Passwort vergessen?
Größe: 175 cm Schrittlänge: 84 cm Gewicht: 70 kg Fahrstil/-können: Rennrad & Gravel, gute Ausdauer, wenig Power, volles Risiko bergab - wird allerdings selten belohnt
"Werden sich Scheibenbremsen am Rennrad durchsetzen?" Kaum eine Frage wurde mir in letzter Zeit öfter gestellt. Das Thema polarisiert und betrifft Neueinsteiger, aktive Hobbyfahrer, Amateure, Nerds und Profis gleichermaßen. Abgesehen von den Early Adopters regiert unter Rennradfahrern eher eine generelle Ablehnung gegenüber diesem Innovationssprung, aber auch Ungewissheit und stellenweise sogar Angst. Manch einer scheint dabei zu vergessen, dass sich die Discs schon längst in einigen Unterkategorien erfolgreich etabliert haben: Cyclocross, Gravelbike, Newroad und Granfondo/Endurance. Ich kenne kaum eine kürzliche Neuanschaffung im erweiterten Bekanntenkreis, bei der ein entsprechender Untersatz ohne Scheibenbremsen gekauft wurde. Und ich kenne weiters niemanden, der seine Entscheidung bereuen musste. Die Frage sollte also vielmehr lauten..."Bis wann werden sich Scheibenbremsen am Rennrad durchgesetzt haben?" Ich weiß es nicht, und der Prozess wird wohl maßgeblich länger dauern, als dies beim Mountainbike der Fall war. Allerdings zeichnet sich eindeutig der Trend ab, dass zukünftig viele Rennrad-Topmodelle vollintegriert, aerodynamisch optimiert, elektronisch geschaltet, mit Steckachsen versehen und hydraulisch per Discs gebremst werden. Die Industrie will es so, die UCI wird irgendwann mitspielen und der Schaden des Kunden soll es nicht sein.
"Profitieren alle gleichermaßen von den Discs?" Keineswegs. Zumindest in den Extremen sollte ihr Einsatz (noch) wohl überlegt werden - Stichwort: Wärmeableitung. Denn überall da, wo extrem viel Energie vernichtet wird, entsteht viel Wärme, und die muss ja schließlich irgendwo hin. Besonders schwere, extrem schnelle oder technisch schlechte Fahrer könnten mit der aktuellen Disc-Technologie auf langen und anspruchsvollen Downhills durch Überhitzung in Bedrängnis geraten. Abhilfe schafft zwar oft eine größere Scheibe, zur Zeit ist jedoch meist bei 160 mm Schluss, denn nur wenige Rahmen und Gabeln erlauben einen Durchmesser von 180 Millimetern. Auch hinsichtlich aerodynamischer Ansprüche ist das Thema Disc ein kontroverses. Hinsichtlich der aerodynamischen Optimierung machen die rotierenden Scheiben ohne Verkleidung das Rad nicht unbedingt schneller, wobei sich wiederum der Rahmendesigner in Sachen Integration voll austoben kann. Denn eine hydraulische Leitung kann kreuz und quer durch den Rahmen verlegt werden, ungeachtet der Zuganschläge, -liner und -reibung. Auch die Problematik der unterschiedlichen Felgenbreiten in Training und Wettkampf hätte sich damit erledigt. Und falls jemand auf die kühne Idee kommen sollte, mit seinem vollintegrierten Triathlonbike die Geschwindigkeit zu verringern, oder gar anzuhalten, so könnte er dies jederzeit tun.
Wird ein modernes Disc-Rennrad-Konzept konsequent umgesetzt, dann scheitert es in den seltensten Fällen an der Funktionalität oder am Komfort, noch muss das Gewicht in andere Sphären emporsteigen. Vielmehr versprechen hydraulische Scheibenbremsen ein mächtiges Plus an Fahrspaß bei jedem Wetter und Untergrund. Bestes Beispiel dafür ist das neue Pasculli Tomarlo Disc, welches mit einer Shimano Ultegra Di2 Gruppe, ST-R785 Di2 Schalt-/Bremshebeln, hydraulischen BR-RS805 Flat Mount Scheibenbremsen - beide auf Ultegra Niveau - und zwei 140-mm-Discs ausgestattet ist. Die beliebte Kombination sorgt für einen cleanen Auftritt und verrichtet ihren Dienst gleichermaßen präzise wie zuverlässig.
Desweiteren wurde das hier vorgestellte Maßrad, Eigentum des Pasculli-Gründers Maik Kresse, nicht einfach nur schnell für Scheibenbremsen fit gemacht, sondern sowohl der Rahmen als auch die Gabel von Grund auf neu konstruiert. Denn ein ohnehin schon steifes Fahrwerk ohne Bedacht mit Scheibenbremsen-Aufnahmen und zusätzlicher Laminierung zu verstärken erhöht das Gewicht, raubt Komfort und neigt schnell mal dazu, dem Fahrer bei Asphaltkanten oder Schlaglöchern die Plomben rauszuschlagen.Die verbauten Discs sind eher auf der kleinen Seite und wohl dem Gewichtsgedanken geschuldet. Schwerere Fahrer oder Alpenüberquerer wären mit 160- oder gar 180-mm-Scheiben definitiv besser beraten. Ein Umbau ist relativ rasch per Adapter (Shimano SM-MA-R160D/D Adapter Flat Mount +20mm) möglich.
In der vierten Generation zeigt sich der Verkaufsschlager Pascullis von seiner komfortablen Seite - selbst mit Scheibenbremsenaufnahmen. So wich das massive, runde Unterrohr des Vorgängers einem längsovalen mit schmälerem Durchmesser; auch das Oberrohr wurde schlanker und nach hinten stärker verjüngt. Beide Maßnahmen konnten das Rahmengewicht - je nach Geometrie bzw. Größe - in Summe um zirka 60 Gramm senken. Der einhergehende, geringe Verlust an Steifigkeit wurde durch die geschickte Anlenkung der Rohre am querovalen Steuerrohr sowie am 86,5 mm breiten BB386Evo-Tretlagergehäuse kompensiert. Darüber hinaus sollen die ovalisierten Rohrformen lateral steifer sein und dank vertikaler Nachgiebigkeit dennoch für guten Komfort sorgen.
Die Pasculli Road DiscTA12 Gabel wurde ebenfalls umkonstruiert und besitzt, abgesehen von den Flat-Mount-Aufnahmen und einer 12-mm-Steckachse, je nach Rahmengröße 5 bis 8 mm längere Gabelscheiden und einen 45 mm Rake. Mit dieser zeitgemäßen Endurance-Geometrie bietet sie spürbar mehr Komfort als der Vorgänger - bei ähnlich hohen Steifigkeitswerten - und erlaubt mit maximal 180 mm großen Discs und 28 mm breiten Reifen eine optimale Übertragung der Bremskräfte. Dennoch liegt ihr Gewicht unter 400 Gramm.
Aber auch beim aktiv federnden Hinterbau des Vollcarbon-Straßenrahmens blieb kein Stein auf dem anderen. Eine tiefere Abstützung am Sitzrohr formte ein kompakteres und steiferes Hinterbau-Dreieck und lässt das Sitzrohr bzw. die Sattelstütze grobe Stöße noch besser abfedern. Die speziellen Disc-Kettenstreben schaffen in Verbindung mit dem breiten BB386Evo-Tretlager nun Platz für 28 mm breite Reifen und sind dank Flat-Mount-Aufnahme für einen maximalen Scheiben-Durchmesser von 180 Millimetern ausgelegt.
Wie bei den meisten Pasculli-Modellen wird auch der Tomarlo-Rahmensatz speziell nach Gewicht des Fahrers bzw. dessen Einsatzwunsch konifiziert. Auch Fahrergewichte von 110 kg und Körpergrößen von über 2 Meter bringen dieses Fahrwerk nicht an seine Grenzen. Eine eigene Gravelvariante mit Schutzblech-Befestigungen vorne und hinten sowie einem Reifendurchlauf bis maximal 42 mm befindet sich in Vorbereitung.
Obwohl die montierten Shimano Di2 Schalt-/Bremshebel mit den hydraulischen Flat Mount Discbrakes und den Ice-Tech Freeza Bremsscheiben an und für sich hervorragend funktionieren, lässt sich doch immer etwas kritisieren. Die Hebel könnten optisch dezenter sein, wünschenswert wären weniger Hebelweg, ein knackigerer Druckpunkt, größere Discs, höhere Wärmeableitung, ein niedrigeres Gesamtgewicht, ...Fest steht: die aktuellen, hydraulischen Bremsanlagen auf Ultegra- bzw. Force-Niveau präsentieren sich als hochwertige, spezifische Rennrad-Komponenten und halten, was sie versprechen. Nichtsdestotrotz ist das letzte Wort in Sachen RR-Disc-Technologie noch lange nicht gesprochen.
Wir können davon ausgehen, dass es mit der neuen Shimano Dura-Ace Disc-Gruppe einen richtigen Kracher machen wird. Die hydraulischen Scheibenbremsen der Topgruppe werden ebenfalls per Flatmount befestigt und spezielle Bremsscheiben mit durchgehendem Alu-Kern zwischen den Stahl-Flanken sollen 30 Grad weniger Hitze entwickeln. Auch die Bremsgriffe wurden neu gestaltet, unterscheiden sich in Größe und Form kaum von der mechanischen Variante und sollten ergonomisch spürbare Vorteile bringen. Ebenso soll die neue Sram Red eTap HRD erstklassige Bremsleistung und -kontrolle in einem Paket kombinieren und durch einfache Einstellung und Wartung überzeugen.Spätestens, wenn sich diese neuen Techologien auf Ultegra-, Force-, 105- und Rival-Niveau durchgesetzt haben, führt wohl fast kein Weg mehr an hydraulischen Scheibenbremsen am Rennrad vorbei.
Die Vorteile eines Maßrahmens für Sitzriesen, Sitzzwerge, Großgewachsene und Sportler mit anderen morphologischen Eigenheiten sind offensichtlich und hinreichend bekannt. Jedoch greifen "normal" proportionierte Radfahrer eher selten zur Maßanfertigung, was in erster Linie wohl auf das geringe Angebot und den höheren administrativen Aufwand zurückzuführen ist. Kostenmäßig spricht zumindest im High-End-Segment nicht viel dagegen. Pasculli bietet den Tomarlo Disc ab 3.390 Euro auf Maß inklusive persönlicher Decals, Signatur und Wunsch-Lackierung an. Die Wartezeit beträgt ab Auftragserteilung 8-10 Wochen. Vergleichbare Vollcarbon-Marken-Rahmensets von der Stange kommen nicht viel günstiger.Maßrahmen versprechen freilich auch normal gebauten Durchschnitts-Racern hohes Potenzial. So lassen sich neben den reinen Abmessungen und des STWs auch die Fahreigenschaften des Boliden auf die eigenen Bedürfnisse zurechtschnitzen. Denn ob schlussendlich ein echtes Renngerät, ein Granfondo, ein Gravelbike oder gar ein Crosser rauskommt, ist in erster Linie eine Frage der Geometrie.
Mit dem Tomarlo Disc ist dem Berliner Hersteller mit italienischer Radmanufaktur ein großer Wurf gelungen. Speziell auf Flat-Mount-Discbrakes zugeschnitten, überzeugt der Renner mit einer fantastischen Mischung aus hoher Steifigkeit und gutem Komfort. Besonders die neu konstruierte Gabel animiert zum Rasen ohne Rücksicht auf Verluste und steckt schlechte Straßen, Schlaglöcher und tiefliegende Kanaldeckel weg wie nichts, ohne dem Fahrer dabei die Arme zu brechen.Dank der hydraulischen Scheibenbremsen steht mehr Bremsleistung bei weniger Kraftaufwand und optimaler Dosierbarkeit zur Verfügung, um vor engeren Kurven oder Serpentinen so spät und scharf wie möglich abzubremsen - im besonderen beim Bremsgriff von oben. Ein zusätzliches Plus ist die konstant hohe Bremsleistung bei allen Witterungsbedingungen, was sich gerade in der kalten und feuchten Jahreszeit bezahlt macht.Wer ausgedehnte Probefahrten mit diesem oder einem anderen gut konzipierten Disc-Renner drehen möchte, sollte sich das jedoch wohl überlegen - denn die Gewohnheit ist ein Hund. Beim ersten Mal ist es spannend, bei der nächsten Ausfahrt tastet man sich an den neuen Grenzbereich heran, und bei der übernächsten hat man sich schon ein bisschen an die Roadbikedisco gewöhnt. Ich für meinen Teil tu mir nach etwa 1.500 Kilometern Tomarlo Disc bereits richtig schwer, mich für meinen eigenen Felgenbremsen-Renner zu motivieren.
Alle Kommentare (28) im Forum