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XC-Hardtails sind heute neben all dem "E" und all dem "Full-Suspension" beinahe zur Randerscheinung geworden. So manch großer Hersteller hat seine Modelle schon lange nicht mehr überarbeitet, teilweise sind die Hardtails schon ganz aus den Performance-Linien verschwunden. Trotzdem, oder gerade deshalb, haben wir uns bei einem Klassiker im Segment auf Spurensuche begeben. Was hat ein schneller Asket wie das KTM Myroon 2026 noch in petto?
Ein Hardtail im Jahr 2026? Ich sage: UNBEDINGT!
Ein XC-Hardtail im Jahr 2026? Unbedingt! Zumindest dann, wenn man es nicht nur als Relikt aus Zeiten schmaler Lenker, langer Vorbauten und Bandscheiben aus Stahl versteht, sondern als das, was ein modernes Race-Hardtail im richtigen Gelände sein kann: ein leichtes, direktes, erstaunlich komfortables Werkzeug für lange Tage mit Tempo und Höhenmetern. Die scharfe Klinge für die eiligen Runden. Wir haben einem wahren Klassiker unter den ganz schnellen Hardtails auf den Zahn gefühlt: Auftritt und Realitätscheck für das KTM Myroon Prime.
Im Einsatz war das KTM genau so, wie es seine Macher auch offiziell im Segment platzieren: viel Forstautobahn, einsame Radwege, ruppige Feld- und Waldwege und den ein oder anderen kurzen Trailabschnitt. Klassisches XC-Marathon-Gelände - oder doch irgendwie das, was gemeinhin einem Gravel zugeschrieben wird? Als einer, der dem Gravel-Mindset zwar hörig ist, aber auch nach über zehn Jahren auf diversen Gravelbikes in der Kombination aus Rennlenker und langen, steilen und schnellen Schotterabfahrten (leider bei mir vor der Haustür gängig im Tourenprofil) nie das wahre Glück fand, vertrete ich schon lange die Meinung, dass gerade dann, wenn Gravel-Touren nicht nur entlang der Täler und im hügeligen Umland der großen Städte stattfinden, sondern echte Berge abseits geteerter Wege miteinschließen, ein effizientes Hardtail (oder auch ein Gravel mit Flatbar) das bessere "Gravel" sein kann.
Hochwertig verarbeiteter Carbonrahmen, Fox 32 SC Float Gabel mit klassenüblichen 100 mm Federweg, Shimano XT Di2 Schaltung mit 30Z-Kettenblatt und 9-45Z-Kassette, dazu ein leichter und bewährter Mavic Crossmax SL S 29 CL Laufradsatz mit 25 mm Innenmaulweite und Schwalbe Racing Ray Evo respektive Rick XC Pro Evo Pneus in 2,25 Zoll. Die Shimano XT 2-Kolben-Bremsen verzögern mit serienmäßigen 160-mm-Scheiben. Am Papier tritt das KTM Myroon Prime direkt groß auf. Ergänzt wird die Ausstattung um einen geheimen Autoren-Favoriten: Die ESI Chunky Silikon-Griffe sind immer ein Highlight. Den Po verwöhnt ein Selle San Marco Shortfit Open Fit Wide - ebenfalls ein Redaktionstipp. Der 720 mm breite Carbonlenker, der Vorbau und die Carbonstütze tragen KTM-Logos.Unser Testrad in Größe M brachte so, ohne Pedale und Flaschenhalter, aber mit Schläuchen, ziemlich exakt 10,01 kg auf die Waage. 4.299,00 Euro rufen die Mattighofener dafür auf.
Mit 180 cm Körpergröße, 86 cm Schrittlänge und 74,5 cm Sitzhöhe stehe ich eigentlich so gut wie immer vor der Qual der Wahl: Medium oder Large? Lange griff ich am Mountainbike gerne zum Large - Länge läuft. Aber in den letzten Jahren tendiere ich eher zu kompakteren Geometrien, entsprechend gab ich dem KTM Myroon in Größe Medium eine Chance. 443 mm Reach, 610 mm effektive Oberrohrlänge, 604 mm Stack, 69,5° Lenk- und 74,5° Sitzwinkel, 430 mm Sitzrohrlänge und 430 mm Kettenstrebenlänge stehen hier am Papier.
So viel gleich vorweg: Medium ist für mich fahrdynamisch sehr stimmig, aber nicht ganz ohne Kommentar. Der für mich nötige Sattelauszug ist beträchtlich (bis kurz vor die Schlussmarkierung der Serien-Stütze), der Sattel wanderte maximal nach vorne. Im Dauereinsatz wäre eine Sattelstütze ohne Setback für mich die sauberste Lösung. Was bleibt, ist eine - durch den langen Stützenauszug bedingte - etwas gewöhnungsbedürftige Optik und ein im sitzenden harten Antritt spürbarer Flex der langen Stütze. Dafür belohnt die Größe Medium mit jener Agilität, die man an einem Hardtail sucht: willig in engen Kehren, direkt im Antritt, lebendig am Lenker.
Bergauf fährt sich das Myroon so, wie man es sich von einem 10-kg-Carbon-Hardtail erhofft - bloß mit mehr Traktion im ruppigen Gelände, als das Klischee erwarten ließe. Auf langen Anstiegen sitzt man effizient, bei Attacken - in meinem Fall vorrangig gegen mich selbst - geht das Bike willig mit und motiviert bei Intervallen, das Tempo zu halten. Selbst wurzelige und verwinkelte Uphills gelingen erstaunlich kontrolliert. Das Hinterrad klebt (bitte immer in Relation zu anderen Hardtails, nicht zu Fullys gesehen) am Boden, die Front bleibt unten, und der Fahrer darf sich kurz einbilden, die gerade gemeisterte Passage ginge zur Gänze auf seinen Kasten. Vor allem auch im direkten Vergleich zu meinem in der Theorie besonders traktionsstarken Stahl-Hardtail fällt auf, wie sanft das Myroon trotz deutlich weniger voluminöser Reifen über Wurzeln und Stufen rollt, diese fast schluckt, ohne gefühlt daran "hängen" zu bleiben. Well done!
Besonders spannend wird das Myroon aber dort, wo die Grenzen zwischen Marathonbike und Gravelbike verschwimmen. Ich habe seit jeher die Angewohnheit, mich mit Testrädern ganz bewusst und mit vollem Anlauf in schwierige Situationen zu bringen. Erst in diesen Momenten am mentalen oder körperlichen Limit kommen Schwächen wirklich hervor. Ich sehe das wie den neuen, im Grunde sofort sympathischen Arbeitskollegen. Erst nach drei Tagen gemeinsamer Dienstreise ins verregnete Hintertupfing zeigen sich seine wahren Schrullen – oder eben auch nicht. So halte ich es auch bei meinen Testrides.Für das Myroon hieß das: sommerliche 33 Grad, eine kurze Nacht, keine Zeit für ein Frühstück und eine 120-km-Tour Richtung Neusiedlersee. Über den Semmering und weiter in die burgenländischen Weinhügel wurde schnell klar, wofür dieses Bike abseits der Marathon-Startnummer taugt: Tempo über lange Anstiege, Effizienz auf schnellen Übergängen, Kontrolle auf abwechslungsreichen Abfahrten und deutlich mehr Sicherheit als am Rennlenker, wenn der Untergrund rutschig, steil oder im hohen Gras einfach nur unsichtbar wird. Im Wind und auf der Ebene bleibt ein Gravelbike schneller – hier trumpft die Physik mit ihrem Luftwiderstands-Joker. Aber sobald die Tour nach Voralpen riecht, fühlt sich das KTM Myroon wie die vernünftigere Form von Unvernunft an.
Im Fahrgefühl ist das Myroon ein präzises Skalpell, kein grobes Schwert. Was ich damit sagen will: Es ist agil, subjektiv agiler als so manches Adventure-Gravel - ein Faktor, der es für meinen Einsatz zwischen Marathon und Gravel so verführerisch macht. Es ist aber, unter anderem durch den für 2026er-Standards relativ steilen Lenkwinkel, auch nicht ganz so stabil in grobem Geläuf. Nicht störend, und unter dem richtigen Fahrer wohl auch XCO-tauglich. Aber doch für Käufer, die nach einem schnellen Hardtail für technischere Abfahrten suchen, relevant. Hier gibt es etwas flacher gezeichnete Modelle, welche die reine XCO-Schiene und häufige Trail-Abfahrten mit mehr Stabilität unterstützen.
Die Ausstattung des KTM passt grundsätzlich sehr gut zum Charakter. An der Fox-Gabel gibt es nur Basis-Features zur Einstellung – absolut ausreichend, mit geringem Bediener-Fehler-Risiko, dafür mit praktischer Lenker-Remote. Die Shimano XT Di2 arbeitet unauffällig präzise, auch unter Last im steilen Anstieg. Keine Akku-, App- oder Pairing-Dramen, kein elektronisches Gezicke – einfach schalten. Was an Shimanos lange ersehntem kabellosen Di2-Vorstoß besonders gefällt: der im Vergleich zur Konkurrenz schlanke Trigger. Dessen naher Sitz am Lenker hält die Bedieneinheit auch in engen Uphill-Kurven auf Distanz zu meinen Knien – was bei anderen kabellosen Triggern nicht immer der Fall ist. Das serienmäßige 30er-Kettenblatt mit 9–45er-Kassette ist bergauf ausreichend, mir persönlich aber oben hinaus zu kurz. Ein 32er-Kettenblatt wäre hier wohl mein erster Umbau.Auch die Bremsen sind typisch Race: Shimano XT 2-Kolben mit 160-mm-Scheiben vorne und hinten, fein dosierbar, sauberer Druckpunkt, für XC und Marathon grundsätzlich passend. Bei 90 kg fahrfertigem Fahrergewicht und längeren steilen Abfahrten kommen sie aber thermisch an Grenzen. Für schwere Fahrer, Alpen-Einsatz oder regelmäßige lange Abfahrten wäre zumindest eine 180er-Scheibe vorne die sichere Bank.Der größte Tuningwunsch betrifft, neben der meiner Anatomie geschuldeten Sattelstütze ohne Versatz, die Reifen. Die serienmäßigen Schwalbe-Pneus in schlanken 2,25 Zoll rollen leichtfüßig, passen zum Gewichtsgedanken und auch für meinen Borderline-Gravel-Einsatz. Mit der Umrüstung auf Tubeless würde ich aber trotzdem direkt auch zu Reifen mit 2,35 oder 2,4“ Breite greifen. Aus meiner Sicht: mehr Komfort, mehr Sicherheit, mehr Reserven – ohne dass das Myroon dadurch seinen scharfen Charakter verlieren müsste. Im Gegenteil: Es würde vermutlich noch besser zu jenem Einsatz passen, in dem es mich am meisten überzeugt hat. Bleibt man bei Serienausstatter Schwalbe und seinen XC-Reifen, so würde der Sprung auf die nächste Breite ein Mehrgewicht von etwa 70 bis 80 Gramm mit sich bringen. Ja, für echte Racer ganz außen an der rotierenden Masse absolut relevant. Für mich persönlich fällt dies aber im Vergleich zum größeren Volumen und all seinen Vorteilen nicht ins – Achtung, schlechtes Wortspiel on the way – Gewicht.
Am Ende bleibt ein überraschend klares Bild. Das KTM Myroon Prime ist keine nostalgische Rückkehr zum Hardtail, sondern eine sehr moderne Interpretation davon. Es ist schnell, leicht, effizient und optisch angenehm zurückhaltend. Es ist eine Marathon-Waffe, ja. Aber vielleicht ist es auch spannend als „Alpen-Gravel“ für all jene, die lange Anstiege lieben, lange Abfahrten genießen – denen ein Renn- oder Gravel-Lenker auf ihren lokalen Touren aber dann doch zu wenig Kontrolle gibt.Was bleibt, ist eine durchaus scharfe Klinge. Lange Distanzen im Eiltempo, steile Anstiege, lange Anstiege, kurze Antritte und quirliges, agiles Fahrverhalten. Durchaus fähig, in XCO-Terrain zu bestehen, tatsächlich aber zum leichtfüßigen Marathonbike geboren und zum Einsatz als Forstraßen- und Alpen-Gravel berufen, wenn man so möchte.
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