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Bike Women Camp

Bike Women Camp

06.10.14 08:39 9.450Text: Irene WalserFotos: Maria Knoll, Tony Brey (4)Mehr als nur Klamotten im Kopf. Wenn Frauen aufs Bike steigen ...06.10.14 08:39 9.457

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06.10.14 08:39 9.4571 Kommentare Irene Walser Maria Knoll, Tony Brey (4)Mehr als nur Klamotten im Kopf. Wenn Frauen aufs Bike steigen ...06.10.14 08:39 9.457

Als Karen Eller Ende September zum BIKE Women Camp nach Kaltern rief, hatte ich eine gewisse Vorstellung von dem, was mich an der Südtiroler Weinstraße erwarten könnte. Und ich war mir nicht sicher, ob das etwas für mich sein würde.

Zwar hatte ich ein persönliches Bike-Saisonsziel, das ich unbedingt erreichen wollte und an das mich die vier Tage mit den Scott Contessa Ladies näher heranbringen sollten; dennoch hatte ich keine besondere Lust auf Trail-Positionskämpfe mit 70 Frauen. Ehrgeizige Ladies, die - jeweils am Hinterrad der Vorderfrau klebend - mit aller Macht ihren Platz verteidigten, hatte ich bei kleineren Mädels-Bike-Ausflügen schon zur Genüge kennengelernt.

Mit einer Mission fuhr ich also nach Südtirol. Ich wollte eine Anleitung fürs Spitzkehrenfahren mit nach Hause nehmen und mir nie mehr in einer engen Kurve blaue Flecken einfangen. Aber gekommen ist dann alles irgendwie anders, als erwartet - viel entspannter und stressfreier ...

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Ein eigenes privates Camp-Gelände direkt am Kalterer See bildete den perfekten Treffpunkt für das BIKE Women Camp. Rundherum nur Weinberge, ein kleines Apartmenthaus mittendrin und eine schöne Liegewiese mit Badesteg, die zum Flanieren zwischen den Industrieständen, zum Chillen und Austausch mit neuen und alten Freundinnen, für morgendliche Yoga-Übungen und sogar als Bike-Waschplatz diente.

Detailansicht
Chef-Dompteurin Karen Eller

Morgens und abends herrschte reges Treiben auf dem Campinggelände, Bikes wurden begutachtet, herumgeschoben und inspiziert oder die Mechaniker der Bikefirmen kurzerhand für einen Crashkurs im Bremsbeläge-Wechseln beschlagnahmt. Was von Karen, Pia, Gitta und ihren Mädels nicht ohnehin schon organisiert war, nahm frau einfach selbst in die Hand. Sie suchte sich ihresgleichen: eher Freeride-orientiert oder Höhenmeter-fressend.

Am ersten Tag verwirrte das ausgeschriebene Tourenangebot noch etwas mehr als es Aufschluss gab. Routen von blau über rot bis schwarz mit Höhenmeterangaben zwischen 300 und 1.000 waren an der Pinnwand ausgehängt. „Wo mitmachen?“, war die wichtigste Frage und wurde heftigst diskutiert.
Da standen die einen, die locker in kürzester Zeit auch 1.500 Hm hinauf strampeln konnten, sich aber Sorgen machten, ob sie den etwas anspruchsvolleren Trail hinunter schaffen würden; dort die anderen, die wussten, dass runter weniger das Problem darstellte, als vielmehr die knackigen Höhenmeter bergauf. Am Einfachsten hatten es jene Frauen, die noch ganz am Anfang ihrer Bikesport-Hobbylaufbahn standen und einfach Mal mit Basic-Fahrtechnik und einer gemütlichen blau markierten Ausfahrt begannen.

Die weiblichen Guides hatten alle Hände voll zu tun, die Scharen an Mädels noch vor der offiziellen Ansage mit ihren individuellen Fragen über alle möglichen Details der geplanten Touren in Schach zu halten. Erst als alle Gruppen eingeteilt waren und nach und nach losfuhren, verstummte langsam das Geschnatter auf dem Camp-Gelände.

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So starteten wir Freerideorientierten zuerst einmal auf den Penegal. Die 1.500 Meter Höhendifferenz waren mit Shuttle, Mendelbahn-Standseilbahn und ein wenig strampeln auch relativ schnell und einfach überwunden. Dann wurden wir mit einem durchaus flowigen Trail auf der Route 515 über Wald- und Wiesenböden mit kleinen Wurzeln, aber ohne große Herausforderungen belohnt. Zum Ende hin noch ein paar Übungen auf dem Sportplatz und drei Spitzkehren zum „Drumherumzirkeln“, und schon spuckte uns diese Route wieder am Kalterer See aus.
Das 27,5“ Trek Slash Enduro Testbike hatte seine Aufgabe bestens gemeistert und wurde anschließend wieder in die Hände der Jungs zurückgeben, die bei dieser reinen Damenveranstaltung lediglich in der Funktion als Bike-Mechaniker dabei sein durften.
Dann versuchte ich mich zum ersten Mal beim Stand Up Paddling, ein nicht allzu schwer machbarer Spaß auf dem Wasser. Trotzdem tauchte ich kurz unfreiwillig ab.

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Nächster Morgen, dieselben Fragen. Der Monte Roén lockte abfahrtstechnisch, die 1.000 Höhenmeter trotz Mendelbahn und die Tragepassage weniger. Es fanden sich aber dennoch zehn hartgesottene Ladies, die die Strapazen im Nebel mit wenig Aussicht auf Ausblick auf sich nahmen.
Die anderen abfahrtsorientierten Girls und ich, wir machten uns mit Scott Contessa Lisa Breckner und Enduro-Racerin Sanne Moritz über den Montiggler See nach Sigmundskron auf. Zwischen dem Montiggler See und Schloss Sigmundskron hatten ein paar Locals in einen Trail ein paar kleine Anlieger und Drops gebaut, und es machte einfach nur Spaß, hier mit dem Scott Genius Tuned im Gelände zu spielen. Vielfach wurden die Bikes nochmal raufgeschoben, um Passagen erneut fahren zu können.
Den Rückweg über den Radweg nahmen wir auch mit den etwas schwereren Rädern in Kauf, weil in der Wein- und Sektkellerei Kettmeir ein paar feine Tropfen auf uns warteten. Gut gelaunt und leicht beschwipst ging es danach zum Barbecue aufs Camp-Gelände zurück.

Am Sonntag standen die „Rosszähne“ auf dem Programm, und nachdem einige schon davon geschwärmt hatten, war diesmal die Entscheidung für unsere Freeride-Gruppe schnell getroffen. Nach ca. 200 etwas zäheren und schwülen Höhenmetern ging es im Wald angenehm bergauf. Da das letzte Stück aufwärts nur noch teilweise befahrbar ist, mussten wir zum Schluss noch schieben. Kurz unter der Felsformation blieben die Bikes dann für einen kleinen Hike liegen, kamen nach der Gipfelfoto-Session aber im Trail voll zum Einsatz.

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Fazit: Von der Mama, die mit ihrer Tochter nach Südtirol gekommen war, über die Schmuckdesignerin bis hin zur Autoteilekonstrukteurin hatte sich ein bunter Haufen Mädels am Kalterer See zum BIKE Women Camp versammelt. Zum Ende der vier Tage wurden noch Visitenkarten ausgetauscht, und frau verabredete sich für den nächsten Trail-Ride. Dann hatte die meisten das normale Leben wieder und die Bikeklamotten wurden gegen Jeans, Mini und Sandaletten eingetauscht. Da kamen die unterschiedlichen Typen erstmals richtig zum Vorschein. Die gemeinsame Bike-Leidenschaft hatte Frauen verbunden, die im zivilen Leben wahrscheinlich eher kein Gespräch miteinander angefangen hätten.

Ich persönlich bin zwar mit den Spitzkehren noch immer auf Kriegsfuß, dafür aber habe ich neue Bikefreundinnen und Erkenntnisse gewonnen: Es kommt nicht darauf an, wer wie gut fährt oder die beste Kondition hat; der Spaß auf dem Bike und den Trails ist der gemeinsame Nenner. Und: Frauen wollen nicht nur stylische Bike-Klamotten, sondern vor allem entsprechende Teile an den Bikes, die nicht pseudomäßig in rosa und violett gehalten sind, sondern es in sich haben.
Die Industrie und der Tourismus müssen erkennen, dass wir Frauen für ein gutes Angebot am Bikemarkt gerne bereit sind, Geld auszugeben - und nicht nur für diese eine blaue Bikehose, die bis Sonntagmittag ein geschätztes Drittel der Mädels in Kaltern neu erstanden hatte …

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