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Ein mächtiger Karton steht vor mir, in ihm das KTM Phinx 3.29 - ein Fully mit großen Laufrädern, die Freude ist nicht minder groß. Im nächsten Moment denke ich mir: "Irgendwo muss ich mit den Laufrädern hängen geblieben sein", während ich versuche das Bike aus der Kartonage zu wuchten. Nein, das KTM ist kein leichtes Mädchen. Mit 14,4 kg Trockengewicht eher eine echte Operndiva, mit der zu tanzen entsprechend Power verlangt. Ausgepackt macht das Gerät aber eine gute Figur. Tatsächlich ist der Rahmen ident mit jenem des zwei Kilo leichteren Phinx 1.29.Die Verarbeitung ist KTM-typisch sehr gut, mit schönen Details wie der Kabelführung im Oberrohr, den grauen Effektstreifen in der Lackierung oder der wohl geformten Umlenkwippe. Eine innen verlegte Bremsleitung ist für diese Preisklasse alles andere als selbstverständlich.
Die 29” Laufräder und Dämpfung vorne und hinten versprechen auf den ersten Blick ein komfortables Fahrverhalten. Der Lenkwinkel von 70,5° sollte auch bei einem 29er für ausreichend Agilität sorgen. Das niedrigste Übersetzungsverhältnis von 24-34 sorgt mit den 29” Laufrädern für eine Entfaltung (Distanz, die man mit einem Tritt zurück legt) von ca. 1,62 m. Im Vergleich: ein 26” Race-Hardtail mit 2-fach XX liegt bei ca. 1,59 m, ein klassisches 26” Hardtail mit 3-fach Schaltung liegt bei ca. 1,45 m. Die krass asymmetrischen Kettenstreben sind ebenso Hingucker wie die integrierte Postmount-Halterung der Hinterbremse. Sowohl Gabel als auch Dämpfer lassen sich komplett sperren. Die verschraubten Ritchey-Griffe sind qualitativ hochwertig und auch beim Selle-Sattel hat KTM nicht gespart. Einzig die Umwerferhalterung sieht optisch nicht ganz so fein aus wie der Rest des Rades. Bremsen und Schaltung von Shimano sind günstige Einsteiger-Modelle - nicht die leichtesten, aber funktionell.Der Rahmen ist, wie eingangs erwähnt, ident mit dem teureren und ca. zwei Kilo leichteren Topmodell Phinx 1.29.
Die ersten Testmeter geht's gemütlich auf Asphalt Richtung Wälder. Das KTM rollt optimal, die Lockouts an Gabel und Dämpfer sorgen für ein knackiges Fahrgefühl ohne Wippen. Nichts knackt, scheppert oder qietscht. So soll's sein. Ich cruise entspannt Richtung Bad Fischau.Auf den ersten spritzigeren Anstiegen meiner Hausrunde wird mir auch schnell klar, dass ich den "Cruising-Mode” während meiner Mission nie verlassen werde - kurze Selbstzweifel überkommen mich. Auf flachere Passagen, die richtig Spaß machen, folgt ein 200 Höhenmeter Anstieg über Forststraßen, der mich in Bedrängnis bringt. Knappe 14,5 kg Leergewicht (ohne Pedale) und die hohe Entfaltung im ersten Gang lassen mich schwitzen wie ein Wüstenkamel in der Mittagshitze. Das günstigste 29er-Fully von KTM, zu dem Einsteiger vermutlich greifen würden, sorgt in dieser Kombination auch bei fortgeschrittenen Wasserträgern für brennende Oberschenkel. Auch auf gemäßigten Anstiegen werden Gelegenheitsradfahrer schnell an ihre Grenzen kommen.Mit flacher werdendem Gelände steigt der Spaßfaktor enorm. Das KTM liegt am Trail wie ein Güterzug. Sind die schweren Laufräder beschleunigt, stellt sich eine gewisse Trägheit und Gelassenheit ein. Kleine Wurzeln werden vom 29”-Fahrwerk geschnupft, dabei arbeitet der Dämpfer spürbar sensibler als die Gabel. Durch Kurven fegt das KTM wie ein ICE mit Neigetechnik, und nach einigen Minuten im Singletrail-Zickzack vergesse ich, über das KTM nachzudenken.
Es riecht nach Kiefern, der Regen vom Tag zuvor ist im Boden versickert und der Duft des Waldes ist ein Sinnesrausch. Zwischen den Bäumen blitzt immer wieder die Sonne hervor, fleckt den Tann hell-dunkel. Ruhige Sekunden wechseln mit den Geräuschen der Waldbewohner, hin und wieder das Knacken des schaltenden Schaltwerks. Trockene Kiefernnadeln auf leicht feuchtem Untergrund sorgen für reichlich Grip, jede Kurve steigert den Bike-Rausch, gelegentlich rutscht der Güterzug völlig unspektakulär über lose Steine, Zapfen oder Wurzeln, bevor sich das Reifenprofil wieder in den saftigen Untergrund gräbt.Der Hinterbau schmatzt über kleine Stufen, die Reifen scheinen nie den Kontakt zum Boden zu verlieren. Schön dosiert bremse ich die engen Kurven an, um die Fuhre gleich wieder laufen zu lassen. So lässt sich ein Sonntag Nachmittag verbringen! Ich vergesse die Zeit, und leider auch darauf, dass es in Kürze wieder bergauf geht - aber das ist eine andere Geschichte...
Ich hatte es mit dem KTM Phinx 3.29 nicht leicht - und das meine ich im doppelten Sinn des Wortes. Einerseits ist das Bike wirklich gut verarbeitet, solide, alles funktioniert so, wie es soll, nichts kracht, quietscht oder zwickt, die Bremsen haben schön Zug und sind gut zu dosieren. Rein technisch gibt es am KTM nichts auszusetzen. Dazu die 29er Laufräder, die der ganzen Fuhre ein sicheres und massives Fahrgefühl verleihen.
Andererseit ist da natürlich das Gewicht. Die niedrigste Übersetzung entspricht mit den 29er Laufrädern ungefähr der 2-fach-XX auf meinem Race-Hardtail. Diese Tatsache in Kombination mit knapp 14,5 kg Ballast lässt nicht nur ungeübte Fahrer gehörig ins Schwitzen kommen. Die Laufräder selbst wiegen komplett mit Reifen, Ritzel und Bremsscheibe träge 5,2 kg (2.350 g vorne, 2.930 g hinten). Was für Vielfahrer vermutlich zu Verschmerzen ist, kann für Gelegenheitsbiker, die sich üblicherweise ja ein Einsteiger-29er-Fully zulegen, schon Mal zum Problem werden.Daher meine Empfehlung: Lieber etwas länger auf ein Phinx 1.29 sparen, oder als preisgleiche Alternative ein klassisches 26er Hardtail (KTM Race) oder auch 29er Hardtail (KTM Race 29) mit deutlich geringerem Gewicht zulegen. Abwärtsorientiere Biker sollten beispielsweise das Bark 20 aus dem Haus KTM in Betracht ziehen, zwar mit klassischen 26er Laufrädern, dafür mit 150 mm Federweg und geringerem Gewicht. Oder als letzte Alternative: Das günstige 3.29 kaufen und in leichte Laufräder wie z.B. die Mavic Crossmax SLR 29er investieren, denn hier wird man die Performance-Unterschiede am deutlichsten spüren.
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