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Canyon Spectral:ON CFR 2022 im Langzeittest

Canyon Spectral:ON CFR 2022 im Langzeittest

01.09.22 05:10 2.261Text: MOtoman, NoManFotos: Erwin HaidenWer wissen will, was heutzutage elektronisch alles geht, der greife zum neuen E-All-Mountain der Koblenzer in der Edel-Version: Massig Reichweite, geringes Gewicht, viel Spaß - und sogar das Fahrwerks-Setup übernimmt dank Flight Attendant auf Wunsch das System.01.09.22 05:10 2.485

Canyon Spectral:ON CFR 2022 im Langzeittest

01.09.22 05:10 2.4851 Kommentare MOtoman, NoMan Erwin HaidenWer wissen will, was heutzutage elektronisch alles geht, der greife zum neuen E-All-Mountain der Koblenzer in der Edel-Version: Massig Reichweite, geringes Gewicht, viel Spaß - und sogar das Fahrwerks-Setup übernimmt dank Flight Attendant auf Wunsch das System.01.09.22 05:10 2.485

Im Laufe des vergangenen Frühling hatte Canyon seine neue Spectral:ON Familie vorgestellt, bestehend aus der gründlich überarbeiteten, etwas günstigeren CF-Plattform sowie den komplett neuen, nochmals um rund 300 Gramm leichteren Vollcarbon-Rahmen aus CFR-Fasern.

Brush up

Alle Details hierzu gibt’s in unserem CFR-Showroom vom April. Das wichtigste daraus in aller Kürze: Gemein sind beiden Güteklassen bemerkenswerte Errungenschaften in Sachen Batterie und Geometrie.
Die neuen Akkus liefern größenabhängig 720 (S) bzw. sogar 900 Wh (M-XL), zur Verfügung gestellt durch eine proprietäre, horizontal angeordnete Batteriezellen-Architektur. Und dank des um 30° gedrehten Shimano EP8 Motors sind sie besonders tief im Rahmen platziert – gut für den Schwerpunkt des Bikes, und somit gut fürs Handling.
Bei den Abmessungen lautete die Stoßrichtung mehr Reach, flacherer Lenkwinkel, längere Kettenstreben und kürzeres Sitzrohr. In Kombination mit dem leichteren und steiferen Rahmen sowie dem Mullet-Setup sollen diese Änderungen ein lebhaftes und verspieltes Fahrverhalten ermöglichen - bei gleichzeitig erhöhter Stabilität in steilem, ruppigem Gelände sowie bei hohen Geschwindigkeiten.

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 Fun:ON 

Mehr Reichweite, weniger Gewicht, mehr Spaß versprechen die Koblenzer rund um ihr überarbeitetes E-Mountain

Der Einstieg in diese neue, motorgestützte Welt des Geländeradfahrens mit 150 mm Federweg an der Front und 155 mm am Heck gelingt bei Canyon, versendertypisch, bereits bei relativ günstigen 5.199 Euro fürs CF7. Nur: Wer wird denn in Zeiten steigender Energie- Lebensmittel- und Wohnungspreise ausgerechnet bei unser aller liebstem Hobby den Sparstift ansetzen?

Darum nur her mit der absoluten Highend-Version für diesen Langzeittest, man gönnt sich ja sonst nichts. Außerdem stellt der Preis von € 11.299,- (900 Wh; 720 Wh: € 10.999,-) für das Spectral:ON CFR LTD trotz allem einen recht „günstigen“ Weg dar, sich den neuesten Fahrwerkstrend nach Hause zu holen. Auf besagtem Topmodell werkt nämlich Rock Shox Flight Attendant – und auch sonst so ziemlich alles, was gut und teuer ist:
Beste Fahreigenschaften versprechen neben dem elektronisch gepimpten Fahrwerk bestehend aus Lyric Ultimate und Super Deluxe Ultra der DT Swiss HXC 1501 Mullet-Laufradsatz aus Carbon in Kombination mit fetten Maxxis Assegai 3CMT EXO 29x2,5 WT vorne und Minion DHR II EXO+ 27,5x2,6 TR MT hinten.
Geschaltet und gedropped wird kabellos per Sram XX1 Eagle AXS Antrieb und Reverb AXS Dropperpost, gebremst mit Sram Code RSC Bremsen. Das hauseigene Canyon-Cockpit mit teilintegrierter Kabelführung sorgt für eine cleane Optik.

Tech Specs CFR LTD

Rahmen Canyon Spectral:ON CFR
Deep Space
Batterie Canyon BT0001-01 (720 Wh)
Canyon BT0002-01 (900 Wh)
Größen S/M/L/XL Steuersatz Acros BlockLock (IS52 | ZS52)
Antrieb Shimano EP8 Kettenblatt Canyon:ON 34T Direct Mount
Display Shimano Steps SC-E7000 Display Chainguard Canyon EP
Kurbel Shimano FC-EM900 24 mm, 165 mm Kassette Sram XX1 Eagle, 10-52
Kette Sram XX1 Eagle Schaltwerk Sram XX1 Eagle AXS, 12-fach
Laufräder DT Swiss HXC 1501 29"/27,5"
30 mm vorne 15x110 mm, 35 mm hinten 148x12 mm
Reifen Maxxis Assegai 3CMT EXO 29x2,5 WT
Maxxis Minion DHR II EXO+ 27,5x2,6 TR MT
Gabel Rock Shox Lyric Ultimate Flight Attendant, 150 mm 29" Dämpfer Rock Shox Super Deluxe Ultra Flight Attendant, 155 mm
Lenker Canyon CP0012: S=760, M-XL=780, 50 mm Vorbau
20 mm Rise, 5° Upsweep, 8° Backsweep
Sattelstütze Rock Shox Reverb AXS, 30.9 mm
Travel: S=125, M=150, L&XL=170
Schalthebel Sram XX1 Eagle AXS Vorbau -
Griffe Canyon Lock-On Griffe Sattel Fizik Terra Aidon X5
Bremshebel Sram Code RSC Bremse Sram Code RSC, Centerline 203 mm
Gewicht 22,85 kg (900 Wh)
21,94 kg (720 Wh)
Preis € 11.299,- (900 Wh)
€ 10.999,- (720 Wh)

Inbetriebnahme

Akku(s) im Überfluss - schon bei der Vorbereitung für meine erste Ausfahrt ist mir dieses Wortspiel in den Sinn gekommen. Da hast du auf der einen Seite dieses außerordentlich groß dimensionierte Kraftwerk, gut versteckt im Rahmen, welches du, egal wie sehr du dich bemühst, nie leer bekommst. Auf der anderen Seite zeigt dir Canyon mit diesem Bike, dass man Batterien für fast alles benötigen kann, sodass du beinahe den Überblick verlierst.
Eine kleine Aufstellung zur Veranschaulichung:
  • Federbein - Sram AXS Batterieeinheit, aufladbar
  • Federgabel - Sram AXS Batterieeinheit, aufladbar
  • Sattelstütze - Sram AXS Batterieeinheit, aufladbar
  • Schaltwerk - Sram AXS Batterieeinheit, aufladbar
  • Pedaliersensor - AAA-Zelle
  • Bedienelement Schaltung - CR2032 Knopfzelle
  • Bedienelement Sattelstütze - CR2032 Knopfzelle
  • Antriebseinheit - Canyon BT0002-01, aufladbar
Macht in Summe acht Stück. Wenn auch nicht nach jeder Ausfahrt eine Aufladung sämtlicher AXS-Akkus erforderlich ist: darauf vergessen kannst halt auch wieder nicht. Da die Sram-Akkus aber baugleich und untereinander austauschbar sind und ihnen sicher nicht zeitgleich der Saft ausgeht, hat man die Möglichkeit zu entscheiden, was fürs Heimkommen wichtiger ist: Schalten, Sattelstützenhöhe variieren oder "elektrisch federn".
Aber auch den Akku für den Shimano EP8 mit seinen 900 Wh musst du nicht zwangsläufig nach jeder Ausfahrt laden. Nach der kleinen Abendrunde werktags kannst du das ruhig mal unterlassen, er reicht für Tage (Herstellerangabe rund 100 km/2.000 Hm).
Die drei verbauten, klassischen Batterien sollen laut Sram jedenfalls eine Saison überdauern. Für eine halbe kann ich hiermit meine Hand ins Feuer legen.

Optisch wirkt das Canyon sehr dynamisch und hochwertig verarbeitet. Man bekommt, was man erwartet. Die Farbwahl ist mir persönlich ein bisschen zu konservativ, es dürfte ruhig ein wenig greller sein. Die mattschwarzen Details sehen zwar sehr edel aus, zerkratzen aber leider sehr leicht.
Ansonsten ist dieses Bike so nobel bestückt und ausgeführt, dass du fast nicht wagst, es schmutzig zu machen. Kohlefaser, wohin man sieht, und Parts, die ich in dieser Form (das Flight Attendant-Fahrwerk ist gemeint) noch nie untern Hintern hatte.

Spectral:ON CFR Geometrie

  SMALL MEDIUM LARGE X-LARGE
Körpergröße (mm) 166-175 175-183 183-192 192-200
Sitzhöhe (mm) 720 760 800 840
Oberrohrlänge (mm) 589 613 637 663
Steuerrohrlänge (mm) 115 125 135 145
Lenkwinkel (°) 65,50 65,50 65,50 65,50
Sitzrohrlänge (mm) 420 440 460 480
Sitzrohrwinkel (°) 76,50 76,50 76,50 76,50
Kettenstrebenlänge (mm) 440 440 440 440
Radstand (mm) 1194 1223 1252 1281
Stack (mm) 634 643 652 661
Reach (mm) 435 460 485 510
Überstandshöhe (mm) 809 814 820 825
Tretlager-Offset (mm) vo/hi 35,5/19 35,5/19 35,5/19 35,5/19
Federweg vorne (mm) 150 150 150 150
Federweg hinten (mm) 155 155 155 155

Die Sitzposition (ich fuhr bei 185 cm Körpergröße einen L-Rahmen) ist sehr sportlich, aber nicht unbequem. Einzig bei sehr langen Touren verspürte ich Druck auf den Handgelenken. Faktisch benötigt man den aber, wie ich später noch feststellen werde.
Der Schwerpunkt ist tief und du fühlst dich gut integriert ins Rad.

Die Komponenten in der Praxis

Über den 85 Nm starken Shimano EP8 gibt’s nicht viel Neues zu sagen. Er ist und bleibt mein Lieblingsantriebssystem ... sportlich, dynamisch, lebendig im Ansprechverhalten, kompakt und doch stark, widerstandsarm und hochgradig einstell- und individualisierbar.
Ebenfalls lässig: Das sanfte und kaum spürbare Ein- und Aussetzen des Motors bei ca. 25-26 km/h.
Verglichen mit dem EP8 in meinem privaten Merida arbeitet der im Canyon werkende vielleicht eine Spur leiser. Aber das ist erstens ein sehr subjektiver Eindruck, und zweitens, nachdem es sich in beiden Fällen um die zweite Generation des Shimano-Motors handelt, wohl weniger ein vom Antrieb als seiner „Einhausung“ abhängiger.

Was den Akku betrifft, würde ich jetzt normalerweise betonen: „Die Reichweite hängt von vielen Faktoren ab.“ Nicht so bei Canyons 900 Wh-Powerbank. Gefühlt fährst du damit ewig und musst dir über deinen Handlungsspielraum nie den Kopf zerbrechen. Als Beispiel: Wexl Trails - Uphill Trail 2 x rauf bis zum Speicherteich (ca. 700 Hm) im Trail Modus; danach noch immer alle fünf Segmente auf der Anzeige, also nicht wirklich viel verbraucht.
Wichtig zu beachten: Canyon verwendet bei diesem MTB nicht nur eine eigene Batterie, sondern auch einen speziellen Ladestecker. Bei mehrtägigen Touren etc. sollte man das mitgelieferte Ladegerät also tunlichst nicht zuhause vergessen, denn die Shimano-, Bosch-, Was-auch-immer-Kollegen können nicht aushelfen.

 Gefühlt fährst du mit dem Akku ewig 

Die Reichweite? Mit 900 Wh kein Kriterium mehr

Kommen wir zu meinem persönlichen Highlight: der Sram XX1 Eagle AXS Schaltung. So problemlos und unkompliziert waren Gangwechsel für mich noch nie. Das Ding tut einfach, was es soll, schaltet exakt, verrichtet seine Dienste auch unter großer Last knackig, leise und unaufgeregt und bietet für jede Situation die richtige Übersetzung.
Apropos Übersetzung: Die ist mit 34 Zähnen vorne und 10-52er-Abstufung hinten so toll konfiguriert, das auch ohne Akku ein Fortkommen im Uphill ohne große Mühen möglich ist. Das vermittelt bei längeren Ausfahrten zusätzlich ein beruhigendes Gefühl, denn wenn alle Stricke reißen, ist auch die größte Bergtour damit "analog" zu Ende zu bringen.
Ganz ehrlich: Die Schaltanlage hätte ich bei der Rückgabe des Spectral:ON am liebsten abgeschraubt und in allen kommenden Testbikes weiter verwendet.

Auch in puncto Reifen wurde das für mich Beste vom Besten montiert: Maxxis Double D. Vorne Assegai, hinten Minion DHR II, beide in erklecklichen Breiten (2,5"/2,6"). Im letzten Winter am eigenen Bike noch als top bewertet, sind sie am Canyon auch im heißen Sommer erste Wahl, wenngleich sie bei Hitze schnell Profil verlieren.
Die Code RSC Bremsen von Sram strahlen sehr viel Verlässlichkeit aus und halten den Druckpunkt auch in langen Abfahrten. Zwar gaben sie beim leichten Anbremsen komische Geräusche von sich. Das dürfte aber eher an der nicht artgerechten Benutzung meiner Vortester liegen und hat die Bremsperformance in keiner Weise eingeschränkt.
Die Sattelstütze funktioniert einwandfrei (sofern der Akku geladen ist ;-D). Mit ausreichend Hub versehen (170 mm bei L/XL), gibt sie dir, ganz eingefahren, viel Bewegungsfreiheit.

Damit zum Highlight des Canyon Spectral:ON CFR, welches für mich etwas völlig Neues war: RockShox Flight Attendant. Es ist faszinierend, was heute alles möglich ist. Ich kenne solche elektronischen Fahrwerke von Öhlins oder Wilbers auf Motorrädern. Aber auch, wenn ich es interessant und spannend finde, war mir bis zum Schluss irgendwie nicht klar, was ich damit machen soll.
Über die Tasten am rechten Holm der Federgabel kannst du die manuelle Steuerung (Open/Pedal/Lock) vornehmen. Und zwar sowohl für die Lyrik Ultimate-Front, als auch das Super Deluxe Ultra-Heck. Du musst aber nicht, da die Druckstufendämpfung des Fahrwerks dank komplexer Technik, zusammenwirkender Sensoren (in Gabel, Dämpfer und Tretkurbel-Welle) und schlauer Algorithmen auch ganz automatisch funktioniert. Für technische Details hierzu sei an dieser Stelle nochmals auf den Showroom verwiesen.

Soweit die Theorie. In der Praxis surrt und blinkt diese Errungenschaft schon bei der kleinsten Berührung in der Garage, ist also in Sekundenbruchteilen ready for action. Am Trail surrt’s und piepst’s und blinkt’s ununterbrochen weiter, und stellt sich dabei jeweils selbstständig hinten wie vorne um – von Lock auf Pedal oder Open, und andersrum.
Meistens passt das Ergebnis zur Fahrsituation, vor allem, wenn’s gemächlich bergauf dahingeht, oder in der Ebene. So prompt, wie hier die Technologie reagiert, würde ich manuell nie agieren. Ob die elektronischen Helferlein aber auch in schwierigen und schnellen Passagen, in Downhill oder bei Jumps sekundenschnell die richtige Einstellung zur Verfügung stellen? Ich weiß es nicht. Ich konnte es nie mit Sicherheit sagen.
Mein Eindruck: Es mag für Flight Attendant sicher eine Zielgruppe geben. Beispielsweise erwächst jenen ein Vorteil daraus, die sich nicht tiefergehend mit den Einstellmöglichkeiten ihres Fahrwerks beschäftigen wollen. Auch, wer fürs flache Dahintreten ein straffes Setup bevorzugt, profitiert ob des sozusagen stante pede verfügbaren Lockouts. Ich gehöre definitiv nicht zu diesen Gruppen, und fühlte mich mit der manuellen Steuerung des (grundsätzlich tollen!) Fahrwerks besser bedient.

Fahreindrücke

Was gibt's zum eigentlichen Handling zu sagen? In der Ebene und im hügeligen Auf und Ab hast du durch die sportliche Sitzposition und die sehr leichte Front ein sehr schnelles, wendiges und verspieltes Bike unter dir. Ich schließe mich also der Meinung der Canyon-Entwickler an: Die Geometrie wurde so gewählt, dass ein sehr lebhaftes Fahrverhalten herauskam.
Die Front dünkt mich fast schon nervös, so "gewichtslos" ist sie. Ich bin noch kaum ein Bike gefahren, das so locker aufs Hinterrad geht. Wheelie-Fahren für Dummies wäre in meinem Fall die richtige Bezeichnung, den mit dem Canyon kann's auch ich! Der deutlich relevantere Benefit: Das Überfahren oder Überspringen von Wurzeln oder kleine Baumstämmen ist damit nie ein Problem und auch ohne guter Fahrtechnik leicht zu bewerkstelligen.

Talwärts fühlst du dich ebenfalls sehr rasch wohl und kannst dich am Spectral:ON alsbald richtig schnell wo runterlassen. Ich würde sogar sagen: Je schneller ich unterwegs war, desto sicherer habe ich mich auf dem Bike gefühlt, weil es immer stabiler wirkte.
Und trotzdem waren Wurzeln, Steine oder kleine Hindernisse nie eine Gefahr. Um mich nicht zu wiederholen: Neben der leichten Front trug auch der tiefe Schwerpunkt sein Scherflein hierzu bei.

Aber wo Licht ist, ist auch Schatten. Konkret waren es zwei Punkte, welche das Canyon nicht zu meiner ersten Wahl für Ausfahrten machten.
Erstens die Bodenfreiheit: Selten zuvor bin ich mit einem Bike so oft bei Wurzeln oder Hindernissen hängengeblieben oder gestreift - echt lästig. Bei manchen Touren passierte es so gehäuft, dass ich schließlich sogar nachgemessen habe. Das Spectral:ON kommt beim tiefsten Punkt des Motorgehäuses auf knapp 260 mm. Mein privates E-MTB misst 23 mm mehr.

Zweitens das Kurvenverhalten: Egal, ob im schwierigen Gelände auf Singletrails talwärts, oder in schnellen Downhillpassagen – Richtungsänderungen forderten immer ordentlich Körpereinsatz und Druck am Vorderreifen von mir. Kaum waren Schwerpunkt oder Linenwahl nicht dort, wo sie sein sollten, hatte ich immer wieder das Gefühl, die Front zu verlieren. Hier gaben mir andere Testbikes am Lenker etwas mehr Vertrauen bzw. subjektiv ein wenig mehr Spielraum für Fehler.

Uphill ist motor- und akkuseitig dafür alles möglich. Die Kapazität der Batterie ist, wie schon erwähnt, binnen einer Tour kaum auszuschöpfen. Kombiniert mit dem drehmomentstarken Shimano EP8, sind auch steilste Anstiege zu schaffen. Obwohl du hier schon merkst, dass die leichte Front nicht immer von Vorteil ist und, wie eingangs erwähnt, etwas Druck nötig ist.
Grip ist mit den Maxxis 2,6“ Hinterreifen immer genug vorhanden. Und auch der seitliche Halt auf schrägen Hängen lässt nie zu wünschen übrig.
Summa summarum vergisst du dank des sehr gut abgestimmte Handlings schnell, auf einem 22 Kilo schweren E-MTB zu sitzen, und nicht auf einem ungleich leichteren „Bio-Bike“. Das merkst du erst, wenn du registrierst, dass du verdammt schnell unterwegs bist … vor allem wenn’s verwinkelt, eng im Zickzack-Kurs, durchs Gehölz geht.

Fazit

Canyon Spectral:ON CFR LTD
Modelljahr: 2022
Testdauer: 5 Monate
Preis: € 11.299,- UVP
+ Edler Auftritt
+ Sehr verspieltes Fahrwerk
+ Akkukapazität
+ AXS-Schaltung
+ Wer's will: automatische Druckstufendämpfung
o Akku-Monitoring, 8-fach
o Proprietärer Ladestecker
o verlangt nach aktiver Fahrweise in Kurven
- Geringe Bodenfreiheit
BB-Urteil: Alles, was elektronisch geht - mit Spaß!

Zusammengefasst ist das Canyon Spectral:ON CFR ein tolles, potentes Fun-Bike mit gewöhnungsbedürftig geringer Bodenfreiheit und etwas divenhaftem bzw. wenig fehlerverzeihendem Kurvenverhalten.
Downhill hat es sehr viel Spaß gemacht, und wurde umso stabiler, je schneller ich es laufen ließ. Bei Jumps war das Bike nicht so neutral wie andere Vertreter seiner Art und eher hecklastig. Hier musste ich meine Herangehensweise ein wenig anpassen. Auch in Steilkurven auf Flowtrails (z.B. am Panoramatrail in Saalbach) bist du damit richtig schnell und hast großen Spaß, wenn du mit viel Druck über der Front stehst. Dann geht richtig die Post ab.
Uphill kann man dank des Shimano EP8 gepaart mit dem 900 Wh-Akku einfach alles wagen. Mit dieser Konfiguration würde sogar ich über eine Transalp nachdenken. Solange die Strecke fahrbar ist, erreichst du damit jeden Gipfel. Bloß Tragepassagen würde ich ob der – relativ gesehen natürlich leichten – 22 kg Gesamtgewicht keine absolvieren wollen.

Technisch repräsentiert die Limited-Version den obersten State-of-the-art, der auch entsprechende Aufmerksamkeit benötigt – Stichwort Akku-Monitoring. Während ich jedoch als vom Motorrad kommender Fahrwerks-Tüftler für Flight Attendant nicht ganz der geeignete Addressat bin, erhalten andere durch die automatisierte, elektronische Druckstufendämpfung bzw. -anpassung gewiss eine – technologisch jedenfalls faszinierende – Handreichung.
Für die Sram AXS-Komponenten wiederum konnte ich mich sehr begeistern – haben will!

Persönlich würde ich zum Canyon Spectral:ON CFR in Endless Black mit dem kleineren Akku tendieren. Erstens ist die Farbe schwarz, wenn’s denn nichts Grelleres gibt, genau meins. Zweitens sind 720 Wh immer noch wirklich viel. Und drittens landet man, gemeinsam mit dem Fox 36er Factory Fahrwerk und der Shimano XTR Ausstattung beim fast gleichen Gewicht – hat dann jedoch ein paar Tausender gespart.


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