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Scott Strike eRide Langzeittest Part II

Scott Strike eRide Langzeittest Part II

15.11.19 08:17 6.102Text: MOtoman, Luke BiketalkerFotos: Erwin Haiden, MOtomanSUV für entspannte Tourenfahrer auf der Suche nach Federwegsreserven - Abschluss unseres Langzeittests. 15.11.19 08:17 6.169

Scott Strike eRide Langzeittest Part II

15.11.19 08:17 6.1691 Kommentare MOtoman, Luke Biketalker Erwin Haiden, MOtomanSUV für entspannte Tourenfahrer auf der Suche nach Federwegsreserven - Abschluss unseres Langzeittests. 15.11.19 08:17 6.169

Gomagoi, ein kleiner Ort in Südtirol. Weniger als 100 Einwohner. Einstmals zu k. u. k.-Zeiten von gewichtiger strategischer Bedeutung als Teil des österreichischen Abwehrriegels gegen Italien. Via Trafoi oder Sulden kommend, musste man erst an Gomagoi vorbei, um den Vinschgau zu erreichen.
Hier stand ich nun am späten Abend bei strömendem Regen vorm Hotel und war mir nicht mehr so sicher, ob mein Vorhaben nicht buchstäblich ins Wasser fallen würde - ob das Wetter mich nicht doch davon abhalten sollte, auf historischen Spuren weiter gen Italien zu kommen.

Zu Beginn meines Langzeittests war mir noch nicht wirklich bewusst, dass das Scott Strike eRide 910 und sein Bosch-Antrieb in der Redaktion so sehr in Vergessenheit geraten würden, dass wir heimlich, still und leise den ganzen Sommer zusammen verbringen dürften. Vielleicht haben wir das mit dem Langzeittest aber auch einfach ein bisschen zu wörtlich genommen.

 Stelvio, Wexl Trails, Saalbach Hinterglemm 

Stationen einer wunderbar langen Langzeiterprobung

Wie auch immer, die Idee mit dem Abstecher ins Südtiroler Gomagoi kam mir auf den heimischen Wexl Trails. Neben den üblichen Up- und Downhills der Feierabendrunden in meiner unmittelbaren Umgebung kam das Strike auch des Öfteren mit in den Trailpark im Wechselgebiet. Nicht nur am dortigen Uphill konnte es seine Stärken voll ausspielen. Die gute und bequeme Sitzposition ist äußerst komfortabel ausgelegt und zwingt weder Pilot noch Rücken in eine übertrieben sportliche Haltung. Der Bosch-Antrieb machte die Auffahrten zu einem rasanten Spaß, der den flowigen Abfahrten um nichts nachstand. Ohne Shuttle und viel Geschwitze hoch zum Einstieg in den Trail oberhalb des Wasserspeichers - so oft, wie es der Akku eben erlaubt. Herz, was willst du mehr!
Auch kurze, sehr steile Anstiege ließen sich auf dem Rücken des Scott mühelos meistern. Ich wollte jedoch herausfinden, wie hoch man mit dem Strike wirklich hinaus kann. Als Allroundgerät angepriesen und zur universellen Verwendung entwickelt, mussten wir vor dem unausweichlichen Beziehungsende also noch unbedingt gemeinsam nach Südtirol.

Hier in Gomagoi, direkt an der Stilfserjoch Straße, hoffte ich, dass der Regen ein Ende finden und ich am nächsten Morgen die 48 Kehren des Passo dello Stelvio trocken bewältigen würde. Mit dem Motorrad schon oft gemeistert, war es für mich mit dem Fahrrad eine ganz neue Erfahrung. Im Gepäck? Die Ungewissheit, ob denn Akku und Beine bis ganz oben hin halten würden ...

Mit etwas Wetterglück auf meiner Seite ging es am nächsten Morgen bei anfänglichen 12 Grad und Sonnenschein Richtung Passhöhe. Vor mir lagen 19 Kilometer und 1.560 unbarmherzige Höhenmeter - alles im ECO-Modus, da ich nicht einschätzen konnte, was der Akku tatsächlich zu leisten imstande war.
Auch, wenn ein E-Fully per Definition nicht der ideale Untersatz für eine asphaltierte Bergstraße sein mag: Interessant war der Stresstest für mich dennoch. Und es machte einfach Spaß. Endlich hatte ich mal viel Zeit, die herrliche Landschaft zu genießen. Mit dem Motorrad funktioniert dies tempobedigt nur sehr eingeschränkt und mit unglaublicher Vernunft am Gashahn.

Wie bereits erwähnt in einer sehr komfortbetonten Sitzposition, mit aufrechtem Oberkörper und nicht zu viel Gewicht auf den Armen, ging es für mich in einer Stunde und 45 Minuten gleichmäßig hoch über die Passstraße bis auf 2.760 Meter. Zu meiner großen Überraschung hatte ich am Ziel angelangt sogar noch 42% Restkapazität auf der Akkuanzeige. Beachtlich und ärgerlich zugleich - eine höhere Unterstützungsstufe hätte mich wohl ebenfalls zum höchsten Punkt gebracht.
Bei entsprechender Eigenleistung kommt man auf asphaltierten Strecken also gut und gerne über 2.000 Höhenmeter. Das ermöglicht mit dem Scott Strike ganz neue Ziele, an die ich vorher nie gedacht hätte.

Schwächen im Uphill auf Toureneinsatz zeigen sich auch nach Monaten weder motorisch noch ergonomisch.
Ebenfalls zu begeistern weiß Boschs Purion Display. Um Klassen besser als ältere Varianten, werden hier alle notwendigen Daten blendfrei und gut ablesbar in einer kompakten Einheit angezeigt.

Herzstück des Strike eRide ist sein robuster Aluminiumrahmen mit 140 mm Federweg. Während Oberrohr und Hinterbau mit schlanken Linien die Formensprache der Scott-Fullys weiterführt, kann das Unterrohr den neuerdings erschlankten 500 Wh Powertube-Akku nur im Profil verleugnen. Gerade der Blick von oben offenbart dann doch ein recht voluminöses Unterrohr samt magnetischer Ladebuchse und gummiertem Endanschlag für die Gabelkrone. Am Wörtchen Powertube mögen Insider bereits ein zweites Zugeständnis an die Touren-orientierte Zielgruppe des einsteigerfreundlichen Scott erkannt haben. Entgegen dem Spark und Genius steckt im Strike eRide kein Shimano Steps E8000, sondern ein Bosch Performance CX Motor; dieser verlangt nach geringeren Trittfrequenzen und generiert auch "entspannt" gefahren genügend Schub. Gesteuert wird er über ein neues Bedienelement neben dem linken Griff. Dazu gehört auch Boschs neues Kiox Display: dieses ist via Magnethalterung rasch abnehmbar und sitzt dennoch fest. Über den USB-Port können externe Geräte wie Smartphone oder Garmin geladen werden. Konnektivität via BLE ist ebenso gegeben. Panzerglas schützt das 1,9" Display im Gelände.

Mehr technische Details und Fotos

Tech Specs

Rahmen: Alloy Frame / Virtual 4 link kinematic VLK
27.5" and 29" compatible / geo adj. / Boost 148x12mm
140mm travel / Bosch Performance CX / Integr. DT Battery
Tapered Headtube E2, Central Kickstand Mount
Sattel: Syncros ER1.5
Gabel: FOX 34 Float Performance Elite Air
FIT4, 140 mm
Laufräder: Syncros X-30S
Dämpfer: FOX NUDE EVOL Trunnion
SCOTT custom 140-90-Lockout
Reifen: Maxxis Rekon / 120TPI Kevlar Bead
EXO + SilkShield / TR Tubeless ready
3C Maxx Terra / 700 Series: 27.5x2.8" / 900 Series: 29x2.6"
Antrieb: Bosch Performance CX 250W / 500Wh PowerTube Battery / Kiox Display / Bremsen: Shimano Zee; 203 mm Discs
Schaltung: Sram GX Eagle/NX Eagle Extras: Syncros Trail Fender
Lenker: Syncros Hixon 1.5 Rise
20mm rise / 8° / 760mm
 
Gewicht: 23,7 kg (Werksangabe) BB Messung: 23,5 kg (Large)
Vorbau: Syncros FL1.5  Preis: € 5.999,00
Sattelstütze: FOX Transfer Dropper Remote
31.6mm / S 100 mm / M 125 mm / L & XL 150 mm
   
  • Der Akku ist im Unterrohr komplett integriert.Der Akku ist im Unterrohr komplett integriert.
    Der Akku ist im Unterrohr komplett integriert.
    Der Akku ist im Unterrohr komplett integriert.
  • Entgegen anderer Lösungen wird er aber nach unten entnommen.Entgegen anderer Lösungen wird er aber nach unten entnommen.
    Entgegen anderer Lösungen wird er aber nach unten entnommen.
    Entgegen anderer Lösungen wird er aber nach unten entnommen.
  • Hinter dem Akku verstecken sich Bremsleitung und Schaltzug. Hinter dem Akku verstecken sich Bremsleitung und Schaltzug.
    Hinter dem Akku verstecken sich Bremsleitung und Schaltzug.
    Hinter dem Akku verstecken sich Bremsleitung und Schaltzug.
  • Damit nichts ruckelt und klimpert, sind sie mittels Klett fixiert.Damit nichts ruckelt und klimpert, sind sie mittels Klett fixiert.
    Damit nichts ruckelt und klimpert, sind sie mittels Klett fixiert.
    Damit nichts ruckelt und klimpert, sind sie mittels Klett fixiert.

Um den Bosch Motor herum entwickelten die Scott-Techniker eigens eine passgenaue Motorabdeckung. Nicht nur um den Antrieb cleaner in die Silhouette des Strike zu integrieren, sondern auch, um eine bessere Belüftung sowie optimierten Schutz vor aufgewirbelten Steinchen zu gewährleisten. Der Bosch Powertube Akku kann über ein weiteres Cover von der Unterseite des Unterrohrs entnommen oder direkt über die Ladbuchse am Rahmen geladen werden. Zusätzlicher Benefit all der Integration: Wie erfreulicherweise immer häufiger gesehen, findet auch im vorderen Rahmendreieck des Strike eine normal große Trinkflasche Platz.

Wie an all ihren Fullys setzen die Schweizer auch an ihrem Touren-E-Bike auf das Twinloc System. Dämpfer und Gabel sind dabei mit einer mechanischen Lenker-Fernbedienung verbunden. Diese kontrolliert die drei Fahrmodi Descend (alles offen), Traction Control (Fahrwerk gestrafft und Federweg auf 90 mm reduziert) sowie Lockout (akkusparend und optimiert für Asphaltetappen). Die beiden letzen Modi bewirken zusätzlich ein um 5 mm angehobenes Tretlager, Lenkwinkel (+ 0,2°) und Sitzwinkel (+ 0,4°) werden ebenfalls minimal beeinflusst.

Apropos Geometrie: Um den Fahrkomfort und die Beherrschbarkeit im Uphill zu verbessern, wurden einerseits die Kettenstreben etwas verlängert (440 mm, wohl auch dem Bosch-Motor geschuldet), als auch das Oberrohr für eine entschärfte Sitzposition verkürzt (450 mm Reach in Größe Large) und das Tretlager erhöht. Der Bodenfreiheit zusätzlich zuträglich sind die Kurbeln auf 165 mm geschrumpft. Auch wenn das Strike eRide in allen Modellen mit 140 mm Fahrwerk ausgeliefert wird - die Wahl der Laufradgröße obliegt dann tatsächlich dem Kunden. Nicht nur sind 700er (27.5") als auch 900er (29") Varianten ab Werk erhältlich - vielmehr bleibt die Laufradgröße auch nach dem Kauf optional. Ein Flip-Chip an der Umlenkung variiert die Geometrie und erlaubt so die freie Dimensionswahl.

Dran und Drin

Für € 5.999,00 packt Scott nebst besagtem Bosch Antrieb eine Fox 34 Performance Elite Gabel und einen Nude EVOL Dämpfer aus gleichem Haus an das Topmodell Strike eRide 910. Ein Mix aus Sram GX Eagle Schaltwerk und NX Single Click Trigger sortiert die Gänge. Die 165 mm kurzen Kurbelarme entstammen der Sram X1 Familie, Aluminiumlenker, Vorbau, Sattel und Laufräder entstammen dem Regal der Hausmarke Syncros. Die X-30S Laufräder drehen sich um Formula Naben, die Maulweite liegt bei 30 mm. Vorne wie hinten stellen Maxxis Rekon in 3C Maxx Terra Mischung (29 x 2.6") den Bodenkontakt her. Verzögert wird mittels Shimano Zee Stoppern und großen 200er Scheiben. Eine Fox Transfer Stütze sorgt für Beinfreiheit. Alles in allem geben die Schweizer 23,7 kg für ihr Tourenfully an. Auf der Bikeboard-Waage lag unser Tester in Größe Large bei 23,5 kg.

Bergab

Was noch fehlte, um den Langzeittest abzuschließen, war ein knackiger Downhill. Dort sollte ich die Antworten auf die letzten offenen Fragen finden. Nur gut, dass sich am Heimweg von Südtirol mit Saalbach Hinterglemm die geeignete Location praktisch aufdrängte.

Mit den ersten Sonnenstrahlen ging es hinauf über die Forststraße zur Bergstation der Westgipfelbahn. Von hier startete ich zu meinem persönlichen Abfahrtstest: talwärts über den allseits bekannten „Hacklbergtrail“. Solange es ruhig und gemächlich dahinging, blieb für das Tourenbike auch auf dem Klassiker alles im grünen Bereich. Das Fahrwerk arbeitet feinfühlig und selbst Anlieger liegen dem Fully.
Auf die Airtime sollte man mit dem Scott Strike jedoch verzichten; für's Springen fehlen ihm die Gene, respektive die Balance in der Luft. Doch dafür ist das Rad ja auch gar nicht gedacht. Wer es wie vorgesehen im klassischen Tourenbetrieb, auf Forststraßen und gemächlichen Trails bewegt, wird glücklich sein - für alle anderen Ansprüche gibt es das eRide Genius.

Eine eindeutige Schwäche sind jedoch die Shimano Zee Bremsen. Bereits nach wenigen Höhenmetern beginnen sie stark zu faden und fordern die Koordination mit wanderndem Druckpunkt. Gerade für unerfahrene Piloten, die mehr Zeit auf der Bremse verbringen als unbedingt nötig, sollte hier etwas bessere Performance ans Rad.

Fazit

Scott Strike eRide 910
Modelljahr: 2019
Testdauer: 5 Monate
Preis: € 5.999,-
+ Bosch Motor
+ Verhältnismäßig geringes Gewicht
+ Sitzposition
+ Komfortables Fahrwerk
+ Tolle Reichweite
o Unruhig in der Luft
o Reifenwahl für's echte Gelände
- Schwache Bremse
BB-Urteil: Tourenfully für Jedermann

Konzipiert für eine möglichst große Zielgruppe - das soll Scotts Linie Strike eRide 910 sein. Komfortabel, tourentauglich, aber trotzdem auch auf dem gemäßigten Singletrail zu Hause, so war der Claim des Herstellers. Damit sollen Anfänger ins Boot geholt werden, ohne die erfahrenen Piloten zu langweilen. Und diese Vorgabe hat Scott mit dem Strike ziemlich punktgenau getroffen. Egal, ob die abendliche Runde durch die umliegenden Weinberge mit der Familie oder hügelauf, hügelab durch die Wälder: Mit dem Strike ist alles Gediegene machbar. Überhaupt scheint bis zu knackigen verwinkelten Passagen bergauf vieles möglich. Der Bosch-Antrieb fügt sich perfekt ins Bike.

Zwar ist es sehr praktisch, Dämpfer und Gabel via TwinLoc Remote vom Lenker aus zu steuern, das dazu nötige Kabelgewirr an der Front ruft allerdings nur mäßig Begeisterungsstürme hervor. Produktive Lösungsvorschläge gibt es dafür allerdings mit Ausnahme der kostspieligen Fox LiveWire-Technologie noch keine am Horizont.

Persönlich würde ich die Bremsen tauschen, da gibt es besser geeignete am Markt. Wenn sie mal warm werden, ist der Spaß enden wollend. Und für meine eher abfahrtsorientierten Ansprüche im Zuge dieser Änderung die Maxxis Rekon gleich mit. Ein Pendant mit etwas mehr Seitenhalt wäre hier zumindest am Vorderrad wünschenswert. Ob ich dem Scott noch das Springen beibringen könnte, wage ich zu bezweifeln. Wahrscheinlich müsste ich es dazu erstmals selbst sauber erlernen.

Für jeden Einsteiger und Tourenfahrer ist das Scott Strike eRide 910 eine gute Investition, mit dem man sich weiterentwickeln kann und auch noch Freude daran hat, wenn anspruchsvollere Strecken unter die Stollen kommen. Unterm Strich ein solides Bike, das du überall hin mitnehmen kannst. Die Stärken liegen aber klar im komfortablen Uphill mit anschließenden gemächlichen Abfahrten.


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