Passwort vergessen?
nicht mehr sehr blond, immer noch blauäugig, schokosüchtiger denn je
Februar 2013, E-Mail von Trek Bicycle: "Pack your suitcase of courage and ride with us to hell." Einladung zu einem VIP-Trip als Teilnehmerin des Publikums-Bewerbes am Tag vor dem Profirennen und Zuschauerin bei Paris Roubaix! Mein Köfferchen ist klein und war im ersten Adrenalinschub rasch gepackt. Die Königin der Klassiker, die Hölle des Nordens - und ich mittendrin! Dann allerdings kam ein Winter um den nächsten, und je höher sich die Schneemassen türmten, desto nagender wurden meine Zweifel.Satte 153 Kilometer sollte unser eigener Ritt auf dem Trek Domane bei der Paris Roubaix Challenge umfassen, davon 32,6 auf den berühmt-berüchtigten Pavés. Ob das ohne einer vernünftigen vorherigen Rennrad-Einheit outdoor gutgehen konnte? Die Mannen und Frauen von Trek hatten Derartiges wohl schon geahnt. Wie zur vorbeugenden Vermeidung von Ausflüchten veranlassten sie kurz vor dem Abflug eine Frühjahrsklassiker-taugliche Einkleidung von Kopf bis Fuß:
Um mir Mut zu machen, konsultierte ich darüber hinaus mehrmals meinen eigenen Trek Domane WSD 5.9 Testbericht vom Herbst 2012. Wie ein Mantra flüsterte ich dann mein damaliges Resümee vor mich hin: "Mit dem Trek Domane verliert sogar Kopfsteinpflaster seinen Schrecken. Für dieses Rad gibt es kein Terrain, das den Beinamen "Hölle" verdient."Trotzem kreuzten wie zufällig ständig einschlägige Videos meinen Weg, die mir auf subtile Weise vermittelten, dass ich damals vielleicht schlicht und ergreifend keinen Schimmer von der Beschaffenheit nordfranzösischer Pavés gehabt hatte.
Und dann war der große Tag auch schon da. Das Thermometer zitterte sich langsam auf plus 3 Grad, der Wind blies nicht zu heftig, aber doch. Gemeinsam mit neun weiteren, ausgewählten Journalisten aus aller Welt und einer sechsköpfigen internationalen Trek-Delegation stand ich um 5:30 Uhr auf, aß mein "breakfast of champions" und stieg in den Bus nach Roubaix.Die Paris Roubaix Challenge ist kein Rennen im klassischen Sinn. Es gibt keine Streckensperrung, keine Zeitnehmung und keine fixe Startzeit - mit Ausnahme des Shuttle-Busses, der die Teilnehmer der 170-km-Langdistanz frühmorgens zu ihrem Einstieg in Busigny bringt. Wer nur die 153er oder 70er-Schleife anvisiert, kann kommen und fahren, wann er will.
"Folge den rosa und gelben Pfeilen", stand auf einem kleinen Kärtchen mit Notfallnummer, das jeder Teilnehmer erhielt. Auf der Rückseite waren fein säuberlich alle Pflasterstein-Sektionen mit Kilometrierung und Schwierigkeitsgrad vermerkt. Außerdem unterrichtete das Info-Blatt über die Existenz und Lage dreier Labstationen. Dem Modus entsprechend, unterblieb jegliches Gedränge und Gemetzel am Anfang. Es rollten einfach immer wieder Einzelfahrer, Kleingruppen oder ganze Teams am berühmten Vélodrome vorbei aus der Stadt hinaus - gegen 9 Uhr früh auch wir.
Place du Palais, 8:30 Uhr. Wir kamen gerade rechtzeitig, um das Defilee des Renn-Trosses zu sehen. Polizisten hatten das von prächtigen Prunkbauten umschlossene Geviert im Pariser Vorort Compiègne großzügig abgeriegelt, Einweiser dirigierten die Fahrzeuge mit entschlossenen Handbewegungen millimetergenau auf die für sie vorgesehenen Plätze.Unsere Handgelenke zierte ein rotes Band - die (fast) uneingeschränkte Lizenz zum Spechteln. Dank dieses kleinen roten Streifens Papier durften wir ins VIP-Zelt auf ein Schlückchen Kaffee und knusprige Baguettes. Vor allem aber konnten wir durch die Team-Area spazieren und ungeniert das Material der Profis inspizieren.
Die meisten Fahrer versteckten sich noch hinter undurchdringlichen Vorhängen in ihren Teambussen, manche nützten den unerwartet sonnigen, jedoch noch recht frischen Morgen auch für ein erstes Bad in der Menge, kurze Interviews oder ein Foto mit Kollegen. Paris-Roubaix zu fahren, ist selbst für die abgebrühtesten Profis alles andere als Routine. Man sah es an ihren Gesichtern, teils verschlossen-konzentriert, teils erwartungsvoll-staunend. Gegen halb zehn startete die Moderation, und mit ihr das Unterzeichnen des Startbogens - ein beinahe ritueller Akt. Ein Athlet um den anderen rollte durch das Spalier der Fans und Schaulustigen zur Bühne, bekundete seine Antreten via Unterschrift und empfing, je nach Berühmtheit und Tam-Tam des Moderators, auch Szenenapplaus.
Auf Fabian Cancellara, mit seinen Siegen beim E3 und der Flandern-Rundfahrt zum haushohen Favoriten geworden, musste die um Fotos oder Autogramme buhlende Menge am längsten warten. Als einziger Fahrer des gesamten Feldes brauchte der bereits 2006 und 2010 siegreiche Schweizer einen Bodyguard, der ihm den Weg frei hielt.Dann war es auch schon 10:20 Uhr, und unter dem Jubel der Massen und den guten Wünschen des Moderators machten sich 198 Profis aus 25 Teams zum insgesamt 111. Mal auf den Weg durchs Nord Pas de Calais.
Die Chance, am Tag vor dem Profi-Rennen auf den Spuren ihrer Helden Teile der Originalstrecke von Paris Roubaix zu befahren, zieht Radsport-Fans aus aller Welt an. 2.100 waren es dieses Jahr, und für viele von ihnen wurde damit ein Kindheitstraum wahr. Von den Fiji-Inseln und Gambia kamen sie angereist, aus Brasilien oder Japan. Manche von ihnen hatten sich monatelang vorbereitet und an ihrem Material getüftelt, um der Herausforderung gewachsen zu sein. Unsereins musste darauf vertrauen, dass die Kräfte schon irgendwie reichen würden. Und dass die unzähligen Arbeitsstunden, die Jonathan Hershberger von Trek Travel in die Testbike-Flotte investiert hatte, nicht umsonst gewesen waren. In einem womöglich bereits etwas weinseeligen Moment der Begeisterung für das Rad, das wir alle fahren würden, hatte Michael Mayer, Road Brand Manager von Trek USA, bei unserem letzten Abendmahl ein "Domane seiner Wahl" für denjenigen ausgelobt, der als erster unserer Gruppe in Roubaix ankommen würde. Bis zum Wald von Arenberg allerdings wollten wir gemeinsam fahren.In lockerer Formation und ob der Witterung eingepackt wie im tiefsten Winter, rollten wir also aus der ehemaligen Textil-Hochburg Roubaix Richtung Süden. Gewissenhaft informierten wir uns per Fingerzeig oder Warnrufen über jedes Schlagloch auf unserem Weg - irgendwie herzig angesichts dessen, was noch kommen würde.Die erste Labstation ignorierten wir großzügig. Jonathan hatte schließlich versprochen, mit dem Van hinterm Wald von Arenberg zu warten. "If you need a hug, clothes, or something to eat - I'll be there", hatten seine Worte gelautet. Keine Ahnung, warum sie mich mehr verunsicherten als beruhigten ...
... km 85", verkündete Julien mit ungläubigem Blick. Es wurde unruhig im Bus. Die Pflasterstein-Sektion, an der wir die Profis abpassen wollten, lag bei km 107. Noch trennten uns allerdings zehn Minuten Busfahrt und ein rund 800 Meter langer Fußmarsch von der entsprechenden Passage in Quiévy. "Nein, Irrtum. 75!" korrigierte der französische Marketing Manager von Trek. Kollektives Aufatmen. Wir würden doch noch rechtzeitig kommen. Wir waren unmittelbar nach dem Start zum Bus zurückgelaufen und hatten uns an die Verfolgung des Feldes via Autobahn gemacht. Es jagte mit Rekordtempo der Hölle entgegen. 50 km/h Durchschnittsgeschwindigkeit vermerkte der Newsticker für die erste Stunde, bis ins Ziel sollte es mit unvorstellbaren 44,02 km/h die zweitschnellste Auflage der 111-jährigen Geschichte des schwersten aller Frühjahrsklassiker werden. An unserem Spot hatten bereits Hunderte Schlachtenbummler mit Fahnen, Hupen, Fotoapparaten und Ratschen bewaffnet Aufstellung genommen, unzählige weitere strömten nach wie vor herbei.Schon während des Fußmarsches zu den Pavés von Quiévy à Saint-Phyton hatten lange Kolonnen geparkter Autos von der ungebrochenen Begeisterung der Franzosen und Belgier für den Radsport gekündet. An der vier Sterne schweren und 3,7 km langen Sektion selbst herrschte eine Mischung aus Picknick und Fußball-Match, Volksfest und Ausflug aufs Land.Wie musste es angesichts dieser Bilder erst am Trouée de Wallers-Arenberg oder den anderen Hotspots, an denen gestern noch emsig Zelte aufgebaut und Publikumskorridore eingerichtet worden waren, zugehen?
Als erstes kündeten die Pfiffe der Ordnungshüter vom kommenden Spektakel, dann Hubschrauberlärm. Wie ein Racheengel blieb der weiße Helikopter nur knapp über unseren Köpfen stehen. Als nächstes kamen die Vorausfahrzeuge: Rennleiter, Streckenchefs, Service-Mechaniker ... In halsbrecherischem Tempo bogen sie um die Kurve, hupten, funkten, hüllten die Szenerie in Staub. Bis vor drei Wochen waren die Pavés unter einer Schneedecke begraben gewesen. Seither war im Nord Pas de Calais kein Niederschlag mehr gefallen. Die Sektionen waren trocken wie Sand. Als letztes rasten die Presse-Fotografen heran. Mit routinierten Bewegungen rutschen sie vom Sozius und bezogen in Sekundenschnelle am Straßenrand Position, während ihre Fahrer versuchten, die Motorräder möglichst aus dem Weg zu schaffen. Und dann das Klappern. Das Scheppern. Das Kettenschlagen. Das Surren. Nie werde ich das vielgestaltige Geräusch vergessen, mit dem die Hundertschaft austrainierter, ausgezehrter, auf Anschlag fahrender Profis wie eine einzige, perfekt funktionierende Masse um die Ecke gebogen kam. Schulter an Schulter, Lenker an Lenker, als ob nicht zermürbendstes Höllenpflaster sondern feinster Asphalt unter ihren Rädern wäre. Keines dieser bereits jetzt, in der dritten Sektion von 27, staubbedeckten Gesichter sah, wohin genau die Reise ging. Ausweichen, Ideallinie suchen? Keine Chance, keine Zeit. Mit Tapes an Handgelenken und Unterarmen versuchten sie auszugleichen, was die Buckel, Löcher und Kanten, die sie mit 40 km/h schluckten mussten, an ihren Körpern anrichteten.Angesichts des gestern selbst erlebten war mir völlig unbegreiflich, wie Mensch und Material das aushalten konnten.
Die Menge brüllte, schwenkte Fahnen, schoss Fotos, schrie sich die Seele aus dem Leib. Und dann war der Spuk auch schon wieder so gut wie vorbei. Auf das Hauptfeld folgten kleinere Gruppen, abgerissene Einzelkämpfer, dazischen die Teamautos und erneut Service-Wagen und -Motorräder. Die ersten Schlachtenbummler wandten sich schon wieder zum Gehen, als die wahren Helden des Pelotons auftauchten. Ihre Hosen waren zerrissen, ihre Rücken dreckverschmiert. Mit schmerzverzerrten Gesichtern ernteten auch sie Anfeuerungsrufe und Zuspruch und lehnten sich damit auf gegen das Drohende, Unvermeidliche: den - noch - leer hinter ihnen scheppernden Anhänger des Besenwagens ... Auch Paris Roubaix-Rookie Marco Haller gehörte leider zu jenen, die nach Defekt und Sturz in das verhasste "voiture de balai" steigen mussten. "One screw of the stem broke already in the second sector. Was'nt my classic season. Need to charge up at home. #crash #pain #disappointment", postete der Katusha-Profi später auf Facebook und fasste damit treffend zusammen, welche Gefühlswelt die Gescheiterten umgab.Der zweite Österreicher im Feld hingegen, Bernhard Eisel, hielt sich bis 30 km vor dem Ziel beim späteren Sieger Cancellara auf, verpasste aber dessen entscheidende Attacke, weil er gerade Trinkflaschen ausfasste, und kam letztendlich mit 50 Sekunden Rückstand als Zwölfter ins Ziel.
"Was zählt, ist der Sieg, der Rest ist nur Show", würde uns Dreifach-Triumphator Fabian Cancellara bei unserem exklusiven Meet&Greet am nächsten Tag mitteilen. Hobby-Biker wie unsereins hatten es da deutlich einfacher: Für uns war bereits das bloße Durchkommen das ultimative Glück. Mit einer Medaille für jeden Finisher der Paris Roubaix Challenge wurde auch von Seiten der Organisatoren jeder Teilnehmer wie ein Sieger gefeiert. Die größte Erfüllung aber war, die Hölle des Nordens live erlebt, die Königin der Klassiker - zumindest teilweise - selbst bezwungen zu haben. Mit Erinnerungsfotos, Ehrenrunden durch das Vélodrome und Küssen von ihren Liebsten feierten die Ankömmlinge sich selbst.
Neben 15 erfolgreichen Zieldurchfahrten konnten wir das Glas auf eine weitere, bemerkenswerte Tatsache erheben: Alle Teilnehmer unserer Runde waren defektfrei über die Pavés gekommen, ein einziger hatte einen Platten, den er durch simples Einsetzen eines Schlauches behob. Kreuzschmerzen? Fehlanzeige. Hintern wund? Nein. Meine Hände zierten fünf Blasen, und meine Beine waren ein wenig schwer. Am nächsten Tag sollten mich rheumatisch wirkende Finger plagen und das Öffnen originalverschlossener Wasserflaschen verunmöglichen. Aber ich konnte mich der euphorischen Bilanz der Trek-Leute nur anschließen: "Ein guter Tag. Ein gutes Bike!"
... warteten doch ein paar vereinzelte Zuschauer mehr als tags zuvor zur gleichen Zeit. Auf der Busfahrt hierher hatten wir dank TV Live-Übertragung – von einzelnen Signalausfällen abgesehen – keinen Augenblick des Rennens versäumt.Ausgesprochen früh, gut 50 Kilometer vor dem Ziel, war Cancellara in der Spitzengruppe isoliert. Mit Krämpfen und beeinträchtigt von zwei Trainingsstürzen war der Top-Favorit als Einzelkämpfer unterwegs. „Alle sind gegen mich gefahren", sollte uns der Berner später beim Exklusiv-Interview berichten.Nun konnten wir auf riesigen Bildschirmen über den Kurven des Betonovals und unzähligen Flatscreens in der VIP-Area das Geschehen weiterhin hautnah mitverfolgen.
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