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Conway WME 827 Carbon

Eierlegende Wollmilchsäue sind in den letzten Jahren zur Pflichtübung für alle namhaften Hersteller geworden. Leicht bergan, schnell bergab. Von Kopf bis Fuß kann (oder ist's schon fast ein Muss?) sich der geneigte Biker in Enduro-spezifische Schale werfen und profitieren: z.B. von immer sicherer werdenden Halbschalenhelmen, pedalierbaren Knieschützern und nicht zuletzt potenten Abfahrern der 160-mm-Kategorie mit 12 bis 13 Kilo.
Hype hin, Marketing her: Ihre Vielseitigkeit kann man diesen Bikes keinesfalls absprechen. Und auch wenn einem beim Wort Enduro im ersten Moment fullfacebehelmte Racer am Limit der Physik vor dem geistigen Auge erscheinen mögen - der Einsatzbereich ist in Wahrheit ein viel größerer. Ausgewogenen Geometrien machen diese Geräte auch gut pedalierbar und damit für Tourenbiker auf der Suche nach "Reserven" interessant. Schließlich ermöglicht das Plus an Federweg und Geometrie nicht nur Speed im Renneinsatz, sondern verzeiht auch gern den einen oder anderen Fahrfehler, wenn man im Tourentempo unterwegs ist. Das wiederum wirkt sich auf jedermanns Fahrspaß positiv auf.

Spät, aber dafür gut durchdacht, hat nun auch Conway mit der WME Serie solch ein Schweizer Messer im Angebot. Unter dem Arbeitstitel "We Make Enduro" - dafür steht die Abkürzung WME nämlich -, wurde das Enduro unter Einbeziehung der Kunden über soziale Medien und Homepage Schritt für Schritt zu dem Bike, das sich jetzt in unseren Händen findet. Interessant ist auch die entwicklungstechnische Herangehensweise an das Thema. Die eigentlich 20 Jahre alte, aber 2008 neu aufgestellte Marke Conway formierte kurzerhand eine siebenköpfige Task Force aus Bike-Verrückten, die damit beauftragt wurden, nichts Geringeres als das perfekte Bike zu bauen.
Neben dem 2.100 g Carbon-Rahmen gibt es auch noch preiswertere Versionen mit Aluminiumrahmen. Unser Testbike WME 827 (noch Prototyp) markiert den Einstieg in die Carbonreihe. Was herauskommt, wenn ein Team von Singletrailsüchtigen freie Hand beim Bau seines Traumrades bekommt, sind auf den ersten Blick einmal viele durchdachte Features. Wie sich das detailverliebt designte Bike in der Welt der Wurzeln, Wellen, spitzen Steinen und engen Kurven schlägt, wird unser Langzeittest aufzeigen.

 

Technik

Lange machte sich das Entwicklerteam Gedanken über die richtige Laufradgröße, das richtige Rahmenmaterial, tüftelte an der optimale Geometrie und Kinematik. Man wollte nicht vorschnell ein unausgereiftes Produkt auf den Markt bringen, nur, um dem Trend zu entsprechen. Ziel war, ein Bike zu schaffen, von dem man selbst bis ins kleinste Detail überzeugt ist.

Bei den Flaggschiff-Modellen hat man sich letztlich für Carbon als way to go entschieden. Die Züge sind komplett innen geführt, was eine aufgeräumte Optik bringt. An den Ein- (Steuerrohr) und Ausgängen (am Unterrohr kurz vor dem Tretlager) sorgt ein Klemmechanismus für leichtere Servicierbarkeit der Züge. Um das Unterrohr vor Steinschlag zu schützen, wurde es mit einem dicken, gummierten Schutz überzogen. Und auch ein Flaschenhalter samt Flasche findet im Rahmendreieck Platz.

Was die Standards betrifft, ist man ebenfalls up to date: Mit Tapered Steerer, BB92 Tretlager und 142x12 mm Steckachse ist alles an Board, was Norm ist.  Neben dem mattschwarzen Hauptrahmen ist auch der gesamte Hinterbau aus dem schwarzen Gold gebacken, lediglich die Wippe besteht aus geschmiedetem Aluminium.




Das Hinterbausystem wurde als "Full Floater" ausgelegt, was bedeutet, dass der Dämpfer an der Kettenstrebe ansetzt (er ist "schwimmend" gelagert). Die rechte Kettenstrebe liegt dabei tiefer als die linke, um so genügend Abstand zur schlagenden Kette zu erhalten. Die Streben gehen über in einen zweireihig gelagerten "Horst Link". Diese Spielart eines Viergelenkers zeichnet sich durch ein feines Ansprechverhalten bei kleinen Wellen und großen Schlägen aus; beim Bremsen bleibt der Hinterbau ebenfalls aktiv. Erreicht wird dies durch die leicht vor und unter der Hinterradnabe liegenden Gelenke, die der Bewegung praktisch noch einen weiteren Freiheitsgrad hinzufügen.


Leider neigt dieses System zum Wippen unter Last, was sich aber dank der modernen Dämpfertechnologien und ausgeklügelter Anlenkungen gut unterdrücken lässt. Vor allem im abfahrtsorientierten Bereich überwiegen die Vorteile. 
Besonders stolz ist das WME Team auf die Wippe mit asymmetrischer Dämpferaufnahme. Hier ist eines der Herzstücke des WME versteckt: Mittels Exzenter (Flip Chip) lässt sich der Federweg von 160 auf 170 mm verstellen.
Ein weiteres durchdachtes Detail ist der kleine Fender an den Sitzstreben. Durch diese Eigenentwicklung bleibt der Dämpfer vor allzu großen Schlammpackungen verschont.


Dass das Rad auf die Verwendung von 1-fach-Antrieben hin optimiert ist, zeigt das - zumindest auf den ersten Blick - Fehlen einer Umwerfermontage. Beim Gestalten der Kinematik und der Kettenstreben musste so keine Rücksicht darauf gelegt werden. Sehr wohl hat die Task Force WME allerdings erkannt, dass viele Hobbyfaher und Spaßtourer mit einem 1-fach-Antrieb schlicht überfordert oder zumindest nicht zufriedenzustellen sind. Darum wurde ein "Dual Plate" genanntes Alu-Teil entwickelt, welches, an der unteren Dämpferaufnahme moniert, eine Umwerfermontage und damit die Verwendung von 2-fach-Kurbeln ermöglicht.

„Seit der Erfindung absenkbarer Sattelstützen ist endlich wieder Platz über dem Tretlager! Ein durchgehendes Sitzrohr, das als Totschlagargument einige kinematisch durchaus günstige Konzepte vom Markt verdrängt hat, ist seitdem quasi überflüssig. Nun ist es wieder möglich, den Dämpfer dort zu platzieren, wo er hingehört – zentral, unten. Nur das sorgt für eine gute Radlastverteilung und einen niedrigen Schwerpunkt.“

Warum sich das Entwicklerteam dazu entschieden hat, den Dämpfer durch das Sitzrohr zu führen.

Tech Specs

Rahmen Conway Carbon Monocoque Enduro Fully 170/160 mm Kurbel Sram X1 1000 32 Z. 175mm
Dämpfer RockShox Monarch Plus RC3 Kasette Sram “XG1180″ 10-42 Z
Gabel RockShox Pike RC 160 mm Schalthebel Sram X1 1×11
Vorbau Contec Brut Select A-Head 50 mm Schaltwerk Sram X1
Lenker Contec Brut Select Riser, 780 mm Reifen Schwalbe Hans Dampf Snake Skin
Innenlager Sram Press-Fit Kette Sram X1
Sattelstütze RockShox Reverb Stealth 31,6 mm, 380/125 mm Laufräder DT Swiss Spline E1900 27,5
Griffe Conway Speedgrip Zubehör Dual Plate, HR Mudguard, Kettenführung Bionicon C.Guide Eco
Sattel Fizik Gobi XM Preis € 4199,95
Bremsen Sram Guide RS 200/180 mm Gewicht 12,9 kg (ohne Pedale)

Ebenso wenig wie am Rahmen wollte man bei der Ausstattung des WME 827 Kompromisse eingehen. An der Front federt RockShox`s Pike RC mit 160 mm, am Heck verrichtet ein Monarch Plus RC3 mit drei Fahrmodi (Open, Pedal, Lock) seinen Dienst. Ebenfalls von RockShox stammt die verbaute Reverb mit 125 mm Travel. Bei Antrieb (X1) und Bremsen (Guide RS) bedient man sich in den Regalen von Sram. Mit 200 bzw. 180 mm großen Scheiben sollte für ausreichend Verzögerung gesorgt sein. Um auf Nummer Sicher zu gehen, wurde eine leichte Bionicon C-Guide Kettenführung zur Unterstützung der ohnehin gut arbeitenden Feder am Schaltwerk montiert.

Das 27,5" Enduro rollt auf 1.960 g schweren DT-Swiss Spline E 1900 Laufrädern zu den Kunden. Auf den 22 mm breiten Felgen sitzen vorne wie hinten Schwalbe Hans Dampf Reifen in der Snake Skin Version. Das kurze und breite Cockpit kommt aus eigenem Haus, der Vorbau ist 50 mm lang und klemmt einen 780 mm breiten, gummierten Aluminiumlenker. Die Kontaktpunkte zum Fahrrad werden rückwertig von Fiziks Gobi XM, frontseitig von Conways Speedgrip Schraubgriffen gepolstert. So ausgestattet, kommt unser Testbike auf selbst gewogenen 12,94 kg.

Geometrieseitig wird, wie es dem Trend bei modernen Enduros entspricht, ein ausgewogener Kompromiss aus lang, flach und tief für den Downhill sowie effizient und vortriebsorientiert für lange Anstiege offeriert. Dies mündet in einem effektiven Sitzwinkel von 75°, gepaart mit einem flachen Lenkwinkel von 65,5°. Zusammen mit den 430 mm kurzen Kettenstreben (ein Resultat aus der eingesparten Umwerfermontage am Hauptrahmen) ergibt sich so der vom WME-Team als ideal erdachte Mittelweg.

Um zu gewährleisten, dass man im Downhill nicht über, sondern zentral „im“ Bike steht, wurde neben einem nicht zu hohen Tretlager der Reach (kurz: de waagreche Abstand zwischen Tretlager und Mitte des oberen Steuerrohrendes, also die effektive Länge des Oberrohrs, sobald der Fahrer in den Pedalen steht) mit 431 mm in Größe M bewusst länger gewählt. Zusammen mit dem 50 mm Vorbau und den kurzen Kettenstreben soll das Bike dennoch agil bleiben.

Erstkontakt

Kaum aus dem Karton, sticht das edle Mattschwarz des Rahmens ins Auge. Kombiniert mit den schwarzen Anbauteilen, den schwarzen Laufrädern und den schwarzen Federelementen, glaubt man, den Ghost Rider bestohlen zu haben. Wie ein Stealthbomber steht das WME 827 Carbon im Raum.

Wohin auch immer man dann sieht, zeigt sich Liebe zum Detail. Von den Kabelführungen über die "We Make Enduro" Design-Elemente hin zur Ausstattung wirkt alles durchdacht. Wozu der Lenker allerdings über die gesamte Länge gummiert ist, hat sich mir noch nicht so ganz erschlossen. Sehr zu meiner Freude ist die Flaschenhalterbohrung nicht nur als nettes Feature vorhanden, sondern es lässt sich auch tatsächlich eine Flasche in Männergröße ins Rahmendreieck stecken, ohne sie zuvor mit Heißluft an die Form des Oberrohrs anpassen zu müssen. Für mich als Flaschenkind und notorischer Rucksack-Zuhause-Lasser ein absolutes Muss und Ärgernis bei vielen modernen Fullys und eBikes.

Die Pike an der Front in Kombination mit der effektiven Plattform des RockShox Dämpfers ist bei mir, ebenso wie der 1-fach- Antrieb, ebenfalls eine Kombination, die generell für Vorfreude sorgt. Das erste Setup ist dank RockShox‘s Sag Anzeige schnell erledigt, für die Anpassung der Gabel-Kennlinie an meine individuellen Vorlieben wird wohl noch einer der beiden mitgelieferten Spacer eingebaut werden müssen.

Bisher durfte sich das WME vorwiegend im Wienerwald und dessen Umgebung austoben. Als Neo-Teilzeitwiener begleitete es mich bei meinen ersten Fahrversuchen auf Flachlandrevier, bekam dabei aber leider Navigator-bedingt auch viel Schotter und Asphalt unter die Räder. Hierfür blieb der Hinterbau in seiner 160 mm Konfiguration.

Doch zeigt der Weg (ja, doch auch schon den einen oder anderen gefunden) oder der aufgebaute Fahrtechnikparcours nach unten, ist das WME in seinem Element. Selbstverständlich kann man damit einfach die Bremsen öffnen und im Monstertruckmodus die gerade Linie wählen; aber das Enduro lässt sich auch wunderbar mit der feinen Klinge fahren.

Enge Kurven, (gesuchte, und tatsächlich gefundene) Spitzkehren und Geröllfelder laden trotz der langen Federwege zum Spielen ein. Dank der angenehm hoch im Federweg stehenden Pike lässt sich das Hinterrad auch recht entspannt und kontrolliert versetzten. Durch die kurzen Kettenstreben bleibt das Rad auch bei niedriger Geschwindigkeit agil und lässt sich leicht aufs Hinterrad ziehen, um über den zwanzigsten, zufällig über den Trail gefallen, Ast oder Baum zu hoppeln. Irgendjemand scheint hier über den Winter definitiv zu viel Freizeit gehabt zu haben, mancherorts sind aber auch schlicht die Folgen des Eisbruchs noch nicht beseitigt.

Bergauf bekommt man viel Druck auf das Vorderrad, auch in steilen Stichen wird die Front so nicht leicht und bleibt kontrollierbar. Technische Uphills lassen sich gut meistern, ein offener Dämpfer gibt hier das extra Plus an Traktion.

Der relativ lange Fizik Gobi ermöglicht glücklicher Weise viele Sitzpositionen, denn in langen und sehr steilen Uphills musste ich sehr weit Richtung Sattelspitze wandern, um nicht das Gefühl zu bekommen, leicht von hinten in die Pedale zu treten. Wie effektiv die Sitzposition tatsächlich ist, werden wohl erst die langen Anstiege in der Steiermark zeigen. Aber dort war ich bis vor wenigen Tagen noch mit Ski und Lift aktiv …

Bei moderaten Trittfrequenzen ist der Viergelenker angenehm ruhig. Nur bei hohen Trittfrequenzen wird ein leichtes Wippen spürbar, ein Griff zur Dämpferverstellung löst dieses Problem auf Asphalt aber meist. Mit gesperrter Gabel und Dämpfer im „Lock“ Modus ist das Fahrwerk sogar so hart, dass auf Schotterpassagen nicht nur im Wiegetritt der Hebel auf „Pedal“ wandern muss. Andernfalls verliert das Hinterrad ständig an Traktion. Auf Asphalt geht es aber gesperrt flott bergan, kleine Extrakuppen lassen sich gut im Wiegetritt überwinden.

Zwischenfazit

Conway WME 827 Carbon
Modelljahr: 2015
Testdauer: 2 Wochen
+ Wohlfülfaktor
+ zu Ende gedachtes Konzept
+ Gute Ausstattung
+ Liebe zum Detail
o Übersetzung für Jedermann?
BB-Urteil: Ausgewogenes Enduro mit edlem Finish

Das WME 827 Carbon ist ein gut durchdachter Allrounder mit Hang zum Downhill. Mit feiner Ausstattung und liebevollen Details wirkt das Rad sehr wertig. Vom ersten Meter an fühlt man sich auf ihm Zuhause, die Geometrie wirkt sehr ausgewogen.

Auf den ersten längeren Touren leistete sich das Bike keine groben Schnitzer, ging dem Federweg entsprechend gut bergauf und blieb trotz ausreichender Laufruhe im ruppigen Geläuf agil. Es verleitet zwar zu Geschwindigkeit, zwingt den Fahrer aber nicht zu halsbrecherischem Speed, sondern lädt auch zu fahrtechnischen Spielereien ein.

Bisher konnte ich trotz intensiver Suche noch kein Haar in der Suppe finden. Weitere Ausritte „from Dusk `till Dawn“ und epische Touren (Tirol, wir kommen!)  werden zeigen müssen, wozu das WME tatsächlich fähig ist. To be cont`d ...




Ergebnis 1 bis 2 von 2
  1. #1
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    Ort
    krieglach
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    58

    Conway WME 827 Carbon

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  2. #2
    Bird of Prey Avatar von prolink88
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    Ort
    nähe Graz
    Beiträge
    684
    das Alu WME wiegt 13.1kg und das Carbon 12.9kg
    da kann was net stimmen

    ansonsten ein schönes Bike
    für Carbon viel zu schwer
    Geändert von prolink88 (18-04-2015 um 19:00 Uhr)