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Interview mit RAAM-Sieger Christoph Strasser

Nach Franz Spilauer und Wolfgang Fasching gewann mit Christoph Strasser, im Bikeboard als "Straps" bekannt, abermals ein österreichischer Langstreckenspezialist den Klassiker in den USA.
Text: Reinhard Hörmann Fotos: Alexander Karelly, Harald Tauderer

Interview mit einem RAAM-Sieger


Nach Franz Spilauer und Wolfgang Fasching gewann mit Christoph Strasser, im Bikeboard als "Straps" bekannt, abermals ein österreichischer Langstreckenspezialist den Klassiker in den USA. Mit diesem Sieg gehört er nun endgültig zu den ganz Großen der Extremsportszene. Im Gespräch mit dem Bikeboard-Magazin zeigte sich Christoph Strasser ehrlich und offen wie kaum ein RAAM Sieger zuvor.

BB: Erst Mal Gratulation zu diesem grandiosen Erfolg. Wie geht es dir nach dieser denkwürdigen Leistung und wie fit fühlst du dich nach einer solchen Tortur?

CS: Naja (schmunzelt), fit schon, aber radfahrerisch bin ich noch nicht wieder der Alte. Echte Schmerzen hatte ich nach dem RAAM nur vier Tage. Die ersten Tage gleich nach der Zieleinfahrt waren aber eine absolute Katastrophe. Mein Körper fuhr alle Systeme runter und Schmerzen, die während des Rennens eigentlich erträglich waren, wurden danach zur Qual. Ich konnte kaum gehen, Stiegen hoch zu steigen war der helle Wahnsinn. Mittlerweile spüre ich nur mehr die schmerzenden Handflächen, aber der Hintern ist wieder ganz in Ordnung.

BB: Im Jahr 2009 konntest du das RAAM nicht beenden und musstest mit einer Lungenkrankheit aufgeben. Wie bist du damit heuer umgegangen?

Ich denke, wir machten 2009 eigentlich keine gravierenden Fehler, es war aus heutiger Sicht einfach Pech. Gegen Krankheiten kann man in Wahrheit nichts tun und die können bei solchen Events immer auftreten. Aber ich gebe zu, dass mich Niederlagen länger beschäftigen als Siege. Zweifel und Selbstvorwürfe halten bei mir persönlich länger an als die Freude, einmal alles richtig gemacht zu haben. Dieser Umstand war auch der Grund, warum ich 2010 gar nicht an den Start gegangen bin. Ich wollte nicht mit negativen Gefühlen belastet in ein so wichtiges Rennen gehen, und ich wäre wohl auch nicht mit vollem Einsatz dabei gewesen.

BB: Wie steht es eigentlich zwischen dir und Gerhard Gulewicz, der ja ein wirklich ernstzunehmender Gegner ist. Seid ihr Freunde, Rivalen oder ganz normale Konkurrenten?

Ich denke, wir verstehen uns ganz normal und reden wie Kollegen, aber gut befreundet sind wir sicher nicht. Dass ein Österreicher-Duell vor allem in den österreichischen Medien hochgespielt wird, ist auch klar, mich hat das aber ziemlich wenig interessiert. Gerhard hat sich schon vor Jahren zum Ziel gesetzt, so lange das RAAM zu fahren, bis er gewinnt, und hat sich heuer nur den Sieg vorgenommen. Damit hat er sich wohl selber großen Druck gemacht. Ich hingegen habe versucht, als Außenseiter ohne große Worte ins Rennen zu gehen. Es war natürlich immer mein Ziel, ganz vorne zu sein, aber das wurde nur teamintern besprochen, nach außen hin wollte ich „nur“ durchkommen. Dass man sich als bester Österreicher erfolgreicher vermarkten kann ist die logische Folge, das war uns natürlich beiden klar.

BB: Gerhard und du, ihr habt verschiedene Strategien angewandt und ihr verfügt über verschiedene Stärken als Radsportler. Wie wichtig ist es, weniger zu schlafen als die Gegner, oder einfach ein schnellerer Radfahrer zu sein?

Wichtig ist sicher beides, aber schnelles Radfahren kann vor allem zu Beginn des RAAM viel Vorsprung hereinbringen, und der beflügelt einen enorm. Danach kannst du zur Not den Vorsprung verwalten. Als „Wenigschläfer“ kann man immer erst am Ende aufdrehen und mit kurzen Pausen versuchen, Zeit gut zu machen, aber man muss dem Rückstand nachlaufen, das liegt mir nicht. Ich bin sicher ein besserer Radfahrer als „Wenigschläfer“. Schlafpausen kurz zu halten ist mitunter ein sehr großer Verdienst gut organisierter Betreuer, aber Radfahren muss man immer noch selber…(lacht).

BB: Was sagst du zur Taktik, die Michael Nehls in seinem Buch als das Erfolgsgeheimnis schlechthin propagiert? Er setzt ja auf viel Regeneration und bis zu sechs Stunden Schlafzeit pro Tag, um danach mehr Druck aufs Pedal zu bringen. Könnte man damit das RAAM gewinnen?

Ich denke es ist eine gute Taktik fürs Durchkommen, aber nicht für einen Sieg. Die schnellste Zeit erreicht man, wenn sich der Energienachschub und der Leistungs-Output die Waage halten, das so genannte „Steady State“ muss ereicht werden, denn das kann der Körper tagelang ohne viel Regeneration aushalten. Schlaf ist meiner Meinung nach vor allem für den Kopf und die Konzentration wichtig.

BB: Üblich sind bei Spitzenfahrern ja nur ein bis zwei Stunden Schlaf pro Nacht. Wie läuft eine solche Schlafpause im Rennen ab?

Man kann die Pausen wohl mit dem Boxenstopp in der Formel 1 vergleichen. Sie bringen nicht unbedingt den Sieg, aber sie können die Niederlage bedeuten. Die Zeit ist bei einer solchen Pause unglaublich knapp bemessen. Man verzichtet aufs Duschen und jeder Handgriff muss einstudiert sein. Nach nur einer einzigen Tiefschlafphase geht es wieder weiter. Gesäßbehandlungen mit Laser, Massage und weitere medizinische Checks passieren, während ich schlafe. Oft war ich bei der Weiterfahrt ziemlich verwirrt und desorientiert, ich habe mich sozusagen „wehrlos“ anziehen und eincremen lassen, manchmal erkannte ich sogar mein eigenes Rad nicht als solches. Körperlich war es eigentlich immer halbwegs ok, aber geistig war das schon sehr an der Grenze.

BB: Heuer gab es ja erstmals die Regelung mit dem „Leapfrog-System“ welches besagte, dass bis Timestation 21 nur vom Straßenrand aus betreut werden durfte, also tags über kein Begleitfahrzeug bei dir war. Wie hat sich das ausgewirkt?

Die Info von dieser Neuerung bekamen wir erst zwei Tage vor dem Start, es gab da irgendwie Beschwerden von der Polizei bezüglich befürchteter Verkehrsbehinderungen. Das fand ich so schräg, denn teilweise fuhren wir auf Straßen, die auf 100 Kilometer zwei ganz leichte Kurven beinhalteten, man sah ewig weit voraus, hatte sehr breite Pannenstreifen und so gut wie keinen Verkehr. Wer sollte da behindert werden? Offiziell durften die Betreuer nur einmal pro 15 Minuten vom Straßenrand aus betreuen, also eine Trinkflasche übergeben. Zum Glück hatten wir noch neue Funkgeräte mit Headsets gekauft, so konnte ich auch während des Leapfrogs mit meinem Team Kontakt halten. Nicht mal Mitlaufen am Anstieg war erlaubt. Es war schwer für mich, fokussiert zu bleiben. Ich brauche den direkten Kontakt zu meinem Team, ich bin jemand, der sich gerne mitteilt. Die Nacht war dafür umso besser, denn da war das Team wieder im Pace- Car hinter mir, es gab dann laute Musik, vorgelesene Nachrichten aus Österreich und eine super Stimmung, das hat mich vorangetrieben.

BB: Beim RAAM geht es ja manchmal hunderte Kilometer flach und dann wieder über richtige Hügel. Hattest du für die verschiedenen Abschnitte auch spezielle Räder dabei?

Nein, mit dieser Spielerei habe ich aufgehört, denn ich glaube das macht keine entscheidenden Unterschiede auf einer solchen Distanz. Bergräder, Zeitfahrräder, Räder für die Ebene – das alles ist theoretisch von Vorteil, in der Praxis ist es aber sehr kompliziert und der Vorteil so minimal, dass es nicht dafürsteht. Ich habe mir ein Allround-Rad aufgebaut und fahre auch am Berg mit Aufleger. Wichtig sind für mich vor allem der Komfort, ein halbwegs geringes Gewicht sowie die perfekte Einstellung. Unser Motto war: „keep it simple“, und das hat sich bezahlt gemacht.

BB: Bis zur ersten Schlafpause nach etwa 40 Stunden waren Marko Baloh und du gleichauf, zur Hälfte hattest du dann vier Stunden Vorsprung, im Ziel sogar 16 Stunden. Was hat dich in der zweiten Hälfte so angetrieben?

So blöd das jetzt klingt, ich habe in jeder Phase des Rennens versucht, den Vorsprung auszubauen und nie, ihn nur zu halten. Irgendwie habe ich Angst gehabt, dass Gerhard oder Marko näher kommen könnten, denn die haben so viel Erfahrung und kennen das Rennen fast auswendig. Für mich war alles relativ neu und ein Vorsprung kann gleich weg sein, wenn man schwere Fehler macht, oder auch krank wird. Die Mischung aus Angst und der Gewissheit, doch sehr klar in Führung zu liegen, haben mir förmlich Flügel verliehen. Ich habe meistens einen Streckenabschnitt normal absolviert und den folgenden mit Vollgas, falls man da überhaupt noch von Vollgas reden kann. Ich wollte die Verfolger einfach demoralisieren und zeigen, dass ich keinen Einbruch haben werde. Ich wollte keinem der Gegner auch nur den Funken von neuer Hoffnung gönnen. Baut man seinen Vorsprung auch nur um eine Minute pro Timestation aus, verlieren die Verfolger irgendwann den Glauben, dich doch noch zu kriegen. Mich hat es vorerst gewundert, dass Gerhard und Marko nicht mehr angegriffen haben, aber nach so vielen Tagen hat sowieso keiner mehr Kraft.

BB: Für ein solch extremes Rennen hattest du offenbar wenig körperliche Komplikationen, wie ist das möglich?

Das war und ist ganz klar das Verdienst meines Betreuerteams, und auch unsere große Erfahrung aus anderen Rennen spielte eine maßgebliche Rolle. Ich kenne mittlerweile schon die kleinsten Anzeichen eines aufkommenden Problems und sage das sofort meinem Teamchef Dr. Hochgatterer, der übrigens auch mein Trainer und Sportmediziner ist. So hat er genügend Zeit für geeignete Gegenmaßnahmen. Wenn ein Schmerz einmal zu groß ist, kann man meist nichts mehr machen, außer, ihn durch Schmerzmittel zu verschleiern, und das wollten wir wegen der Nebenwirkungen unbedingt vermeiden. Die Ernährung mit hauptsächlich Flüssignahrung lief während des ganzen Rennens optimal, da habe ich schon jahrelang am Konzept herumgetüftelt, was sich ausgezahlt hat. Mein Physiotherapeut war auch spitze, Rücken und Knie waren im gesamten Rennen nie ein Problem. An dieser Stelle möchte ich mich auch bei allen recht herzlich für ihre unbezahlbare Hilfe bedanken.

BB: Wie ging es dir eigentlich am letzten Tag des Rennens, als der Sieg schon in Reichweite war?

Mein Teamchef sagte, dass der letzte Tag so hart sei wie die anderen acht Tage davor, und ich denke, er hat damit Recht. Mir ging es da vor allem mental richtig dreckig, es war eine Qual. Der Schlafentzug, die Müdigkeit, der stärker werdende Verkehr, der trügerische Gedanke, dass man es schon geschafft hat, machten diesen Tag für mich zur absoluten Hölle. Außerdem war ich extrem verwirrt und dachte schon viel zu früh, das Meer zu sehen. Es war so schlimm, dass ich im Ziel angekommen zuerst mehr verärgert als glücklich war. Das ist die Wahrheit, auch wenn das sicher sehr seltsam klingt.

BB: Was kostet es eigentlich, einen solchen Traum zu verwirklichen? Der Aufwand ist ja gerade für einen Europäer enorm …

Da geistern auch die verschiedensten Zahlen herum und ich kann sagen, dass es die verschiedensten Möglichkeiten gibt, wirklich viel Geld loszuwerden. Mit absolut minimalen Anforderungen kostet ein kleines Team mit zwei Autos an die 25.000 Euro. Um wirklich professionell unterwegs zu sein, braucht man drei Autos und ein Team von mindestens zehn Personen. Da kommt das Budget dann schon auf etwa 50.000 Euro. Ohne meine Material-Sponsoren wie Specialized, Owayo, Abbott, Nutrixxion und Vemma kämen nochmals 20.000 Euro dazu. Natürlich hat mein Hauptsponsor Wiesbauer die Teilnahme erst finanziell ermöglicht, wofür ich mich gar nicht oft genug bedanken kann.

BB: Nachdem du nun etwas Zeit hattest, um Abstand zu diesem Erfolg zu bekommen: Was bedeutet dieser Sieg für dich und wie geht es sportlich mit dir weiter?

Der Sieg ist super, aber die Bedeutung kann ich noch nicht abschätzen. Mir persönlich scheint er fast weniger wichtig zu sein als den Medien und Leuten um mich herum. Die Trophäe steht so wie alle anderen am Küchentisch des Elternhauses, in ein paar Monaten ist dann auch die im Keller in einer Kiste. Es ist erfüllend, auf etwas hinzuarbeiten, aber es ist sicher nicht erfüllend, nur in Erinnerungen an gute, aber vergangene Zeiten zu schwelgen. Mir macht Radfahren sehr viel Spaß, ich habe mein Hobby zum Beruf gemacht und das will ich weitermachen. Nicht aus Größenwahn, sondern aus echter Freude an neuen Herausforderungen. Nur das „Tun“ macht mich glücklich, nicht selbstzufrieden auf dem Sofa zu sitzen. Mein erklärtes Ziel ist das RAAM 2012!

BB: Abschließend gefragt, war dieses RAAM das Optimum oder kannst du dich noch verbessern?

Es war schon eine sehr gute Leistung, Verbesserungen kann es trotzdem immer geben. Aber wenn du acht Tage und acht Nächte durchfährst, ist es nicht realistisch, von einem komplett fehlerfreien Rennen zu sprechen, das wird es, glaube ich, auch nie geben. Beim RAAM kommen immer neue, unvorhersehbare Situationen auf dich zu, da gilt es vor allem fürs Team zu improvisieren und spontan richtig zu entscheiden. Das macht den Unterschied, nicht ob man einmal einen Durchhänger mehr oder weniger hat, sich mal in einer Abzweigung irrt oder bei einer Pause zehn Minuten liegen lässt. Kleine Fehler dürfen passieren. Wichtig ist, wie man damit umgeht, und dass man sich nicht gegenseitig die Schuld zuschiebt, sondern sie gemeinsam ausbessert…

Interview mit einem RAAM-Sieger

Text: Reinhard Hörmann Fotos: Alexander Karelly, Harald Tauderer

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