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Im Frühjar 2012 präsentierte Trek seinen neuen Komfort-Renner Domane. Und in welche Redaktion auch immer das Endurance-Bike seither seine Räder setzte, erntete es Begeisterungsstürme. „The Domane is a blast“, meinten beispielsweise die Herren von wired.com. „Truly impressive“, befand pelotonmagazin.com. Manuel Jekel von der TOUR, üblicherweise die Zurückhaltung in Person, betitelte gar mit „Sanfte Revolution“, was künftig die Referenz für Komfort beim Rennrad sein werde (7/2012). Und bikeradar.com vergab fünf Sterne.So viel Enthusiasmus macht natürlich neugierig. Also musste auch für bikeboard.at ein Testrad her.
Das Erfolgskonzept der Amerikaner hört auf den Namen IsoSpeed Technologie. Vorrangig ist damit ein Gelenk am Kreuzungspunkt von Sitz- und Oberrohr gemeint, welches die beiden „entkoppelt“. Versteckt unter einer Plastikblende, sorgt eine durch zwei Kugellager laufende Schraube für deren einzige Verbindung. Das Resultat: Die Kräfte werden nicht, wie bei anderen Herstellern, an ein sich dank flexibler Carbonkonstruktionen (minimal) aufbiegendes Oberrohr weitergeleitet, sondern nach unten in das Sattelrohr, das sozusagen auf ganzer Länge flexen kann. An der Front wird dieser Gedanke durch eine vertikal nachgiebigere Gabel (weil 20% mehr Vorbiegung, Gabelscheiden oberhalb der Ausfallenden zusätzlich gebogen) ergänzt. Damit sich das Domane im Gegenzug nicht nervös lenkt bzw. der Radstand ausufert, wurden die Ausfallenden nach hinten gebogen.Dritter Baustein auf dem Weg zum perfekten Mix aus Komfort, Steifigkeit und Effizienz ist die sogenannte „Power Transfer Construction“. Sie umfasst im wesentlichen ein ausgesprochen mächtiges Unterrohr, das einerseits in ein BB90-Tretlager mit extra großer Stützbreite und andererseits in ein asymmetrisches, unten breiteres E2-Steuerrohr mündet und - no na - trotz aller Nachgiebigkeit des Rahmens eine wirkungsvolle Kraftübertragung garantieren soll.
Mit all diesen Features im Gepäck, versprechen die Amerikaner smooth rides auch auf den garstigsten Strecken, wollen aber gleichzeitig nichts an Sportlichkeit und sogar Renntauglichkeit missen lassen. Das Trek Domane ist sozusagen ihre Antwort auf die berühmt-berüchtigten Brevets und Frühjahrsklassiker. Die logische Konsequenz: Ich mache mich mit dem Komfort-Renner unterm Hintern auf die Suche nach der hiesigen Hölle des Nordens. Zuerst allerdings unterziehe ich das 5.9 WSD einem optischen Check.
Ein bisschen umgibt Komfort-Räder ja der Nimbus des Altherren-Renners, nach dem Motto: Wenn's zwickt im Kreuz und die Nasen- und Ohrenhaar allmählich schneller wachsen als das Haupthaar, wird's Zeit für etwas Bequemeres. Die Formensprache des Domane und vor allem das Design des Testbikes straft diese Klassifizierung jedoch Lügen.Mit seiner keck gereckten Nase, den dünnen Sitzstreben und wuchtig dimensionierten Bauteilen im unteren Rahmenbereich fällt die Optik kompromisslos sportlich aus. Und die gold-weiße Lackierung des Damen-Modells ist gewiss nicht jedermanns Sache - dezentes Altwerden sieht aber definitiv anders aus. Laut Trek Store Vienna kommt die extravagante Farbgebung des Testbikes gerade auch bei den Herren der Schöpfung ausgezeichnet an ... Von mir persönlich gibt's ein klares "Like" (die glitzernden Lenkerbänder ausgenommen), und sei es nur wegen der Abkehr vom ansonsten so oft üblichen Einheitsbreit. Die interne Zugführung verhilft dem OCLV-Rahmen zu einem makellosen Äußeren und ist durchwegs sauber gelöst. Ebenfalls positiv schlägt die integrierte Kettenführung zu Buche. Darüber hinaus registriere ich wohlwollend, dass bei Trek auch die Damen in den Genuss der modernsten verfügbaren Schalttechnik kommen, nicht ohne das optisch Plumpe der Ultegra Di2-Bauteile negativ zu registrieren. Als mir nach etlichen ratlosen Minuten dann schließlich auch noch klar wird, wozu die klitzekleinen Gewinde an Gabel und Sitzstreben dienen könnten (zur Montage von Schutzblechen nämlich! Für echte Randonneure ein durchaus sinnvolles Gimmick), kann's endlich losgehen.
Wiener Hölle des Nordens, Versuch 1: Die Ortseinfahrt Breitenfurt West, gleich dort, wo man nach einer Beinahe-Senkrechten zwischen Gasthaus Kühmayer und Friedhof wieder (trügerisch) flachen Boden erreicht. Üblicherweise braucht's dort mehr Land als vor der Kurve noch zur Verfügung steht, um die Fuhre wieder auf StVO-konformes Tempo zu drosseln und halbwegs kontrolliert zu überstehen, was dann kommt: Rillen, Flickwerk, Furchen, Löcher. Mit gewisser Regelmäßigkeit sehe ich in diesem sanften Doppel-S mit Randstein, schmaler Straße und entgegenkommendem Traktor Gott; und habe ob des danach kilometerlang andauernden Gerumpels und Geholpers doch selten Gelegenheit zu religionsphilosophischen Grundsatzdiskussionen. Auf dem Trek hingegen: kein Himmelvater zu sehen. Erst sticht das Domane laufruhig und spurtreu wie eine Eisenbahn den Hang hinunter; dann reden die kräftig zupackenden Ultegra-Bremsen mit den Bontrager-Felgen perfekt dosierbaren Klartext; irgendwo zwischen Einlenken, Umlegen und Durchziehen bringen sich auch die Reifen mit gutem Grip und breitem Grenzbereich positiv ein; und zu guter Letzt gleite ich herrlich gedämpft der Heimat entgegen. Nicht, dass dieses Iso-Dings die Straße glatt bügeln würde. Aber es macht sie sanfter. Es fehlen die Ecken, die Kanten, die Schläge. Wo ich sonst reinknalle, macht's jetzt nur leise rums. Wo's üblicherweise scheppert, ist jetzt bloß ein Vibrieren. Die zahlreichen Schlaglöcher werden zu vernachlässigbaren Dellen, das üblicherweise deutlich bemerkbare Rütteln auf rauem Asphalt kommt, wenn überhaupt, nur sehr gedämpft in meinem Kreuz, Nacken und Schultergürtel an. Ein wackelndes, wippendes Sitzrohr habe ich im Gegenzug völlig umsonst befürchtet. Der optisch deutlich sichtbare Flex (etwa, wenn man mit gesammelter Körperlast auf die hintere Sattelkante drückt) hat keinerlei unerwünschten „Nachhall“. Wer hinter dem Wirken des IsoSpeed-Gelenks ein Feeling ähnlich einer Parallelogramm-Sattelstütze vermutet, irrt ebenfalls. Und „gesperrtes Fully“ trifft's noch weniger. Überhaupt ist schwer zu beschreiben, was da passiert. Sicher ist nur, dass etwas passiert – und dass das gut ist. Ganz eindeutig macht diese erste Blitzausfahrt Lust auf mehr.
Wiener Hölle des Nordens, Versuch 2: über die Haselrast zur Kalten Kuchl. Dort ist der Asphalt so schlecht wie die Moral in Österreichs Politik, und außerdem ist der Weg ins Mekka der Topfenstrudel-Junkies lang – zumindest bei Start und Ziel in Wien Süd. Zwei ideale Voraussetzungen für einen Komfort-Renner, sich zu beweisen. Bis zur Haselrast bleibt genug Zeit, mich an das Domane zu gewöhnen. Die Geometrie fühlt sich stante pede vertraut an, was zum einen sicher daran liegt, dass mir als Madone WSD-Besitzerin die Trek'sche Bauart prinzipiell bekannt ist. Andererseits scheinen die Endurance-Abmessungen schlichtweg gelungen: die Sitzposition ist bequem, nachgerade entspannt, fühlt sich aber durchaus sportlich an. 150 km+ Rides rücken damit ebenso in den Bereich des problemlos Machbaren wie engagierte Intervall-Einheiten knapp unterhalb des Silberblicks. Was meinen eigentlichen Untersatz betrifft: Ich bin kein Fan frauenspezifischer Sättel. Elegant auszusehen, schaffen die wenigsten von ihnen, und sie nageln dich in einer bestimmten Pose fest; in einer idealen zwar, aber doch. Das gilt auch für den Bontrager Affinity RL. Immerhin ist der weiße Thron jedoch der erste seiner Art, der mich nicht genau an den Kanten seiner Einbuchtung drückt, ergo wirklich gemütliches Sitzen ermöglicht. Ein paar Kilometer Übung braucht's, bis das Schalten per Ultegra Di2 wirklich flutscht. Dies nicht etwa wegen funktionaler Insuffizienz des elektronischen Gangwechslers, ganz im Gegenteil: Kaum angekommen am Schalthebel, ist der gewünschte Gang auch schon drin – unter Last ebenso wie beim Überspringen mehrerer Ritzel. Schaltpräzision und -geschwindigkeit sind mit jener beim mechanischen Gangwechsel nicht zu vergleichen und das begleitende Motorengeräusch, de facto nur vorne zu hören, verleiht dem Rad einen interessanten technischen Touch. Allerdings, und das ist, weil es sich doch um ein WSD-Bike handelt, vermutlich nicht als Einzelschicksal abzutun: Mit meinen recht klein geratenen Greifwerkzeugen erreiche ich den Auslösepunkt der beiden großen Hebel nicht ohne umzugreifen. Damit es schnurrt und klickt, muss ich erst mit der gesamten Hand nach unten-außen kippen. Kein wirkliches Malheur, aber auch nicht richtig angenehm. Gerollt wird auf Bontrager RL-Laufrädern (übrigens tubeless ready, was Gegenstand eines separaten, späteren Tests sein wird) mit 700x25c-Reifen. Ganz sicher sind diese bequemer als die schmälere 23er Standard-Variante. Aber ganz ehrlich: In der beeindruckenden Summe des Komfort-Pakets will es mir nicht gelingen, den Anteil der Gummis daran herauszufiltern.
Was die generellen Fahreigenschaften von Treks Neuentwicklung betrifft: Sie fallen trotz der für Räder dieser Kategorie typischen, hohen Front und des etwas längeren Radstands erstaunlich sportlich aus. Gut austariert und mit brauchbarem Kampfgewicht, wirkt es zuverlässig in der Linienführung, ruhig beim Rollen, zackig im Antritt, geschmeidig in den Kurven. Durchaus vorstellbar, dass die fett dimensionierte Mitte auch dem Antritt eines 90-Kilo-plus-Menschen ungerührt standhält; meine (vergleichsweise geringe) Energie verpufft jedenfalls sehr viel eher in der Muskelarbeit für das Dauergrinsen, welches mir das Domane abringt, als in den Rohren seines Carbon-Chassis. Fabian Cancellara hat wohl nicht umsonst bei den Frühjahrsklassikern angekündigt, die ganze Saison mit diesem Rennpferd bestreiten zu wollen …Und was den eigentlichen Zweck meiner Fahrt angeht: Noch nie erschien mir die Haselrast so idyllisch. Sehnte ich mich sonst ob des rauen Untergrundes und seiner zusätzlichen Tücken – kleine und weniger kleine Steine, große und noch größere Löcher, Bruchlinien am Straßenrand … - unter Umständen sogar auf die deutlich glattere, aber verkehrsreiche Gutensteiner Straße, genieße ich diesmal die Passhöhe von den untersten Engstellen im Fels bis zu den obersten Kurven mit mediterranem Flair in vollen Zügen. Es braucht also härteren Tobak.
Wiener Hölle des Nordens, Versuch 3: Die Höhenstraße. Per Rennrad auf gepflasterten Straßen zu fahren, habe ich mir schon vor Ewigkeiten abgewöhnt. Es gibt einfach keinen Grund, das leiwand zu finden. Es rumpelt, es scheppert, es schlingert, es rutscht, es schmerzt in den Handgelenken – und echten Radfans gibt es auch einen Stich ins Herz: das arme Material! Das Trek Domane aber hat es so gewollt: ab auf die Wiener Höhenstraße, dem Wald von Arenberg Ostösterreichs. Und weil der Mensch ein Gewohnheitstier ist und mir der Komfort des Testrads nach nunmehr doch schon zwei Monaten recht selbstverständlich geworden ist, nehme ich zwecks Vergleich meine frisch servicierte Anja Charlotte mit. Das war ganz eindeutig ein Fehler. Denn natürlich rumpelt und scheppert und schlingert und schmerzt es. Allerdings nur auf meinem bis dato heiß geliebten Madone. Am Domane hingegen verliert das Kopfsteinpflaster fast gänzlich seinen Schrecken, wird quasi nivelliert – mehr noch: Durch die vertikale Nachgiebigkeit des Rahmens scheint dieses Rad dermaßen an Traktion zu gewinnen, dass das Hinterrad sogar auf diesem unangenehmsten aller Untergründe einfach „kleben“ bleibt und ich ohne den hier sonst üblichen Versetzern und zittrigen Linien meine Bahnen ziehen kann. Eine Offenbarung, ehrlich. Und eine Erkenntnis: Für dieses Rad gibt es kein Terrain, das den Beinamen „Hölle“ rechtfertigt …
nicht mehr sehr blond, immer noch blauäugig, schokosüchtiger denn je
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