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nicht mehr sehr blond, immer noch blauäugig, schokosüchtiger denn je
Eigentlich hätte dies eine ganz normale Reportage von der Premiere des Trans Tunisie Marathons werden sollen. Ein neues Rennen direkt am Mittelmeer, zwei ungleiche Teampartner, sechs abwechslungsreiche Etappen - die Zutaten für eine routiniert schillernde Story waren angerichtet. Aber dann kam alles anders, und statt sportlicher Höchstleistungen war vor allem geistige Flexibilität gefragt. Dies ist die Geschichte von einem Etappenrennen, das völlig anders ablief als erwartet, und dem Ersatzprogramm, das wahrscheinlich sogar besser war.
Unser Rastplatz ist gut gewählt. Unter uns liegt ein kleiner Stausee. In intensivem Türkis schillert sein Wasser durchs grüne Gebüsch. Ein hübscher Kontrast zu der roten Erde und den gelben Felsen, die uns ansonsten umgeben, und eine ungewohnte Farbpracht obendrein. Denn an den letzten beiden Tagen haben wir uns fast ausschließlich auf den staubigen wüstenartigen Schotterpisten hinter dem Golf von Hammamet aufgehalten. Mit der ersten Bergetappe des Trans Tunisie Marathons erobern wir nun an Australien erinnerndes Neuland: die Ausläufer der Dorsale.Dieser Teil des nordafrikanischen Atlasgebirges zieht sich von Algerien bis zur tunesischen Halbinsel Cap Bon, die zwischen der Hauptstadt Tunis und dem Touristenmekka Hammamet ins Mittelmeer ragt. Vielgliedrig und gut 200 Kilometer lang, beherbergt das abwechselnd hügelige und schroffe Land die höchsten Berge Tunesiens - im Nordosten, wo wir uns befinden, zum Beispiel den Djebel Zaghouan (1.295 m). Darüber hinaus ist die Dorsale das Semmering-Rax-Gebiet Tunesiens. Die Quellen von Zaghouan lieferten einst das Trinkwasser für Karthago und wurden von den Römern über ein insgesamt 132 km langes Aquädukt in die Handelsstadt geleitet. Reste dieses Zeugnisses antiker Baukunst sind bis heute zu bewundern.
Zurück zum Sportlichen: Im Schatten einer aufragenden Felswand haben wir Schutz vor der sengenden Sonne gesucht. „Normalerweise ist es Ende Oktober nicht mehr so heiß“, hat mir beim Einrollen Niffer Abdelhak erzählt. Aber wir wollen uns nicht beschweren. Noch einmal im Warmen strampeln, während daheim das Novembergrau einfällt. Ordentlich reintreten und dabei kräftig Sonne tanken. Am Nachmittag am Strand liegen und im Meer plantschen, um das Laktat aus den Beinen zu schütteln. Exakt das war ja unser Plan. Niffer ist einer von insgesamt zehn Einheimischen, die sich den Trans Tunisie Marathon zugetraut haben. Mountainbiker gibt es in dem 10-Millionen-Einwohner-Land freilich deutlich mehr. „Bei den Rennen stehen 60 bis 100 Leute am Start. Wir haben Trainer und Fahrtechnikunterricht“, berichtete mir der Karthager. Nicht einmal Etappenrennen sind den Locals mehr fremd – das erste fand im März 2013 im Süden des Landes statt: das von der italiensichen Motorsportlegende Alessandro „Ciro“ De Petri organisierte Tunisia Desert Bike. Unter Ägide des tunesischen Nationalverbandes werden auch Meisterschaften ausgetragen. Gefahren wird das ganze Jahr. „Im August ziehen wir halt schon um 5 Uhr morgens los“, so der Rasta-Man, seines Zeichens tunesischer Meister des Jahres 2012. Vier, fünf MTB-Clubs existieren alleine im Norden des Landes, der sich zum Mountainbiken am Besten eignet. Sie organisieren regelmäßige Vereinsausfahrten – der VTT Bizerte zum Beispiel jeden Sonntag – und sogenannte Randonnées; einen der beliebtesten davon mitten im Hochsommer: die Tour du Cap-Bon.
Von derselben schwärmen nun auch unsere heutigen Gefährten, Aladin, Tarek und Amir. Mit Muskelkraft und Campingausrüstung gehe es dabei kreuz und quer über die kleine Halbinsel mit ihren Felsküsten, heißen Quellen, Weingütern, Festungen und Höhlen. „Und es ist alles da: Begleitauto, Arzt, mechanischer Service, Kartenmaterial ...“ ereifert sich Tarek.Derlei organisatorische Standards sind bei der Premiere des Trans Tunisie Marathons nämlich Mangelware. Veranstalter Luigi Veronese hat im Zuge der Vorbereitungen anscheinend auf die falschen lokalen Kontakte gesetzt. Das Potenzial Tunesiens als grenzenlose Spielwiese für Mountainbiker war dem Italiener von früheren Motocross-Urlauben zwar bekannt. Die richtige Art, mit den Einheimischen zusammenzuarbeiten, hingegen eher nicht. Von einer sportlichen Zusammenkunft voller Spaß, Freundschaft und Harmonie hatte der Mitorganisator der IMA Scapin Serie geträumt, von einer Atmosphäre wie bei der Salzkammergut Trophy in Bad Goisern. Beim ersten Briefing allerdings war Luigi gezwungen, zurückzurudern. Nicht Ausgabe eins, sondern null stünde in den nächsten Tagen am Programm; ein Probelauf unter improvisierten Rahmenbedingungen – Orientierungsprobleme wahrscheinlich, Absicherung lückenhaft; elektronische Zeitnehmung, Leaderjerseys und Labstationen aber garantiert. Was trotz dieser etwas unerwarteten Wendung blieb, war das historische Moment: Die Locals von Vel'Oxygene Cap-Bon Nabeul und VTT Bizerte brannten darauf, sich erstmals mit internationalen Konkurrenten zu messen.
Tarek, Amir und Aladin haben den Wettkampfgedanken allerdings an der ersten Verpflegungsstation des heutigen Tages ad acta gelegt. Mein Teampartner und ich haben sie dort aufgegabelt - mit kaputtem GPS und nicht wissend, dass aufgrund von Erosionsschäden an der Original-Strecke eine Umleitung eingerichtet worden war. Unser Navigationsgerät funktionierte, und unsere Informationen vom Briefing reichten für eine vage Vorstellung, wie es nach dem Kontrollpunkt weitergehen sollte. Dennoch irrten wir in der Folge eine ganze Weile durch Olivenhaine, Sandpisten und Geröllhalden, bis am Display unseres Garmins endlich wieder "Strecke gefunden" aufleuchtete."Markiert, dass ich nicht lache", grummelt mein Teampartner, während er sich mit Energieriegeln stärkt. Fritz Tröstl ist eine echte Kämpfernatur. Heute hat der 64-Jährige aber schwer zu schlucken. An den rumpeligen Schotterpisten, giftigen Anstiegen, tückischen Sandlöchern und steinigen Abfahrten im Westen Hammamets; vor allem aber an seinem schweren, bockigen und etwas zu kleinen Leih-Bike, das aus alledem eine echte körperliche Herausforderung macht.Das federleichte Race-Fully, mit dem mein langjähriger Trainer zum Trans Tunisie Marathon angereist ist, hat am Vortag sein Leben ausgehaucht. Rahmenbruch bei Kilometer 12, Team 21 DNF. Kein Rennauftakt nach Maß - aber für uns die Chance, Land und Leuten ab der zweiten Etappe unter völlig anderen Voraussetzungen zu begegnen: im relaxten Abenteuer- statt gestressten Rennmodus, mit landestypischem Material und Zeit und Muße für Gespräche, Beobachtungen und Begegnungen aller Art.
Auch mit Tarek, Amir und Aladin rennt der Schmäh – selbst dann noch, als wir uns eingestehen müssen, die heutige Tagesetappe nicht mehr vor Einbruch der Dunkelheit zu schaffen. Ein Plattfuß, die Orientierungsschwierigkeiten und unser „Touristentempo“ haben uns zu viel Zeit gekostet. Unsere Wasservorräte gehen zur Neige und von Labstation 2 samt deren frischen Datteln und Orangen ist weit und breit nichts zu sehen. Auf einer Anhöhe, von der wir in der Ferne das Meer und Hammamet erblicken, ziehen wir die Reißleine. Das heftig protestierende GPS ignorierend, nehmen wir die nächstbeste Lehmpiste Richtung Ozean. Die hügelige Dorsale durchzieht ein dichtes Wegenetz. Benützungsbestimmungen für Mountainbiker oder gar Fahrverbote existieren dort nicht. Erlaubt ist, was gefällt – beziehungsweise, was man findet. Denn wo Narrenfreiheit geboten, da umgekehrt auch Eigeninitiative gefragt. Beschilderte Strecken, spezifisches Kartenmaterial oder professionelles Guiding gibt es (noch) nicht. Aber engagierte Hoteliers wie Mohamed Khelil, der für individuelle Wünsche seiner Gäste (etwa: eine 3Tages MTB-Tour) individuelle Lösungsvorschläge (Organisation eines Shuttles samt Fahrer, Nächtigungstipps in einfachen Herbergen) hat. Geht es nach den Touristikern, sollen konkrete Angebote bald folgen. „Speziell im Winter schätzen Golfspieler unsere zehn Golfplätze, Wellness-Touristen nutzen das breite Angebot an Thalasso-Therapien, Abenteurer im 4x4 zieht es in die Sahara auf Wüstentrips. Der MTB-Tourismus wäre zu alledem eine perfekte Ergänzung“, meint Béatrice Chicanaux vom Tunesischen Fremdenverkehrsamt in Wien.
Nach gut sechs Stunden Fahrzeit erreichen wir wieder unser Hotel. Auf dem Weg zurück haben wir eine alte Ziegenhirtin in prächtigen Kleidern ihrer Wasservorräte beraubt, einen Esel, dessen Reiter wir nach dem Weg fragen wollten, mit unseren quietschenden Bremsen in die Flucht geschlagen, einen Hund beinahe überfahren und dessen ebenfalls vierbeinigen Bewacher nur mit Mühe wieder abgehängt sowie zwei weitere Platten an den schwachbrüstigen Reifen des Leih-Bikes repariert. Das freundliche Angebot eines Arabers, uns auf seinem Pickup in die Stadt zu shutteln, haben wir dankend abgelehnt. Wir feiern bei Kaffee und Pfefferminztee unseren Renntag der etwas anderen Art. Allmählich stoßen die übrigen Tunesier ebenfalls dazu. Niffer, Wajih, Hamza, Walter, Rojdi, Ahmed, Eric und Chokri haben das Tagespensum über 94 Kilometer und 1.600 Höhenmeter geschafft. Wir gratulieren herzlich. Auf Fritz und mich warten noch zwei Tage in den Bergen, Dörfern und sandigen Ebenen Tunesiens. Und daheim das Austauschen unserer Schnappschüsse, Schließen neuer Facebook-Freundschaften, Archivieren jeder Menge notierter Telefonnummern und Mails. Ob wir morgen wieder gemeinsam fahren, will Tarek beim Abschied wissen. Gerne, so wir nicht einen Abstecher an den Strand einlegen. Und ob wir irgendwann wiederkommen, zum Beispiel um den TTM in voller Länge zu bestreiten? Inschallah!
Claudio Segata und Aldo Zanardi heißen die beiden ersten Gesamtsieger des Trans Tunise Marathons. Das italienische Duo konnte sich nach insgesamt fünf (teilweise verkürzten) Etappen und ca. 300 km/5.200 Hm gegen die deutsch-österreichische Paarung Nico Muschiol und Peter Bergh, zur Halbzeit durch eine Lebensmittelvergiftung stark geschwächt, durchsetzen. Die Damenwertung ging mit Giuliana Massarotto und Ilaria Michaela Balzarotti ebenfalls an Italien, die Tunesier Hamza Beb Abdallah und Rojdi Kraoui finishten als Sieger der Kategorie Open Man. Am heißesten umkämpft war die gemischte Klasse. Hier setzten sich die Kärntner Triathleten Martina Donner und Michael Oplitz bei ihrem ersten gemeinsamen Etappenrennen mit nur 32 Sekunden Vorsprung auf Dario Persich und Anna Ferrari (ITA) durch, Rang drei ging mit weiteren fünf Minuten Rückstand an die Wiener Christoph Pürstl und Hana Bergh.
Was die Veranstaltung an organisatorischer Perfektion vermissen ließ, machte ihr Initiator, Luigi Veronese, im Laufe der Rennwoche durch persönlichen Einsatz und bestmögliche Improvisation teilweise wieder wett. Von ihren Kinderkrankheiten abgesehen, begeisterte die Premiere des TTM mit abwechslungsreicher Landschaft, knackigen Strecken und komfortablem Konzept: Die fixe Bleibe im ****Resort Paradis Palace bot ausreichend Zeit und Gelegenheit zur gepflegten Regeneration und entband von der bei ähnlichen Veranstaltungen oft stressigen Pflicht des täglichen Kofferpackens.Für das nächste Jahr verspricht Veranstalter Luigi Veronese wesentliche organisatorische Verbesserungen, von durchgehener Markierung über begleitenden Rennarzt und Besenwagen bis zu mechanischem Service. Der Termin ist vom Season-Ending zum -Opening abgewandert: 31. März bis 5. April.
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