Bikeboard.at Logo
Trek Top Fuel 9.8 SL

Trek Top Fuel 9.8 SL

10.02.16 08:37 13.800Text: NoManFotos: Erwin Haiden, sportograf.com (2), H. Hager (2), R. Stanger (1) The resurrection. Mit dem Top Fuel hat Trek ein Urgestein des Race-Sortiments wiederbelebt. Unser Fazit nach zwei Monaten Testbetrieb: Die Marathonisti von heute werden es lieben - und etliche andere Biker auch.10.02.16 08:37 13.956

Trek Top Fuel 9.8 SL

10.02.16 08:37 13.956 NoMan Erwin Haiden, sportograf.com (2), H. Hager (2), R. Stanger (1) The resurrection. Mit dem Top Fuel hat Trek ein Urgestein des Race-Sortiments wiederbelebt. Unser Fazit nach zwei Monaten Testbetrieb: Die Marathonisti von heute werden es lieben - und etliche andere Biker auch.10.02.16 08:37 13.956

Sentimentalitäten haben in der Welt der Technik nichts verloren. Entweder etwas funktioniert, oder es wandert zum alten Eisen. Modelle kommen, Modelle gehen, weil bekanntlich ist ja das Bessere des Guten Feind, nicht wahr?
Falsch. Wenn dem so wäre, würden (Erfolgs-)Geschichten wie diese nie entstehen. Und NoMans Hände nicht feucht werden, sowie sie den Namen Trek Top Fuel hört.

Denn ein Bike dieser Bezeichnung hat die BB-Chefredakteuse dereinst durch einige ihrer denkwürdigsten Renneinsätze getragen. Durch Schlamm und sintflutartige Regenfälle ebenso wie durch Hitzewellen und Schneegestöber. Stunden-, ja tagelang fuhr sie mit dem Trek Top Fuel hügelauf und hügelab, talaus- und taleinwärts, rundherum und kreuz und quer und niemals, man lasse sich das auf der Zunge zergehen: n-i-e-m-a-l-s, hatte das Bike auch nur den kleinsten Defekt. Kein Platten, kein Klemmen, kein Schleifen, kein nix.

So etwas schweißt zusammen und macht sentimental. Vor allem dann, wenn Hersteller Trek kurz vor dem Zehnjahres-Jubiläum beschließt, das Modell aus dem Sortiment zu nehmen.
Jetzt ist das Top Fuel wieder da. Nicht NoMans "Weltmeister-Bike" (24H Solo, 2007). Das ging nie weg und genießt heute seinen wohlverdienten Ruhestand bei stressfreien Gelegenheitsausfahrten in und um Wien. Und wiewohl technisch nicht mehr am Stand der Zeit, erntet es dabei oft begehrliche Blicke. Denn "Heidi", wie das 100-mm-Fully liebevoll genannt wird, ist ein Project One Unikat und als solches schön und einzigartig wie am ersten Tag.

Ein funkelnagelneues Mountainbike gleichen Namens ziert seit wenigen Monaten die Katalog- und Homepage-Seiten von Trek. Logisch, dass unsere gefühlsmäßig vorbelastetste Testerin ausrückte, dem Wiederauferstandenen auf die Räder zu fühlen. Denn Fakt ist: Im zweirädrigen Luxussegment hat Technik allein nichts verloren.

 "Wieder zurück! Und schneller als je zuvor." 

Trek jubiliert und verspricht ...
Einst und jetzt

Um die eingangs vage umrissene Geschichte des Trek Top Fuel etwas zu präzisieren:

Drei Jahre später nun schlägt das neue Top Fuel zurück und verdrängt seinerseits das Superfly FS. Das in Österreich erhältliche Lineup 2016, das sich zudem per Custom-Programm (Project One) individuell erweitern lässt:

  • 9.9 SL | € 8.999,-9.9 SL | € 8.999,-
    9.9 SL | € 8.999,-
    9.9 SL | € 8.999,-
  • 9.8 SL black | € 4.999,-9.8 SL black | € 4.999,-
    9.8 SL black | € 4.999,-
    9.8 SL black | € 4.999,-
  • 9 | € 3.999,-9 | € 3.999,-
    9 | € 3.999,-
    9 | € 3.999,-
  • 8 | € 2.999,-8 | € 2.999,-
    8 | € 2.999,-
    8 | € 2.999,-
  • 8 WSD | € 2.999,-8 WSD | € 2.999,-
    8 WSD | € 2.999,-
    8 WSD | € 2.999,-
  • SL Frameset | € 3.199,-SL Frameset | € 3.199,-
    SL Frameset | € 3.199,-
    SL Frameset | € 3.199,-

Wenn Trek den Rückkehrer als "verfeinert und wiedererstarkt" präsentiert, so ist zumindest Ersteres eine grobe Untertreibung. Schließlich hat das 100-mm-Fully mit seinem Namensvetter von früher außer dem Rahmenmaterial - freilich auch das verändert und verbessert - nichts mehr gemein. Zum eigentlichen Vorgängermodell hingegen ist der Entwicklungssprung nicht ganz so eklatant, wenngleich immer noch an mehreren Faktoren festzumachen.
Im Grunde scheint die Liste der Top Fuel II-Features wie eine hauseigene Mischung aus dem Besten verschiedener Disziplinen, garniert mit den jüngsten Errungenschaften zum Stichwort Fahrwerkssteifigkeit. Eines gleich vorweg: Das früher unumstößlichen Dogma des Leichtgewichts wird dabei gepflegt zu Grabe getragen. Elf Kilo sind zwar ein (rennmäßig) fahrbarer und für einen Twentyniner auch üblicher Wert; angesichts von Tubeless-Reifen, Einfachkurbel und vor allem 5.000 Euro Beschaffungswert hätten es dann aber doch gut und gerne auch weniger sein können.

Features 2016

OCLV Mountain Carbon
Treks Knowhow in Sachen Carbon ist einigermaßen legendär. Mehr als 20-fach Ermüdungs-, Belastungs-, (Schlag-)Festigkeits- und Effizienz-getestet, geht der belastungsoptimierte OCLV-Hauptrahmen samt Kohlenstoff-Sitzstreben (Kettenstreben aus Alu; nur das 9.9 ist komplett aus Carbon) trotzdem mit einem massiven, aus dem Gravity-Bereich übernommenem Unterrohrschutz (Carbon Armor) auf die Trails.


E2 und G2
Nein, Trek hat keinen neuen Computer für das nächste Star Wars Sequel erfunden. Seit große Laufräder und damit Steifigkeit ein Thema sind, beschreiben die beiden Kürzel Errungenschaften, um dieser Problematik Herr zu werden sowie Lenkpräzision und Fahrstabilität unter einen Hut zu bekommen: Ein konisches Steuerrohr und eine für Twentyniner optimierte Geometrie samt Gabel mit „exklusiver“ Vorbiegung (51 mm) stehen dahinter.


Boost148/110
Für die 2015er-Palette präsentierte Trek erstmals den mit Sram entwickelten Boost-Steckachsenstandard für das Hinterrad mit 148 mm Einbaubreite (also pro Seite je 3 mm mehr als beim etablierten 142er). Wie auch an der auf 110 mm angewachsenen Front gewinnt das 29"-Rad durch diese breitere Nabe an Steifigkeit, weil der Speichenwinkel flacher ausfällt; auch herrscht mehr Reifen- und Konstruktionsfreiheit. Im Gegenzug sind jedoch spezielle Kurbeln (bzw. angepasste Spider/Kettenblätter bei Direktaufnahme) und Gabel-Castings nötig ...


Full Floater
Der horizontal platzierte Dämpfer vom Supferfly FS ist beim Nachfolger Geschichte. Trek greift auf die vertikale Position von früher bzw. die Befestigung an beweglichen Aufnahmen von den Trailbikes zurück, um Ansprechverhalten und subjektives Federwegsempfinden zu verbessern. Der zugehörige Umlenkhebel (Evo Link) ist einteilig, was Rahmensteifigkeit und -gewicht zugute kommen sollte.


Active Braking Pivot
Die bereits aus etlichen Modellreihen bekannte und 2010 patentierte Technologie zur Minimierung von Bremseinflüssen auf die Hinterbaufederung werkt auch im Top Fuel 2016. Indem das Hinterbaugelenk in der Radachse platziert wird, bleibt die Federung beim Anbremsen aktiver und verhärtet nicht – mehr Traktion und Kontrolle vor allem bergab sind der Benefit.


Zugführung
Treks Lösung für innenlaufende Kabel hört auf den vielsagenden Namen „Control Freak“. Sie soll leicht und leise sein und sich vor allem dadurch auszeichnen, jegliche Kombination für Schaltung, Bremsen, Lockout und Vario-Stützen zuzulassen – Di2-System natürlich inklusive. Was außen läuft, wird an den minimalistischen „MicroTruss“-Zugführungen angedockt. Diese sind direkt in den Rahmen eingebaut und somit fast so smart wie interne.


Mino Link
Verstellbare Geometrien sind ein Goodie, das meist dem Longtravel-Bereich vorbehalten ist – bis dato auch bei Trek. Nun taucht der vom Enduro und All Mountain bekannte Mino Link auch am 100-mm-Fully auf. Er verändert den Lenkwinkel (70/71°) und die Tretlagerhöhe (10 mm) durch einfaches Öffnen, Drehen und Schließen zweier exzentrischer Muttern. Die Fahrwerks-Funktion soll davon unbeeindruckt bleiben.

Tech Specs

RahmenOCLV Mountain Carbon, PF92, Boost148KetteSram PC 1130
DämpferRockShox Monarch XX, race tuned, XX FS LockoutKurbelSram X1 1400, DM, 32 Zähne
GabelRockShox SID XX, Solo Air, MC, XX FS Lockout, 100 mmKassetteSram XG-1175, 11-fach (11-42)
SteuersatzFSA IS-2 Carbon E2SchalthebelSram X1, 11-fach
VorbauBontrager Race X-Lite, 31,8 mm, 7°SchaltwerkSram X01 Carbon, Type2
LenkerBontrager Race X-Lite Carbon, 31,8 mm, 5 mm RiseLaufräderDT Swiss X1700 Tubeless, Boost
SattelstützeBontrager Rhythm Elite, 31,6 mm, kein VersatzReifenBontrager XR1 Team Issue, 29x2,00"
SattelBontrager Montrose EliteGewicht o.P.11,1 kg
BremsenShimano XT, 160/160 mmPreis€ 4.999,-

Out of the Box

Achtung, Ansage: Optisch zählt das Top Fuel 9.8 zum Schönsten, was in den letzten Jahren durch meine Hände gewandert ist. Natürlich lässt sich über Geschmack immer streiten, und zweifelsohne haben auch dezent designte oder gar ausschließlich in Schwarz gehaltene Räder (gibt's übrigens auch als zweite Option beim 9.8) ihren Reiz. Aber die außergewöhnliche Farbkombination, welche Trek seinem neuen Race-Fully (und nicht nur diesem - vgl. Procaliber 9.8, Remedy 7 oder auch das letztjährige Fuel EX 8) angedeihen lässt ist, gepaart mit den darauf abgestimmten Komponenten, einfach gelungen.
Davon abgesehen, dass der Rahmen selbst wunderschön verarbeitet ist und aus jedem Einzelteil, jeder Biegung und jedem Knotenpunkt der Amerikaner Erfahrung mit dem Werkstoff Carbon zu sprechen scheint. Insofern schmerzt und verwundert der Kabelsalat, den die Dämpfer-Fernbedienung anrichten darf. Aber denselben zu vermeiden, würde, zugegeben, technisch sehr weit führen.


In Sachen Passform dann eine große Überraschung: Das Testbike kam in Nummer 19,5, was bei Trek (vgl. Geo-Tabelle) einer tatsächlichen Rahmengröße von 18,5" - diese Doppelgleisigkeit ist jedes Mal aufs Neue ebenso verwirrend wie unnötig - entspricht. Mit 167 cm ist mir dieses Rahmenmaß oft schon bei kleineren Laufrädern eindeutig zu groß. Beim Top Fuel mit seinen 29"-Rollern war's durchaus noch in Ordnung, wiewohl 17,5" natürlich besser gepasst hätte. Im Umkehrschluss bedeutet das: Selbst Zwerge um die 160 cm werden sich auf diesem Twentyniner wohl fühlen. Und wer noch kleiner gewachsen ist, kann - Stichwort Smart Wheel Sizing - zum 15,5"-Modell mit 650B-Laufrädern greifen.

Der Gang zur Waage ist, wie bereits erwähnt, ein klein wenig enttäuschend (Tuning-Potenzial in manch Anbauteil vorhanden) und ein Blick auf die Übersetzung lässt Blut, Schweiß und Tränen erahnen. Ansonsten wirkt die Ausstattung jedoch sehr stimmig - speziell die RockShox-Federung und die DT Swiss-Laufräder erfreuen das voreingenommene Testerherz.

 "Selbst Zwerge um die 160 cm werden sich auf diesem Twentyniner wohl fühlen." 

Behauptet NoMan, 167 cm klein

Am Trail

Was als Cross Country-Bike definiert ist und auch vom – zwischenzeitlich allerdings aufgelösten – World Cup Racing Team gefahren wurde, ist logischerweise sportlich ausgelegt. Entsprechend geduckt die Sitzposition und straff die Abstimmung.
Trotzdem verströmt das Top Fuel mit dem ersten Aufsitzen ein für einen Racer ungewöhnlich hohes Wohlfühl-Potenzial. Vom angenehm gewinkelten Lenker über den gut geschnittenen Sattel bis zur rundum gelungenen G2-Geometrie nimmt man entspannt, aber durchaus kampflustig nach vorne orientiert, Platz. Die alles überrollenden und Schwung mitnehmenden Laufräder fügen sich in dieses Bild vom vorwärts drängenden Rennpferd ebenso nahtlos ein wie das Handling insgesamt.
Selten ging mir das vertrackt-verwinkelte Serpentinenwegerl vor der Haustür so locker von der Hand wie mit dem Top Fuel 9.8; gleichzeitig bin ich noch nie so seelenruhig freihändig gefahren, so messerscharf um Kurven gezogen oder so punktgenau durch verblocktes Terrain gekommen, und fühlte mich darüber hinaus schon lange nicht mehr so animiert, den Puls dorthin zu schicken, wo es weh zu tun beginnt.

Smith Forefront
Der Trail-Helm mit dem gewissen Etwas. Technisch zeichnet den Forefront die sogenannte Aerocore-Konstruktion aus. Diese setzt u.a. auf Koroyd, ein wabenartig geformtes Materialsystem, dass Energie deutlich besser verarbeiten und somit Schläge besser absorbieren soll als herkömmliche EPS-Schalen. Gut belüftet und dank X-Static Textilfasern in den Pads auch gekühlt, gibt’s den Kopfschutz mit Goggle-Halterung und Befestigungsfläche für Kamera o.ä. in vielen fröhlichen Farben und drei Größen. EUR 200,-
+ mehr Infos
Qloom Osprey Bay
Kurzarm-Trikot der Sommerkollektion 2016 (in einigen Wochen im Handel) mit fröhlichem Sublimationsdruck auf schnelltrocknendem Polyester mit inkludiertem UV-Schutz, Raglan-Ärmeln, durchgehendem Front-Zipp, Silikon-Gripper und drei Rückentaschen. Passt zur weiten Baggy ebenso wie zu engen Lycra und wird’s auch in Schwarz-Türkis und Methylblau-Rosa geben. Gr. XS-XL, € 84,95
+ mehr Infos
Qloom Seal Rock
Vorjahresmodell, Baggy mit hochwertiger Innenhose, UVP 2015: € 129,95
+ mehr Infos

Treks Anteil an diesem Hochgefühl kann freilich nicht einzig im Hervorkramen eines Modellnamens, mit dem ich nur Gutes assoziiere, liegen. Winkel, Nachlauf, Kettenstreben (nur 433 mm), Radstand, Oberrohr- zu Vorbaulänge ... hier geben alle fürs Handling maßgeblichen Faktoren einander dermaßen geschmeidig die Klinke in die Hand, dass am Ende die schlichtweg ideale Mischung aus Rennhobel und Trailbunny herauskommt: spritzig, agil, wendig, präzise, kletterfreudig, stabil ...

„Egal, welche Geometrie-Einstellung gewählt wird?“ werden aufmerksame Leser jetzt fragen. Jein. In der Tat kommt das Bike in der flacheren Position etwas „cooler“ rüber, erinnert mehr an ein All Mountain, brettert noch unbeeindruckter dahin. Mit dem steileren Lenkwinkel und höheren Tretlager ist die Auswirkung vor allem bergauf zu spüren: Man geht angriffslustiger ans Werk, insgesamt wird das Rad, speziell auch bei Richtungswechseln, „zackiger“. Allerdings sind die jeweiligen Veränderungen nicht so gravierend, dass ihre Kehrseiten als Nachteil empfunden würden. Es handelt sich sozusagen um eine geometrische Win-win-Situation.
Verlieren könnte man hingegen, wenn man den Mino Link leichtfertig, etwa mitten im Gemüse, öffnet – nämlich die Exzentermuttern. Und auch eine helfende Hand, welche den Hinterbau justiert, kann bei dem Prozedere nicht schaden, müssen doch beide Muttern komplett geöffnet und um 180° gedreht wieder eingesetzt werden, ehe man sie erneut anschrauben kann. Sprich: Der Vorgang ist weder kompliziert noch langwierig; aber ein wenig fummelig, und somit nicht unbedingt fürs rasche Verstellen vor bzw. nach jeder Abfahrt gedacht. Es handelt sich eher um eine Möglichkeit, das Bike gemäß prinzipieller Vorlieben zu adaptieren.

Was in der einen wie anderen Position außerdem auffällt: Das Bike wirkt ausgesprochen steif. Zu einem guten Teil geht dies gewiss auch auf das Konto des neuen Boost-Standards, welcher dem Hinterrad laut Trek zu Steifigkeitswerten ähnlich einem 27,5"-Rad verhelfen soll. Beim Vorderrad sehen manche gar die Kennzahlen von 26-Zöllern erreicht. Gepaart mit den 12- bzw. 15-mm-Steckachsen und dem breiten PF92-Tretlager wackelt da irgendwie nix mehr, was nicht soll.

 Die ideale Mischung aus Rennhobel und Trailbunny.  

Kurz-Charakteristik

Oder doch, aber das fällt sozusagen unter altbekannt und betrifft einen anderen Themenbereich: Die Buchsen der SID-Gabel waren alsbald ausgeschlagen. Zu ihrer Ehrenrettung sei gesagt, dass wir das Testbike bereits gebraucht übernommen haben und nicht wissen, was es vor den sieben Wochen NoMan'scher Samtpfoten-Handhabe durchmachen musste.
Davon abgesehen, sorgten die RockShox-Federn vorne wie hinten für große Zufriedenheit bei der Testerin und Harmonie im Gebälk. Direkt von Treks katzengleichem 130-mm-Trailbike Fuel EX kommend, war der Unterschied in der Fahrwerks-Charakteristik überraschend deutlich, aber mitnichten unangenehm. Das Top Fuel ist, seinen Racer-Genen entsprechend, sportlich abgestimmt. Weder reagiert es also auf jeden kleinen Kieselstein, noch mutieren seine 100 mm zu einer unendlichen Sicherheits-Reserve, wenn man sich mit dem Bike z.B. auf die Strecken der Schöckl Trail Area verirrt.
Aber die Gabel arbeitet feinfühlig genug und nutzt ihr Potenzial dergestalt aus, dass es für den XC-Einsatz und etwas mehr allzeit reichen wird - zumal die 29"-Laufräder ja auch noch ein Quäntchen Sicherheitsempfinden beisteuern. Vom Heck lässt sich, so abgedroschen es klingen mag, berichten, dass sich der Federweg nach mehr als den numerischen Fakten anfühlt und denselben sehr effektiv nutzt.
Das Tüpfelchen auf dem RS-Set ist die hydraulische Fernbedienung, mit der Gabel und Dämpfer gleichzeitig gesperrt werden. Als deklarierter Lockout-Muffel (mich dünkt, dass gesperrte Hinterbauten immer zum "Hüpfen" neigen; zudem vergesse ich gerne aufs Öffnen, was, allen automatischen Entrieglern zum Trotz, die Lebensdauer der Ventile nicht unbedingt verlängert) muss ich zugeben: Diese Lösung funktioniert und überzeugt.

Anders verhält es sich mit den Reifen. Bontragers fantastisch rollende XR1 mögen der ideale Gummi für Moabs Slickrock Trail oder sonstige trockene, griffige Böden sein. Auf durchschnittlich österreichischem Terrain – ein bisserl matschig, ein bisserl feucht, und je nach Jahrhundertsommer-Stärke rutschig bis tief – macht er aus dem Top Fuel jedoch eine unkontrollierbare Seifenkiste, sowohl, was den seitlichen Grip als auch die Bodenhaftung in Fahrtrichtung betrifft. Das ist ebenso schade wie rasch und ohne viel Aufwand zu ändern.

Gleiches gilt für die Beseitigung des zweiten Problems, welches die Original-Spezifikation aufwirft. Denn auf einem Twentyniner sind Heldenkurbeln wie die 32-fach gezackte X1 einfach nichts für Heldinnen – und gewiss auch nichts fürs Gros der Y-Chromosomenträger. Zwar wird es angesichts um sich greifender (und technisch ja durchaus sinnvoller) Einfach-Bestückungen immer weniger opportun, dies zuzugeben. Lieber quält man sich mit einem hervorgeknirschten „das geht schon“ über die Anstiege – und es stimmt ja auch: Meistens geht’s schon, irgendwie. Aber oft ist auch Schluss (an Steilrampen oder in technischen Sektionen, die nach gefühlvolleren Momenten verlangen würden, als man sie mit 32-42 zustande bringt), häufig folgen Knieschmerzen und nie fallen die für den Alpenraum typischen, langen Anstiege mit derlei Übersetzungen leichter. Unterm Strich sollten sie das aber, wozu spricht man bei Neuentwicklungen sonst von „Verbesserung“?
Deshalb: Zwei Zähne runterräumen, das erhöht die Alltagstauglichkeit des Top Fuel 9.8 und lässt - anders als vermutlich das technisch ebenfalls mögliche 28er - immer noch genug Entfaltung für den Endspurt im Marathon (mit dem 32er war bei 46 km/h Schluss).

Fazit

Trek Top Fuel 9.8 SL
Modelljahr:2016
Testdauer:7 Wochen, ca. 480 km
+Aufsitzen, abzischen - 100% Wohlfühl-Handling, und das sofort
+Aussehen und Verarbeitung
+Abstimmung
+Der Technik-Boost
oweder saubillig, noch federleicht
-Grip Bontrager Reifen
-32er-Kettenblatt
BB-Urteil:Rennfeile und Spaßbike in Radunion

Cross Country kann und darf ruhig Spaß machen. Das vermittelt Trek eindrucksvoll mit der Neuauflage des Top Fuel.
Zwar schrammen seine elf Kilo am Idealmaß für knallharte XCO-Einsätze vorbei und sind die OEM-Gummis im Feuchten und Nassen echte Spaßverderber. Aber die Mehrheit der Ausdauer-Fraktion fährt ohnehin Marathon, wo vollgefederte Geräte die vernünftigere Wahl sind; und Reifenwechseln zählt ja sozusagen zu den Aufwärm-Ritualen im Rennbetrieb. 

In puncto Handling, Optik, Kinematik und Steifigkeit sammelt das Race-Fully die volle Punktezahl auf der nicht existierenden BB-Bewertungsskala. Und interessierte, feinfühlige oder verspielte Naturen finden im Mino Link auch noch Möglichkeiten fürs individuelle Feintuning der Geometrie ohne nennenswerte Nachteile oder Auswirkungen aufs Fahrwerk.

Gepaart mit den klassischen Twentyniner-Eigenschaften ergibt das ein Bike, welches man eigentlich nie mehr missen möchte - beim Tempobolzen in der Gruppe nicht, beim wöchentlichen Renneinsatz nicht, beim Jahreshighlight Transalp nicht, und schon gar nicht beim täglichen Training.

Letzteres beinhaltet jedoch auch Regenerationseinheiten, und Erstere grauenhaft steile Rampen oder elends lange Anstiege. Da wie dort ist für die überwiegende Mehrheit der homines sapientes ob des 32er-Kettenblatts Schluss mit lustig. Mit 30 oder gar 28 Zähnen kommt nicht nur wieder der Spaß zurück; das Top Fuel wird auch noch zum treuen und hochgeschätzten Begleiter auf Familienrunden, Urlaubsreisen und Erkundungstouren.

Ob die Neuauflage langfristig so zuverlässig wäre wie meine "Heidi", kann man nur vermuten und sich darüber hinaus auf die lebenslange Rahmen-Grantie verlassen. Bis auf die ausgeschlagenen Gabelbuchsen gab's im Testbetrieb jedenfalls keine technischen Beanstandungen. Wenn ich mir für den Transport im Auto noch etwas wünschen dürfte, wäre es ein Sattelstützen-Schnellspanner. Und dann noch das nötige Kleingeld, um die himmelblaue Schönheit erst gar nicht wieder zurückschicken zu müssen ...

Ergebnis 1 bis 6 von 6
  1. #1
    früher mal Weltmeisterin Avatar von NoMan
    User seit
    Apr 2002
    Ort
    Wien Süd, gelegentlich Bad Hall (OÖ)
    Beiträge
    1.818

    Trek Top Fuel 9.8 SL

    Poste hier Fragen oder Kommentare zu diesem Beitrag.

    Noch nicht registriert bei Österreichs größter Bike-Community?

    Folge diesem Link um dich für Bikeboard.at anzumelden.
    Registrierte User unserer Community profitieren zusätzlich von:
    - weniger Werbung auf den Magazin-Seiten und in den Foren
    - erweiterter Forensuche in über 2 Mio Beiträgen
    - gratis Nutzung der Bikebörse
    - zahlreichen Neuigkeiten aus der Radszene per BB-Newsletter

    Hier registrieren und mitreden!

  2. #2
    Trailliebhaber Avatar von Gipfelstürmer
    User seit
    May 2007
    Ort
    daham
    Beiträge
    1.467
    Einfach ein lässiges Radl, schade das ich erst letzten mai aufgerüstet habe.
    und das 32er passt schon gut zu einem renngerät

  3. #3
    sche longsom wirds wieda Avatar von Michi
    User seit
    Sep 2001
    Ort
    Burgenland
    Beiträge
    4.768
    man kanns eh auch gegen ein 36er tauschen ;-)
    .
    .
    www.radwelt.co.at

  4. #4
    klempner wheels Avatar von bike charly
    User seit
    Nov 2006
    Ort
    pellendorf
    Beiträge
    6.545
    Zitat Zitat von Michi Beitrag anzeigen
    man kanns eh auch gegen ein 36er tauschen ;-)
    ob der Otto Normalbiker ohne Hilfsmittel damit lange Freude hat ,sei dahingestellt

  5. #5
    Keine Panik! Avatar von marty777
    User seit
    Sep 2006
    Ort
    Wien 22
    Beiträge
    2.843
    "Race Fully" sagt eh schon fast alles.
    Feintunen muss man es, will man das Beste für sich herausholen. Guter Bericht.

  6. #6
    Registrierter Benutzer Avatar von rukufi
    User seit
    Dec 2014
    Ort
    wiener neustadt
    Beiträge
    412
    den Test rund um den Aussichtsturm bei Sauerbrunn ohne Jäger.Feindberührung durchführen ist an sich schon eine Leistung. Gelingt mir nicht recht oft...

    zum Testobjekt...angesichts des gebotenen zum Verhältnis des aufgerufenen Preises halten sich meine Begeisterungsstürme eher in Grenzen...aber Geschmäcker sind bekanntlich verschieden.

    Rosa Blümchen hätten noch gefehlt....ich stelle mir gerade so einen gestandenen Lackel mittleren Alters auf einem himmelblauen Bike vor....
    Geändert von rukufi (15-02-2016 um 12:47 Uhr)