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Giro del Monte Viso

Giro del Monte Viso

Text: Jürgen Pail Fotos: Harald Tauderer, Jürgen PailWas irgendwie nach italienischer Straßenrundfahrt klingt, hat mit gebogenen Lenkern und Asphaltschlitzern auf den Felgen so gar nichts zu tun. Hier geht es ums Mountainbiken - und das auf die harte Tour!04.01.16 08:32 5.425

Lukas Stöckli? www.im-prinzip-fahrbar.ch? Gipfelstürmer der Alpen? Noch nie gehört?
Wer mit diesen Begrifflichkeiten nichts anfangen kann, ist wahrscheinlich noch nicht wirklich in die unergründlichen Tiefen von Singletrail-Rausch und Steilrampen-Wahnsinn eingedrungen. Lukas Stöckli ist ein aufrechter Schweizer. Groß und mächtig als Biker, klein und wendig von Statur.
Nachdem es ihm nach seinen Versuchen im MTB-Weltcup als Kirchenmaler (in Österreich sagt man dazu Restaurator) zu langweilig geworden war, ging er mit schweizerischer Akribie an die Verwirklichung der ultimativen Alpencross-Tour. Nicht wie die Deutschen am schnellsten Weg quer drüber, sondern auf den schönsten Trails längs der Alpen von Wien nach Nizza.

92.989 Höhenmeter und 2.882 km standen nach 22 Tagen am Tacho, 4.200 Hm und 130 km durchschnittlich am Tag! Diese Wien-Nizza Tour im Jahr 2005 war für Lukas Stöckli das Erweckungserlebnis für seinen zweiten Bildungsweg als Bike-Guide. Er hatte sozusagen im Schnelldurchlauf den ganzen Alpenbogen und nebenbei den in Graz beheimateten Autor dieser Zeilen als Streckenberater von Wien bis in die Dolomiten kennengelernt. Hier schließt sich nach der langen Rede dieser Einleitung der kurze Sinn des Kreises um den Monte Viso.

Mit dem Besten der Besten auf den besten Trails

Nach dem Wien-Nizza Projekt, das in der Bikeszene gehörig für Aufsehen sorgte, begann Lukas Stöckli den Alpenbogen mit Trailridercamps für versierte Tourenfahrer aufzuarbeiten. Die Cottischen Alpen im Piemont mit ihren verlassenen Tälern, alten Handels- und Militärwegen und der unvergleichlichen Landschaft standen dabei ganz oben auf der Tagesordnung.
Der Kontakt nach Graz/Stattegg riss dabei nie ab. 2006 krönte sich Luki bei einer kurzen Rückkehr auf die Rennstrecke beim Grazer Bike-Marathon Stattegg mit zehn Minuten Vorsprung zum schnellsten Marathon Masters Europameister aller Zeiten!

Das Trainerteam des EM-Veranstalters Bikeclub Giant Stattegg begibt sich nun im Zweijahresrhythmus in die Obhut des mittlerweile zur Legende gereiften Bike-Gurus aus der Schweiz. Das bringt uns nun endgültig zu einer der härtesten Biketouren der Alpen, den Giro del Monte Viso, die Umrundung des höchsten Berges der Cottischen Alpen.

Monte Viso, 3.841 m Seehöhe

Der Monte Viso ist der mit Abstand höchste der südlichen Alpengipfel und liegt auf italienischem Boden, ganz nahe der Grenze zu Frankreich, südwestlich von Turin.
In sprachlich jugendlichem Leichtsinn könnte man sagen: Des Steinbröckerl steht ganz schön in der Gegend herum! Ist der Monte Viso doch um mindestens 500 Höhenmeter höher als alle umliegenden Berge. Wobei "liegend" auch im Wortsinn richtig ist. Betrachtet man diesen majestätischen Berg aus den Ebenen des Piemonts, scheint er als einziger zu stehen, während alle Berge rundherum zu seinen Füßen liegen.

Aus den fruchtbaren Niederungen des Piemonts mit um die 300 m Seehöhe könnte man jetzt vor seinem geistigen Auge eine Biketour mit 3.500 Höhenmetern Aufwärtsbewegung in einem Zug konstruieren. Das wird aber leider - oder besser gesagt Gott sei Dank - nicht so gespielt!
Die höchsten und gleichzeitig am nächsten zum Gipfel gelegenen Punkte, die mit dem Bike sinnvoll erreichbar sind, heißen Passo della Losetta (2.872 m) und Passo di Vallanta (2.811 m) und liegen an der Grenze zu Frankreich im Nordwesten des Monte Viso. Die weiteren 1.000 Hm bis zum Gipfel bleiben Bergsteigern und Kletterern vorbehalten.
Ein Detail am Rande: Die für Norditalien nicht unbedeutende Flusspersönlichkeit namens Po entspringt direkt im Massiv des Monte Viso.

Wir wollten Trails und möglichst nahe ran an den Berg.

Im Prinzip fahrbar

… ist für Lukas Stöckli fast alles. Bergab (no na!), aber auch bergauf ist die Suche nach Singletrails seine fast schon religiös anmutende Passion. Geringes Körpergewicht, gepaart mit hart antrainierten Kraftfähigkeiten und großartiger Fahrtechnik ergeben Tourenplanungen an der Grenze des Machbaren.
Mit dem befreundeten Stattegger Trainerteam wird dann alles verwirklicht, was seinen Normalkunden nicht zumutbar wäre. Im Prinzip fahrbar halt, im Detail aber physisch und psychisch eine exorbitante Herausforderung.

Der Tag beginnt früh

Dieser Satz weist auf das oberste Prinzip bei der Bewegung im Hochgebirge hin. Früh aufbrechen, Reserven einplanen und mit einem Plan B kalkulieren.
Die Täler der Cottischen Alpen sind mit zwei Einwohnern pro Quadratkilometer eines der am dünnsten besiedelten Gebiete Europas. Über Jahrhunderte war die Gegend immer wieder von Abwanderungswellen betroffen. Meist konnte die karge Landschaft die Bevölkerung nicht mehr ernähren, obwohl bis in höchste Tallagen Landwirtschaft betrieben wurde. Die Industrialisierung im zwanzigsten Jahrhundert, die an den Tälern vollständig vorbei ging, entvölkerte das Gebiet dann durch Abwanderung in die aufstrebenden Industrieregionen Norditaliens endgültig. Erst in den letzten Jahren begann sich so etwas wie ein sanfter Tourismus zu entwickeln.
Für die Planung von Biketouren in diesen verlassenen Gegenden gilt der Grundsatz: Was man selbst mit hat, existiert. Alles andere ist Glückssache. Verschärfend kommt ab Mitte September hinzu, dass die wenigen Hütten meist schon geschlossen haben. Wir haben bei Prachtwetter in vier Tagen eine Handvoll Wanderer und ganz genau KEINEN Biker getroffen.

Die Umrundung - hart, aber herzlich!

Weiträumig lässt sich der Monte Viso natürlich auch auf Straßen umrunden. Wenn man sich Zeit lassen wollte, käme man wahrscheinlich auch im Gelände relativ glimpflich rundherum.
Das war aber alles nicht unser Begehr'. Wir wollten Trails und möglichst nahe ran an den Berg. Und das Ganze in vier Tagen. Weil Bilder mehr als tausend Worte sagen, lassen wir zu den Details dieses Vorhabens einfach die Fotos sprechen ...

Informationen

Der Etappenplan
Planung ist das halbe Leben, heißt es. Rund um den Monte Viso kann die Planung das ganze Leben sein! Es ist extrem wichtig, die Nächtigungspunkte vorher zu planen und zu buchen. Nur so kann man sicher sein, dass die Unterkünfte auch geöffnet sind und Platz haben. Ausweichquartiere sind vielfach ganz einfach nicht vorhanden.
Als Ausgangspunkt bietet sich die historische Kleinstadt Saluzzo an. Sie liegt in fast direkter Linie östlich des Viso am Ausgang des Valle del Po.

  • Etappe 1: Saluzzo - Colle di Sampeyre - Valle Maira - Marmora
  • Etappe 2: Marmora - Colle del Preit - Ubayetal - Maljasset (Frankreich)
  • Etappe 3: Maljasset (Frankreich) - Col Longet - Passo della Losetta - Colle della Croce - Colle Barant - Rifugio Barbara
  • Etappe 4: Rifugio Barbara - Colle della Gianna - Saluzzo

Team
Bikeclub Giant Stattegg, www.bike09.at
Lukas Stöckli, www.im-prinzip-fahrbar.ch 

Tourismusinformation

Kartenmaterial

Tipp
Lukas Stöckli hat die Umrundung des Monte Viso als geführte Tour 2016 im Programm! Allerdings nicht auf die ganz harte Tour, sondern auf 6 Tage ausgedehnt. Nähere Infos dazu hier >>

Piemont kulinarisch

Piemont kulinarisch

Und dann ab zu den Genüssen der Ebene: Hügel, Wein, Haselgstauder und Slow Food

Der Name Piemont entspringt dem Lateinischen „ad pedem montium“ und bedeutet „am Fuß der Berge“. Mountainbiker, die außer am Biken nur peripher an Ablenkung jedweder Art interessiert sind, nutzen das „ad pedem“ lediglich zur An- und Abreise, um möglichst schnell zum „montium“ zu kommen. Wer aber kultur- oder kulinarikbeflissen aus dem piemontesischen Hochgebirge hinabtaucht, kann das in die blattlebene Ebene (laaangweilig!) tun oder zur Minderung des Vertikalschocks das weinbebaute Hügelland vorziehen.

Flüssiger Genuss in Hülle und Fülle

Langhe, Roero und Monferato heißen die Weinbauregionen rund um die Wein-Hauptstädte Asti und Alba. Eingebettet in eine zu fast 100 % landwirtschaftlich kultivierte Hügellandschaft, breiten sich hier die Weingärten wie frisch gekämmt vor dem Betrachter aus. Damit es dem Auge nicht langweilig wird, thront auf jedem Hügel-Gupf wie hingezaubert ein Weingut, ein Schloss oder ein Städtchen.
Die Zauberworte für Weinkenner ergeben sich als in Flaschen gefüllter feuchter, roter Traum: Barbera, Dolcetto, Nebbiolo, Barolo – erhältlich weltweit in jeder gut sortierten Vinothek. Die Weinkenner aber, die schon einmal selbst vor Ort waren, kennen auch den praktisch nur im Piemont vorkommenden und fast nur dort erhältlichen Weißwein namens Arneis ... der Connaisseur empfiehlt: Unbedingt in großen Zügen ausreichend zu sich nehmen!

  • Und mittendrin:
    Und mittendrin:
  • eine MTB-Schule!
    eine MTB-Schule!
  • Mit Haus ...
    Mit Haus ...
  • ... und Spielwiesen
    ... und Spielwiesen
  • ... aller Art.
    ... aller Art.

Das Geheimnis der Nüsse

Wir wissen nun, was es mit Hügel und Wein auf sich hat. Warum aber braucht es in der Überschrift Haselgstauder und Slow Dings? Die gekampelten Hügel haben an ihren Hängen nicht nur Weinstöcke in Reihen zu bieten, sondern auch Haselnussbüsche in selbiger Anordnung. Was bei uns als Gstauder irgendwo in undefinierten Restflächen vor sich hinlungert, hat im Piemont seinen großen Auftritt.
Warum nur, warum? Wer um alles in der Welt braucht tonnenweise Haselnüsse? Unsere Mamas für die Weihnachtskekse und den Nussschnaps? Vielleicht wird der Barolo mit Nüssen verfeinert? Nichts von alledem! In diesem Fall heißt das Zauberwort für den (Kinder-)Traum: Nutella! Der Konditor Pietro Ferrero Senior gründete 1946 in Alba im Piemont das Unternehmen Ferrero International. Seit dieser Zeit wird Nutella und allerhand anderes nussig-süßes Zeugs rund um den Globus in gierige Menschenmäuler appliziert.

Alles langsam, alles gut

Slow Food steht für genussvolles, bewusstes und regionales Essen und stellt eine Gegenbewegung zum uniformen und globalisierten Fast Food dar. Aber wer hat's erfunden? Die Mac Donalds-verseuchten Amerikaner scheiden diesmal klarerweise aus, und die Schweizer ruhen noch auf den Lobeeren ihrer Kräuterzuckerl-Erfindung. Carlo Petrini aus dem piemontesischen Bra löste 1986 die Slow Food Bewegung, die mittlerweile weltumspannend über 100.000 Mitglieder hat, aus.
Gut, sauber und fair heißen die Prinzipien, wenn es ums langsame Essen geht. In den Dörfern, Städten, Weinkellern und Wirtshäusern der Region beschleicht einen der Verdacht, dass das „Slow“ in der Lebenseinstellung und beim Essen eh schon immer da war. www.slowfood.com

Paradies für Roadies

Wer nach dem Biken im Hochgebirge noch immer nicht genug hat und wem gut Essen und Trinken als Ganztagsbeschäftigung nicht formatfüllend erscheint, der schwinge sich auch in den Hügeln aufs Radl. Auch wenn man es als überzeugter NUR-Mountainbiker nicht wirklich wahr haben will: Die Straßen und Sträßchen in den Wein- und Haselhügeln sind einfach landschaftlich, asphaltlich, verkehrsärmlich, höhenprofiliert geil!

Alles in allem also nichts wie hin! Egal ob Berg oder Hügel, oder am besten beides in einem stressfreien Aufenthalt – diese Ecke Italiens bietet echten Urlaub für alle.




Ergebnis 1 bis 4 von 4
  1. #1
    früher mal Weltmeisterin Avatar von NoMan
    Registriert seit
    Apr 2002
    Ort
    Wien Süd, gelegentlich Bad Hall (OÖ)
    Beiträge
    1.521

    Giro del Monte Viso

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  2. #2
    im Training Avatar von krümelmonster
    Registriert seit
    Jan 2008
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    Linz
    Beiträge
    858
    Jetzt bin ich neidisch. Schaut ziemlich geil aus dort

  3. #3

  4. #4
    Bergr@dler Avatar von Bernd67
    Registriert seit
    Dec 2001
    Ort
    Mödling
    Beiträge
    4.677
    Schöne Impressionen einer Hochgebirgstour, die ich in Ähnlichkeit Form *auch schon genossen habe, wenngleich mit etwas weniger Tagespensum (bes. in bezug auf Höhenmeter )
    ------------
    Grüße
    Bernd67

    Der Optimist: "Das Glas ist halbvoll."
    Der Pessimist: "Das Glas ist halb leer."
    Der Ingenieur: "Das Glas ist doppelt so groß wie es sein müsste."