen sich die ersten Tücken der Navigation, denn im roten Bereich zu navigieren stellt sich doch als schwieriger heraus denn gedacht. Insbesondere in der darauffolgenden Abfahrt entscheide ich mich einige Male für den falschen Abzweiger. Daher kann William Beurskens von hinten aufschließen. Gemeinsam setzen wir die Fahrt fort.

Mittlerweile lugt die Sonne teilweise hinter den grauen Wolken hervor. Die bei trockenen Bedingungen schnell zu fahrenden flacheren Abschnitte werden heute zu kräfteraubenden Schlammpisten. William gelingt es, mit ordentlich Speed die Pützen zu umfahren, während ich immer wieder in einer versinke. Daher kann sich der Niederländer auch von mir absetzen.
Von hinten braust der Portugiese Ricardo Carvalho heran. Auch er bewältigt den Pfützenslalom besser und ich habe Probleme, an ihm dranzubleiben. Als mir das Vorderrad von der mittleren fahrbaren Spur abrutscht, bleibe ich prompt in einer nabentiefen Schlammlacke stecken. Zudem verliere ich auch noch das Gleichgewicht; ein Abgang ins erdige Nass bleibt unausweichlich.

Der schlammige Untergrund saugt mir ordentlich Körner aus den Beinen. So werden die letzten zehn Kilometer richtig hart. Ich kann wohl wieder auf Carlo Van Lienden aufschließen, aber nach einem Navigationsfehler schießt er erneut an mir vorbei. Dieses Mal kann ich ihn nicht mehr halten.
Wenige Meter vorm Ziel nehme ich den falschen Abzweiger. Daher fahre ich bereits die ersten drei Kilometer der morgigen Etappe. Im Zielgelände fülle ich meine Akkus mit einer ordentlichen Portion Rosmarinkartoffeln und Pasta auf. Denn immerhin muss ich jetzt das Bike noch auf Vordermann bringen.
Im Gesamtklassement holt sich Jose Silva (POR, Allgemeine Klasse) vor Daniel Hoedermaekers (NED, Masters 1) und Tiago Almeida (POR, Allgemeine Klasse) den Sieg. Nach 8:45 schaut für mich lediglich der 29. Platz heraus.

Etappe 2: Freixa - Guarda, 112 km|2.200 Hm

"Guaten Morgen, hoscht guat g´schlofa?" fragt mein Südtiroler Zimmerkollege Hubert Phol und blickt durch das beschlagene Fenster. Die Straßen sind zwar noch nass, aber die ersten Sonnenstrahlen schieben sich bereits an den dunklen Wolken vorbei. Mit leicht vom Schlamm angeschwollenen Augenlidern wache ich in einem urigen Pensionszimmer auf. Hubert sammelt bereits mit einem breiten Grinsen seine Schmutzwäsche zusammen. Kaum eines der Kleidungsstücke ist wirklich trocken geworden.
Zwei Stunden später stehe ich in der Startaufstellung. Die Sonne spendet etwas Wärme. Im ersten steilen Anstieg wäre uns aber ohnehin heiß geworden, denn Jose Silva diktiert wiederum das Tempo. Nach einem kurzen Flachstück setzt er sich im darauffolgenden Anstieg endgültig von uns ab.

Als vierköpfigen Verfolgergruppe stürzen wir uns in eine Trailabfahrt. Vor hunderten Jahren bauten die Römer eine Straße aus tausenden Steinstufen um die Schlucht zu überwinden. Heute wird sie zwar nur mehr als Wanderweg verwendet, aber der Trail lässt unsere Bikerherzen höher schlagen. Auf der gegenüberliegenden Schluchtseite windet sich ein ähnlicher Pfad der Anhöhe entgegen. Mit geschultertem Bike gelange ich zum Checkpoint, der das Ende der Tragepassage bedeutet.
Kurz hinter mir erreicht der Portugiese Ricardo Carvalho die letzte Römerstufe. Gemeinsam setzen wir unsere Fahrt fort. Wir arbeiten gut zusammen und so schieben wir uns im Feld immer weiter nach vorne. Nicht nur die steilen Rampen in den Weinbergen treiben uns die Schweißperlen auf die Stirn. Auch die Sonne scheint ihre Kraft zurückgewonnen zu haben.

Die Strecke führt uns immer weiter in das Weinbaugebiet. Vorbei an uralten Dörfern mit engen Gassen erreichen wir den Anstieg zum Castelo Rodrigo. Beinahe hätte ich den Abzweiger verpasst, aber Ricardo warnt mich. Für kurze Zeit entführen uns die Gemäuer der Burg in eine längst vergangene Zeit, ehe uns eine schwarze Gewitterfront in die nasse Gegenwart zurückholt.
In den teils nabentiefen Schlammpfützenslaloms beweist der Portugiese einmal mehr sein Geschick, während meine Linienwahl ordentlich Körner kostet. Die Vorboten der Gewitterzelle erreichen uns in Form tobender Windböen. Dann schiebt sich das schwarze Gewölk vollends über uns. Ab nun sind wir nur mehr ein Spielball der Elemente.
Sowohl der Wind, der Starkregen als auch die sinkenden Temperaturen setzen mir ordentlich zu. Daher muss ich Ricardo ziehen lassen. Vor Kälte zitternd stoppe ich völlig durchnässt in einem Wald 15 Kilometer vorm Ziel. Mit ruckartigen Bewegungen versuche ich, den Rucksack zu öffnen. Mit der Kälte verliere ich zunehmend die Herrschaft über meine Finger. Schließlich ziehe ich die Windstopperweste über. Kältezittern ist grundsätzlich ein Mechanismus, um den Körper vor Unterkühlung zu schützen. Nun stellt er sich als eher hinderlich heraus. Nach einigen ergebnislosen Versuchen kann ich den Reißverschluss doch noch zuziehen. Dann setze ich meine Fahrt fort

Kurz vorm Ziel schießen der Niederländer Carlo Van Lienden und der Südafrikaner Waldemar Wasowicz an mir vorbei. Der Starkregen hält bis zur Zieldurchfahrt an. Währenddessen streikt der Körper des Deutschen Jürgen Bremer auf Grund der Kälte 25 Kilometer vorm Ziel. Glücklicherweise tagt gerade die Pfarrgemeinde des kleines Dorfes. Dort bekommt er Tee und auch ein paar Kekse zu Verpflegung. Schnell wird der Elektroofen auf das Maximum gestellt. Maria, eine ehemalige deutsche Gastarbeiterin, schenkt ihm zudem einen Wollpulli ihres Mannes. Damit kann er die Etappe innerhalb der Karenzzeit beenden. Viele andere Starter müssen leider wegen Unterkühlung aus der Wertung genommen werden.
Das Podium besteht wiederum aus Jose Silva (POR, Allgemeine Klasse) vor Daniel Hoedermaekers (NED, Masters 1) und Tiago Almeida (POR, Allgemeine Klasse). Ich finishe mit der 21.besten Zeit nach 6:59 auf dem 24. Rang.

Etappe 3

Bereits vor dem Fahrermeeting am Abend zuvor ging das Gerücht um, dass die dritte Etappe wegen Schnee auf den Bergen abgesagt werden würde. Daher wurde ein Transfer mit dem Bus zum Zielort der dritten Etappe organisiert. So verbringen wir den Tag in einem tollem Schiresort, während vor den Türen Dauerregen und Nebel toben.
Es bleibt etwas Zeit, um mit den anderen Startern zu plaudern. Gemeinsam mit Schweizern und Deutschen sitzen Hubert und ich beim Mittagessen. Die beiden Quereinsteiger Jürgen Bremer und Ulf Chrostophersen lauschen enthusiastisch den Erzählungen des Pärchens Judith Locher und Kurt Anderau von ihren Rennen in Europa und der Mongolei; ein weiteres Duo, Caroline Zollinger und Nigg Scherer, schildert seine Erfahrungen von Extrem-Triathlons. Dank der aufmunternden Sprüche Huberts vergessen wir schnell die Wetterkapriolen vor der Tür.

Etappe 4: Penhas - Castelo de Vide, 164 km|2.900 Hm

Dichter Nebel hängt über dem Schiresort auf 1.700 m. Die gesamte Nacht prasselte der Regen auf das Blechdach. Hubert blickt durch das beschlagene Fenster. "Wenigstens schneit´s nu net."
Im Frühstückssaal sitzen kleine Fahrergrüppchen mit gesenkten Köpfen um die Tische. Die meisten meiden den Blick aus den Fenstern. Der innere Schweinehund wird mit gequälten Löffeln aus der Müslischale hinuntergeschluckt. Heute steht die erste 160-km-Etappe am Programm und daher versucht jeder, möglichst viel Energie zu tanken. Schon gehen die Damen von der Organisation zu ihren Zimmern. Mit einem Schlag wird es noch ruhiger im Raum, denn nun wird klar, dass der Start immer näher rückt.

Drei Grad Außentemperatur, Nebel, Regen und ein 15-km-Downhill zu Beginn lassen eine eisige Startphase erwarten. Scheinbar unbeeindruckt von der Außenwelt schwingt sich Jose Silva in den Sattel und gibt erneut das Tempo an. Hinter ihm kämpfen die Fahrer nicht gegen die Zeit sondern gegen die Kälte.
Rasch beschlagen meine Brillengläser. Nach schnellen Schotterserpentinen biegt die Strecke rechts in einen schmaleren Pfad ein. Dieser verwandelte sich in den letzten Tagen zu einem Rinnsal. Ich möchte bei diesen Bedingungen keinen Sturz riskieren und ordne mich im hinteren Feld ein. Trotz der Winterbekleidung zittere ich vor Kälte. Aber je näher ich dem ersten Checkpoint im Tal komme, umso wärmer wird es. Daher beginne ich, die Kilometer zu zählen. Als ich die Streckenposten vor mir erkenne, atme ich erstmal durch. Meine Neoprenjacke verstaue ich in meinem Rucksack. Dann starte ich meine Aufholjagd.

Kurz nachdem ich den Japaner Toru Watanabe überholte, begehe ich wieder einen Navigationsfehler. Fluchend kehre ich um. Bald signalisiert mir ein kurzer Piepton, dass ich wieder auf der korrekten Strecke fahre. Hinter der nächsten Kurve sehe ich den Japaner wieder. Als ich an ihm vorbeikurble, grinst er mich verständnisvoll an. Er scheint die Tücken der Navigation in den letzten Tagen ebenfalls schon zur Genüge ausgekostet zu haben.
Ein technischer Römerpfad führt uns zu einem Streckenabschnitt über einige Viehweiden. Das Ziel rückt immer näher. Die Gemäuer des Castelo de Vide sind schon erkennbar. Rutschiges Kopfsteinpflaster weist mir die letzten drei Kilometer bis ins Ziel. Dann verschwindet die Karte vom Display.

… Hier stehe ich nun, 2,5 km vor dem Ziel. Ich krame in meinem Rucksack auf der Suche nach meinem Ersatznavi. Der Regen prasselt auf meinem Helm. Mir wird wieder kalt.
Als ich im Winter meinen Namen in das Anmeldeformular der Trans Portugal getippt hatte, saß ich in meiner wohlig warmen Wohnung. Klar ließen die langen Etappen mit über 160 km ein hartes Rennen erwarten. „Papalapap, ist ja nicht mein erster Wettkampf dieser Art“, wischte ich damals meine Bedenken beiseite. Nun versuche ich mit meinen nassen Winterhandschuhen vergeblich, die SD-Karte in das funktionierende Navi zu stecken.
Vor sieben Monaten wirkte alles so einfach: Nur ein Mausklick auf den „Abschicken“-Button, schon bucht man die Eintrittskarte zur unvergesslichen Alltagsflucht. Zweifel werden nur zu gerne mit Floskeln wie „Strandulaub war nu nie wos für mi!“ verdrängt. Die Bildergalerie der professionellen Homepage verführte mich mit Castellos, blühenden Wiesen und traumhaften Küstenlandschaften. Und jetzt? Meine Jackenärmel triefen vor Wasser, um meine Schuhe bildet sich eine braune Pfütze, die meiner schlammverkrusteten Hose entstammt. Ein klarer Fall für den Konsumentenschutz, oder? Vor meinem geistigen Auge sehe ich mich schon mit Peter Resetaritz, einem Volksanwalt und dem Rennveranstalter um Schmerzensgeld streiten. Ich verfalle gänzlich meinen Rachegelüsten …

„Kumm, is nimma mehr weit!“ versucht mich Migg aufzumuntern. Ich drücke die Speicherkarte in den Slot. Mit einem Tastendruck erscheint die Karte am Display. Dann springe ich wieder aufs Bike und folge den Anweisungen des Navis. Kurz danach erreiche ich nach 8:49 mit der 19. besten Zeit als 21. das Ziel.
Dort wärme ich mich zunächst mit heißen Tee, ehe ich mein Bike säubere. Am Abend lässt sich der Sieger Jose Silva vor Tiago Almeida und Ricardo Monteiro feiern.

Etappe 5: Castelo Vide – Evora, 162 km|3.400 Hm

Das Tief Barbara hat Portugal weiter fest in der Hand. Die starken Windböen lassen den Startbogen schwanken und peitschen den Regen in die Gesichter der Starter. Als ein Befestigungsseil reißt, beschließt der Organisator, den Bogen gänzlich abzubauen. Ich checke nochmal den Batteriestand meines Navis, das mir das Tagesziel in 162 km Entfernung anzeigt.
Gleich nach dem Start erfolgt ein scharfer Richtungswechsel in einen Römerpfad. Aufgrund der Steilheit befinde ich mich schnell im roten Bereich. Aber absteigen möchte ich auch nicht, da ich sonst den Anschluss an die Gruppe verliere. Dann wird der Pfad noch steiler und der Südafrikaner Waldemar Wasowicz muss aus dem Sattel. Meine Reifen drehen auf den rutschigen Steinen durch. Also doch schieben ...

Anschließend folgt ein weiterer Römerpfad bergab. Bei trockenen Verhältnissen wäre es sicherlich toll gewesen, die schnellste Linie durch Kindskopf große Steinblöcke zu suchen. Heute sind die uralten Felsklötze rutschig wie blankes Eis. Kurz vor mir stürzte hier die beste Dame, Jane Marshall aus den USA, und musste das Rennen frühzeitig beenden. Am Ende des Trails sehe ich sie mit einem Verband am Knie im Begleitfahrzeug sitzen.
Ich schließe auf den Südafrikaner Waldemar Wasowicz auf. Gemeinsam setzen wir unsere Fahrt fort. Denn auf den heutigen Flachpassage ist es sicherlich von Vorteil, einen Gefährten an seiner Seite zu haben, um sich in der Führungsarbeit abwechseln zu können. "Is it right?" frage ich ihn, als wir plötzlich vor einem Bahnhof stehen. Beide zoomen wir den Pfad auf unserem Navi heran. Ja, wir sind richtig! Nach einem Wink mit der Hand und einem "Let´s go" des Südafrikaners überqueren wir die Schienen.
An einer Wasserstelle gönnt er sich eine längere Pause. Daher setze ich die Fahrt in einer anderen Gruppe über idyllische Viehweiden fort. Leider trüben der Schlamm und der Regen das Naturerlebnis. Der Spanier Jose Andoni drückt ordentlich aufs Tempo. Wir fliegen förmlich an den anderen Teilnehmern vorbei. 30 km vor dem Ziel zwingt ein Defekt Jose vom Rad. Ich biete ihm meine Hilfe an, aber er gibt mir zu verstehen, dass ich weiterfahren soll.

Entlang einer alten Bahntrasse führt mich das Navi immer weiter dem Ziel entgegen. Vor mir erblicke ich Joseba Andoni aus Spanien. Das gibt mir nochmal einen Motivationsschub. Wir arbeiten toll zusammen und überqueren schließlich überglücklich gemeinsam die Zielllinie.
Mit der 10. besten Zeit klassiere ich mich auf dem 13. Platz. An der Spitze fuhr Jose Silva weiter von Sieg zu Sieg. Ricardo Monteiro und Daniel Hoedemaekers vervollständigten das Podium.
Ich suche gerade meinen Bungalow, als hinter der Hotelanlage ein Blitz zu sehen ist. Die düster schwarze Wolke flößt mir direkt Angst ein, denn sie liegt genau über der Rennstrecke. Beim Abendessen erfahre ich von Hubert, dass er kurzfristig nicht einmal die Fahrt fortsetzen konnte, weil der Regen zu dicht war und vom Weg nichts mehr zu erkennen war.

Etappe 6: Evora – Albernoa, 103 km|600 Hm

Nach zwei richtig harten Tagen steht heute eine Überstellungsetappe am Programm. Mit nur 600 Hm scheint es ein taktisches Rennen zu werden. Dementsprechend bildet sich kurz nach dem Start eine größere Führungsgruppe. Der führende Portugiese Jose Silva fährt an der Front als gäbe es kein Morgen. Ich hingegen versuche, im Windschatten dranzubleiben. Die längeren Schlammdurchfahrten lassen die Gruppe immer wieder auseinanderreißen.
Plötzlich dreht sich mein Pedal nicht mehr. "Mist!" schreie ich mir den Frust aus der Seele. Mit Kettenöl bringe ich das Pedal wieder in Ordnung. Aber die Gruppe ist weg, ich muss meine Fahrt alleine fortsetzen. Meine Navigations-Skills konnte ich in den letzten Tagen noch nicht grundlegend verbessern und so wähle ich des öfteren den falschen Abzweiger. Mich verlässt erstmals die Motivation.
Die Strecke führt mich über blühende Wiesen an wunderschönen Seen vorbei. Selbst bei diesem unwirtlichen Wetter kann mich der Anblick der Landschaft ein wenig aufbauen. Der Schweizer Migg kommt von hinten heran. Leider können wir nur kurz gemeinsam fahren, da mein Pedal erneut stecken bleibt. Nach einer weiteren Ölkur dreht es sich wohl wieder, aber ich versuche dennoch, es nur mehr leicht zu belasten. Immer mehr Fahrer muss ich an mir vorbeiziehen lassen.

Einen weiteren Stopp lege ich im letzten Dorf vor dem Ziel ein. Dort geht ein fünfminütiges Hagelgewitter nieder. Das Unwetter verwandelte den Lehmboden in eine unfahrbare klebrige Masse. Der Erdboden bleibt an den Reifen haften, bis sich das Rad nicht mehr dreht.
Ich schultere das Bike. Vor mir sehe ich den Deutschen Jürgen Bremer, der in einer Lacke sein Rad vom zähen Schlamm zu befreien versucht. Auch ihm ist die Qual der letzten Tage ins Gesicht geschrieben. Nach einigen Minuten setzen wir unsere persönliche Odyssee gemeinsam fort. "So etwas habe ich noch nie erlebt, immer dieser Dreck!" bleibt er abermals in einem kurzen Anstieg stecken. "Ahh, Mist!" Ich stecke ebenfalls im Schlamm fest.
Endlich gelangen wir auf einen Asphaltweg. Erleichtert blicken wir uns an. Das Ziel ist bereits zum Greifen nahe. Dann aber führt uns das Navi wieder auf einen schlammigen Pfad durch das Weinbaugebiet. Mit einsetzendem Regen kommen wir entnervt und erschöpft im Etappenziel an.
Dem Spanier Pablo Gonzales spielte das Schicksal einen noch schlimmeren Streich, denn ihm brach seine Kurbel. Nur durch die Hilfe seines Freundes Victor Prol, der ihn mit zusammengebunden Regenjacken zog, gelang er ins Ziel.

Vor dem Abendessen versuche ich, mein Bike wieder auf Vordermann zu bringen. Ich zerlege meine Pedale und öle sie gründlich. Die Gabel schmatzt, als wäre irgendwo Wasser eingetreten. Dann verbaue ich noch vorne und hinten die dritte Garnitur Bremsklötze. Mittlerweile ist es zur Routine geworden, den Nachmittag mit dem Bikeservice zu verbringen. Auch das gehört zu Etappenrennen dazu.
Der 60. Rang erscheint zwar bitter, aber dennoch bin ich froh, die Etappe überhaupt beendet zu haben. Zbigniew Wizner (POL, Masters 2) holt sich heute erstmals den Etappensieg vor Simon Osborn (GBR, Masters 2) und Ricardo Monteiro (POR, Allgemeine Klasse)

Etappe 7: Albernoa - Monchique, 138 km|2.400 Hm

Mittlerweile hat die Ausfallquote die 50 % überschritten. Die verbliebenen Fahrer stellen sich geduldig an den Start. Der Veranstalter warnte uns beim Briefung am Vorabend, diese Etappe nicht zu unterschätzen. Diese Worte hängen wie ein Damoklesschwert über unseren Köpfen.
In der ersten Tageshälfte geht es eher flach durch das Weinbaugebiet. Schnell bildet sich eine 4-Mann-Spitzengruppe.
Ich befinde mich in der Verfolgergruppe und kann sie auch halten, obwohl meine Beine ordentlich schmerzen. Als der kuppierte Abschnitt beginnt, setze ich mich an die Spitze meines kleinen Feldes. Da merke ich, dass die anderen Probleme haben, dranzubleiben. Ich wäge fehlende Navigationskenntnisse mit meiner Leistungsfähigkeit ab. Schließlich entscheide ich mich, meine Fahrt alleine fortzusetzen.

Die Anstiege werden immer steiler und länger. Aber mit dem zunehmenden Sonnenschein kehren auch meine Kräfte wieder zurück. Ja, es macht sogar wieder richtig Spaß, ordentlich in die Pedale zu treten. Schließlich biege ich in den finalen Anstieg über sieben Kilometer ein. Die Quälerei der letzten Tage scheint wie weggeblasen zu sein. Immer mehr Fahrer lasse ich hinter mir. Alleine erreiche ich den höchsten Punkt.
Auf dem schnellen Downhill schlägt der Navigationsteufel wieder einige Male zu. Die Extrameter haben zur Folge, dass Tom Letsinger wieder aufschließen kann. Im Zielsprint lässt er mir keine Chance.

Der Pechvogel des Tages ist eindeutig Hubert. Auf einem tollen Platz gelegen, kommt er zu Sturz. Unglücklicherweise verschlägt es ihm den Lenker, während er vom Energieriegel abbeißt. Ein Abstieg über den Lenker ist unausweichlich. Mit einer schwere Rippenprellung muss er das Rennen frühzeitig beenden.
Für mich war es ein toller Tag: Die siebtbeste Tageszeit ergab den 11. Platz. Jose Silva schlug zurück und bestieg abermals die höchste Stufe des Podiums. Dahinter folgten Ricardo Monteiro und Simon Osborne.

Etappe 8: Monchique - Sagres, 95 km|1.100 Hm

"Ahhh Sonne!" wärmt sich der Deutsche Ulf Christophersen an der Hauswand im Startgelände. Heute zeigt sich das Wetter von seiner besten Seite und so manchen packt deshalb nochmal förmlich das Rennfieber. Ich hingegen lasse es erst mal ruhig angehen.
Im ersten steilen Anstieg halte ich mich in der Verfolgergruppe. Heute kann der Belgier William Beurskens das Tempo der ersten Drei nicht mitgehen und fällt zurück. Gemeinsam mit ihm und seinem Landsmann Carlo Van Lienden setzte ich mich mit einer Attacke an einem Anstieg ab. Wir arbeiten gut zusammen. Eine Laufpassage am Sandstrand lässt uns aus dem Sattel gehen. Dort kann uns Carlo Van Lienden nicht mehr folgen. Surfer in ihren Neoprenanzügen blicken uns fragend an. Endlich wieder im Sattel, setzen wir unsere Fahrt entlang der endlosen Küste fort.

In einem lägeren Anstieg zeigt William Beurskens erstmals Schwächen und ich nütze meine Chance. Rasant geht es auf Schotterpisten durch die blühende Küstengegend. Ich kann es gar nicht mehr erwarten, als das Navi mir die letzten zehn Kilometer signalisiert. Ein Blick über die Schultern verrät mir, dass sich der Niederländer nicht in Sichtweite befindet.
Nur kurze Zeit später stehe ich mit gesenktem Kopf über meinem Navi. Nach der Strecke suchend blicke ich umher. Erst als William vorbeirauscht, entdecke ich den hinter den Sanddünen verborgenen Pfad. Schnell springe ich wieder auf mein Bike. Ich kann sogar wieder auf den Niederländer aufschließen. Aber den Zielsprint verbucht er für sich. Mit der 5.besten Etappenzeit und dem 10. Rang findet die Trans Portugal einen versöhnlichen Abschluss.

Die Finishermedaillie hängt um meinen Hals, während ich auf den Atlantik hinaussehe. Für einige Minuten genieße ich den Anblick der bläulich glänzenden Oberfläche. Dann durchflutet mich ein wohlig warmes Gefühl der Entspannung. Erst später schlendere ich zum Verpflegungszelt. Heute verzichte ich gerne auf das Elektrolytgetränk. Zu verlockend liegen die Sagres unter einer Schicht Eiswürfel. Mit einer Flasche des portugiesischen Biers setze ich mich in den Sand und genieße sowohl die wärmenden Sonnenstrahlen als auch die Schönheit der Bucht.
Nach und nach kommen die Fahrer ins Ziel. Mit breitem Grinsen gratulieren sie sich gegenseitig zum Etappenziel. Manche werden von ihren Familien in die Arme geschlossen. Andere wiederum entledigen sich der Entbehrungen der letzten Tage mit einem Sprung in die Wellen.

Für jemanden, der eine solche „Reise“ noch nie erlebt hat, mag es ein wenig unverständlich sein, wenn erwachsene Frauen und Männer ihre Gefühle und Freude derart offenlegen. Ja, vielleicht wirkt es auf sie sogar töricht, wenn diese sich wie kleine Kinder über ein Stück Gusseisen an einer bunten Schnur freuen. Aber auch wenn morgen alle wieder ihrer eigenen Wege gehen werden, verbindet uns doch heute das Gefühl der Freiheit und Gelassenheit wie ein unsichtbares Band. Genau diese Emotionen lassen jegliche Platzierung oder Etappenzeit verblassen und nebensächlich erscheinen.

Mittlerweile haben sich Ulf, Jürgen, Judith, Kurt, Migg und Caroline neben mir eingefunden. Auch sie haben das Glänzen in ihren Augen. Ganz besonders Judith , die scheinbar mühelos als beste Frau finishte. So manche jüngere Starterin biss sich an der 54-jährigen Schweizerin die Zähne aus. Ihr Partner Kurt wirkt zwar etwas mitgenommener, freut sich aber, gemeinsam mit seiner Frau ein weiteres Etappenrennen beendet zu haben. Nochmal plaudern wir über die Erlebnisse der Woche - und davon gibt es genug.
Während der Finisher Party stoßen wir auf den Gesamtsieger Jose Silva an. Daniel Hoedemaekers und Tiago Almeida freuen sich über die weiteren beiden Plätze auf dem Podium. Ich lande schließlich nach einer durchwachsenen Woche auf dem 17. Platz.

Ich sitze mit einem auf meinem Oberschenkel abgelegten Stadtplan Lissabons auf einer Bank vor dem Torre de Belem. Die Sonne scheint mir ins Gesicht. Genüsslich beiße ich in ein Pasteis de Nata. Da sehe ich ein Freizeitmagazin neben mir liegen. Anscheinend hat es ein Tourist liegen gelassen, denn es ist auf Englisch verfasst. Eine Windböe schlägt die Illustrierte in der Mitte auf. Der Artikel "100 things you should do, before you die" weckt meine Neugier.
Nr. 26 beschreibt einen außergewöhnlichen Flug, der von Delhi in das Indisch-Irakisch-Pakistanische Grenzgebiet führt. Die Einflugschneise auf einem der höchstgelegenen Flughäfen der Welt verläuft über die Dächer einiger tibetischer Klöster. Ich schmunzle und frage mich: Wenn es schon der Flug dorthin in das erste Drittel der Hitlist schafft, auf welchem Platz würde dann wohl ein MTB-Rennen dort landen ...?


Ergebnis 1 bis 4 von 4
  1. #1
    früher mal Weltmeisterin Avatar von NoMan
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    Trans Portugal

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  2. #2
    Benutzter Avatar von ventoux
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    Neuhofen an der Krems
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    1.883
    Ich grab das hier mal aus.
    Liest der Fahrer hier mit?
    Ich glaube ich tue mir das nächstes Jahr mal an und hätte ein paar Fragen.
    Vielleicht hat auch jemand Interesse mitzufahren.
    Target 2017:

    ??

  3. #3
    Benutzter Avatar von ventoux
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    Jun 2004
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    Neuhofen an der Krems
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    Also ich bin dann mal angemeldet. Werde dann mal hier kurz berichten.
    Über hoffentlich besseres Wetter
    Target 2017:

    ??

  4. #4
    Admin Avatar von NoSane
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    cool, dann viel Glück und bin gespannt was du berichtest!