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nicht mehr sehr blond, immer noch blauäugig, schokosüchtiger denn je
Belgien ist ein Hotspot in Sachen Cyclocross, und Ridley hat seinen Sitz im Herzen Belgiens. Eins und eins ergibt zwei, auch im Querfeldeinsport, und so eilt den Cross-Bikes der Flamen bereits seit einiger Zeit ein halbwegs legendärer Ruf voraus. Frühe Verwendung von Carbon, konischen Steuerrohren oder Scheibenbremsen sowie sieben Weltmeister-Titel seit 2002 sind nur einige der Gründe hierfür. Entsprechend groß unsere Erwartungen gegenüber Ridleys Oberklasse-Crosser X-Fire 10 Disc.
Die Eckdaten des Bikes klingen nicht schlecht: Ultegra 11-fach, 4ZA Anbauteile und Laufräder, Scheibenbremsen, Carbonrahmen. Auch die Optik überzeugt. Weltmeister-Streifen schmeicheln zuverlässig jedem Ego; wer derlei Psycho-Booster nicht benötigt, kann gegen Aufpreis und Wartezeit auch individuell lackieren. Dazu das großzügig dimensionierte, kantige Unterrohr samt ebenfalls fettem Steuerrohr-Bereich, die eleganten Bögen am Monostay-Hinterbau, die muskulösen Schultern der Carbon-Gabel …Mit innen verlegten Zügen, abgeflachten Schulterpunkten, viel „Schlammabstand“ bei Gabel und Streben sowie kurzem Drop zwecks einfacherer Bewältigung von Hindernissen wirkte das aus HM-Fasern bestehende Chassis für alle Cyclocross-Herausforderungen dieser Welt (inkl. Di2- und EPS-Kompatibilität) gerüstet.Beim Sprung auf die Waage machte sich allerdings erstmals Ernüchterung breit. 9,3 Kilo – dem Ridley geht’s wie der BB-Mannschaft nach den Weihnachts-Feiertagen: Es könnte eine radikale Diät gut gebrauchen. Und auch das weiße Lenkerband und der gleichfärbige Sattel sahen leider nur gut aus, so lange sie neu waren.
Eine separate Anmerkung ist die Größenangabe Ridleys wert: Was bei den Belgiern 52 heißt, ist gemäß klassischer Messmethode nämlich ein 56er-Rahmen, also Obacht beim Bestellen!Und passend zum Thema Größe noch ein interessantes Detail: Das Oberrohr wird ergonomisch gestaltet, was bedeutet, dass sein Durchmesser bei XS- und S-Rahmen schrumpft, damit auch Fahrer mit potenziell kleineren Händen es gut umfassen können.
Der gewichtsmäßigen Kampfansage gegen den Fahrer zum Trotz waren die ersten Fahreindrücke sehr positiv. Einerseits lag dies an der sehr komoten Geometrie des Crossers. Das verkürzte Oberrohr - übrigens besonders schlagfest ausgeführt - erleichtert das Manövrieren durch enge Kurven, gleichzeitig bringt der längere Radstand viel Stabilität. Andererseits gefielen die Bremsen anfangs sehr gut. Scheibenbremsen an Cross-Bikes kommen ja immer mehr in Mode. Das X-Fire wird von Avids BB7, also mechanischen Discs, mit einer 160er-Scheibe vorne und einer 140er hinten gestoppt. Präzise dosierbar und fest zupackend, eroberte diese Bremsanlage rasch des Testfahrers Herz. Gefallen fand Herr Herr auch an der Performance der Shimano Ultegra. Zudem lagen die Schaltbremshebel gut in der Hand und vermittelten auch am Obergriff Sicherheit im Gelände. Die Übersetzung des Elffach-Werkes allerdings brachte unser Crash Test Dummy zum Stöhnen. "Mit 11-25 wird's nach einer Weile echt hart im Wald, auch, wenn vorne ein 36er-Blatt ist." Ein Umstand, über den auch das insgesamt sehr angenehme Fahrverhalten und die steife Gabel nur teilweise hinwegtrösten konnten ...
Kritik gab's bezüglich der Reifenwahl. Die Challenge Grifo 32 mm sind Drahtreifen - einem Schlauchreifenverfechter wie Stefan bereitete das fast körperliche Schmerzen. Lässt sich über weniger Komfort, geringere Traktion und schlechteres Rollverhalten noch als Kriterien mit subjektivem Einschlag diskutieren, gibt's hinsichtlich Pannensicherheit eine objektive Zahl. Insgesamt sechs Defekte in zwei Monaten, davon der erste bereits nach einer Stunde Fahrt, sprachen hier letztlich eine deutliche Sprache. "So viele Patschen hatte ich die letzten acht Jahre zusammengenommen nicht", monierte der Tubular-Fan. Mit fortlaufender Testdauer änderte er außerdem seine Meinung zu den Bremsen. "Bei längeren Abfahrten auf Asphalt und leichtem Anbremsen bemerkte ich beunruhigende Vibrationen." Und beim ersten Regen war's dann überhaupt vorbei: "Die quietschten so laut, dass ein Polizist Nachschau hielt, als ich unterm Fenster eines Kommissariats vorbeifuhr!" Ihre Bremsleistung verloren die akkustisch nervtötenden Lustkiller allerdings nicht. Dafür verlor das Laufrad beinahe die Gabel, oder umgekehrt - und das, obwohl der Schnellspanner geschlossen war. Das Problem, auf welches ein kurzes Knacken aufmerksam machte: Bei stärkerem Bremsen oder Blockieren des Vorderrades traten durch die einseitige Belastung solche Kräfte auf, dass sich das Laufrad in der Gabel verzog und in der Folge in den Ausfallenden verrutschte. Ein fester zupackender Schnellspanner mit Schraub- statt Klappmechanismus könnte hier wohl Abhilfe schaffen.
Im Rennbetrieb - immerhin drei Bewerbe bestritt Österreichs frischgebackener Querfeldein-Vizemeister der Amateure zwischen Oktober und Jänner - hinterließ das Ridley ebenfalls einen zweispältigen Eindruck: Die Fahreigenschaften des Rades an sich wunderbar, das Handling einfach und gut kontrollierbar, die Lauf- und Tragepassagen dank der Special Features wie dem unten abgeflachtem Oberrohr oder dem geringen Drop relativ problemlos.Das hohe Gewicht v.a. der rotierenden Masse schlug bei der permanenten Notwendigkeit, abzubremsen, wieder zu beschleunigen und das Rad zu schultern jedoch mit besonderer Macht zu; und die Drahtreifen nicht mit 1,8 bar fahren zu können, förderte weder Traktion noch Komfort.Last but not least fehlten dem Zahnkranz unter Wettkampfbedingungen links die Zähne, die rechts zu viel waren: "Eine größere Kassette wäre von Vorteil gewesen, um steile Antiege am kleinen oder schnellere Passagen noch auf dem großen Kettenblatt bewältigen zu können", lautete unseres Testfahrers Resümee.
Technisch up to date und in Geometrie und Handling überzeugend, ist das Ridley X-Fire 10 Disc ein (form-)schöner Begleiter im flachen Gelände. Für hügeligeres Terrain oder den Wettkampfeinsatz braucht's eine strenge Diät und eine breitere Übersetzung. Die hierfür notwendigen Investitionen könnten sich aber lohnen. Denn im Herzen ist das Ridley mindestens so viel Crosser, wie Belgien Querfeldein-Hotspot. Noch feiner wäre es aber freilich, wenn gleich der Hersteller selbst bei kleinen Details, die nicht die Welt kosten, dieselbe aber deutlich zum Positiven verändern - etwa den größtenteils schweren 4ZA-Eigenparts - Hand anlegen würde ...
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