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Transfairalp

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25.09.12 14:02 19.359Text: NoManFotos: Archiv Alpenverein, irieman420Irieman back on bike. Der Stiefsohn mit dem Alpenverein auf länderübergreifender Nachhaltigkeitsmission. 25.09.12 14:02 19.393

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25.09.12 14:02 19.3937 Kommentare NoMan Archiv Alpenverein, irieman420Irieman back on bike. Der Stiefsohn mit dem Alpenverein auf länderübergreifender Nachhaltigkeitsmission. 25.09.12 14:02 19.393
„Lisi?“ Die Stimme am anderen Ende der Leitung klang leicht panisch. „Du musst mir helfen. Ich habe ein Problem.“
Das war vor gut vier Monaten, und viel ist seither geschehen. Lance Armstrong ist offiziell seiner sieben Tour-Titel verlustig gegangen, Politik und Medien haben das medaillenlose Abschneiden der Österreicher bei den Olympischen Spielen zum Desaster stilisiert, und 14 Mitglieder der Alpenvereinsjugend Deutschlands, Österreichs und Südtirols haben eine Transalp per MTB absolviert.

Letzteres ist in mehrfacher Hinsicht bemerkenswert, hatte die Gruppe doch hierfür nicht nur den Segen ihrer bis dato dem Mountainbiken gegenüber eher skeptischen Dachorganisationen, sondern auch einen Teilnehmer in ihrer Mitte, der nur Wochen zuvor gleich mehrere Kriterien noch nicht erfüllte, die für Unternehmungen dieser Art üblicherweise nötig sind.
  • ein funktionsfähiges Touren-Bike mit ausreichend Federweg, mindestens zwei Zoll breiten Reifen und zuverlässigen Bremsen? Njet.
  • die körperlichen Grundvoraussetzungen und konditionellen Fähigkeiten für einen mehrtägigen Alpencross? Njet.
  • einen Nachweis über die Eignung zum Gruppenleiter? Njet.
  • Das fahrtechnische Können, um sich im alpinen Raum zu bewegen, ohne sich und andere zu gefährden? Ansichtssache.

Alex Stiefsohn, wie er leibt und lebt.

Die Vifen ahnen es bereits: Die Stimme am Telefon gehörte exakt diesem Teilnehmer, und "helfen" war seine euphemistische Umschreibung für "es braucht ein Wundert".
Aber was tut eine herzensgute Radsport-Community nicht alles für die Helden von gestern und Mitglieder von heute? Der Anrufer war nämlich niemand anderer als Alex Stiefsohn, vielen Bikeboard-Usern wohl besser bekannt als "irieman420", und den älteren Semestern unter uns wahrscheinlich noch als einer von Österreichs besten Cross Country-Fahrern der 90er-Jahre ein Begriff.
XC- und Marathon-Siege, Weltcup-Starts und WM-Teilnahmen pflasterten seinen aktiven Weg, bis er 1998 ausstieg und sich fortan in Lebenskunst, Guiding, Massage, Shiatsu, Yoga, Familiengründung und zuletzt Hausbau und Landwirtschaft übte. Zwei Kinder zu ernähren, einen Hof zu renovieren ... das edle Trek von damals, ein 9800 OCLV mit gerade einmal neun Kilo irgendwas, gammelte derweilen vor sich hin und setzte in gleichem Maße Rost an, wie der Stiefsohn Fett (wobei diese adipöse Beschreibung des Stiefsohn'schen Körperbaus O-Ton ist - die Redaktion hätte weniger drastische Worte verwendet).

Und doch ward dieser rad-, konditions- und ausbildungslose Ex-Mountainbiker kraft seiner Lebensweise (Projektleiter Thimo Fiesel: "Alex hat die Nachhaltigkeit ja sozusagen verinnerlicht") und positiven Ausstrahlung - wer irieman nicht persönlich kennt: der Mann ist der personifizierte Sonnenschein, voller positiver Vibes und in dieser Eigenschaft hochgradig ansteckend - auserkoren, ein Pilotprojekt des Alpenvereins als sogenannter "Teamer" zu begleiten:
Elf Jugend- und drei Teamleiter (nebst Alex noch ein Südtiroler Bergfex und eine deutsche Lehrerin) des deutschen, österreichischen und Südtiroler Alpenvereins wollten Mitte August einen umweltbewussten und sozialverträglichen Alpencross von Bad Hindelang im Allgäu nach Laghel am Gardasee durchführen und mit dieser "Transfairalp" nicht nur einen sportlichen Urlaub absolvieren, sondern auch für das Mountainbiken als eine jugendgemäße, ökologische und nachhaltige Form des Reisens Werbung machen.
Im Fokus würden deshalb der sensible Umgang mit Flora und Fauna, respektvolles Fahrverhalten gegenüber anderen Wegenutzern sowie das Mountainbiken als eigenverantwortliche Form der Fortbewegung - vom sorgfältigen Materialcheck bis hin zur Wahl der geeigneten Wege - stehen. "Die TeilnehmerInnen sollen so ressourcenschonend wie möglich unterwegs sein und für die gesellschaftlichen Strukturen in den jeweiligen Gebieten ein waches Auge haben", erklärte Thimo Fiesel, Ideengeber und Projektleiter der Transfairalp bei der Alpenvereinsjugend Österreich, im Vorhinein. Die Herausforderung in Zahlen: 400 Kilometer, 12.000 Höhenmeter.

Zurück zu irieman420. Mit einem ausgeprägten Willen zur Problemlösung hatte der bereits Pläne geschmiedet, seinen mannigfachen Unzulänglichkeiten beizukommen: Einem Crashkurs in Sachen Gruppenleitung am Mountainbike sollte die Teilnahme an der 2010 eingeführten Ausbildung "Übungsleiter Mountainbike" des Österreichischen Alpenvereins gleichkommen. Geleitet von niemand geringerem als Vertrider-Begründer Christoph Malin, würde diese Intensiv-Woche auch gleich fahrtechnische Mankos ausmerzen helfen. Was die konditionellen Aspekte betraf, hatte Alex Glück, dass sein ehemaliger Trainer Fritz Tröstl, anders als er, nicht in Pension gegangen war. "Wöchentlich mindestens drei Stunden im ermittelten Zielbereich" gab ihm der Weltmeister-Coach nach Bescheinigung seines desaströsen körperlichen Zustandes mit auf den Weg. Blieb nur noch ein Problem. DAS Problem. "Ich habe kein Fahrrad. Das heißt, ich habe schon eines. Aber damit, hat Christoph gemeint, komme ich nicht über die Berge."

Als der Trek-Konzern von der Misere seines ehemaligen Aushängeschildes erfuhr, fackelte er nicht lange herum. Schon am nächsten Tag traf die Depesche aus Wisconsin, USA, im Trek Concept Store, Wien I, ein: "Help this guy", lautete deren schlichte Anweisung. Montags darauf war irieman in feinstem Zwirn in der Hegelgasse 19 gestellt, um ein Testbike seiner Größe und Wahl auszusuchen (für die Aufmerksamen unter euch: ja, irgendwo in diesem Absatz verbirgt sich der Beitrag der Bikeboard-Macher am Zustandekommen dieser ganzen Sache ...).
In den feinen Hallen der Nobel-Adresse angekommen, musste der Ex-Racer fesstellen, dass sich die MTB-Welt, seit von ihm verlassen, doch ein wenig weiter gedreht hat. Es dauerte eine ganze Weile, bis er des Beraters Worten von den Vorzügen eines vollgefederten Mountainbikes beim Einsatz im Gelände Glauben schenkte. Auch die fetten Reifen, der kurz und steil nach oben weisende Vorbau oder der ausladende und geschwungene Lenker machten Alex Angst. Als Felgenbremsen-Fahrer der ersten Stunde war er aber immerhin sofort für die Verwendung einer modernen Scheibenbrems-Anlage zu haben.
29 Zoll große Laufräder oder läppische zwei Kettenblätter wären der gewöhnungsbedürftigen Innovationen dann aber doch zu viel gewesen, und so zog der Stiefsohn schließlich mit einem schwarz-blau glänzenden Fuel EX 9.7 mit hochwertigem Carbon-Rahmen, E2-Steuerrohr, interner Zugführung, fettem BB95-Tretlager, 120 mm Fox-gefedertem Travel, solidem XT-SLX-Mix, 15 mm Steckachse und vielen Schmankerln mehr von dannen - nicht ohne zuvor noch auf den nur gewaltsam zu bewerkstelligenden Umbau seiner geliebten roten Ritchey-Pedale von der Leiche, die einmal ein Trek 9800 war, auf das Fuel EX 9.7 zu bestehen.

  • "Und ihr meint wirklich, dass man damit keinen Alpencross mehr fahren kann?""Und ihr meint wirklich, dass man damit keinen Alpencross mehr fahren kann?"
    "Und ihr meint wirklich, dass man damit keinen Alpencross mehr fahren kann?"
    "Und ihr meint wirklich, dass man damit keinen Alpencross mehr fahren kann?"
  • Den neuzeitlichen Alternativen stand irieman skeptisch bis ablehnend gegenüber.Den neuzeitlichen Alternativen stand irieman skeptisch bis ablehnend gegenüber.
    Den neuzeitlichen Alternativen stand irieman skeptisch bis ablehnend gegenüber.
    Den neuzeitlichen Alternativen stand irieman skeptisch bis ablehnend gegenüber.
  • Muss es ein Fully sein? Was, 29 Zoll?! Und da drüben fehlt ja ein Kettenblatt!Muss es ein Fully sein? Was, 29 Zoll?! Und da drüben fehlt ja ein Kettenblatt!
    Muss es ein Fully sein? Was, 29 Zoll?! Und da drüben fehlt ja ein Kettenblatt!
    Muss es ein Fully sein? Was, 29 Zoll?! Und da drüben fehlt ja ein Kettenblatt!
  • Schließlich war ein passendes Bike gefunden und der Stiefsohn glücklich.Schließlich war ein passendes Bike gefunden und der Stiefsohn glücklich.
    Schließlich war ein passendes Bike gefunden und der Stiefsohn glücklich.
    Schließlich war ein passendes Bike gefunden und der Stiefsohn glücklich.
  • Bis auf ... "Ähm... die Pedale, da müsst ma ... nein, unbedingt."Bis auf ... "Ähm... die Pedale, da müsst ma ... nein, unbedingt."
    Bis auf ... "Ähm... die Pedale, da müsst ma ... nein, unbedingt."
    Bis auf ... "Ähm... die Pedale, da müsst ma ... nein, unbedingt."
  • Weshalb die Ritcheys unwillig, aber doch, ihren Platz wechselten.Weshalb die Ritcheys unwillig, aber doch, ihren Platz wechselten.
    Weshalb die Ritcheys unwillig, aber doch, ihren Platz wechselten.
    Weshalb die Ritcheys unwillig, aber doch, ihren Platz wechselten.
  • Drei Wochen später die erste Rückmeldung: Popo rot, Stiefsohn verwirrt.Drei Wochen später die erste Rückmeldung: Popo rot, Stiefsohn verwirrt.
    Drei Wochen später die erste Rückmeldung: Popo rot, Stiefsohn verwirrt.
    Drei Wochen später die erste Rückmeldung: Popo rot, Stiefsohn verwirrt.
  • Ein Monat darauf die nächste. Radl super, Stiefsohn zufrieden.Ein Monat darauf die nächste. Radl super, Stiefsohn zufrieden.
    Ein Monat darauf die nächste. Radl super, Stiefsohn zufrieden.
    Ein Monat darauf die nächste. Radl super, Stiefsohn zufrieden.
  • Kurzum: Der Mann war gerüstet für das Abenteuer Transfairalp.
    Kurzum: Der Mann war gerüstet für das Abenteuer Transfairalp.
    Kurzum: Der Mann war gerüstet für das Abenteuer Transfairalp.

Am 16.8. reiste Alex Stiefsohn mit den weiteren österreichischen Teilnehmern, Daniela Wallner, Stefan Spielauer, Josef Schenkenfelder und Markus Rief, zum Treffpunkt in Hindelang, der Jugendbildungsstätte des Deutschen Alpenvereins.
Nach einem Tag des Kennenlernens, Teambuildings, der Streckenplanung (samt GPS-Workshop) und Aufgabenverteilung, ging es am 18.8. los. Acht Tage waren für die Strecke über den Arlberg, die Silvretta und den Alpenhauptkamm anberaumt. Die Stationen: St. Anton am Arlberg, Ischgl, Heidelberger Hütte, Sesvenna Hütte, Tarscher Alm, Val die Rabbi, Rifugio Graffer, Ferienwiese Laghel. Machbar wäre diese Distanz auch in kürzerer Zeit gewesen. Allerdings war die Transfairalp ja auch kein Alpencross wie jeder andere.

Die MountainbikerInnen wollten auf ihrer Fahrt durch die verschiedenen Naturräume auch der Frage nachgehen, was nachhaltiges Mountainbiken eigentlich ausmache, welche rechtlichen Grundlagen in den verschiedenen Ländern herrschen und wie sich Geländeradfahrer gegenüber Wanderern verhalten sollen. Zu diesem Zweck wurden unterwegs Interviews mit Wanderern, Hüttenwirten oder Tourismustreibenden geführt, Fotos aufgenommen, Videos produziert, ökologische Brennpunkte besucht, technische Einrichtungen besichtigt.
Mit dem gesammelte Material wurde von den Teilnehmern eine Art "Nachhaltigkeits-Logbuch" erstellt. Dieses wird in den kommenden Wochen bei den verschiedensten Gelegenheiten präsentiert (im Bundesjugendausschuss, bei der Hauptversammlung, im AV-Magazin "Bergauf" ...) und soll den Alpenvereinen von Südtirol, Deutschland und Österreich letztlich auch dabei helfen, ihre offizielle Position gegenüber der Sportart Mountainbike über die im Mai 2012 präsentierten 10 Empfehlungen zum Mountainbiken hinaus zu formulieren.
OeAV-Präsident Christian Wadsack hatte bereits im Vorfeld der Alpenüberquerung erklärt: "Die Alpenvereine stehen in der Pflicht, nachhaltige Konzepte für den Mountainbike-Sport zu entwickeln. Und wenn junge Menschen solche Impulse setzen, ist es umso erfreulicher."

Fragt man Teamer Alex, ist diese Saat der Transfairalp voll aufgegangen. „Das war ein unglaublich tolles, innovatives, verantwortungsvolles und zukunftsweisendes Projekt zur Standortbestimmung im Konfliktfeld von Mountainbiken, Wandern, Nachhaltigkeit und Tourismus. Wir haben von den Interview-Partnern sehr viele positive Rückmeldungen erhalten.“ Nachsatz: „Und es ist schön, dass der Alpenverein auf dem Weg ist, Stellung zu beziehen, und zwar nicht von oben herab, sondern im Feldversuch von unten, von der Jugend aus.“

Von der Theorie zur Praxis: "Täglich war eine andere Zweiergruppe für die Planung der Strecke und die Erarbeitung der thematischen Schwerpunkte verantwortlich", erzählt irieman420. Sein Glück: Das anvisierte Tages-Maximum lag bei jeweils 1.600 Höhenmetern, und aufgrund der Fotos, Interviews und des obligatorischen Zusammenwartens ergaben sich genug Pausen, dass das Tempo für wirklich alle gemütlich war.
Zeit und Kraft für kleine und größere Späße blieben dadurch außerdem: Von kurzen Rennen mit Siegen für Südtirol bzw. Österreich berichten die Annalen ebenso wie von Interviews mit Herrn Steinbock und Frau Murmeltier oder einer legendären Wirtshaus-Rechnung, die nicht näher beschrieben werden darf.

Dass der ehemalige Rennfahrer von seinem ersten Alpencross mit zwei Kilogramm Mehrgewicht als bei Abreise heimkehrte, kann seiner Ansicht nach nur an dreierlei liegen: der exzellenten Küche auf den besuchten Hütten ("das sind ja Haubenlokale!"), den dort gereichten Getränken sowie der energiesparende Fortbewegung auf dem vollgefederten Mountainbike von Trek.
"Wirklich: Hut ab, was moderne Fullys drauf haben", ist der knapp vor der Jahrtausendwende Ausgestiegene nach insgesamt vier Monaten auf dem Fuel EX gleichermaßen beeindruckt wie verliebt. "Das bisschen Mehrgewicht im Vergleich zu einem Hardtail macht die superbequeme Fullsuspension allemal wett. Und: kein Patschen, keine Stürze. Aber als bester Fahrer von allen hatte ich natürlich auch das beste Rad von allen" resümmiert der Stiefsohn frech.

Trotzdem: Sollte es eine Neuauflage der Transfairalp geben (und laut Ideengeber Thimo Fiesel stehen die Zeichen hierfür - oder für einen Ableger per Tourenski - gut), wird diese ohne irieman stattfinden müssen. Wunder Hintern? Lagerkoller? Höhenangst? Mitnichten. "Die Gruppe war so genial, und wir haben uns so gut vertragen und so viel voneinander gelernt. So etwas lässt sich nicht mehr toppen", will der Teamleiter keinen müden Abklatsch riskieren.
Außerdem endete mit dem Alpencross auch die offizielle Testphase mit dem Trek Fuel EX 9.7. Gerade auf dem Weg, "genussvoller Tourenfahrer" mit Faible für 1.000-Höhenmeter-Singletrail-Abfahrten am Stück zu werden, wird Alex Stiefsohn somit mangels Fahrrad in Kürze wieder "gar kein Radfahrer" sein. Und hätte dann im Falle einer neuerlichen Anfrage des Alpenvereins wieder ein Problem ...

Impressionen

Fotos: Peter Breiter, Steffie Hasselbeck, Martin Muther, Alex Moser, Andreas Wörner, Daniela Wallner, Jan Kusstatscher, Markus Rief, Stefan Spielauer, Alex Stiefsohn

Anm. d. Red.: Einen seriösen (versprochen!) Bericht zur gegenwärtigen Neupositionierung des Österreichischen Alpenvereins gegenüber dem Mountainbiken gibt's in der nächsten Ausgabe von BIKE Österreich.


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