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Manchmal genügt ein Blick auf die Geometrietabelle, um ein Gefühl für den Charakter eines Rennrades zu bekommen. Doch selbst wenn die Zahlen auf dem Papier eine klare Richtung vorgeben, offenbaren erst der Rideout und ein direkter Vergleich, wie groß die Unterschiede tatsächlich ausfallen - genauso geschehen mit dem neuen Rose Shave und Shave FF.Auf den ersten Blick stehen hier zwei moderne Carbonrennräder mit integrierten Cockpits, aerodynamisch gezeichneten Rahmenformen, hochwertigen Carbonlaufrädern und - für unseren Vergleich bewusst so gewählt - mit identischer Shimano Ultegra Di2 Ausstattung nebeneinander. Doch wer genauer hinsieht, erkennt schnell: Rose nutzt hier eine gemeinsame Designsprache für zwei sehr unterschiedliche Charaktere.Als Redakteur bei 1000PS verbringe ich einen großen Teil meines Alltags damit, motorisierte Zweiräder zu testen. Das Fahrrad dient für mich mehr als sportlicher Ausgleich. Nicht als Gerät für Rennen oder Meisterschaften, sondern als Trainingspartner, für Wochenendausfahrten, Feierabendrunden und gelegentliche Bergsprints zum Auspowern. Genau deshalb interessiert mich weniger die Frage, welches Rad auf dem Papier "besser” ist, sondern welches der beiden neuen Rose-Modelle in der Praxis den spannenderen Mix aus Fahrfreude, Ergonomie, Effizienz und Emotion bietet.
30 Millimeter Unterschied beim Stack, verschiedene Laufrad-Reifen-Kombinationen und 780 Gramm Gewichtsdifferenz.
Eine gemeinsame Designsprache, zwei sehr unterschiedliche Charaktere.
Apropos Emotion: Genau hier wird der Vergleich zwischen Shave und Shave FF bereits spannend, denn FF steht für Fast Forward und das verspricht klarerweise die größere Portion Performance. Das Shave dagegen wirkt wie der Versuch, moderne Aero-Optik und sportlichen Anspruch mit einer deutlich zugänglicheren Sitzposition zu kombinieren, was ich persönlich ausgesprochen reizvoll finde. Denn wenn ich ehrlich bin, ertappe ich mich regelmäßig dabei, den schlanken, aggressiven Rennfeilen mit Aero-Rahmen nachzusehen - sie ziehen mich emotional an und wirken unfassbar begehrenswert. Gleichzeitig ist mir bewusst, dass ich in der Praxis ein Rad suche, welches auch nach mehreren Stunden im Sattel noch Freude bereitet. Genau deshalb hat mich die Idee hinter dem Shave von Anfang an sehr angesprochen: Es verbindet die Optik und den Auftritt eines modernen Performance-Rennrades mit einer Geometrie, die man als ambitionierter Genussfahrer nicht während jeder längeren Ausfahrt verflucht.
Viele klassische Endurance-Rennräder wirken funktional, aber wenig aufregend. Auf der anderen Seite stehen moderne Aero-Bikes mit wuchtigen Rohrprofilen, aggressiven Formen und teilweise überzeichneten Designmerkmalen. Mit der neuen Shave-Familie schlägt Rose einen angenehm anderen Weg ein. Die Räder wirken dynamisch, ohne dabei jene Allround-Qualitäten zu verlieren, die in der Praxis für den Normalverbraucher den Unterschied machen.Der Rahmen ist deutlich erkennbar und mit Liebe zum Detail aerodynamisch entwickelt worden - in seiner Formgebung aber glücklicherweise so gehalten, dass er unaufdringlich wirkt. Die Linienführung ist modern, die Proportionen sind ausgewogen und das integrierte Carbon-Cockpit sorgt zusammen mit einer schlanken D-förmigen Sattelstütze für einen sehr aufgeräumten Gesamteindruck. Gleichzeitig verzichtet Rose erfreulicherweise auf überdimensionierte Logos, grelle Farbkombinationen oder plakative Markeninszenierungen. Letzteres überlasse ich persönlich ohnehin lieber Rennteams und Hipster-Radlern. Die gesamte neue Shave-Familie sieht schnell aus, ohne laut sein zu müssen.
Die gesamte neue Shave-Familie sieht schnell aus, ohne laut sein zu müssen.
Ein Highlight ist die zuvor bereits erwähnte, hochwertige Lenker-Vorbau-Einheit. Interessant ist dabei die Gestaltung des Oberlenkers. Beim Lenkerband wurde vergleichsweise sparsam gearbeitet, weshalb größere Bereiche des aerodynamisch optimierten Carbonteils sichtbar bleiben. Der dezente Noppenbesatz an den Griffbereichen sorgt dennoch für ausreichend Grip und vermittelt mehr Halt als nackte Kohlefaseroberflächen. Je nach Modell setzt Rose dabei unterschiedliche Akzente: In unserem Testaufbau fiel das Cockpit des Shave mit 410 Millimetern Lenkerbreite und 110 Millimetern Vorbaulänge etwas komfortorientierter aus, während das Shave FF mit 390 Millimetern Lenkerbreite und 120 Millimetern Vorbaulänge seine sportliche Ausrichtung unterstreicht. Rose verbaut dieses integrierte Cockpit nicht nur an den Spitzenmodellen der Baureihe, sondern durchgängig über die gesamte Shave-Familie. Damit profitieren bereits die Einstiegsmodelle ab rund 3.600 Euro von einem Merkmal, das viele Hersteller ihren Topmodellen vorbehalten. Lobenswert!
Mit dem Shave FF war Rose tatsächlich im Windkanal und gewann dort wichtige Erkenntnisse zur Aerodynamik der neuen Plattform. Von diesen Entwicklungen profitiert auch das Shave Basismodell. Rohrprofile, Integration und Linienführung zeigen klar, dass Rose die gesamte Baureihe als modernes Performance-Konzept versteht. Der Unterschied liegt weniger in der Formsprache als vielmehr in der Ausrichtung: Die Modelle FF und FFX verfolgen einen konsequent sportlichen Ansatz, während das Shave dieselben aerodynamischen Gene mit einer deutlich zugänglicheren Geometrie kombiniert.
Während sich die beiden Räder auf den ersten Blick optisch ähneln, zeigen Laufräder und Bereifung im Detail sehr deutlich, welche Zielgruppe Rose mit den beiden Modellen ansprechen möchte. Am Shave kommen Newmen Advanced A.50 Carbonlaufräder zum Einsatz. Mit 50 Millimetern Felgenhöhe, einer Innenweite von 23 Millimetern und einem Gewicht von 1.470 Gramm handelt es sich um einen hochwertigen Laufradsatz, der einen gelungenen Kompromiss aus Aerodynamik, Gewicht und Alltagstauglichkeit darstellt. Die Felgenbreite passt hervorragend zu modernen 30- bis 35-Millimeter-Reifen und damit zum vielseitigen Charakter des Shave.
Zusammengefasst: Auch in Größe L fällt das Shave FF deutlich sportlicher aus. Der Reach wächst um +14 mm, während der Stack um -31 mm sinkt. Zusammen mit dem um 16 mm kürzeren Steuerrohr ergibt sich eine merklich gestrecktere und tiefere Sitzposition. Der etwas steilere Sitz- und Lenkwinkel sowie der längere Vorbau unterstreichen den klaren Race-Charakter zusätzlich.
Das Shave FF geht noch einen Schritt weiter. Hier verbaut Rose die hauseigenen, neu entwickelten RC55 Carbonlaufräder. Mit 55 Millimetern Höhe, aerodynamischen Messerspeichen und einem Gewicht von rund 1.360 Gramm zählen sie definitiv zu den leichteren Vertretern. Die Unterschiede setzen sich bei der Bereifung fort. Das FF rollt serienmäßig auf feinen 28 mm Schwalbe Pro One Aero Reifen in Kombination mit leichten Tubolito TPU-Schläuchen. Bereits beim Blick auf diese Ausstattung wird klar, dass Rose hier jedes Detail auf Dynamik und Effizienz trimmt. Übrigens: Als Aero-Claim nennt Rose im Windkanal eine Ersparnis von 10 Watt bei 45 km/h gegenüber dem Vorgänger Xlite.
Das Shave setzt dagegen auf Continental Grand Prix Reifen in 32 Millimeter Breite mit klassischen Butylschläuchen. Die Contis sind keineswegs schlechte Reifen; sie bieten Alltagstauglichkeit, ordentlichen Grip und eine robuste Konstruktion. Im direkten Vergleich wirken sie allerdings eher wie solide Hausmannskost. Sie erledigen ihren Job zuverlässig, verzichten aber auf die letzten Prozent an Leichtlauf, Dynamik und Performance.Auch in Sachen Reifenfreiheit zeigt sich die moderne Ausrichtung der Plattform. Mit Freigaben bis 36 Millimeter am Shave und 35 Millimeter am FF bleibt selbst für Fahrer, die bei Komfort und Traktion gerne ans Limit gehen, ausreichend Spielraum.
Einer der entscheidendsten Unterschiede an unseren beiden Testrädern in Größe L ist der Stack - über drei Zentimeter trennen die Modelle voneinander. In Zahlen: Das Shave bietet in Large einen Stack von 622 Millimetern, während das Shave FF mit 591 Millimetern deutlich tiefer ausfällt.Auch beim Reach unterscheiden sich die beiden Räder spürbar. Das Shave kommt auf 398 Millimeter, das FF auf 412 Millimeter. Die Differenz von 14 Millimetern ist nicht dramatisch, aber im Zusammenspiel mit der massiv niedrigeren Front sehr deutlich spürbar.In der Praxis bedeutet das: Das Shave FF zwingt mich als Fahrer automatisch in eine wesentlich aktivere Position. Die Schultern wandern weiter nach vorne, die Arme strecken sich stärker und der Oberkörper wird deutlich tiefer über dem Rad positioniert.
Die Sitzposition verändert den Charakter eines Rennrades stärker, als es einzelne Ausstattungsdetails jemals könnten.
Da sowohl das Shave als auch das Shave FF parallel mehrere Wochen lang getestet werden konnten, liegt ein direkter Vergleich nahe. Bereits die erste Ausfahrt machte eines klar: Die Sitzposition verändert den Charakter eines Rennrades stärker, als es einzelne Ausstattungsdetails jemals könnten.Das Shave FF vermittelt vom ersten Tritt an den Eindruck eines waschechten Performance-Bikes. Die tiefere Position bringt mehr Druck auf das Vorderrad, das Gesamtpaket wirkt direkter und animiert förmlich dazu, schneller zu fahren.
Ein maßgeblicher Beitrag zu diesem Fahrgefühl kommt auch von der leichteren Laufrad-Reifen-Schlauch-Kombination. Im Antritt reagiert das Shave FF unmittelbarer, beschleunigt spontaner und vermittelt insgesamt einen lebendigeren Eindruck. Besonders bei kurzen Zwischensprints, beim Beschleunigen aus engen Kehren oder auf kleinen Anstiegen macht sich die geringere rotierende Masse bemerkbar.Bei all dem wirkt das Rad aber nie unbequem oder kompromisslos - eine Tatsache, die ich im Testverlauf unter anderem der geschmeidigen Schwalbe Pro One Bereifung in Kombination mit dem außerordentlich großzügigen Flex des leichten Selle Italia SLR Carbon zuschreibe.
Das Shave fühlt sich im Vergleich gelassener an. Die Beschleunigung wirkt nicht ganz so explosiv, dafür vermittelt das Rad von Beginn an ein tolles Maß an Souveränität. Verantwortlich dafür ist nicht nur die wesentlich mehr auf Komfort ausgelegte Geometrie, sondern auch das gesamte Setup aus Laufrädern und Bereifung. Die breiteren 32 Millimeter Continental GP erzeugen ein ruhigeres Fahrgefühl und verleihen dem Rad eine angenehme Gelassenheit. Richtungswechsel erfolgen etwas weniger hektisch, das Einlenkverhalten wirkt berechenbarer und insgesamt vermittelt das Shave mehr Stabilität und Vertrauen.Gerade auf längeren Etappen mit 100km und mehr empfinde ich genau diese Abstimmung als ausgesprochen gelungen. Das Rad wirkt nie träge, verzichtet aber auf die beinahe nervöse Agilität, die manche hochgezüchteten Performance-Rennräder mitbringen. Stattdessen entsteht ein souveräner Gesamteindruck, der hervorragend zum Charakter eines modernen Endurance-Rennrades passt.
Sowohl das Shave als auch das Shave FF werden vom Hersteller unter der Kategorie "Race" geführt. Das Shave mag zwar das komfortablere der beiden Räder sein, folgt aber keinem typischen Endurance-Rezept. Auf Bikepacking-Montagepunkte, integrierte Staufächer oder andere Adventure-Features verzichtet Rose bewusst. Stattdessen bleibt das Shave ein reinrassiges Rennrad, das seine zusätzlichen Komfortreserven ausschließlich über Geometrie, Reifenfreiheit und Fahrwerksabstimmung erzielt.
Der Gewichtsunterschied zwischen beiden Testrädern beträgt, wie bereits erwähnt, rund 780 Gramm. Besonders interessant dabei: Ein Großteil dieser Differenz steckt nicht im Rahmen, sondern in den rotierenden Komponenten - also in genau jenen Bauteilen, die Beschleunigung, Agilität und Fahrgefühl besonders stark beeinflussen.
Allein Reifen und Schläuche sparen am FF gegenüber dem Shave 394 Gramm ein. Zusammen mit dem leichteren RC55-Laufradsatz summiert sich der Gewichtsvorteil bei den rotierenden Komponenten auf rund 500 Gramm. Damit wird auch verständlich, warum das FF im Vergleich spontaner beschleunigt und insgesamt lebendiger wirkt. Ein erheblicher Teil der Gewichtsdifferenz sitzt genau dort, wo er fahrdynamisch am stärksten spürbar wird.
Nach den ersten Wochen ist eine Erkenntnis besonders schwer zu ignorieren: Das Shave trifft für meinen persönlichen Einsatzzweck einen nahezu idealen Kompromiss. Es sieht sportlicher aus als viele klassische Gran Fondo-Räder, bietet eine hochwertige Ausstattung und überzeugt mit einer Geometrie, die auch nach mehreren Stunden im Sattel stets angenehm bleibt. Gleichzeitig profitiert es von der modernen Aero-Entwicklung der Shave-Plattform und wirkt optisch wie technisch deutlich ambitionierter, als man es von einem klassischen Komfort-Renner erwarten würde.Das Shave FF beeindruckt hingegen mit Dynamik, geringem Gewicht und unmittelbarem Antritt. Wer maximale Performance und eine aktive Sitzposition sucht, findet hier ein ausgesprochen spannendes Gesamtpaket. Dazu kommt eine dem Windkanal entwachsene Optik, die den sportlichen Anspruch bereits im Stand glaubhaft vermittelt. Das kürzere Steuerrohr, die kompaktere Frontpartie mitsamt der etwas filigraneren Gabelkonstruktion verleihen dem FF eine besonders elegante und gestreckte Erscheinung. Während das Shave optisch den gelungenen Mittelweg zwischen Race- und Endurance-Bike beschreitet, wirkt das FF wie die vollendete Interpretation derselben Designidee. Und die Fahreigenschaften halten, was die Linienführung verspricht: Das Rad beschleunigt mit Nachdruck, wirkt äußerst lebendig und vermittelt vom ersten Tritt an den Eindruck, möglichst schnell bewegt werden zu wollen.
Zum Ende des ersten Testabschnitts drängt sich mir eine Frage auf: Wie viel zusätzliche Performance lässt sich aus dem Shave herausholen, wenn man einige Ausstattungsdetails näher an das Niveau des sportlicheren FF bringt?Genau das möchten wir im weiteren Dauertest herausfinden. Die serienmäßigen Butylschläuche und Continental Grand Prix Reifen weichen feine Schwalbe Pro One Pneus in Kombination mit leichten Schwalbe Aerothanschläuchen. Zudem wurde kurz vor Abschluss dieses ersten Eindrucks der vergleichsweise schwere Selle Italia Novus Boost Evo Superflow Sattel gegen einen deutlich leichteren und obendrein bequemeren SQlab 612 R Carbon getauscht. Damit reduziert sich nicht nur das Gesamtgewicht, sondern vor allem auch die rotierende Masse - genau jene Komponenten also, die im direkten Vergleich zum Shave FF den größten Einfluss auf Antritt und Lebendigkeit haben.Darüber hinaus werden wir uns noch eingehend mit der Ergonomie beschäftigen. Ab Werk liefert Rose das Shave mit drei Zentimetern Spacer (am FF sind es nur zwei) unter der Lenker-Vorbau-Einheit aus. Eine Reduktion um ein bis zwei Zentimeter dürfte mich näher an eine optimale Sitzposition bringen und könnte dem Rad zusätzlich etwas Direktheit verleihen, ohne dabei seine angenehme Langstreckentauglichkeit zu beeinträchtigen. Der nächste Teil unseres Dauertests wird also zeigen, ob das Shave damit einen spürbaren Schritt in Richtung FF macht, ohne seine souveräne und komfortable Grundcharakteristik zu verlieren.
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