Passwort vergessen?
Die Geschichte des Scalpel reicht mittlerweile schon einige Jährchen zurück. Als eines der ersten Fullsuspension-Bikes, die bereits vor über einem Jahrzehnt gelegentlich bei XC-Weltcup-Events und sogar Olympischen Spielen eingesetzt wurden (man erinnere sich zum Beispiel an Rennen von Kalibern wie Kashi Leuchs oder Christoph Sauser), hat das Scalpel einen fixen Platz in der Bike-Historie eingefahren. Das Federungssystem hat über mehrere Generationen sein Aussehen gewechselt, gleich geblieben ist das seit Anbeginn fehlende Lager, welches durch den Flex der Carbonstreben ausgeglichen wird. Obwohl: in der neuesten Inkarnation hat sich auch dessen Position grundlegend geändert. Bleibt also alles anders, scheint das Scalpel-Si von den Dächern am Rande des Gardasees in Bardolino zu zwitschern. Dort war es nämlich, wo wir die ersten Runden mit dem neuen Geschoss drehen durften, was nach einer schleppenden neunstündigen Anfahrt durch tiefwinterliche Bedingungen Ende April eine willkommene Abwechslung war. Wie es heutzutage guter Brauch ist, wird mit Akronymen nicht gegeizt. Das beginnt im Fall des Scalpel-Si diesmal sogar schon bei der Kategorisierung des Bikes. XC reicht den Technikern nicht aus, für XXC soll das Bike geschaffen worden sein. Das eine X mehr steht in diesem Fall einfach für mehr. Verstehen darf man darunter ein Rennbike, welches nicht nur für die – besonders im Downhill – technisch immer anspruchsvoller werdenden Weltcup-Cross-Country-Strecken einen Wettbewerbsvorteil liefern soll, sondern auch Normalsterblichen unter verschiedensten Bedingungen ein treuer Begleiter sein soll. Wahrlich kein niedrig gestecktes Ziel.
Das Scalpel-Si benötigt keine Eingewöhnungsphase. Einfach draufsetzen und kräftig Gas geben.
Um den Anforderungen gerecht zu werden, ließen die Ingenieure und Designer bei Cannondale die Köpfe rauchen, tüftelten an einer neuen Geometrie-Zauberformel und stellten Systemintegration in den Vordergrund der Entwicklung. Das Kürzel Si des neuen Scalpel bedeutet genau das: System Integration. Überschlagsmäßig sprechen wir von Hollowgram-Kurbeln, Zero-Pivot-Flexstreben, Lefty-Federgabel und neuerdings auch von Ai-Antrieb und OutFront-Geometrie. Ein Bike ist schließlich nur so gut wie die Summe seiner Teile. Fangen wir aber erst einmal bei den Eckdaten an. 100 mm Federweg stehen an Front und Heck zur Verfügung. Die Rahmengröße S und erstmals alle damenspezifischen Modelle des Scalpel-Si gehen in Zeiten größenbezogener Passformen mit 27,5" Laufrädern ins Rennen. Alle übrigen Männergrößen (M, L und XL) rollen auf größeren 29" Pneus.
Auf der Suche nach maximaler Traktion und Agilität führt kaum ein Weg um kurze Kettenstreben herum. Um jedoch weder mangelnde Reifenfreiheit noch Limitierung auf ein einzelnes Kettenblatt in Kauf nehmen zu müssen, wurde Ai ins Leben gerufen. Dieses System ermöglicht es, durch den Versatz der Kurbel und des Hinterrades um ganze 6 mm nach rechts mehr als ausreichend Platz für alle Komponenten inklusive möglicher Verwendung voluminöser Reifen zu schaffen, während die Kettenstreben kurz gehalten werden. Im Fall des Scalpel-Si handelt es sich hierbei um 425 mm Länge bei 27,5" und 435 mm bei 29" Laufrädern. Zusätzlich profitiert das System davon, dass das Hinterrad durch den Versatz mit gleich langen Speichen eingespeicht werden kann. Ein steiferes und stabileres Hinterrad soll die Folge sein. Der Q-Faktor bleibt indes derselbe.
OutFront kombiniert einen für die XC-Kategorie flachen Lenkwinkel (69,5 Grad) mit einer 55 mm nach vorne versetzten Achse (Offset) an der Lefty. Das sorgt für spürbar mehr Stabilität und Kontrolle bei Abfahrten. Der dabei entstehende kurze Nachlauf erlaubt ein schnelles und agiles Handling.
Die Einarm-Doppelbrücken-Konstruktion der Lefty ist seit Jahrzehnten ein echter Hingucker. Love it or hate it, die leichte Lefty ist mittlerweile für ihre hohe Steifigkeit und Lenkpräzision mit ihren leichtlaufenden Nadellagern bekannt. Beim Scalpel-Si kommt eine Sonderversion mit mehr Offset (s.o.) zum Einsatz.
Neben einem Modell aus Aluminium kommt Cannondales BallisTec Carbon mit patentiertem Konstruktionsverfahren zum Einsatz. Dieses kombiniert laut Cannondale höchstmögliche Steifigkeit und Haltbarkeit mit präziser Abstimmung von Flex und Fahrverhalten - und das alles so langfristig, dass jedes Scalpel-Si herstellerseitig lebenslange Garantie bekommt.
Im direkten Vergleich mit namhaften Konkurrenten zeigen die Messdaten eines unabhängigen Labors, dass die absolute Steifigkeit und der Stiffness to Weight-Faktor des Scalpel-Si höhere Werte produzieren. Beim Systemgewicht von Rahmen mit Federbein, allen Anbauteilen und Hinterradachse liegt Cannondale zumindest Anfang Mai 2016 mit 2.118 g auch knapp vor seinem erstem Verfolger (aus dem Vorjahr, wohlgemerkt).
Mit austauschbaren Kabelführungseinsätzen lässt sich der Rahmen auf unterschiedliche Schaltungskonfigurationen einfach anpassen. Auch fein: die Kabelöffnungen befinden sich, ohne dick aufzutragen, direkt am Steuerrohr, wodurch ein Kabelscheuern am Rahmen aufgrund von Lenkbewegungen unterbunden wird. Zwei Flaschenhalter haben direkt im Hauptdreieck des Rahmens Platz. Selbst bei längeren Ausfahrten ist man so nicht zwangsläufig an einen Trinkrucksack gebunden. Der Rahmen ist mit Teleskopsattelstützen kompatibel. Das alleine ist ein sehr brauchbares Feature, deshalb muss man bei Einsatz einer solchen aber nicht auf Shimanos elektronische Schaltgruppe Di2 verzichten. In einem leichten herausnehmbaren Batteriefach, welches im Oberrohr vor dem Dämpfer sitzt, lässt sich die Batterie innerhalb des Rahmens verstecken. Befestigt wird die Halterung mit den Bolzen des Hinterbaudämpfers. Das LOCKR-Lagersystem basiert auf expandierenden Steckachsen, die beide Seiten der Schwinge zusammenklemmen - das spart Gewicht und sorgt für Steifigkeit. Flat Mount-Scheibenbremsaufnahmen erlauben den Zero-Pivot Flexstays eine ungehinderte Verformung und sparen darüber hinaus, wie könnte es anders sein, Gewicht.
Die Palette des Scalpel-Si ist mit zehn Modellen, wovon einige in zwei Farbkombinationen erhältlich sind, breit gefächert. Ein Modell ist mit SmarFormed Aluminium erhältlich (Scalpel-Si 5), alle anderen Versionen (Scalpel-Si Black Inc., Carbon 1 bis Carbon 4, Carbon Women's 1 und 2, Race und Team) verwenden Carbon als Rahmenmaterial. Je nach Ausführung kommen 1-fach oder 2-fach Schaltsysteme von Sram oder Shimano zum Einsatz.Das Si 5 ist ab € 2.999,– zu haben, die Carbon-Modelle beginnen bei € 3.999,–. Für das Topmodell Si Black Inc sind stolze € 11.999,– fällig.
Genug der Theorie, letztendlich muss sich das Scalpel-Si auf dem Trail beweisen. Auf zwei kleinen Rundkursen mit einigen kniffligen Felspassagen, kleinen Stufen und verwinkelten Kurven am Vormittag, gefolgt von einer Heizpartie Richtung See hinab, kristallisierten sich schnell die Stärken des neuen Scalpel-Si heraus.
Schwächen, so viel sei vorweg verraten, haben wir nur in klitzekleinen Dosen gefunden. Das Scalpel-Si benötigt keine Eingewöhnungsphase. Einfach draufsetzen und Gas geben, heißt die Devise. Dabei scheint das Konzept mit flacherem Lenkwinkel und kürzerem Nachlauf vom ersten Pedaltritt an voll aufzugehen. Wendig und wieselflink werden Richtungswechsel vom Fahrwerk ohne Murren umgesetzt, und dennoch vermittelt das Scalpel bei höheren Geschwindigkeiten eine Sicherheit, die unsereins von einem Bike mit der Kategorisierung Cross-Country nicht erwarten würden. Vermutlich spielten in meinem Fall als zusätzlicher Wohlfühlfaktor die kleineren 27,5" Laufräder meines Rahmens in Größe S eine Rolle, aber auch mein größer gewachsener Kollege auf den überrollfreudigen 29"-Laufrädern teilte diesen Eindruck. Wir gehen sogar so weit zu sagen, dass sich selbst Biker, die normalerweise auf Bikes mit mehr Federweg und aggressiveren Geometrien unterwegs sind, mit dem Scalpel wohl fühlen werden. Apropos Federweg: Es ist durchaus faszinierend, wie effizient 100 mm Federweg heutzutage zum Fahrkomfort beitragen können, zumindest im Fall der Umsetzung des Scalpel-Si. Einmal auf den empfohlenen Luftdruck abgestimmt, schluckt die Lefty 2.0 kleine und größere Unebenheiten - die auf den Trails rund um den Gardasee zur guten Tonart einfach dazugehören - mit Bravour, sinkt auch nach schnelleren Schlägen nicht unangenehm ab und geht auch im Wiegetritt nicht unangenehm in die Knie. Man muss sich immer wieder daran erinnern, dass der Hebel zur Aktivierung des Lockouts beider Federelemente auch noch existiert, zahlt es sich trotz aller Effizienz des Fahrwerks in moderat ruppigen Flach- oder Bergaufpassagen doch durchaus aus, sozusagen den Turbo einzulegen. Zumindest bei unserem Testmodell war die Bedienung des Hydraulik-Hebels allerdings nicht immer ganz unproblematisch. Manchmal recht hakelig zu entsperren oder fixieren, benötigt der Druckknopf recht viel Muskelkraft zur Betätigung - gefühlt sogar mehr als der Hydraulikhelbel der RockShox Teleskopsattelstütze.
Wie es die Daten vermuten lassen, ist das Scalpel-Si ein exzellenter Kletterkumpane. Die Traktion am Hinterreifen wird zum entscheidenden Faktor, ob man eine steile Steigung erklimmt oder nicht, sicher nicht das Fahrwerk selbst. Etwas unverständlich ist allerdings der Einsatz von Sattelstützen mit Setback. Da wird mit steilerem Sitzwinkel versucht, die Kraft effizient auf die Pedale zu übertragen, nur um die Position dann wieder durch die Sattelstütze weiter nach hinten zu verlagern. Ein Paradoxon, dessen Sinnhaftigkeit wir nicht entdecken konnten. Der empfohlene Sag am Hinterbau liegt bei 25 %, und damit ist man in der Regel gut bedient. So nutzt man bei motivierter Fahrweise um die 75 bis 80 Prozent des Federwegs gut aus, die restliche Endprogression steht dann für härtere Landungen bei Sprüngen oder kleinen Drops zur Verfügung. Das liefert eine gehörige Portion Vertrauen in das Potenzial des Scalpel-Si, die man auch benötigt, wenn man am Hinterrad eines Manuel Fumic oder Marco Fontana dranbleiben will - selbst wenn man sich sicher ist, dass diese eine gemütliche Sonntagsrunde über die Hügel drehen, während einem selbst die Zunge raushängt und die Hax'n explodieren.
Derartige Erfahrungen sind allerdings auch ein hervorragender Hinweis darauf, dass sich die Zeiten im Cross-Country endgültig geändert haben. Die Top-Elite weiß, wie man schnell fährt, und das nicht nur bergauf, sondern auch bergab. Wer schnell und sicher über Downhill-Passagen mit Steinfeldern und künstlichen Hindernissen mit ausgefahrener Sattelstütze hinunter kommt, ist ohne Frage ein exzellenter Pilot - wie Fontana und Fumic auch bereits bei gelegentlichen Einsätzen bei Enduro-Rennen in der Nebensaison eindrucksvoll unter Beweis stellten. Die Bikes der heutigen Generation, wie das Scalpel-Si, müssen bei derartigen Anforderungen natürlich mitspielen.Natürlich trägt auch die smarte Auswahl an Komponenten auf unserem Scalpel-Si Race zum hervorragenden Handling bei. Das fängt beim 760 mm breiten Cannondale CZero Flat Lenker an (die Lenkerbreite aller Modelle der Scalpel-Linie beträgt im Minimum 740 mm) und hört bei den sündhaft teuren aber fantastisch schnell beschleunigenden und extrem steifen Enve Carbon M50 Laufrädern auf.
Das Scalpel ist eine Cross-Country-Waffe für uns, eine Marathon-Maschine und wenn du eine Dropper-Seatpost einbaust, kannst du sogar auf den Flow-Trails im Bikepark deinen Spaß haben. Das ist das Mega-Rad.
Es ist offensichtlich, dass die Qualitäten des Scalpel Si in erster Instanz bereits ziemlich begeisterten. Die innovative Geometrie mit verlängertem Offset der Lefty-Federgabel kann auf Anhieb überzeugen, das Fahrwerk ist über alle Zweifel erhaben und die Systemintegration findet sich in jedem kleinsten Detail wieder.Natürlich ist der Spaß in der Si Race-Variante mit € 8.499,– nicht gerade ein Schnäppchen. Dafür bleiben aber auch keine Wünsche offen.Gegen einen länger dauernden Test hätte also keiner unserer Redakteure etwas einzuwenden, egal in welcher Sparte er sich eigentlich zu Hause fühlt. Und das ist wohl ein besonderes Kompliment in sich.
Alle Kommentare (35) im Forum