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Bosch (e)MTB Schnitzeljagd Bildbericht

Bosch (e)MTB Schnitzeljagd Bildbericht

22.07.22 06:03 1.181Text: Gabriel WaringerFotos: Michael MeindlTakeshi's Castle auf zwei Rädern. Von wegen Family-Event! Der Geschicklichkeitsbewerb im Rahmen der Salzkammergut Trophy als Sprungbrett zu einer strahlenden E-Sports-Karriere ... oder auch nicht.22.07.22 06:03 1.584

Bosch (e)MTB Schnitzeljagd Bildbericht

22.07.22 06:03 1.5845 Kommentare Gabriel Waringer Michael MeindlTakeshi's Castle auf zwei Rädern. Von wegen Family-Event! Der Geschicklichkeitsbewerb im Rahmen der Salzkammergut Trophy als Sprungbrett zu einer strahlenden E-Sports-Karriere ... oder auch nicht.22.07.22 06:03 1.584

Durch die doch überschaubaren, offen gesagt nicht vorhandenen Erfolge meiner jungen Rennkarriere in der alternativen Rennszene der Gravelkings und Bikepacking-Bobos ist es langsam an der Zeit, die Notbremse zu ziehen und die Augen nach echten Alternativen abseits davon offen zu halten. Ein so gesehen alternativ-alternativer Race-Kalender muss her, und wer die letzten Jahre einmal ins Internet (dieses kleine Kastel neben dem Telefonanschluss, welches klingt wie ein Robotron K6316 im Endkampf) geschaut hat, weiß, dass die Zukunft im E-Sport liegt.

 Eine Mischung aus MTB-Tour und Takeshi’s Castle 

Die Bosch (e)MTB Schnitzeljagd

Mein Plan ist simpel und wasserdicht - als Early Adopter werde ich die Szene aufmischen und durch meine Weitsicht, eines Nostradamus würdig, mich so an die Spitze des E-Olymps setzen. Langdistanz? 24 Stunden Rennen? Wer hat für sowas heute noch Zeit!
Um Worten Taten folgen zu lassen, bietet sich praktischerweise ein Event in Bad Goisern namens “Salzkammergut Trophy” an. Dort fahren ewig Gestrige auf MTBs ohne (!) Unterstützung absolut sinnbefreit im Kreis.

Da ich aber klug bin, habe ich mich für das Event der Zukunft angemeldet - die Bosch (e)MTB Schnitzeljagd! Eine Mischung aus MTB-Tour und Takeshi’s Castle, bei der man auf einer vorgegebenen Strecke mehrere Stationen anfahren kann, um dort sein Können in so unterschiedlichen Disziplinen wie Miniarmbrust, Nageln oder dem Technikparcours unter Beweis zu stellen. Je nachdem, sammelt man dann mehr oder weniger Punkte, und am Ende gewinnt die- oder derjenige mit dem höchsten Punktestand. Alles klar?

Die Regeln im Detail

Die Bosch (e)MTB Schnitzeljagd wurde konzipiert als Bewerb, der Fahrspaß und Unterhaltung für die ganze Familie bringt: Man kann sie alleine bestreiten oder in der Gruppe, mit Motorunterstützung oder ohne; Zeitnehmung gibt’s keine, dafür lustige Geschicklichkeitsbewerbe an den Checkpoints, an denen es gilt, möglichst viele Punkte zu sammeln. Drei Streckenlängen (25, 37 oder 43 km) stehen zur Wahl.
Die Bronzemedaille erhält, wer die kurze Strecke absolviert und sich bei den vier Kontrollstellen einen Stempel holt. Die Medaille in Silber gewinnt, wer alle sechs Kontrollstellen der mittleren Distanz anfährt. Für die Goldmedaille muss man zusätzlich noch die Hälfte der Geschicklichkeits-Stationen bewältigen. Wer das Punktemaximum anpeilt, muss die längste Distanz in Angriff nehmen und bei allen Aktivitäten mitmachen.

Gewöhnung ans Gerät

Mangels eigenen Materials (das gesamte Budget für diese Saison wurde bereits in Goldketterl und weiße Socken investiert - merke: als zukünftige Ikone zählt jedes Detail!) ordere ich mir einfach und problemlos ein Leihrad via Veranstalter - pünktlich zum Start um kurz vor 9 Uhr stehe ich dann vor dem Ungetüm in Form eines KTM Prowler Prestige, 25 Kilogramm pure Lebenslust angetrieben vom Bosch CX Performance Aggregat mit bis zu 85 Nm Drehmoment und ausgestattet mit der 625 Wh fassenden PowerTube.
Mit 180 mm an der Gabel und nicht minder beeindruckenden 170 mm Federweg hinten fährt dieses Ross sprichwörtlich alles nieder, die 29”/27.5” Laufradkombo bügelt jegliches Obstacle flach. Um dieser brachialen Urkräfte irgendwie Herr zu werden, wurden nur die feinsten Komponenten verbaut, geschaltet und gebremst wird natürlich mit der neuesten (am Markt erhältlichen) XTR. Nobel - und das alles zu einem Preis, wo man sich zwangsläufig fragt, wie in aller Welt sich das ausgeht. Anderes Thema.

Die Bosch (e)MTB Schnitzeljagd kommt als Event der Zukunft ohne Zeitnehmung aus. Der Start erfolgt zwischen 9 und 11 Uhr.
Um mich mit dem zukünftigen Siegerbike vertraut zu machen, fahre ich noch schnell zum Techniktraining mit Lucky Luke, dem Mann von dem erzählt wird, er sei schneller als sein Schatten. In einer Stunde lerne ich alles, was es zu wissen gilt; oder zumindest die Basics wie Position am Rad und Bremsen – immerhin.

Im Fahrerlager geht das Gerücht um, eine größere Gruppe starte um 10 Uhr - perfekt für mich, im Gruppetto kann ich meine Kräfte schonen, während ich mit knapp 30 anderen leise surrend den ersten Berg hinauf jage.
Der Fahrtwind reißt mir mit abgeregelten 25 km/h fast mein Trikot vom Leibe, ich gebe alles, um das Biest auf der Straße zu halten. Trotz bester Intentionen fahre ich jedoch die meiste Zeit am Hinterrad. Mit der Traktion der 2,75” breiten Schwalbe Reifen ist einfach nicht zu spaßen.

Treffsicher?

Nach schweißtreibenden 15 Minuten T(r)aktieren im Feld erreicht die Gruppe den ersten Checkpoint in Sankt Agatha: einen Schützenverein, wo wir uns die ersten Punkte verdienen. Drei wahrlich meisterliche Schüsse mit der Armbrust bringen mir nicht nur den Spitznamen “Wilhelm” sondern auch die ersten 27 Punkte und katapultieren mich meilenweit vor die Konkurrenz.

Während der Transferstage von Station A zu Station B lesen wir auch Rene Reidinger auf, bekannt aus Funk und Fernsehen. Er meint, eine asphaltfreie Abkürzung zu kennen. Da wir gruppengrößenwartezeitbedingt ohnehin bereits stark im Verzug sind, bleibt mir eigentlich nichts anderes übrig und ich folge ihm auf die Forststraße.
Im Anstieg bemerke ich, dass Reidinger illegalerweise ohne Motor unterwegs ist - ein klarer Regelverstoß, welchen ich zu einem späteren Zeitpunkt eventuell an den Veranstalter melden werde, sollte es mir nützen.
Während die Zeit drängt - die Siegerehrung ist für 14 Uhr anberaumt und mir fehlen noch ca 920 Punkte - zweifle ich an meiner Entscheidung, mein Schicksal ausgerechnet an jenen Herrn geknüpft zu haben, der den Beinamen NoBrain trägt. Ohne jegliche Streckenkenntnis bin ich ihm hilflos ausgeliefert, und die Zeiger der Uhr stehen bereits auf 5 vor 12. Nicht nur sprichwörtlich, sondern auch tatsächlich. Ich könnte jederzeit den Turbo Modus meines Triebwerkes starten, würde aber dadurch Reidinger absolut zerstören und somit meinen Navigator verlieren. Welch Drama, welch Dilemma!

Irgendwie schaffen wir es doch hoch auf die Halleralm, bekannt für vieles, vor allem aber den Bogenschießparcours.
Erneut ist ein ruhiges Händchen gefragt, ich habe dank Motorunterstützung noch ordentlich Zielwasser übrig und erreiche unglaubliche 53 Punkte - ein historisches Ergebnis, sofort werde ich an Ort und Stelle zum Ehrenmitglied ernannt. Dankend nehmen ich an, doch die Zeit, sie drängt.

 Ich habe dank Motorunterstützung noch ordentlich Zielwasser übrig 

Das ruhige Händchen als einer von vielen Vorteilen eines E-MTBs

Schadensbegrenzung

Jetzt rächt sich die späte Startzeit, trotz moderaten 43 Kilometern rückt mein Vorhaben, alle Stationen und Checkpoints abzufahren in weite, unerreichbare Ferne.
In einem solchen Fall gilt es, einen klaren Kopf zu bewahren und seine Optionen abzuwägen:
  • Option A: Technischen Defekt vortäuschen und aus dem Rennen aussteigen. Schwierig, denn bei näherer Überprüfung durch die Rennkommission würde mein Schwindel sofort auffliegen - das Prowler arbeitet einfach zu gut, Defekte daher ausgeschlossen.
  • Option B: Von einem Fan am Streckenrand zu Fall gebracht werden und somit ausscheiden.
  • Problem - kaum Fans am Streckenrand.
  • Option C: Schadensminimierung und versuchen zu retten, was es zu retten gibt.

Da mir letzteres als einziger Ausweg erscheint, heize ich mit einem Affenzahn Richtung Ewige Wand. Die Aussicht auf 150 Punkte und somit ein sicherer Platz unter den Top 3 lassen mich zu unerwarteter Hochform auflaufen. Mühelos schalte ich zwischen den Unterstützungsstufen E-MTB und Turbo hin und her und bewege zwecks der Optik die Pedale.
Kurz vor dem Checkpunkt auf der Ewigen Wand muss ich den Anker in Form der 4-Kolben-XTR werfen und schleife mich gerade noch rechtzeitig vor den vor Furcht erstarrten Offiziellen am Checkpoint ein. Peinlich berührt entschuldige ich mich, doch die Dame nickt verständnisvoll. Das Prowler Prestige zu bändigen ist keine leichte Übung.

Also schnell wieder in den Sattel geschwungen, auf geht es zum Endspurt in Richtung Bad Goisern! Die Abfahrt nach der Ewigen Wand mag für viele eine Feuerprobe sein - dank des vorhin beschriebenen Fahrwerks kann ich mich an diese gänzlich nicht erinnern.
War es Asphalt? War es ein Trail? Keine Ahnung, aber ein KOM ist fix drin!

Um Punkt 14 Uhr erreichen wir dann den Zielort, doch die Siegerehrung findet ohne mich statt. Enttäuscht wende ich mich von der Festbühne ab.
Eigentlich hätte ich dort oben stehen sollen, es wäre mein Tag gewesen. Die Bedingungen waren perfekt, doch durch einen taktischen Fehler habe ich alles aufs Spiel gesetzt und verloren. Niemals hätte ich mich Rene Reidinger anschließen dürfen, der Mann hatte nicht einmal ein E-Bike, wie konnte ich so blind sein!

Ich gebe die Hoffnung nicht auf - irgendwo muss es ein Rennformat geben, welches mir liegt und ich bin mir ziemlich sicher, es in der Bosch (e)MTB Schnitzeljagd gefunden zu haben. Die Szene ist jedenfalls heiß, man hört Gerüchte von einer Tour E-France und einem Giro E-Talia. Das bedeutet: meine Zeit wird noch kommen!


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