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Streber waren mir immer unsymphatisch in der Schulzeit. Außenseiter, denen man in der Pause mal das Haxl gestellt und nachher lauthals darüber gelacht hat, wenn sie´s richtig schön aufgebirnt hat, nur um ihnen ihre Verwundbarkeit vor Augen zu führen. Die wenigen Angriffspunkte dieser Spezies beschränkten sich zumeist auf Defizite im Gesamtauftritt (Hochwasser-Bundfaltenhose, komische Brillen, Micky-Mouse T-Shirt, etc.) und Turnunterricht (unkoordiniert bei Ballspielen, meistens die Letzen bei der Wahl einer Mannschaftszusammenstellung beim Völkerball, etc), die sie jedoch, fast gleichgültig, wie zu Höherem berufen, hinnahmen. Je fester die Schläge wurden, desto mehr Emotionen gaben sie frei, ohne jedoch wirklich gefährlich zu werden. Als unterdurchschnittlicher Schüler aber Klassensprecher mit Coolheits-Faktor, hatte man ohnehin die anderen Mitschüler hinter sich und nichts zu befürchten. Gute alte Zeiten...Tja, jetzt sind diese Streber alle in Management-Positionen, die sie sich durch ihre harte Kindheit und damit nicht zuletzt durch mich erkämpft haben. Ich darf mich also durchwegs als Karrierecoach bezeichnen, auch wenn ich die vermittelten Werte für mich selbst weniger gewinnbringend einsetzen konnte.So schmore ich wieder in meinem Fucking-NYXschen-Jungunternehmerbüro im Schweiße meines Angesichts, neben den überhitzten Servern, auf meinem improvisierten Arbeitsplatz vor mich hin, als mich unter Tag wieder eine Mission ereilt.
"Heeee, Ritschiiii! Du brüstest dich doch immer, über deine gesamte Schulzeit hinweg Coolchecker und Streber-Schreck gewesen zu sein?! Muss ewig her sein, dass vor dir jemand Angst oder gar Respekt gehabt hat! Aber wurscht, willst mal wieder die guten alten Zeiten aufleben lassen und einen Streber prügeln?" hallte es durch den Lüftungsschacht zu mir hinunter in die finnische Server-Sauna.
"Von mir aus." gebe ich gespielt gleichgültig zurück.
"Wir können das neue Canyon Strive zum Testen haben! Strive bedeutet soviel wie "strebsam". Soll angeblich alles können. Rauf, runter, links, rechts und überhaupt! 12,5 kg in der Spitzenausführung, damit solltest sogar du irgendwo raufkommen! Harharhar..."
"Tut´s ihn nicht immer so ärgern," geben mir die NYXschen Damen etwas Rückendeckung.
"Weit ist´s gekommen.", denk ich mir. "Weiber verteidigen mich aus Mitleid."
Zeit wieder zum Alten zu werden... Zeit für das Strive. Im Clark-Kent-Stil reiße ich mir die Kleider vom Leib - in meinem Fall Jogging- statt Maßanzug - um zum streberschreckenden Superhelden zu mutieren.
Auf der Canyon-Anzeige im einschlägigen Magazin steht "Der beste Teil ist der Downhill. Und der Weg dorthin. Das Strive mit 160 mm Federweg und 12,5 kg."Darüber ist ein Veteran des Mountainbike-Sports im ruppigen Gelände auf dem Strive abgebildet. Stefan Herrman, ein Gott meiner Jugend, dessen wertvolle Fahrtechnik-Tricks ich unentwegt zu erlernen versuchte. Für einen Wheelie, zum Posen vor der Schule, hat´s gereicht. Für die wirklich sinnvollen Tipps fehlten mir das Talent und die Ausdauer.Gut, schauen wir mal, ob es hält, was es verspricht. Ich nehme das Canyon also feierlich in Empfang. Über die Canyon-Website habe ich zuvor noch meine Körperabmessungen angegeben um die richtige Rahmengröße zu ermitteln. Das Programm spuckte Medium aus. Mmh, bei 1,90 m? Ich vertraute meinem Bauchgefühl und entschied mich für eine Nummer größer. Für mich die richtige Wahl, wie sich herausstellen sollte. Mein Streber kam also in Large und etwas dicklicher als in der Anzeige versprochen daher. 14,6 Kilo, inklusive der leichten CrankBrothers Pedale (395g / Paar - nicht im Lieferumfang enthalten), zeigte die Waage an, als ich es der Erstinspektion unterzog. Vorweg, die NYXen haben mir in ihrer Boshaftigkeit mit dem Strive ES 9.0 natürlich nicht das Top-Modell geordert, sondern die solide Mittelklasse, die eben auch ein paar Gramm mehr auf die Waage bringt. Nunja, es wäre vermutlich ohnehin, wie "Perlen vor die Säue" zu werfen. Zunächst mal die Fakten...
Dann werde ich mir meinen strebsamen Freund mal zwischen die Beine klemmen. Statt Ohrenreiberl und Checkepuff geht´s zum Kennenlernen mal auf eine kleine Tour in den Dschungel Wiens - die Lobau. Zuvor hilft mir der SAG-Monitor, ein Indikator für die Fahrwerksabstimmung, den Dämpfer entsprechend meines Gewichts mit - Achtung! - mitgelieferter Pumpe zu befüllen. Da kommt fast ein wenig IKEA-Feeling auf: Alles inkludiert, um schnell einsatzbereit zu sein.Optisch ist das Strive sowieso gelungen. Ohne Widerrede! Da haben sich die Koblenzer ins Zeug gelegt. Tolle Linienführung beim schwarzen, matt eloxierten Rahmen mit dem extrem flachen Hinterbau, der optimale Steifigkeit garantieren soll. Die Easton Laufräder sind top auf das schlichte, aber hochwertige Design mit seinen goldenen Akzenten abgestimmt. Soll noch einer sagen, die Piefke haben nur was für Technik übrig...Auf den ersten Metern wird schon klar, da hat man was mächtig Solides unterm Arsch. Nicht zuletzt aufgrund des 71 cm breiten Lenkers und den "fetten Alberts" in Schuhgröße 2.40, fühlt sich das Handling vertrauenswürdig an. Für die Erstausfahrt senke ich die Fox 36 TALAS FIT RLC von ihren 160 mm auf 120 mm Federweg ab. Ohne Schmäh, ich bin überrascht, wie zügig sich die rund 14,6 Kilo vorantreiben lassen. An meiner Kondition kann´s nicht liegen - ich bin auf Null geeicht und damit ein absolut repräsentativer Crash Test Dummy.
Nach den ersten Kilometern zweige ich in den netten Singletrail rund um die Dechantlacke ab. Zweige peitschen mich aus, wie sonst nur ich die Streber in der Unterstufe. Im Winkelwerk zwischen Schotter, Wurzeln und Geäst manövriere ich das Bike, nicht zuletzt aufgrund des engen Radstandes, trotz seiner Größe ordentlich dahin. Der kurze Vorbau kommt mir jetzt entgegen. Beim Lupfen des Vorderrades über einen quer liegenden Stamm merke ich, dass die flache Geometrie mit dem tiefen Schwerpunkt nicht zum Steigen tendiert. Ich rumpel' also mehr über den Stamm und schicke gleich noch ein Stoßgebet in die Atmosphäre, dass mich die Truvativ Hammerschmidt Getriebekurbel, dank ihrer großen Bodenfreiheit vor größerem Übel bewahrt hat. Das aber nur einer der Vorteile dieses Systems. In den Genuss weiterer Vorteile komme ich tags darauf. Der Streber hat die Peitschenhiebe der Lobau gut überstanden bzw. gewohnt arrogant hingenommen. Kein Kratzer am Rahmen, nichts zu sehen. Bisamberg ist heute angesagt. Eine kleine Tour, bei der ich dem Streber schon etwas mehr aufs Ritzel fühlen möchten.
Mir schwant Böses beim Anblick der steilen Asphaltstraße hinauf zum Parkplatz vor der Elisabethhöhe. Ich versuchte, mich nicht verrückt zu machen, sondern auf die ANTI-SQUAT-KINEMATIK (die minimale Antriebseinflüsse garantieren sollte) in Kombination mit der Pro-Pedal Einstellung am Dämpfer (soll das Wippen der Dämpfung durch Pedalkräfte minimieren) zu bauen. Hohles Marketing-Vokabular, um Innovation vorzutäuschen, oder etwas, das wirklich Sinn macht?
Kurz und gut, es macht Sinn. Natürlich habe ich meine Bestzeit aus dem Jahr 1997, als ich ein hardtailender, trainierter Jüngling war, nicht einstellen können, aber oben angekommen hielt sich mein Schnaufen beim Panoramablick über Wien in Grenzen. Gleich weiter in den kleinen BMX-Parcours, um weiteres Vertrauen für die Abfahrt zu gewinnen, dann einen Seitentrail des "Rehgraben" runter, um endlich der eigentlichen Bestimmung des Bikes gerecht zu werden. Die Fox-Gabel auf 160 mm ausgefahren und die Rock Shox Teleskop-Sattelstütze per Lenkerknopf eingefahren, geht´s los (goil!). Holterdipolter, links, rechts, klack, klack über lose Steine und Wurzeln, geb ich´s dem Streber. Der Hund ist ähnlich wenig kaputt zu kriegen wie meine damaligen, geächteten Mitschüler. Er muckt sogar noch ein wenig auf, da die Gabel offenbar noch ein paar härtere Einsätze benötigt, um dann "gschmeidig" alles zu fressen, was sich ihr in den Weg stellt.
Bei der erneuten Bergauf-Fahrt, nun auf ruppigerem Untergrund, darf ich noch Mal auf die Hammerschmidt Getriebekurbel zurückkommen. Wo lautes Krachen oft meine Schaltvorgänge in ferne Länder hallen ließ, geht hier unter Volllast alles wie geschmiert. Tief über den Lenker gebeugt, meistere ich mit der 10-fach SRAM X9 Schaltung auch für mich knifflige Passagen, ohne das Haxerl abstellen zu müssen. Den Overdrive, der quasi ein großes Ritzel simuliert, benötigt man maximal bei langen Speed-Passagen, die mir im Zuge des Tests weniger unterkommen. Das Rasseln des Getriebes in diesem Gang ist aber ohnehin etwas nervig und mit permanentem Freilauf-Knattern zu vergleichen. Zuletzt geht´s auf einem unruhigen, kurvigen Hohlweg mit Spurrinnen wieder zu Tale. Jetzt darf der flache Hinterbau, der als abgestützter Eingelenker auf den nadelgelagerten Dämpfer seine Kräfte überträgt, noch mal zeigen, was er kann. In der "270°-Box" vereinen sich ebendiese Kräfte in der Umlenkung des namensgebenden Winkels.
"A runde Geschicht'!", denke ich mir auf der Heimfahrt. Meine vermeintlichen Prügel hat der Streber kalt lächelnd weggesteckt. Als waschechtes Enduro fordert es seinen masochistischen Hang zu Schlägen von allen Seiten - und das in hoher Frequenz - nahezu heraus. Das Strive ist definitiv tourentauglich, gepaart mit entsprechender Kondition. Wenn die Abfahrten vielversprechend und die Anstiege sich nicht wie der Kaugummi in den Haaren der Streber in der Sitzreihe vor mir ziehen, ist das Strive das Rad der Wahl. Aber wie in der Schulzeit, gibt es Streber in verschiedensten Ausführungen und so kann auch hier Geld die Muskelschmerzen lindern. Die Preisspanne reicht von 4.299 EUR beim Top-Streber ESX 9.0 LTD (12,5 kg) bis zum ES 7.0 (14,3 kg) mit 1.999 EUR. Canyon schließt damit in diesem Jahr die Lücke zwischen der beliebten "Nerve" All Mountain Serie und dem Freerider "Torque".
Ich schließe an dieser Stelle auch und kehre zurück in meinen Arbeitsbunker. Gut hat´s getan, wieder ein paar Schläge auszuteilen. Wie schon in der Schule siegte aber auch hier langfristig die Raffinesse gegen meine plumpe Gewalteinwirkung. Trotzdem überlege ich ernsthaft, mir einen Streber als Haustier zu halten, denn irgendwie ist er mir sympathisch geworden und ich konnte sogar Gemeinsamkeiten entdecken. Gut ausgestattet, schönes Äußeres bei akzeptablem Gewicht und durchaus erschwinglich für potenzielle Kunden...
Nachtrag: Im Zuge des Fotoshootings zu diesem Test - das in den Hügeln um Bad Fischau statt fand (Genau, das ist nicht der Bisamberg!) - musste der Streber nochmals herhalten. NoSane fand einen anspruchsvollen Trail, der mich erschaudern lies. Der Streber fühlte es offenbar, schlug zu, und ich schlug vorne über. Aber auch er kam nicht ungeschoren davon. Beim Abwurft rotierte der Lenker und radierte mit dem Bremshebel schön über das hydro-geformte Oberrohr. Als Zeichen ewiger Freundschaft und Blutsbrüderschaft, tragen wir nun beide Narben von unserem Intermezzo davon - Sorry nach Koblenz!
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