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Das tschechische öffentlich-rechtliche Fernsehen räumt dem Radsport viel mehr Sendezeit ein, als wir vom ORF gewöhnt sind: Jedermann MTB-Rennen werden genauso dokumentiert wie die Etappen der großen Landesrundfahrten. Dazu gibt es dann auch ein Rahmenprogramm mit Studio und Studiogästen. Im Jahr 2013 tauchten im Rahmenprogramm der Tour de France regelmäßig grell-gelb gekleidete Athleten auf, die mit viel Ausdauer und noch mehr Witz die gesamte Strecke der Tour einen Tag vor dem Peleton mit Tretrollern absolvierten (www.kickfrance2013.com). Ein Unterfangen, an das sich bis dahin noch niemand gewagt hatte und dessen Erfolg ungewiss war.
Die 3405,3 km kann man natürlich nicht mit einem jener Roller in Angriff nehmen, wie wir sie aus dem Straßenbild kennen, den Microscootern. Vielmehr braucht es Rennroller. Diese bestehen aus einem Vorderrad vom Rennrad und haben hinten entweder ein kleineres – 20 Zoll – oder neuerdings manchmal ebenfalls ein 28 Zoll-Laufrad. Der Rahmen besteht meist aus Alu oder Stahl und wird nach und nach mit den bestmöglichen Komponenten aus dem Angebot für Rennräder bestückt. Der Einstieg ist aber kostengünstig. Ab etwa € 550,- ist man konkurrenzfähig dabei. Die komplette Rennmaschine wiegt dann etwa acht Kilo und unterscheidet sich vom Rad hauptsächlich dadurch, dass Pedale und der Sattel fehlen. Dafür gibt es ein Trittbrett, das sich knapp über der Straße befindet und auf dem abwechselnd das „Standbein“ Platz findet. Abwechselnd deshalb, weil das Standbein beim Kicken kleine Kniebeugen mitmacht und alle acht bis zwölf Kicks abgelöst werden muss. Die Trittbewegung selbst ist eine Wohltat für den Körper, denn der gesamte Rücken wird richtig gestreckt und das Bein wird dann auch mit den Bauchmuskeln wieder angezogen. Die Fahrt bekommt durch den Rhythmus einen meditativen Aspekt. Und ganz nebenbei verbrennt der Körper ein große Menge Kalorien.
Als ich 2013, noch auf Inlineskates, an einem der legendären Wiener Friday Night Skatings teilnahm, machte mich ein Freund darauf aufmerksam, dass sich weiter vorne im Pulk ein Tretrollerfahrer mit dem leuchtgelben Tour de France-Dress befände. Nach einem kurzen Plausch entpuppte sich dieser als der österreichische Teilnehmer von Kickfrance2013, der zwar nicht die gesamte Tour abgespult hatte, dafür aber die Alpenetappen mitgefahren war. Es war Guido Pfeiffermann, ein Pionier des Tretrollersports in Österreich. Umgehend vereinbarte ich eine Testfahrt mit ihm. Und damit war es um mich geschehen - ein Tretroller musste ganz schnell her!
Meine Räder blieben 2014 immer öfter in der Garage und bald überkam mich auch die Lust, mich mit dem Roller sportlich zu messen. Nach einem ersten Start bei „Kick the Ring“ am Salzburgring ging es mit der österreichischen Nationalmannschaft zur WM, die vergangenes Jahr in Pilsen stattfand. Alle zwei Jahre werden Medaillen in jeweils vier Disziplinen verteilt - dem Sprint, dem Kriterium, der Staffel und dem Langen Rennen. Der Sieger der diesmaligen Ausgabe der langen Distanz bewältigte die 32 km mit einem Schnitt von 27,82 km/h. Für Zuseher ist vor allem die Staffel spektakulär, da als Staffelholz der Tretroller fungiert und die Teams verschiedene Arten der Übergabe trainiert haben. Heuer bereitet sich erstmals eine dreiköpfige österreichische Mannschaft, bestehend aus Guido Pfeifferman, Jurek Milewski und meiner Wenigkeit, auf die zweite Auflage des „Etapak“ vor: ein Rennen über fünf Etappen mit fast 290 km Länge und einem Höhenunterschied von 4.350 m – und das gleich Anfang Mai in der Gegend der nordtschechische Stadt Cheb.
In Österreich ist man mit einem Erwachsenenroller noch ein richtiger Exot; nur Hochrad- und Einradfahrer stehlen einem die Show. In Holland, Finnland und vor allem Tschechien hat der Sport hingegen schon einen ganz anderen Stellenwert: Einer der renommierten Hersteller, Kostka aus Tschechien, hat vom Jahr 2013 auf das Jahr 2014 die Produktion auf rund 20.000 Roller verdoppelt.Um eines beneiden uns aber manche der Nachbarländer trotzdem: Gemäß hiesiger StVO ist der Roller dem Rad gleichgesetzt und darf auf Radwegen und Straßen benutzt werden. Das ist wegen der Reisegeschwindigkeit auch sehr vernünftig und mit ein Grund, warum Tretroller auch gut zum Bikeboard passen. Von der großen Menge an produzierten Rollern sind aber nur wenige Rennroller. Die meisten zählen zur Spezies der Allroundroller oder Stadtroller, und diese sind entspannt und komfortabel auf den meisten Belägen zu fahren. Ein Feldweg stellt also ebenso wenig ein Hindernis dar wie ein Stück Kopfsteinpflaster in der Innenstadt; gegen feinen Asphalt hat aber natürlich niemand etwas.Im Alltag sind Licht, Glocke und Kotflügel empfehlenswert – letzterer vor allem am Hinterrad, den dieses schaufelt sonst bei Schlechtwetter den Dreck direkt auf die Fersen. Im Allround-Segment gibt es eine Vielzahl von Radgrößen-Kombinationen (meist zwischen 12 und 26 Zoll), die zu unterschiedlichen Fahreigenschaften führen. Ein Test und gute Beratung sind also bei Kaufabsichten empfehlenswert. Tretroller kann man aber auch ähnlich wie Mountainbikes fahren. Diese sind dann auch mit einer Federgabel und Scheibenbremsen ausgestattet. Guido Pfeiffermann hat mit einem solchen Gerät schon an einigen Mountainbike-Marathons wie der Weinsteinbike oder der Salzkammergut-Trophy teilgenommen und wurde komfortabel nie Letzter.
Mein neunjähriger Sohn ist dem Roller gegenüber noch etwas skeptisch und bevorzugt das Rad. Gut für mich, weil ich so Leistungsunterschiede ausgleichen kann: Wenn er Rad fährt, bin ich mit dem Roller zwar immer noch schneller, aber der Unterschied ist nicht mehr so eklatant, wie wenn ich selbst auch Rad fahren würde. Genauso könnte man z.B. Läufer begleiten. Und manche Aspekte des Rollerfahrens sind ja auch tatsächlich mit dem Laufen verwandt: Es gibt einen Rhythmus und den explosiven Abstoß. Was wegfällt ist, bei jedem Schritt das Körpergewicht abfedern zu müssen, sprich: Rollerfahren ist gelenkschonender. Eine spezielle Sparte des Rollerfahrens ist das Mushing, ein rasanter Sport, bei dem das Treten weniger wichtig ist, denn je nach Größe übernimmt ein Hund die Rolle des Zugtiers. Wenn es brenzlig wird, kann man dank des niedrigen Schwerpunkts und der fehlenden Querstange meist einfach abspringen.
Die kleine österreichische Tretroller-Community versucht mit verschiedenen Aktionen, möglichst viele Menschen auf ihren Sport aufmerksam zu machen und Testmöglichkeiten zu bieten. In Wien gibt es ein feines, von Hannes Totter betriebenes, Tretrollergeschäft, wo man sich einen Roller auch einmal zum Testen leihen kann. Es ist in der Industriestrasse 4 im 22. Bezirk (www.tretrollerverkauf.at). In Salzburg gibt es als Ergänzung einer Kajakschule (www.kanu-mpn.at) einen Tretrollerverleih und in Kramsach in Tirol findet sich ein weiteres Tretrollergeschäft, gleichzeitig Generalimporteur der finnischen Kickbikes. (www.kickbike.at). Übrigens: Weil die Tour de France 2013 schon eine Weile her ist, haben die Tschechen, wohl bei einem Bier, entschieden, dass die heurige Ausgabe des Frühjahrsklassikers Paris - Roubaix (12.4.2015) das nächste Ziel sein soll. 260 km, davon 60 km auf groben Pflastersteinen. Es geht also in Kürze mit dem Tretroller durch die Hölle des Nordens …
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