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Genussbiken in Wagrain

Genussbiken in Wagrain

01.06.20 04:51 4.607Text: NoManFotos: Erwin HaidenEinmal Seele baumeln und zurück. Vom Seen-Hopping und Wellenreiten, In-d'Berg-Einischau'n und In-d'Berg-Einibau'n. Ein E-Bike-Ausflug ins Kleinarltal, tiefenentspannt und trotz Motor angenehm still ...01.06.20 04:51 4.615

Genussbiken in Wagrain

01.06.20 04:51 4.6151 Kommentare NoMan Erwin HaidenEinmal Seele baumeln und zurück. Vom Seen-Hopping und Wellenreiten, In-d'Berg-Einischau'n und In-d'Berg-Einibau'n. Ein E-Bike-Ausflug ins Kleinarltal, tiefenentspannt und trotz Motor angenehm still ...01.06.20 04:51 4.615

Der Platz vor dem Trevi-Brunnen: verwaist. Die Costa del Sol: menschenleer. Der Wiener Parter: im Dornröschenschlaf. Und auch vorm Jägersee im Kleinartal räkelte sich einzig eine müde Hauskatze in der Sonne, während sie den Enten und Schwänen beim beschaulichen Herumtreiben zusah.
Rückblickend betrachtet, war unser Ausflug nach Wagrain-Kleinarl im Spätherbst 2019 wie eine Vorwegnahme der ungewohnten Bilder, die im Zuge der Corona-Krise um die Welt gingen. Fast unwirkliche Stille, wo normalerweise das Leben tobt. Mit einem wesentlichen Unterschied: Im Kleinarltal reduziert sich das geschäftige Treiben der Tourismusbranche jedes Jahr zu Saisonende gegen Null, und ermöglicht dann Momente und Einblicke, die inmitten des gutbesuchten Sommers undenkbar wären.

Nun ist Wagrain nicht Hallstatt, und das Kleinarltal nicht Venedig. Links und rechts der Kleinarler Ache, in den Bergen der Radstädter Tauern, bleibt auch in der Hochsaison allemal genug Platz, um den im Herzen des Pongau favorisierten Sommeraktivitäten zu frönen – Wandern, Klettern und Mountainbiken. Und wer die kraftvolle Ruhe des Jägersees auch in der Ferienzeit in vollen Zügen genießen will, besucht ihn einfach früh morgens – da wärmen übrigens die ersten Sonnenstrahlen auch den Rücken besonders schön ...

 Wie ein alpiner Pop-up-Store 

Die wechselnde Aussicht ins Land

Wagrain-Kleinarl also, Treffpunkt Bike-Welt an der Flying Mozart Talstation. Normalerweise ist der Shop ein beliebter Treffpunkt der Bikepark-Besucher, verkauft Bikewear und Zubehör, verleiht und repariert Räder und bietet verschiedene Guidings und Trainings an. 2020 läuft der Betrieb etwas schaumgebremst, weil sowohl die Seilbahn selbst als auch der Bikepark Wagrain aufgrund des Neubaus der Gondelanlage geschlossen bleiben – hierzu weiter unten mehr.
Als wir in knackiger Morgenkälte auf dem Parplatz einreiten, ist Roland schon da. Von höhenmeteraffiner Statur und braungebranntem Gesicht, sind wir bei seinem Anblick ganz froh, dass unsere Mission heute eine gemütliche E-Bike-Runde auf halber Höhe von See zu See ist. Nicht, dass uns der Mann in Stoneman Taurista-Gold zu Saisonausklang noch ungerührt lächelnd über alle Berge treibt!

Vorab vorgestellt wurde uns Roland Wiesbacher als Hotelier und geprüfter Guide. Auf unseren ersten Metern hinauf zur Edelweiss-Alm stellt sich heraus: Der leidenschaftliche Biker ist außerdem seit 2014 Obmann der Tourismusregion Wagrain-Kleinarl. Wir pedalieren also Seite an Seite mit einer nicht nur authentischen, sondern auch noch höchst kompetenten Informationsquelle – Glück gehabt!

19 offizielle MTB-Touren durchziehen das rund 20 Kilometer lange Flusstal mit seinen zahlreichen Almen, weitläufigen Waldflächen und markanten Kalkstöcken. Dabei reicht der Anspruch von fordernder Höhenmeterschlacht à la Hochgründeck oder Frauenalmrunde bis zum gemütlichen Familienausflug an den Jägersee. Trailhungrige und Downhiller sind im Bikepark Wagrain – ab 2021 dann mit neuen Lines und Angeboten – am besten aufgehoben. Und mit dem Stoneman Taurista wurde 2018 ein regionsübergreifendes Angebot geschaffen, das normalerweise, also wenn die Westseite des Grießenkar nicht Baustelle und die Abfahrt über den Hard Rock Trail nicht gesperrt ist, auch in Wagrain-Kleinarl Halt macht.
E-Biker vergnügen sich in der Region dank mehrerer Ladestationen gänzlich sorgenfrei und auch besonders bequem: Rund 70 hochwertige E-Bikes, die der Tourismusverband angekauft hat, stehen zum Verleih an vier verschiedenen Stationen zur Verfügung, und werden mittels Call your Bike-Service per emissionsfreiem Elektroauto sogar direkt in die Unterkunft gebracht und von dort wieder abgeholt.

Wir kochen uns aus all diesen Zutaten unsere eigene Suppe, satteln geliehene Giants mit Strom und begeben uns auf eine Kombination aus Edelweiss-Alm, Rupertisee, Baierwaldrunde und Jägersee.
Wären wir früher im Jahr gekommen, hätten wir bereits nach den ersten, ohne Stromunterstützung gewiss schweißtreibenden Metern zur Edelweiss-Alm einen Zwischenstopp einlegen müssen. So allerdings hat die urige Raststation samt benachbartem Streichelzoo und Spielplatz bereits geschlossen, und vor allem auch das Bauernhofmuseum Wagrain schon zu. „Da wird die bäuerliche Lebensweise von früher vermittelt, es gibt himmelalte Geräte und Möbel, jeden Dienstag und Donnerstag wird im originalen Steinofen Brot gebacken – weißt, wie gut?“, erzählt Roland. Wir saugen statt des Duftes frischen Bauernbrotes die tief herbstliche Atmosphäre an den beiden nebenan liegenden Gewässern, Daarmoossee und Niederbergsee, ein. Wie friedlich ein künftiges Schneefeld im milden Vormittagslicht liegen kann!
Vorbei an der Mittelstation der „Roten 8er“, wo im Winter der 2017 zum „Snow Space Salzburg“ geadelte Zusammenschluss von Flachau, Wagrain und St. Johann speziell für Kinder manch paradiesisches Erlebnis garantiert, tauchen wir ein in den Wald.

Aber nicht ganz. Immer wieder weichen im sanften Auf und Ab des Wellenreitens auf den Höhenlinien die Bäume zurück und geben den Blick frei auf das, was rings um Wagrain-Kleinarl liegt: Da der Dachstein samt Gosaukamm und Bischofsmütze, die von dieser Seite betrachtet ganz ohne ihre charakteristische Doppelspitze auskommen muss; dort der Hochkönig; kurz spitzelt in weiter Ferne sogar das Kitzsteinhorn raus. Wie in einem hochalpinen Pop-up-Store ragen immer wieder namhafte Gipfel und Massive in den blitzblauen Himmel, nur, um kurz darauf wieder verschwunden zu sein.
Einen besonders privilegierten Logenplatz bildet der Rupertisee, auf halber Höhe zwischen Flying Mozart Berg- und Mittelstation. Auch dieser künstlich angelegte Speichersee dient eigentlich nur der Schneeproduktion. Aufgrund seiner herrlichen Lage samt Tal- und Panoramablick geht er aber allemal auch als lohnendes Ausflugsziel durch.

„Ich mag den Herbst: die Farbschattierungen, das Nebelziehen ...“ outet sich Roland beim Betrachten seiner Heimat von oben als Fan stiller Zeiten und beginnenden Rückzugs. Als krassen Gegensatz dazu präsentiert er uns wenig später, nicht minder angetan, Baupläne und -Fortschritt an der Seilbahn-Mittelstation.
Zwölf Millionen Euro wurden vor gar nicht allzu langer Zeit in die Errichtung des G-Link, der tälerüberspannenden Verbindungsseilbahn von Grießenkareck und Grafenberg, investiert. Nun buttern die Bergbahnen 34 Millionen in die Versenkung der Flying Mozart-Mittelstation ins Erdinnere. Mit dem Aushubmaterial wird weiter oben die hängende Piste begradigt und verbreitert, und wenn dann erst mal die Gondel unterirdisch durchfährt, ist oberirdisch noch mehr Platz fürs wedelnde, aber auch bikende Klientel.
Generell wird in Wagrain und Umgebung gerade fleißig investiert: Hochwasserschutz, Umfahrungspläne, auch neue Hotels sind projektiert. Beim Blick durch das exakt auf die 3.000-Seelen-Gemeinde ausgerichtete, hölzerne Fernrohr, kurz, ehe wir uns endgültig südwärts ins Kleinarltal drehen, ist von alledem nichts zu sehen. Die Vögel zwitschern, dunkles Moos bemächtigt sich der Reste eines uralten Felssturzes, die anspruchslos geführte Forststraße erlaubt es, einfach gedankenverloren dahinzurollen.

Nicht unbedingt, weil wir schon so viel geleistet hätten, sondern einfach, weil es die Uhrzeit gebietet, käme uns mit Erreichen des Talbodens ein kleiner Snack gelegen. Allein: Die durchaus lohnenden Einkehrmöglichkeiten in luftigerer Höhe sind im wohlverdienten Urlaub; und das Restaurant Olympia, das ehemalige Café der hier geborenen und lebenden Jahrhundertsportlerin Annemarie Moser-Pröll, hat Ruhetag.
Zum Trost reserviert uns Roland telefonisch einen Tisch im noch jungen, aber bereits exzellent beleumundeten Prechtlgut in Wagrain. So luxuriös die Chalets dieses Bergdorfs, so fair kalkuliert die wirklich empfehlenswerte Restaurant-Küche. Mit einem mündlichen Ausblick auf Pongau Kasnockn-Pfandl, gebratenes Forellenfilet und Topfenstrudel macht uns unser Guide, selbst als Chef des Viersterne-Hauses Alpina ja gewiss mit einem profunden kulinarischen Urteilsvermögen ausgestattet, den Mund wässrig, während wir über einen breiten, idyllischen Radweg 'gen Talschluss fahren.

 Spinat-Ricotta Tortellini in Käserahmsauce vs. Powerbar Energieriegel, immerhin Cookies & Cream 

Wunsch und Wirklichkeit

Wir befinden uns nun unmittelbar neben der Kleinarler Ache. Mal am Ost-, mal am Westufer des zumeist lieblich eilenden, manchmal aber auch hässlich tosenden Baches arbeiten wir uns im Angesicht der Ennskraxn hurtig dorthin vor, wo das Gewässer herkommt: zum Jägersee. Genauer gesagt, rinnt die Ache durch diesen durch, speist davor auch schon den 500 Meter höher gelegenen Tappenkarsee und entspringt in rund 2.400 Metern in den Radstädter Tauern, unterhalb der Glingspitze. Aber das sind für Mountainbiker unerreichbare Ziele, somit betrachten wir einfach bereits das erste als unser Ende der Welt.

Von oben, in der Satellitenansicht von GoogleMaps, sei der Jägersee kaum auszumachen, so glasklar sei sein Wasser, hatte uns Roland auf dem Weg durch Mitterkleinarl und Hinterkleinarl erzählt. Am Ufer des bereits im 17. Jahrhundert aufgestauten Kleinods angekommen, müssen wir unseren anfänglichen Unglauben revidieren. Als ob wir sie durch Glaskästen bestaunten, bauen sich da die Forellen und Saiblinge vor uns auf. Als ob sie nicht untertauche, sondern 'gen Seeboden fliege, sieht die Ente aus, die im seichten Uferbereich nach Essbarem sucht. Als ob da nichts wäre, wirkte die Wasserfläche, würde nicht hin und wieder ein Windhauch, Erpel oder Schwan die Oberfläche kräuseln.

Mutige Naturen tauchen hier im Sommer ja auch komplett ein ins selten mehr als 14 Grad kühle Nass, pragmatischer Veranlagte mieten sich ein Ruderboot oder genießen den Blick übern See von den Tischen und Stühlen des Ausflugsgasthofs.
Angesichts der spätherbstlichen Ruhe erschiene uns das alles gerade denkbar deplatziert. Wir könnten ewig einfach nur auf der Schotterbank am Nordufer sitzen bleiben und uns die Herbstsonne auf den Bauch scheinen lassen. Wenn … ja, wenn da nicht unsere knurrenden Mägen wären, die zunehmend hörbar das Idyll durchbrechen. Mit einem letzten Blick über den See und einer ausgiebigen Streicheleinheit für die Katze nehmen wir Abschied. Morgen soll eine Schlechtwetterfront kommen, und in ein paar Monaten der Sommertourismus wieder anrollen. Beides gerade unvorstellbar, eigentlich.

 Fast unwirkliche Stille, wo normalerweise das Leben tobt 


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