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09.12.25 09:39 3.058Text: Andi Lipp mit Birgit BlessFotos: Marco FischerWenn mentale Challenges die körperliche Herausforderung übertreffen. Mountainbikerin Birgit Bless verschiebt geplant spontan die Normen beim Race Across the Alps.09.12.25 09:39 5.798

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09.12.25 09:39 5.7984 Kommentare Andi Lipp mit Birgit Bless Marco FischerWenn mentale Challenges die körperliche Herausforderung übertreffen. Mountainbikerin Birgit Bless verschiebt geplant spontan die Normen beim Race Across the Alps.09.12.25 09:39 5.798

Der erste Lichtstrahl bleckt über die schroffen Gipfel der Alpen, Tannenspitzen glühen im Morgenrot. Ein Kuckuck unterbricht die morgendliche Stille mit seinem eindrücklichen Ruf – und gestaltet die absolut passende Geräuschkulisse.
Der Lichtkegel der Autoscheinwerfer eines Begleitfahrzeugs schwenkt durch den Wald entlang der emporsteigenden Passtrasse am Mortirolo. Darin zeichnen sich die Konturen einer Radfahrerin ab: Bigi Bless. Als wollte der Kuckuck sie ankündigen …

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Plötzlich alles anders

Birgit Bless, oder Bigi, wie sie von allen genannt wird, fährt das Race Across the Alps - das im Verhältnis von Höhenmetern zu Kilometern schwerste Ultradistanz-Radrennen der Welt. Binnen 32 Stunden führt es einmal über den Alpenhauptkamm und zurück: Von Tirol aus geht es in den Südtiroler Vinschgau, ins schweizerische (Unter-)Engadin, weiter in die italienische Lombardei, dann wieder ins Oberengadin, durch das Unterengadin und erneut den Vinschgau zurück nach Tirol.
Eigentlich. Denn ein Murenabgang oberhalb von Bormio kurz vor Rennstart erzwingt eine Last Minute-Streckenänderung. Und stellt Bigi vor eine echte Herausforderung!

Angesichts der Eckdaten des Race Across the Alps - 14.000 Höhenmeter auf 525 km Wegstrecke - könnte man meinen, die Route als solche sei herausfordernd genug. Aber genau darin liegt der Knackpunkt: Ein derartiges Vorhaben erfordert Planung und eine funktionierende Logistik.
Perfekt für einen Strukturmenschen, wie Bigi Bless es ist. Aber eben auch ihre Achillesferse: "Ich funktioniere über Struktur. Wenn die plötzlich weg ist, verliere ich meine Sicherheit", sagt die Schweizer Content Creatorin mit Rückblick auf die Vor-Start-Phase.
In dieser Unsicherheit half ihr das Team, die neue Route durchzusprechen, sie zeitlich neu zu takten. Diese minutiöse Planung verschaffte ihr schließlich wieder Ruhe. "Dann wusste ich: Ich bin bereit für dieses Rennen."

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Nervosität trifft Vorfreude

Am Mittwoch, zwei Tage vor Rennbeginn, wollte Bigi packen, doch sie wurde sofort vom Gefühl überwältigt, etwas Wichtiges zu vergessen. Nicht das Rennen an sich bereitete ihr Sorgen, sondern das Drumherum: die Organisation der Kleidung, die Ernährung, das Wetter, die Betreuung. "Ich war nicht nervös wegen der Leistung. Dass ich das schaffe, war mir klar. Aber ob alles drumherum klappt? Das hat mich fertig gemacht."

Am Donnerstagabend stieg die Nervosität weiter, begleitet von einer fast greifbaren Vorfreude. Endlich wollte die 30-Jährige Enduro-Enthusiastin zeigen, wofür sie 18 Wochen lang hart und akribisch trainiert hatte.
Beim offiziellen Briefing spürte sie die Realität des Unterfangens: Die Daten waren erschlagend, die bevorstehende Aufgabe gefühlt endlos. "Da habe ich erst realisiert, was mich da eigentlich erwartet", erzählt Bigi, noch spürbar unter dem Eindruck ihrer Race Across the Alps-Erfahrung.

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Beim Start hatte sie sich vorgenommen, im Windschatten der Gruppe mitzufahren. Doch bereits nach wenigen Minuten war das Tempo so hoch, dass sie sich bewusst zurückfallen ließ. "Ich hätte mithalten können, aber ich wusste: Das wäre ein Fehler. Ich muss mein Tempo fahren."
Während große Teile des Feldes davonzogen, blieb die ausgebildete Sozialpädagogin ihrer Linie treu. An der Einfahrt zum Stilfser Joch schienen ihr die Holzstatuen stillen Applaus für ihre Entscheidung zu spenden. Den hatte sie zweifellos verdient, bereits zu diesem frühen Zeitpunkt. Auch und gerade in Anbetracht der Bewältigung aller mentalen Herausforderungen. Und die hörten nicht auf ...

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Im Flow

Am Stilfserjoch erlebte bigiii, wie sich die Schweizerin auf Instagram nennt, einen Moment tiefer Klarheit. Die Landschaft, die Stille, das eigene gleichmäßige Tempo: Alles schien im Einklang. "Ich habe vergessen, dass ich gerade in einem Rennen bin. Es war einfach nur schön", blickt die gelernte Mountainbikerin beinahe entrückt auf das Rennen zurück.

Die erste größere Verpflegung erfolgte unterwegs im Aufstieg. Die Abfahrt nach Santa Maria im Val Müstair meisterte sie mit Tempo. Dort wartete ihr Vater auf sie. "Diese Begegnung hat mir so viel gegeben."

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Durch die Nacht

Die Dämmerung forderte ihren Tribut. Nach sechs oder sieben Stunden auf dem Rad kamen erste Zweifel: Wie sollte sie das noch 20 Stunden lang durchhalten? Am Flüela-Pass wurde Bigi von ihrem Team in Empfang genommen. Der Sonnenuntergang dort wurde zum fast spirituellen Moment: "Ich dachte an alle, die Zeit, Geld und Energie in mich investiert hatten. Ich wollte niemanden enttäuschen."

Dann begann die Nacht. Zum ersten Mal fuhr Bigi im Dunkeln über die Alpen. "Es war wunderschön. Still. Ehrlich. Und auch ein bisschen unheimlich." Am Albula-Pass traf sie Freunde, die sie unerwartet anfeuerten.
Doch wenig später kam der erste Moment echter Müdigkeit. Mit Hilfe von Koffein ging es weiter. Ein Mitfahrer gesellte sich dazu, sie fuhren gemeinsam einige Kilometer "Das hat mir unglaublich gutgetan."

 Es war wunderschön. Still. Ehrlich. Und auch ein bisschen unheimlich. 

Zum ersten Mal fuhr Bigi im Dunkeln über die Alpen.
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Gegen 2:30 Uhr in der Früh überkam sie der Sekundenschlaf. Allein, ohne Support-Fahrzeug, mitten in Italien. "Ich bin kurz eingenickt. Das war heftig." Erst später traf die Schweizerin wieder auf ihr Team: Über das Headset hielten sie Kontakt, während sie sich von Mazza aus den Mortirolo hochkämpfte. "Erzähl mir was. Irgendwas. Sonst schlaf ich ein!", gab sie einem ihrer Betreuer mit. Sie sprachen dann einfach über alles Mögliche. Das lenkte Bigi vom Schlaf ab.

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 Ich bin kurz eingenickt. Das war heftig. 

Sekundenschlaf. Allein, ohne Support-Team, mitten in Italien.
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Bis zum Sonnenaufgang. Der kam pünktlich. Und damit neue Energie. Sogar die Dokumentation ihres Abenteuers rückte wieder ins Bewusstsein: In der Abfahrt vom Mortirolopass Richtung Monno gab sie beim Anblick eines eindrucksvollen Wandgemäldes direkt an der Straße ins Begleitfahrzeug durch: "‚Fahrt vor! Macht Fotos!".
Doch als sie realisierte, dass anschließend erneut der Berninapass zu fahren war, traf die 30-Jährige ein mentaler Schlag: "Ich musste mich zwingen, in Abschnitten zu denken. Tirano. Dann der See. Dann Bernina." Gleichzeitig nahmen die Schmerzen zu: Knie, Hände, Zehen, Nacken. Nur die Beine hielten durch, erinnert sich Bigi: "Meine Beine haben nie geschmerzt. Die haben einfach funktioniert."

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Unstoppable

Oben auf dem Bernina war die RATA-Debütantin am Ende. Kopfmässig. Kurz hielt sie inne, regenerierte für zehn Minuten. Dann wieder weiter. Wenig später wartete Fabio, ihr Freund, der sie ein Stück begleitete: "Das hat mir so viel gegeben. Diese Ablenkung war Gold wert."
Das war der perfekte Push für die letzten Stunden, denn die hatten es erneut in sich: Der Umbrailpass war brutal. 1.400 Höhenmeter am Stück. Danach direkt der Stelvio. Zusammengenommen 1.800 Höhenmeter. Ohne Pause. Dazu Gegenwind. "Ich war am Limit", gibt Bigi zu. Doch ein Gedanke trieb sie an: Wenn sie jetzt noch einmal alles gibt, würde sie unter 30 Stunden bleiben, erinnert sie sich: "Das hat mich noch einmal motiviert!"
Sie schaffte es. Und obwohl das Rennen mittlerweile schon lange vorbei ist, erscheint das Erlebnis immer noch unwirklich: "Ich habe noch nicht realisiert, was ich da geschafft habe", gibt die Content Creatorin fast schüchtern zu.

Am Ende steht nicht nur ihre Leistung, sondern die eines gesamten Teams - und seitens Bigi unendliche Dankbarkeit, dass sie ein solches Team hatte und auf alle zählen durfte.
Training, Organisation, Betreuung, Ausrüstung - alles griff ineinander. "Ich bin stark. Und mit einem starken Mindset kann man Berge versetzen." Oder in unter 30 Stunden mehr als 540 Kilometer und über 14.000 Höhenmeter bewältigen. Mit Erschöpfung. Mit Stolz. Und mit einem Ticket für das Race Across America in der Tasche ...

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Geschrieben
Wenn mentale Challenges die körperliche Herausforderung übertreffen. Mountainbikerin Birgit Bless verschiebt geplant spontan die Normen beim Race Across the Alps.



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Geschrieben

danke für diesen bericht und die ausgezeichneten bilder - auch wenn mein fahrerprofil "bergfahrer in sprinterkörper" (ok mei fettn) das RATA eher ausschließt so motiviert es doch für andere projekte!

Geschrieben (bearbeitet)

 Zwei legendäre Fotos hier. Möglicherweise Kandidaten für Best of 2025. 😻 

 228963_260728.jpg 

 Lichtquelle(n) hier? 

 

 32 Stunden durchgehende Höchstleistung ist beachtlich. Gab es überhaupt keine Pausen? 

 

 Erinnerte mich an https://www.lacrux.com/alpinismus/filip-babicz-klettert-alle-vier-matterhorn-grate-in-7-stunden-und-43-minuten/ 

 

 Und https://de.wikipedia.org/wiki/Große_Nordwände_der_Alpen#Serienbesteigungen_(„enchaînements“) 

 

 https://www.imdb.com/de/title/tt11845644/reference/ habe ich gesehen. 

 

 Interessant wie diese Extremrekorde nach und nach verbessert werden. 

 

 Das Allerhöchste finde ich immer noch die Begehung des gesamten Nördlichen Polarkreis im Alleingang aus 100% eigene Kraft: selbst gezogene Schlitten, Kajak, &c. 

 

https://www.bbc.com/news/articles/c2e30mxnmxdo ist aber auch beachtlich

 

Bearbeitet von lll
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