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Auf Achse: Seven Serpents

Auf Achse: Seven Serpents

05.12.22 09:42 2.661Text: gabriwaFotos: Marco Samiolo, Seven SerpentsResumé der 830 Kilometer langen Tortour von Ljubljana nach Triest, vorbei an den besten Ecken Istriens, inklusive Inselhopping mit Stippvisiten auf Krk und Cres.05.12.22 09:42 2.677

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05.12.22 09:42 2.67715 Kommentare gabriwa Marco Samiolo, Seven SerpentsResumé der 830 Kilometer langen Tortour von Ljubljana nach Triest, vorbei an den besten Ecken Istriens, inklusive Inselhopping mit Stippvisiten auf Krk und Cres.05.12.22 09:42 2.677

Welche Events sollte man nächstes Jahr auf dem Schirm haben? Ich hab mir letztes, also genauer gesagt dieses Jahr einige angesehen. Im Mai etwa - Seven Serpents heißt die Sause. Ein knapp 830 Kilometer langer - fast - Rundkurs von Ljubljana nach Triest, vorbei an den besten Ecken Istriens, inklusive Inselhopping mit Aufenthalt auf Krk und Cres. Kann man machen. Habe ich auch.

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Wie Urlaub, nur härter

Die 830 Kilometer sind doch in drei Tagen zu schaffen! Locker, das wären ja gerade mal ... naja, halt 270 in etwa pro Tag; das geht schon, drei Tage. Egal. Zuerst mal anmelden, der Rest wird sich schon weisen.
Zum Zeitpunkt der Anmeldung noch nicht ganz der Komplexität dieses Unterfangens bewusst plane ich, das Seven Serpents in drei Tagen runterzubrechen, aber genussvoll! Denn dieses Jahr möchte ich mehr von den Events mit nach Hause nehmen als nur ein gpx-File.

Neben dem doch ambitionierten täglichen Pensum an zurückzulegender Strecke sind da auch noch rund 15.500 Höhenmeter, die sich unterwegs versteckt haben. Klingt jetzt viel, aber auf drei Tage gerechnet … normale Ausfahrt, 270 Kilometer, 5.000 Höhenmeter. Nur eben drei Tage hintereinander.

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Glück im Unglück

Mir ist im Frühjahr mein Gravelbike eingegangen. Rahmenbruch, nichts zu machen. Also muss mein XC Hardtail herhalten. Das Specialized Chisel ist jetzt nicht die erste Wahl für ein Gravel-Rennen, aber was soll's. Ein paar Taschen d'rauf geschnallt und ab geht die Post!

Bereits am ersten Tag entpuppt sich meine “zweite Wahl” als erstklassig. Auch wenn in Slowenien die Wege oftmals schöne Sandstraßen sind, bin ich für die leichtere Übersetzung gerade an den bissigen Anstiegen rauf zu Checkpoint Nummer 1, Sveta Trojica, dankbar.
Wir haben Glück mit dem Wetter, am Vorabend hat es noch geschüttet, nun scheint die Sonne.

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Die Route führt vorbei an wunderbarer Natur, durch Nationalparks und immer wieder auch durch größere Ortschaften - perfekt also, um unterwegs den Proviant aufzustocken.
Wider aller Erwartung wird es gegen 20 Uhr dämmrig, meine Beine schwer wie Blei und mein Vorsatz, mindestens 270 Kilometer täglich runterzustrampeln geht schneller den Bach runter als ich “Cerkniško jezero” sagen kann.

Das Höhenprofil am Radcomputer ist auch nicht gerade aufmunternd, erst 3.700 Höhenmeter heute. Ist dieses Stadium erreicht, so ertappe ich mich dabei, wie ich laufend die Umgebung nach passenden Unterschlüpfen zum Übernachten durchforste. Vor dem nächsten ernstzunehmenden Anstieg scheine ich einen geeigneten Schlafplatz in Form einer vermeintlich verlassenen Ansiedlung von Wochenendhäusern im Wald gefunden zu haben.

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Grenzgänger

Der zweite Tag beginnt mit dem Ritt über die grüne Grenze nach Kroatien, gefolgt von Checkpoint Nummer 2, Guslica, einem übermäßig grauslichen, lediglich 320 Höhenmeter langen Anstieg über fast unfahrbares Geröll.
Es wird nicht das letzte Mal sein, dass ich bei der Abfahrt mehr als erfreut über mein Chisel bin. Auf der Stichstraße bergab kommen mir geschundene Gravelbiker entgegen, ich sehe die Verzweiflung in ihren Augen, auch können Sie den Neid ob meines geilen, gefederten Gefährtes nicht verbergen.

Unterwegs sammle ich immer wieder FahrerInnen auf, die deutlich länger als ich in die Nacht gefahren sind. Wofür schinden? Bei Tageslicht macht es definitiv mehr Spaß und sicherer ist es auch. Und Hand aufs Herz: Um mit den Ehrgeizigen aus der ersten Reihe mithalten zu können, müsste ich zu dem Zeitpunkt bereits auf der zweiten Fähre nach Cres sitzen, also knapp 240 Kilometer weiter sein.

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Auch am zweiten Tag gibt es an der Strecke nichts auszusetzen. Ein bunter Mix aus Schotter, Sandstraßen und Asphalt - für jeden etwas dabei. Doch bereits die Abfahrt über eine alte Militärstraße Richtung Kraljevica räumt alle Zweifel aus: Die Empfehlung "Gravelbike mit 42 Millimeter breiten Reifen" war, gelinde gesagt, falsch.
Der erste Teilabschnitt auf Krk, neun Kilometer von der Krkči Most nach Rudine, führt über einen sehr schönen, aber auch unfahrbaren Wanderweg entlang der Küste. Aber an eine Pause ist hier noch lange nicht zu denken, die Fehlleistung von gestern gehört noch ausgebügelt. Es steht also eine lange Nacht an.

In Baška holt mich die Dunkelheit ein. Kein Problem, ich bin gut vorbereitet mit einer leuchtstarken Frontlampe, extra geliehen für diesen Einsatzzweck. In Stara Baška erwartet mich das Unerwartete, eine wirklich zache Tragepassage über einen, nennen wir es “Steig”, in kompletter Finsternis, denn meine Lampe gibt den Geist auf.
Meine Ersatzleuchte habe ich schnell zur Hand, ihr Lichtkegel ist aber alles andere als überragend und so gestalten sich die nächsten Kilometer durch die Prärie als abenteuerlich. Ein flottes Vorankommen stelle ich mir anders vor, aber offen gesagt bin ich nach 18 Stunden auch ziemlich fertig mit der Welt und ich - siehe da, das schaut gut aus - lege mich in einen kleinen Olivenhain unweit der Straße.

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Ferry me home

Der dritte - oha, schon der letzte? - Tag beginnt mit einem 7:30 Uhr Termin. Die Fähre in Valbiska wartet nicht, 17 Kilometer vorm Frühstück zum Aufwärmen sollten in einer Stunde machbar sein? Sie müssen!
Harte Kost, 340 Höhenmeter über karstige Singletrails von Krk nach Valbiska, aber auf der asphaltierten Abfahrt zum Fährterminal erwische ich das Organisationsauto und werde von Bruno Ferraro, dem Veranstalter und seinen beiden Fotografen angefeuert: “Come on! Two minutes to the Ferry!”

Ticket gekauft, rauf aufs Boot, dann die wichtigste Frage: Wo Kaffee? Kaffee oben an der Bar und ich fühle mich wie neu geboren, nur wirklich schmutzig und seit zwei Tagen ohne Dusche. “That’s the life! There are so many interesting things to experience, you can shower later” erklärt mir ein Mitstreiter auf der Fähre. Aha.
Nach viel zu kurzen zwanzig Minuten Überfahrt geht der Spaß weiter, die Runde auf Cres ist zwar nur 80 Kilometer lang, mit 1.700 Höhenmetern vergleichsweise flach, aber der Untergrund auf dieser Insel hat es wirklich in sich. Schroffes Gestein und dichte Vegetation machen das Vorankommen teilweise sehr schwierig. Kurz bevor ich die zweite Fährstation erreiche, plagen mich zwei Reifenpannen. Ich bin gezwungen, den Schlauch zu aktivieren, riesige Sauerei - aber, hey, eh schon wurscht - und eine weitere Zitterpartie, ob die Fähre noch da ist. Sie ist es auch dieses Mal.

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An Schlaf oder Erholung ist während der Überfahrt von Porozina nach Brestova nicht zu denken, in der knappen Viertelstunde wird das Bordbistro geplündert und Cockta gesoffen, als gäbe es kein Morgen mehr. Die im Anschluss darauf folgenden 35 Kilometer erwecken dann auch tatsächlich das Gefühl der Resignation und Verzweiflung: Direkt vom Meeresniveau geht es auf den Vojak, 1.650 Gründe für einen All Inclusive Urlaub in Sharm El Sheikh fallen einem während dieser Tortur ein.
Kleiner Lichtblick: Von nun an geht es (fast) nur noch bergab. Dennoch, an eine Zieleinfahrt in Triest ist für mich an diesem Tag nicht zu denken, zu weit ist der Rückstand, zu schwach meine Verfassung für die restlichen 240 Kilometer.

Für mein kurzes Intermezzo auf Cres habe ich meine beiden Ersatzschläuche geopfert. Fortan gilt es, möglichst umsichtig in Hinblick auf die Linienwahl zu sein. Einen weiteren Defekt kann und will ich mir hier im kroatischen Hinterland nicht leisten.
Bei Einbruch der Nacht bleibt mir keine andere Wahl, als eine Unterkunft zu suchen. Eine willkommene Gelegenheit, mir den Grind von den Gliedern zu waschen sowie meine elektronischen Gadgets wieder aufzuladen. Buzet it is.

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Quattro Stagioni - vier Stationen

Wer die Gegend kennt weiß, von Buzet könnte man jetzt recht unkompliziert über Svety Martin rauf fahren, dann den Grenzübergang nach Slowenien nehmen, bei Strničevec immer schön geradeaus runter nach Zazid, Podpeč links liegen lassen und dann schnurstracks durch Osp mehr oder weniger bis in den Hafen von Triest rollen. In drei Stunden wäre die Sache erledigt.

Der Veranstalter meinte jedoch einen besseren Weg zu kennen, und zu seiner Verteidigung muss man sagen, er ist sicherlich sehr schön. Nur nach drei Tagen Leiden im Sattel hält sich meine Aufnahmefähigkeit für das Schöne stark in Grenzen.
Schleierhaft erinnere ich mich an Radwege entlang aufgelassener Zugstrecken, angeblich war ich in Novigrad Pizza essen (sagt meine Bankomatkarte) und irgendwo dort unten gibt es ja auch noch den Checkpoint Nummer 4, die Salinen von Sicciole. Unauslöschlich eingebrannt in mein Hirn hat sich lediglich der abartige Anstieg von Črni Kal rauf zum Slavnik, den letzten Berg vor dem Ziel. Die Mischung aus Gradient, fehlenden Serpentinen und grobem, alles andere als verzeihendem Untergrund eröffnet eine Kategorie für sich. Ich nenne sie "die Willensbrecher''.

Die Abfahrt nach Triest fühlt sich an wie Trance, der geschundene Körper ist noch halb da, der Geist längst weg. Eine brandgute Kombination also für einen High Speed Abschnitt auf Sandstraßen.
Dank richtigem Untersatz überlebe ich auch dies und rolle am vierten Abend sichtlich gezeichnet von den Strapazen auf der Piazza Unità ein.

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Fazit

Das Seven Serpents Gravel ist eine wirklich schöne Veranstaltung für Mountainbiker, die gerne lange im Sattel sitzen, dabei viel essen, wenig schlafen und bereit sind, für mehrere Tage auf Duschen zu verzichten. Also ziemlich genau die Bikeboard Zielgruppe.

Fünf von fünf Sternen.

Nächstes Jahr wird es zwei Distanzen mit unterschiedlichem Anforderungsprofil zur Auswahl geben, einen "Overnighter” (ähem, ähem) über 500 Kilometer mit 9.000 Höhenmeter und die volle Dröhnung, wieder über 850 Kilometer mit 16.000 Höhenmeter - vermutlich eine ähnliche Strecke wie dieses Jahr.

Die Registrierung ist offen, die Plätze sind limitiert! Wer nächsten Mai eine unvergessliche Ausfahrt in Istrien erleben möchte, sollte sich das nicht entgehen lassen!

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vor 5 Stunden schrieb Tom Elpunkt:

PFUH klingt nicht gerade nach einem erholsamen Trip :)

 

Schöne Fotos, sind die vom Veranstalter oder bis auf die Selfies auch welche von dir gemacht?

Die guten vom Veranstalter, der Rest is von meinem Handy - nächstes mal dann nehm ich eigene Camera Crew mit :) hatte keinen platz mehr für das Stativ am Rad. 

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Am 5.12.2022 um 20:53 schrieb used_shoe:

Herrlich, hab mich vor kurzem zum hier als "overnighter" beschriebenen kürzeren Event angemeldet, und bin schon gut gespannt. Laut mehreren Erfahrungen müssen wohl auch mehr als 40er drauf, ob ich will oder nicht.

Tatsächlich empfehle ich dir, die volle Reifenfreiheit deines Rahmens auszukosten - frei nach der Devise: mehr hilft mehr. 

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