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Der US-Hersteller GT nennt sein Konzept "Enduroad", man könnte aber auch "All-Terrain" oder "Gravel-Road" dazu sagen. Gemeint ist jedoch immer das gleiche, nämlich eine Mischung aus Rennrad und Crosser. Mit Mountainbike hat diese Entwicklung hingegen nichts zu tun, wenn auch die Marke GT vor allem den Bikern ein Begriff ist, ja sogar so etwas wie Kultstatus in der Szene innehat.
Selbst altbekannte Trainingsreviere zeigen sich mit dem Grade von einer völlig anderen Seite.
Dieses Rad hat mit Sicherheit seine Zielgruppe, aber das sind nicht die Rennfahrer, es sei denn, man sucht als solcher ein entspanntes und komfortables Trainingsrad für alle Fälle, oder für den Winter. Schon beim Anheben des "Grade 105" wird klar, dass es sich bei diesem nicht um eine Rennmaschine handeln kann. Auch ohne Kofferwaage darf gemutmaßt werden, dass es ein wenig übergewichtig ist, das Enduroad. Andererseits werfe gerade ich, als in die Jahre gekommener Ex-Rennfahrer, sicherlich nicht den ersten Stein in Bezug auf ein wenig Mehrgewicht. Aber auch ein Blick auf die Geometrie verrät, dass es hier um entspanntes, komfortables und vor allem sicheres Fortbewegen - auch auf Schotterstraßen - geht. Langer Radstand, langes Oberrohr, langer Gabelnachlauf - das alles lässt auf unaufgeregten Geradeauslauf schließen.
Das für GT so typische Sitzstreben-Konstrukt (Triangle genannt) wird polarisieren, wie es schon immer polarisiert hat. Unverkennbar, für manchen extravagant - für den anderen wieder ein absolutes No-Go. Ob es auch technisch was bringt, sei dahingestellt. Ansonsten ist mit der Shimano 105 (11-fach) eine verlässliche Schaltgruppe verbaut, mit der man nun wirklich nichts falsch machen kann. Eine gute Performance trifft hier auf bewährte Technik und hohe Haltbarkeit im mittleren Preisniveau. Die Kurbel von FSA (50/36) ist wohl dem relativ niedrigen Preis geschuldet, obwohl es auch bei dieser Auswahl nicht wirklich was zu meckern gibt. Vor dem Feldtest war allerdings offen, wie sich die hydraulisch/mechanische Tektro-Scheibenbremse (160/160 mm) machen würde; hier fehlte dem Tester bis dato jegliche Praxiserfahrung. Die Carbon-Gabel, der Lenker und der Vorbau sind hausgemacht, ebenso verhält es sich mit dem Sattel, den ich als erstes gegen einen Fizik Arione tauschte, bevor ich mich in den Sattel schwang. Da weiß man, was man hat...
Auf asphaltierter Straße zeigt sich das Grade wie vermutet lammfromm und gutmütig, der Geradeauslauf ist phänomenal. In die Kurve neigt es sich hingegen ein bisschen widerwillig, vor allem, wenn die Kehre mit einer hohen Geschwindigkeit angebremst wird. Neben der Laufruhe ist allerdings auch der wirklich gute Verzögerungswert der Tektro Bremse zu erwähnen. Nach dem Einbremsen und ein wenig nachjustieren funktioniert das Hybrid System wirklich tadellos, auch der Druckpunkt ist gut zu finden. Selbst wenn man wirklich brutal in die Eisen steigt macht das Rad bis zur Blockiergrenze einen sehr vertrauenserweckenden Eindruck. Spätestens nach dem ersten Abbiegen auf raue Schotterstraßen und Feldwege wird klar, dass der kleine Nachteil in puncto Behäbigkeit schnell zum Vorteil wird. Hier fühlt sich das Enduroad meiner Meinung nach mehr zu Hause als auf der Straße.
Am Hinterbau ist der komfortable Flex auch für schmerzbefreite Biker sofort erkennbar und dennoch verfügt der Rahmen über sehr gute Steifigkeitswerte. Die ebenso gut flexende Gabel verhindert Spontanbesuche beim Zahnarzt, das Grade rollt über Steine und durch Schlaglöcher, als würde es sich um eine planierte Straße handeln. Ab Werk ist eine 11-32 Kassette verbaut; dies sorgt zwar für eine eher grobe Abstufung, ist aber vor allem Offroad und bei Anstiegen eine gute Wahl. Die robusten Alex-Laufräder hatten auch nach wirklich derben Tiefschlägen keine Seiten- oder Hochschläge, und solange es trocken ist, tun auch die 28er Reifen ihren Dienst. Für dauerhafte Einsätze im Offroad Bereich ist aber ein Umstieg angeraten - es gab während des Tests zwar keine Panne, aber die Lauffläche ist inzwischen mit kleinen Schnitten und Rissen übersät, und bei nassem Untergrund ist die Haftgrenze der Pneus auch schnell erreicht.
Der nach unten relativ weit offene und seitlich leicht ausgestellte Lenker sorgt für hohe Kontrolle und animiert in der Unterlenker-Pose sogar zum Schnellerfahren; dennoch ist gerade dieser sportliche Ansatz nicht gerade schlüssig und nach wenigen Minuten ist das auch nicht mehr wirklich bequem. Vermutlich dachte man dabei mehr an die Vorlieben der US-Crosser als an die Anyroad-Fahrer in Europa. Insgesamt machten die Ausflüge auf umliegende Feldwege, Weinberge und Waldwege aber immer extremen Spaß, im Winter wie auch im Frühjahr. Mir persönlich wurden im Hinblick auf Anyroadfahren jedenfalls die Augen geöffnet. Selbst altbekannte Trainingsreviere zeigen sich so von einer völlig anderen Seite.
Das GT Grade 105 ist ein überaus gutmütiges, aber relativ schweres Rad für alle Fälle. Anyroad, Straße, Wintertraining, Schlechtwetter und mit Abstrichen (fehlende Ösen für Gepäckträger) sogar Reise- und Alltagsrad. Die Ausstattung ist für den Preis schwer in Ordnung, alles an diesem Konzept ist auf Haltbarkeit und Robustheit ausgelegt. Der Komfort ist sowohl am Heck als auch an der Front richtig gut. Sprints und Kriterien wird man damit nicht gewinnen, auch wenn die Steifigkeitswerte für schwere Fahrer mehr als ausreichend sind. Ja nach Bereifung bringen die Ausritte ins Gemüse wirklich einen hohen Spaßfaktor, das Rad öffnet sozusagen neue Wege für jene Radfahrer, die auf eine Rennrad-ähnliche Position nicht verzichten wollen. Gut!
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