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Diejenigen von euch, die so um die 40 oder etwas darüber sind und bereits in ihrer Jugend auf dem Bike saßen, können die nostalgische Begeisterung, die ein Trip in die MTB-Vergangenheit auszulösen im Stande ist, wahrscheinlich ganz gut nachvollziehen. Die Jüngeren unter euch laden wir aber ebenso herzlich ein, sich auf die folgende Geschichte einzulassen und, dem darin vorkommenden alten Plunder zum Trotz, Neues zu entdecken ...
Die Zeit war generell sehr bunt. Nur Shimano blieb immer schlicht.
Es war 1992/1993. Eine sehr bewegte Zeit, was Mountainbiking betrifft. Ende der 80er bzw. Anfang der 90er schwappten die ersten wirklich coolen Mountainbikes und Parts aus den USA nach Europa: Klein, Cannondale, Yeti, GT, Fat Chance & Co., was Rahmen und Bikes anging; sowie Grafton, Ringlé und Ritchey, die geniale Teile produzierten - oft recht bunt eloxiert. Die Zeit war generell sehr bunt. Nicht nur die Anbauteile, auch Rahmen und Bekleidung rührten im Farbtopf. Man erinnere sich beispielsweise an das heimische Bikewear-Label RiffRaff ... Nur Shimano war immer schlicht. Damals, 1992, kam die erste XTR 900er-Gruppe auf den Markt. Schon 8-fach und funktional wie immer top!
Vor dieser Zeit, in den 80ern, war es ungleich schwieriger, Geländeradfahr-Pioniere mit Edelteilen zu beglücken. Zwar gab es bereits Shimano XT, DX & Co., aber man musste sich meist mit Kettler City Bikes oder ähnlichem begnügen. Nachdem Schmutzfänger, Beleuchtung und Katzenaugen entfernt waren, sahen diese einem Mountainbike schon recht ähnlich. Dass es in den USA schon ab den frühen 80ern „richtige“ Mountainbikes von der Stange gab, haben wir hier mangels Internet jedoch gar nicht so richtig mitbekommen. Zumindest ich nicht - vielleicht war ich damals aber auch nur zu jung. Um 1990, ich besuchte noch die HTL, war es so weit. Mein grünes Kettler musste weichen. Für ein Klein reichte das Geld natürlich nicht, und so wurde es ein Framework. Aber immerhin schon mit Shimano XT II. Man bedenke, dass ein Klein Adroit Rahmenset damals rund 40.000 Schilling gekostet hat. Baute man das Rad mit edlen Grafton- und Ringlé-Komponenten auf, kamen nochmals 20.000 - 30.000 Schilling dazu. Das waren einfach exorbitante Preise und für mich als Schüler undenkbar. (Keine Sorge, ich bin noch nicht so realitätsfremd um zu übersehen, dass das auch heute noch sehr viel Kohle für ein Rad ist ;-) Was mich an Klein schon damals extrem faszinierte, waren die fetten Alu-Rohre. Heute ist man die großen Querschnitte ja gewöhnt. Aber kurz vor der Jahrtausendwende hatte man eher die dünnen Röhrln der Stahlrahmen als Maßstab im Kopf. Da wirkten die Klein Rohre noch viel fetter, als sie tatsächlich waren (2" Unterrohr beim Adroit).
Es vergingen viele Jahre, in denen ich teils fleißig mit meinen Rädern unterwegs war. Ich legte immer großen Wert auf ordentliche Räder. Sowohl bei den Mountainbikes als auch bei den Rennrädern, die sich mit der Zeit dazugesellten. Auch kann ich mit Fug und Recht behaupten, über die Jahre einige ganz nette Räder zusammengeschraubt zu haben. Wie zum Beispiel mein SUB5 Dale für den täglichen Gebrauch. Mitte 2012 muss es schließlich gewesen sein, als ich beim üblichen Filzen der Radforen über einen Retro Attitude Projekt gestolpert bin. Plötzlich, völlig unerwartet und unvorbereitet, schossen mir die Bilder und Erinnerungen von damals durch den Kopf und entfachten den Wunsch, mein Traumrad aus den 1990ern aufzubauen. Von einer Sekunde auf die nächste war ich wild entschlossen: Ich wollte mir mit einem Gator Adroit meinen Jugendtraum erfüllen.
Mehrere Wochen verbrachte ich damit, mich online in die Retro-Szene einzuarbeiten. Dann strich ich den Gedanken an das Adroit so schnell wieder, wie er davor in mein Leben getreten war. Zu selten sind gut erhaltene Rahmensets mit Starrgabel und Originallack. Was heißt selten? Sie sind de facto nicht mehr zu bekommen bzw. werden nur äußerst selten öffentlich gehandelt. Und wenn, dann explodiert der Preis regelrecht. Für ein sehr gut erhaltenes Rahmenset muss man jetzt ungefähr den 1,5 fachen Neupreis von damals veranschlagen. Also plante ich ein Attitude mit guten gebrauchten Teilen aufzubauen und es neu lackieren zu lassen. Etwas anderes schien mir nicht machbar. Ich wollte das 1993er, da es schon das dickere 1 7/8“ Unterrohr hatte, aber mit seinem MC1 (die Klein Lenker-Vorbau-Einheit hieß Mission Control) und der Starrgabel natürlich noch richtig retro war. Und Gator Linear Fade solle es sein. Für mich persönlich die geilste Lackierung überhaupt. Die Zeiten waren eben sehr, sehr bunt.
Ergo begann ich, Teile aus der Zeit zu sammeln. Einige NOS (New Old Stock, also alte Teile von damals, die aber nie verwendet wurden), einige MINT (für "mint condition", also neuwertig), aber nicht gerade alle High End. "Es muss ja nicht immer ausarten", dachte ich zu der Zeit noch. Da waren eine Kooka Kurbel, Ringlé Naben, Shimano XTR 900 Komponenten, ein Flite, eine türkise Fast Feather Stütze, Tune Sticky Craze Bremsen und noch andere Komponenten mehr.
Derartiges Jäger- und Sammlertum braucht seine Zeit, aber Ende 2013 hatte ich dann alle Teile mit Ausnahme des Rahmensets zusammen. Auch den Repaint dachte ich, schon geklärt zu haben. In der Weihnachtszeit ersteigerte ich dann noch ein Attitude Rahmenset auf ebay. Leider kein 1993er, aber mit Starrgabel. Zu diesem Zeitpunkt war mir bereits klar, wie extrem gesucht derartige Framesets sind und dass man, wenn eines in Aussicht ist, kein bisschen wählerisch sein darf. Ich dachte also in ein paar Monaten wäre mein Traumrad aus Jugendtagen fertig. Denkste.
Nachdem ich mit einem namhaften Klein-Lackierer in Deutschland Kontakt aufgenommen hatte stellte sich heraus, dass der Repaint nicht, wie Anfang 2013 angeboten, 400-500 Euro kosten sollte sondern mittlerweile 1.200 Euro - mit drei Monaten Wartezeit, wohlgemerkt.Ich war in dem Moment ziemlich angepisst. Gar nicht auf den Lackierer, denn klarerweise bestimmt nun Mal der Markt den Preis. Vielmehr verstimmte mich die Situation an sich. Ich wusste nicht, wie ich weitermachen sollte, denn mir schien der Preis ganz einfach nicht gerechtfertigt.Parallel dazu kam aber irgendwie der Gusto nach Grafton shifter perches auf. Ich musste die XTR 900 Schalter ja irgendwie am Lenker befestigen, wenn ich coole Bremshebel fahren wollte. Wiewohl das Rahmen- und Repaint-Thema nicht geklärt war, wollte ich plötzlich unbedingt ein echtes Schmankerl auf meinem Retro-Rad haben. Gedacht, getan. Ich begann mit meiner Suche und landete bei Nick in England (ein Coffee Tamper aus einer alten Ringle Hinterradnabe hat uns zusammengeführt). Dieser wiederum stellte mir einen seiner Freunde vor, und der hatte ein Klein Adroit Gator 1993 XS. Und plötzlich war da die Chance, mir meinen eigentlichen Traum, ein Adroit, zu erfüllen!
Nach gut 100 E-Mails am 10. und 11.1.2014 war der Deal dann unter Dach und Fach.
Nachdem das Rahmenset so gut wie neu war und es nicht zu meinen Wesenszügen gehört, mir die Dinge möglichst leicht zu machen, entschied ich mich, das Adroit mit NOS-Teilen aufzubauen (zu dem Zeitpunkt war mir allerdings noch nicht ganz klar, wie schwierig das werden würde). Außerdem sollten die Anbauteile möglichst alle türkis sein (was die Suche nochmals erschwerte und den Preis trieb). Denn falls ich es noch nicht erwähnt habe: Die Zeiten damals waren eben sehr bunt. Auch wenn ich meine aktuellen Räder eher schlicht gestalte, sollte das Rad so dastehen, wie ich es 1993 aufgebaut hätte, wenn Geld keine Rolle gespielt hätte. Also mit jeder Menge Türkis. Erst ein weiteres Jahr später waren alle Teile beisammen. Leider ging einmal ein Paket aus Kanada verloren, was einen großen Teil der Verzögerung ausgemacht hat. Die schwierigsten Parts waren die Klein Sattelstütze (auch wenn das Bike mit der MINT Ringlé Moby Post besser aussieht; aber die Klein Stütze ist NOS), die Schnellspanner und die 2.1er Death Grip Reifen. Ich würde sagen: Es ist ein recht kompromissloser und zeitgerechter Aufbau geworden. Sämtliche Komponenten stammen aus 1993 oder waren, wie die Ringlé-Naben, Ende 1993 verfügbar. Einzig der Vorbau ist aus 1992, weil er mir mit dem Klein-Schriftzug besser gefällt als der 93er mit dem Mission Control-Schriftzug.
Leider würden die vielen Geschichten, die es zu fast allen Teilen an meinem Klein Adroit Gator 1993 gibt, den Bericht sprengen. Äußerst cool ist aber, dass ich mittlerweile einen sehr regen E-Mail-Kontakt mit John Grafton pflege. Derselbe hat mir dann auch türkise Käfige für meine Grafton Speed Traps Pedale geschenkt und sie obendrein signiert. Auch hat er mir extra türkise Speedcontroller-Bremsen mit silbernen L-Stücken gefertigt, damit sie zu den silbernen Felgen passen. Und weil er so schätzt, dass jemand die alten Teile würdigt und die Geschichte am Leben hält, hat er mir eine Kopie der ersten technischen Zeichnung der Speedcontroller-Bremsen vom 26.10.1988 geschickt. Irgendwie prickelnd, diese in Händen zu halten. Und das ist in Wahrheit auch das Tolle an so einem Projekt. Jeder Teil, den man nach mühevoller Suche, langen Verhandlungen und unzähligen Gefallen, die man aufbraucht, in Händen hält, entführt auf eine Zeitreise zurück in die 1990er, offenbart frühe Geniestreiche und immerwährende Handwerkskunst. Und: All die Bilder von damals jagen wieder durch den Kopf. Einfach toll! Ich kann nur jedem Schrauber empfehlen, so ein Projekt zu beginnen. Es ist wirklich bereichernd. Auch wenn die heutigen Räder noch so perfekt sind und natürlich besser fahren: mit den Emotionen von Retrobikes ist das nicht zu vergleichen.
Bedanken möchte ich mich bei allen, die mitgeholfen haben, die Teile zusammenzutragen. So ein Projekt schafft man, wenn man nicht professionell im Retro-Bereich tätig ist, neben viel Geduld und großem zeitlichen Aufwand für die Recherche der Teile, nur mit einem starken Netzwerk!Und auch NoSane gebührt eine Verbeugung. Denn es ist eine Sache, das Rad fertig vor sich stehen zu haben. Aber es ist wirklich toll, so wunderschöne Fotos davon zur Verfügung gestellt zu bekommen!
In wenigen Minuten gratis inserieren – mit Fotos, Preis und Spion-Reichweite in der Bikeboard-Community.
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