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Hart wie Granit - Biken im Mühlviertel

Hart wie Granit - Biken im Mühlviertel

02.05.19 08:42 3.554Text: NoManFotos: Erwin HaidenHügelauf, hügelab von Linz bis zur tschechischen Grenze. Mit der jüngsten Erweiterung hat sich das Granitland zu einer der größten Mountainbike-Regionen Europas gemausert. 950 knackig-zackige Kilometer warten auf Gäste mit Sinn für körperliche Ertüchtigung, Natur und Kultur.02.05.19 08:42 5.892

Hart wie Granit - Biken im Mühlviertel

02.05.19 08:42 5.892 NoMan Erwin HaidenHügelauf, hügelab von Linz bis zur tschechischen Grenze. Mit der jüngsten Erweiterung hat sich das Granitland zu einer der größten Mountainbike-Regionen Europas gemausert. 950 knackig-zackige Kilometer warten auf Gäste mit Sinn für körperliche Ertüchtigung, Natur und Kultur.02.05.19 08:42 5.892

17 Touren. Das ist jetzt noch nicht wirklich herausragend. Das schaffen andere MTB-Destinationen auch. Um die in der Tat beeindruckenden Dimensionen der Mountainbike-Region Granitland, gelegen im Nordwesten Oberösterreichs, zu verdeutlichen, braucht es andere Zahlen.
Zum Beispiel 36. So viele Gemeinden sind mittlerweile Teil des 2011 gestarteten Projekts. Das klingt einigermaßen umfänglich und flächendeckend. Oder 950. So viele Kilometer weist das Streckennetz dieser EU-geförderten Tourismusinitiative im Oberen Mühlviertel aktuell auf. Macht durchschnittlich 56 pro Runde, von denen sich jede rein rechnerisch ca. 1.500 Meter himmelwärts streckt. Denn an Höhenmetern wurden insgesamt gut 26.000 in dieses Paket verpackt.
Und dann noch: 0. In Worten: Null. Nicht einen Kilometer Shuttle-Service umfasst das Angebot, nicht ein Höhenmeter Aufstiegshilfe ist inkludiert. Wer nicht mehr kann oder Kräfte sparen will, konsultiert die Mühlkreisbahn oder den kooperierenden Taxi-Dienst.

„Uninteressant“, monieren an dieser Stelle vielleicht die Enduro-Fans. „Old school“ die trailverliebten Technik-Freaks. Und es stimmt: Wer das Sportgerät Mountainbike untrennbar mit potenten Fullys, Protektoren und langen, schwierigen Downhills verbindet, kann die Lektüre hier abbrechen.
Allen anderen bietet das Gebiet zwischen Donau und Böhmerwald, Bayern und Haselgraben überraschende Vielfalt und (oft sträflich unterschätzten) konditionellen Anspruch, herrliche Aus- und interessante Einblicke sowie Begegnungen mit Menschen, die den vermeintlichen Standortnachteil Randzone mit Kreativität, Offenheit und Leidenschaft ins exakte Gegenteil verkehren.

 Das Mühlviertel, unendliche Hügel. Wir schreiben das Jahr 2019. Dies sind die Eindrücke der BB-Tourencrew, die mit ihrer drei Mann starken Besatzung drei Tage unterwegs war, um das Granitland zu erforschen, neue Routen und neue Attraktionen. Nur einen Hupfer vom oberösterreischischen Zentralraum entfernt dringt das Bikeboard in eine Gegend vor, die es zuletzt 2015 gesehen hat … 

In Linz beginnt's

Mein Atem geht schnell und schneller, allmählich fangen sogar die Oberschenkel zu brennen an. Wieder verliert mein Vorderrad kurz den Bodenkontakt. Also noch weiter vorgerutscht auf der Sattelspitze und die Nase noch mehr Richtung Lenker gesenkt - auch, wenn sich die Lunge im Steilstück eigentlich nach Platz zum Schnaufen sehnt.
Rundherum grünen und blühen die ersten Frühlingsboten, vom Waldrand ist zartes Vogelgezwitscher zu hören. Die Sonne scheint mit Macht auf den riesigen Flecken Wiese, der sich über den Osthang des Pöstlingbergs ergießt und früher Mal zum Schifahren diente.

Während ich mich langsam, quälend langsam, auf einem reifenbreiten Singletrail zum oberen Ende des Idylls hocharbeite, fällt mir plötzlich Rudi Carrell ein: "Eben noch auf der Baustelle, jetzt auf unserer Showbühne!" tönt der typische Ausspruch des niederländischen Showmasters aus Laß Dich überraschen durch meinen Kopf. Spielt mir da ein offensichtlich sauerstoffunterversorgtes Gehirn einen bösen Streich?

Nein, meine Assoziation hat Hand und Fuß. Denn wer beim Ars Electronica Center in Linz sein Mountainbike sattelt und via Petrinum 'gen Granitland Süd-Runde aufbricht, zappt schneller durch die Welten als die Musikimitatoren der legendär gewordenen Überraschungsshow: Eben noch in der quirligen Großstadt voll Kunst, Kultur und Verkehr, jetzt im beschaulichen Grün der „Moarwies'n“! Dazwischen außerdem im gediegenen Villenviertel, danach im gemütlichen Gastgarten vom Kirchenwirt gleich hinter Basilika und Grottenbahn. Und nur wenige Meter und Fahrminuten weiter mitten im Wald, unterwegs zum Koglerauer Spitz samt Donaublick.

Schon immer zählten Teile der Oberösterreichischen Landeshauptstadt offiziell zum Mühlviertel. Seit letztem Jahr dockt Linz auch ans zugehörige MTB-Streckennetz des Natur- und Kulturraums ob der Donau an.
„Vier Halbtages- und eine Tagestour erweitern das Angebot unter dem Sammelbegriff Granitland Süd“, erklärt Granitland-Vereinsobmann Hans Falkinger. Tatsächlich sind die fünf neu hinzugekommenen Runden aber nicht nur eine Ergänzung des Ursprünglichen. Vor allem stellen sie einen attraktiven Einstieg ins Stammnetz direkt aus der Großstadt kommend dar.

Der Pöstlingberg mit seinen Wäldern, Wiesen und Attraktionen liegt nur einen Katzensprung vom Linzer Hauptplatz bzw. AEC entfernt; Ähnliches gilt für die „Gis“, wie die Einheimischen die 927 m hoch gelegene Giselawarte in Lichtenberg liebevoll nennen, oder den Koglerauer Spitz – allesamt stadtnahe Erhebungen mit fantastischem Panoramablick auf Donau, Landeshauptstadt und Alpenvorland.
Sie zählen ebenso wie die Eidenberger Alm zu den wortwörtlichen Höhepunkten des Granitland Süd; hinzu kommen tiefer gelegene Kleinode wie das Rodltal oder der Bleicherbach, und unter Radfahrern so bekannte Orte wie Ottensheim (Donauradweg-Fähre Drahtseilbrücke) oder Walding (Nachwuchsrennen und -arbeit des örtlichen Radclubs).

Markiert sind die stadtnahen 200 Kilometer und 6.000 Höhenmeter ebenso akribisch, wie dies Granitland-Stammgäste von den nördlicheren Touren kennen. Allerdings wird im Granitland Süd nicht nach Nummern, sondern Buchstaben unterschieden. Auch für die akkurate GPS-Vermessung und Kartografie wurde gesorgt. Verirren ist somit trotz zahlreicher Abzweige, Ortsdurchfahrten und diverser Varianten und Zubringer so gut wie ausgeschlossen.

Und so arbeiten wir uns mal schwer schnaufend, mal entspannt durchatmend voran. So schnell, wie wir uns über die Dächer von Linz erhoben und die Grenzen der Landeshauptstadt verlassen haben, so rasch wechselt auch weiterhin die Szenerie.
Von einer ruhigen Nebenstraße biegen wir flugs in einen Feldweg, aus einer Wiese wird mir nichts, dir nichts trockener Nadelwald. Flankierten gerade noch architektonisch bemerkenswerte Bauten und stadtplanerisch gewagte Gegensätze unseren Weg, tun dies im nächsten Moment geometrisch bepflanzte Blumenbeete und schließlich gar wild wachsende Gräser und Hecken.
Mit den moosbewachsenen Granitblöcken entlang des wunderbaren Wanderweges vom Koglerauer Spitz hinunter Richtung Ottensheim begegnet uns erstmals mühlviertlerisch archetypisches Urgestein – nur um Augenblicke später einem geradezu gestylten Ortsplatz mit modernem Brunnen und durchgängiger Pflasterung Platz zu machen. Auch eine erste Ahnung vom Leben am und mit dem großen Fluss vermittelt das Granitland Süd. Und spätestens mit den gebackenen Speckknödeln und Leinölerdäpfeln des Bruckwirt in Obermühl wird auch regionstypisch kulinarische Vielfalt kredenzt.

Auf und nieder, immer wieder

Wettertechnisch haben wir für unseren Auftakt in die Tourensaison 2019 das Optimum erwischt. Auch der zweite Tag begrüßt uns mit strahlendem Sonnenschein, und das durchgängig unter 1.000 Höhenmeter gelegene Revier verspricht selbst im April schon (und übrigens auch weit in den Herbst hinein) angenehme Temperaturen.
Topografisch freilich verlangt diese Region einen Schnellstart von den wintermüden Knochen, denn die Höhenprofile sämtlicher Touren erinnern an den Output eines Seismografen am Pazifischen Feuerring. Zwar geht es nie sehr lange rauf oder runter, dafür aber fast immer steil – und kaum einmal geradeaus.

Verantwortlich für dieses ewige Auf und Ab ist das Granit- und Gneishochland der Böhmischen Masse – ein geologisch himmelaltes und stark erodiertes Rumpfgebirge, das von den Flüssen Große Mühl, Kleine Mühl und Steinerne Mühl durchzogen wird. Nicht scharf gegliederte Talstrukturen wie in den Alpen prägen hier die Landschaft, sondern sanfte Mulden und niedrige Rücken. Doch Obacht! So lieblich dieses Hügelmeer anzusehen ist, so kräftezehrend und unrhythmisch ist es zu befahren ...

 Feldspat, Quarz und Glimmer, die drei vergess' ich nimmer 

Haben wir nicht alle einst auf diese Weise in der Schule gelernt, woraus Granit besteht?

Mit der Mühltalrunde haben wir uns für Tag 2 nicht nur die Königsetappe unter den Tagestouren des Granitlandes ausgesucht. Die 80 Kilometer lange Route umfasst sozusagen auch die Keimzelle der MTB-Region.
Sie startet in Kleinzell im Mühlkreis (bzw. an jedem anderen beliebigen Punkt der Strecke, Rundkurs sei Dank). Das ist jenes 1.600-Seelen-Dorf, das alljährlich zu Pfingsten Mann und Maus mobilisiert, um über 1.000 Mountainbikern jeden Alters und Niveaus im Rahmen des Granitmarathons ein unvergessliches Rennerlebnis zu bieten und es 2011 sogar zu EM-Ehren brachte. Und ähnlich wie diese Langstreckenprüfung über vier mögliche Distanzen besucht auch die Mühltalrunde jene vier weiteren Orte, mit denen um die Jahrtausendwende im Granitland alles begann: St. Martin, Kirchberg, Altenfelden, Neufelden.

Kaum draußen aus Kleinzell, umfängt uns das Mühlviertel mit aller Kraft, die urwüchsigen Regionen so oft eigen ist. Auf rumpeligen Trassen, schmalen Wegen und gewundenen Pfaden geht’s durch Wiesen, Wälder und Felder und vorbei am namensgebenden Phänomen der MTB-Region, dem Granit: Wir passieren einen aktiven und mehrere aufgelassene Steinbrüche. Wie bei einem Tetris für Großgewachsene schieben sich deren quaderförmig abgesprengte Felsblöcke ineinander. Unnahbar und gleichzeitig einladend leuchten die hellen Abbruchkanten in der Sonne. Manche der ehemaligen Abbaugebiete, allen voran die Resi-Lacke, dienen im Sommer als beliebte Badeplätze. Andere hat sich längst die Natur zurückerobert, überwuchert, bis zur Unkenntlichkeit begrünt.

Die Kilometerzähler haben noch keine zehn Prozent vom Tagespensum abgearbeitet, da holt uns ein wahrer Pflichtbesuch für eine ganze Weile vom Rad. Denn kurz vor St. Martin führt die Strecke mitten durch die Brauerei Hofstetten. Das Mühlviertel ist ja einigermaßen bekannt für seine eigenständige und empfehlenswerte Braukultur samt Hopfenanbau. Das erhaben auf einem Rücken stehende Landbrauhaus mit seinen bis ins frühe 13. Jahrhundert datierenden Wurzeln gehört aber gewiss zu den bemerkenswertesten Vertretern dieser Zunft.
In den 1980er-Jahren wirtschaftlich darniederliegend, hat Peter Krammer, Bierbrauer in mittlerweile fünfter Generation, das Ruder mit viel Einsatz, Ideenreichtum und Entschlossenheit herumgerissen. „Das sind so Wellenbewegungen: Technisierung, Qualitätsverbesserung, Nivellierung … der jüngste Craftbeer-Boom hat uns sicherlich geholfen“, betrachtet er die Geschicke seines Hauses in spürbar langfristiger Tradition.

Heute atmet jede Holztür, jeder Dachbalken Geschichte, gleichzeitig ist in die ehrwürdigen Mauern auch die automatisierte Moderne eingezogen. Das alte Sudhaus und die alte Schrotmühle, beides aus 1929, erzählen aber nicht nur von der Braukunst anno dazumal. Bis zur Errichtung des neuen Sudhauses 2015 wurden mit dieser Anlage sämtliche Biere gebraut. Für manch Sorte des Hofstettner Bieres, etwa Heines Altes Lager, sind sie geschmacks- und identtätsstiftend und nach wie vor heiß dampfend und laut ratternd, süßlich duftend und wild rüttelnd in Betrieb.
Mehr noch: Mit der Besinnung auf alte Techniken, alte Rezepte, alte Gerstensorten und alte Lagerkeller entstehen wahre Kostbarkeiten. „Je mehr Komponenten ich zurückschraube, desto authentischer wird's“, erklärt der experimentierfreudige Braumeister. Das Aushängeschild dieses Ansatzes ist der kräftige Granitbock – karamellisiert mittels glühender Granitsteine, vergoren in offenen Granitbottichen, gelagert in tiefen Gewölben für mindestens ein halbes Jahr.

Wir könnten mit des Hausherrn Wissen, Kostproben und Anekdoten noch Stunden in den Kammern, Kellern und Stuben des Anwesens verbringen, allein: die Außenwelt ruft! Oder wie unser Begleiter Hans Falkinger mit etwas besorgtem Blick auf die Uhr feststellt: „Die echten Gratsch'n kommen erst ...“
Dass unsere einhellig zu den Lieblingen der Redaktion erkorenen Sorten, das halbdunkle Granitbier und das unpasteurisierte Mühlviertler Bio Bier, auch in den Gasthäusern der Umgebung kredenzt und sogar bis nach Wien (und natürlich weit darüber hinaus) verkauft werden, gereicht uns zum Abschied als kleiner Trost.

Etwas wadenweich geht’s weiter, doch bald schon putzt ein fieses Steilstück auf dem Weg zum Schloss Neuhaus unsere bierschweren Arterien durch. Eine dunkle Ahnung, was Mühlviertler mit dem Wort Gratsch'n meinen, steigt in uns auf.
Vorerst allerdings führt die Mühltalrunde weiterhin hauptsächlich bergab, bis wir in Untermühl schließlich an den Ufern der Donau aufschlagen.

Wie unglaublich ruhig der große Strom an uns vorüberzieht! Wie lautlos die Enten durchs Wasser treiben, wie schnell sie durch die Lüfte hinüber zur kleinen Hafenanlage wechseln! Dazu die warmen Sonnenstrahlen auf der Haut und die Eindrücke des ersten Streckenviertels im Kopf … Es kostet mich etwas Überwindung, die überdimensionale Holzliege in Ufernähe wieder gegen den Mountainbikesattel einzutauschen, aber schließlich bin ich ja nicht zum Faulenzen hier!

 Die Höhenprofile sämtlicher Touren erinnern an den Output eines Seismografen am Pazifischen Feuerring 

Das Granitland weiß mir die Wadeln alsbald wieder viere z'richten. Ab dem Speicherkraftwerk Partenstein (einst erstes Großkraftwerk Österreichs und über einen gut 5 km langen unterirdischen Felsstollen samt oberirdischer Druckrohrleitung mit dem Stausee Neufelden verbunden) und erneut dann in Obermühl bäumt sich die Strecke unerbittlich auf. Aus dem Einschnitt, den sich die Donau über Jahrmillionen gegraben hat, müssen wir binnen weniger Kilometer gleich zweimal wieder hinauf. Und dazwischen liegt mit der Großen Mühl ein weiteres Gewässer, dass für nennenswerte Steigungsrampen tal- und himmelwärts sorgt. „Da haben mein Bruder und ich schwimmen gelernt“, erzählt uns Hans mit Blick auf eine etwa brusthohe Vertiefung des Bachbetts bei der Ebenmühle. Wir können uns kein idyllischeres, aber auch kein kälteres Kinderbecken vorstellen als den glasklaren, durch ein Meer abgeschliffener und im Uferbereich moosbewachsener Granitrundlinge eilenden Fluss.

Wohlverdient ist angesichts dieses Streckenverlaufs eine Rast mit Saurer Wurst und Brettljause beim Schaufleischer Zalto in Kirchberg, und zumeist hart erkauft die sich immer wieder bietende Sicht übers Land. Das beeindruckendste Panorama allerdings wartet nach einem vergleichsweise harmlosen Extra – den 139 Stufen des hölzernen Aussichtsturm Burgstall.
In alle vier Himmelsrichtungen schweift von diesem gut 20 Meter hohen Bauwerk in Kirchberg der Blick, Schautafeln informieren über die Namen der markantesten Erhebungen, die sich vom Böhmerwald bis zum Dachsteinmassiv zeigen. Am längsten bleiben die Augen jedoch westwärts gerichtet, denn dort schlägt die in tiefe Waldgräben vorgedrungene Donau wilde Kehren. Die Vorhut der Schlögener Schlinge zwischen Obermühl und Inzell ist's, die hier aus 613 Metern Höhe fasziniert.

Als uns die Erde wieder hat, beraten wir Plan B. Denn was Hans wohl schon in der Brauerei ahnte und uns beim Kraftwerk Partenstein allmählich dräute, wird nach dem neuerlichen Zwischenstopp am Burgstall gewiss: Die Mühltalrunde in ganzer Pracht und Länge schaffen wir nicht vor Einbruch der Dunkelheit.
In solchen Situationen schlägt die Stunde der Mühlviertler Kleinräumigkeit. Nie werden hier kilometerhohe Berge eine sich anbietende Luftlinie verstellen, stets gibt’s – mit etwas Auf und Ab garniert vielleicht – einen kürzeren Weg zurück. In unserem Fall muss die Nordschleife der Mühltalrunde dran glauben. Nach Altenfelden, bekannt vor allem für seinen Wildpark, biegen wir ostwärts Richtung Langhalsen ab.

Die Häuserzeile, welche heute diesen Namen trägt, hat mit der ursprünglichen Siedlung samt Schloss und Brauerei nichts zu tun. Sie liegt am Grund des zum Kraftwerk Partenstein gehörenden Stausee Neufelden bei der Flussschlinge der Großen Mühl. „Langhalsen wurde einfach gesprengt und geflutet“, erzählt Hans. Ein bisschen wie Alt-Graun und der Reschensee – nur ohne Kirchturm als vermarktbare Touristenattraktion.
Stattdessen verzaubert das Gewässer mit beschaulicher Ruhe und manch dickem Fisch. Wer weiß, vielleicht ist einer der Angler am Ufer ja der Küchenchef des nahe gelegenen Haubenlokals Mühltalhof?

Auf die stolzen Bürgerhäuser am pittoresken Marktplatz von Neufelden, seit jeher Sitz der Kaufmannschaft und Notare, folgt eine letzte Bergwertung nach Apfelsbach, dann haben wir's geschafft. Nur 55 statt der geplanten 80 Kilometer zeigen unsere GPS-Geräte, und auch von den gut 2.000 Höhenmetern haben wir ein Viertel abgezwickt. Trotzdem scheinen uns das Abendessen und die Nachtruhe im Gasthaus Scharinger mehr als verdient …

Altes bewahren, Neues kreieren

Tag 3 im Mühlviertel führt uns noch weiter nordwärts, in die Gemeindegebiete von Haslach, St. Oswald, Lichtenau und Rohrbach-Berg. Denn auch dort oben, rund um die Bezirkshauptstadt und tschechischen Grenze, wurde das Granitland-Streckennetz erweitert.
Weberlandrunde heißt die nagelneue 40-Kilometer-Schleife mit offiziellem Startpunkt "Mosthütte" unweit der Wallfahrtskirche Maria Trotst, und gibt damit bereits einen Hinweis, was auf den folgenden 1.200 Höhenmetern nebst giftigen Anstiegen, romantischen Gewässern, stillen Wäldern und kleinen Feldern noch im Mittelpunkt stehen wird. Vorerst jedoch geht's mit Schwung hinunter zur Mühlkreisbahn samt Almesmühlbach, und mit deutlich weniger Tempo drüben entlang eines der hierzulande so typischen Feld- und Wiesenraine wieder hinauf.

Vieles von dem, was im Granitland unter die Räder kommt, ist eines Mountainbikes absolut würdig, gilt aber nichtsdestotrotz als öffentlicher Weg. Derlei Möglichkeiten erleichtern das Streckendesign. Ein anderer Grundsatz des Trägervereins erschwert es eher, wird jedoch eisern eingehalten: "Wir zahlen nichts", hat uns Hans Falkinger schon tags zuvor dargelegt.
Wohl gibt es Gestattungsverträge und (durchs Land OÖ getragene) Versicherungslösungen für jene Grundbesitzer, die ihr Eigentum zur Verfügung stellen. Aber Wegentgelt leistet der Projektträger keines. "Das muss bei uns anders gehen", pocht Hans auf Gemeinsinn, Umwegrentabilität oder schlicht Goodwill. Und wenn es nicht geht, wie zuletzt im Fall des Stiftes Schlägl, "dann fahren wir im schönen Böhmerwald halt leider nicht", so der Vereinsobmann.

Der angenehme Nebeneffekt dieses Prinzips: Auf jedem Kilometer des Streckennetzes, in jedem Gastgarten und jedem Ort fühlen wir uns ehrlich und herzlich aufgenommen. Rasch entspinnen sich bei kurzen Pausen oder längeren Zwischenstopps freundliche Gespräche mit den Einheimischen, interessiert fragen uns selbst unbedarfte Feuerwehrleute, Tankstellenwarte oder Häuslbauer, ob's uns „då herom“ gefällt.
Das gilt auch für die historische Marktgemeinde Haslach, die sich malerisch um den Zusammenfluss von Großer Mühl und Steinerer Mühl drängt und wo wir uns deutlich länger aufhalten als eigentlich geplant.

 Loch oder nicht Loch, Null und Eins 

Wer hätte gedacht, dass historische Jacquardwebstühle auf dem gleichen Informationsprinzip wie moderne Computer basieren?

Haslach an der Mühl blickt nämlich auf eine lange Tradition als Zentrum für Weberei und Leinenhandel zurück. Unter dem gemeinsamen Dach eines historischen Fabrikareals spinnen fünf Partner den Faden dieses Erbes weiter. Das Angebot reicht von jährlichen Märkten, verschiedensten Kursen und Kongressen bis zu Führungen durch die Manufaktur alom wolle und das Webereimuseum.
Wir statten letzterem einen Kurzbesuch ab und sind fasziniert von den historischen Exponaten und Schätzen. Druckmodelstöcke, Revolvermaschine, Kettfäden, Webblatt, Schaft, Spinnrad, Musterbücher, Lochkarten, Damastwebstuhl, Schuss uvm. … Am Ende schwirrt uns ein wenig der Kopf vor Fachbegriffen und klingeln die Ohren vom Lärm, den ein einziger Jacquardwebstuhl machen kann. Aber wir verlassen das 2014 mit dem Österreichischen Museumspreis ausgezeichnete Haus nachhaltig beeindruckt und um etliche Wissenslücken erleichtert.

Nur ein paar Pedaltritte vom Textilen Zentrum Haslach entfernt liegt die Mühlviertler Ölmühle. Auch in diesem Schaubetrieb werden stolz alte Techniken kultiviert und Gerätschaften bewahrt. Immerhin fließt aus den Pressen der Mühle seit mehr als 650 Jahren Öl. Gleichzeitig setzt die Besitzerfamilie auf moderne Vertriebswege und neue Vermarktungsmethoden – Bustourismus inklusive.
Kaltgepresste und deshalb besonders reichhaltige Öle sind die Spezialität des Traditionsbetriebes. Sein Aushängeschild, das Leinöl, wird aber auch im Warmpressverfahren erzeugt. So oder so erfüllt ein solch appetitlicher Duft nach frischen Ölen und gesunden Naturprodukten – u.a. werden ausgepresste Saaten auch zu Mehl weiterverarbeitet – die Räumlichkeiten des Hofladens und der urigen Produktionsstätte, dass man gleich bleiben möchte – wenn da nicht die Neugierde auf den Rest der Weberlandrunde wäre …

 Roa. Gratschn. Wasserl. Stoa 

Dialektale Reise durch die bestimmenden Landschaftselemente des Mühlviertels

Mit Josef Hetzendorfer haben wir diesmal den Vize-Obmann des Granitland-Vereins an unserer Seite, der als gebürtiger Rohrbacher natürlich über jeden Meter der Tour eine Geschichte zu erzählen weiß.
Und so geht unsere Reise 'gen Norden weiter, durch einen idyllischen Hohlweg auf den Tanzboden und von diesem bewaldeten Rücken wieder aussichtsreich bis zum Schwarzenbergischen Schwemmkanal.

Uns ist dieser Abschnitt der Zwettl bei Unterurasch ein besonders romantischer Begleiter, plätschert doch lieblich und fast gleichauf mit unseren Rädern ein etwa drei Meter breites Gewässer unmittelbar neben dem Waldweg, den wir befahren. Generationen von Holztriftern war er hingegen vom 18. bis ins 20. Jahrhundert Arbeitsplatz, auf dem das im Böhmerwald reichlich vorhandene Holz zur Donau geschwemmt und anschließend nach Wien verschifft wurde.
Das besondere an diesem insgesamt 52 km langen Bauwerk, bestehend aus regulierten Flussläufen, Hangkanälen, Tunneln und Schleusen: Es überwindet die am Rosenhügel gelegene kontinentale Wasserscheide zwischen Donau und Moldau - eine Pioniertat für die damalige Zeit.
Nach der Wende wurde der Kanal mit vereinten Kräften österreichischer und tschechischer Helfer restauriert. Ähnlich wie die Skulptur "Connect it" am Grenzübergang St. Oswald, ein aus der Erde wachsender Schukostecker, symbolisiert also auch er die Annäherung zwischen den beiden Ländern.

Nach so viel Landeskunde meldet sich langsam der Hunger. Vielleicht liegt es aber auch daran, dass mit dem alten Zollhaus der höchste Punkt der Runde erreicht und somit bereits manch Schweißtropfen geflossen ist.
Josefs gute Nachricht: Bis zur Querung der Großen Mühl bei Minihof geht's nun wieder hurtig bergab. Die schlechte: Weder hier in St. Oswald noch dort beim Fluss noch sonst wo in den vielen kleinen Weilern, die uns in Folge noch von Rohrbach-Berg trennen, gibt's eine Einkehrmöglichkeit.

Dafür aber einmal mehr durchaus knackige Anstiege, sodass wir schließlich überraschend ausgelaugt in der Bezirkshauptstadt mit ihrem pulsierenden Zentrum samt spitzem Kirchturm und figurenreicher Pestsäule eintreffen.
Der rührend um uns besorgte Wirt vom Cafe Treffpunkt, selbst Radfahrer, macht's mit Schwarzbrot-Toast, köstlicher Apfeltorte und Cappucchino wieder gut. Trotzdem sind wir uns einig: Dass uns der gnadenlos unrhythmische Rhythmus des Mühlviertels auch am dritten Tag noch zu schaffen macht, ist eigentlich unerhört.
Josef, topfitter Pensionist, Radreisender und die Hügel seiner Heimat gewöhnt, schmunzelt. "Ihr noch viel lernen müsst", scheint der bereits braungebrannten Haudegen zu denken. Gerne, Josef, gerne. Zumal's für uns im Granitland nach wie vor unzählige Kilometer zu entdecken gibt ...

Informationen

Das Mühlviertler Granitland ist eine ausgesprochen hügelige Mittelgebirgsregion im Nordwesten Oberösterreichs und liegt zwischen 300 und 1.000 m Seehöhe. 36 Gemeinden beteiligen sich am MTB-Projekt. Das Streckennetz zwischen Donau, bayerischer und tschechischer Grenze umfasst rund 950 Kilometer und 26.000 Höhenmeter, verteilt auf acht Halbtages- bzw. Einsteigerrunden (9-32 km), acht Tages- (42-80 km) und eine regionsumspannende Mehrtagestour (260 km). Typisch für die beschilderten Strecken sind hohe Wald/Wiesenweg-Anteile sowie die jeweils sehr kurzen, aber knackigen und zahlreichen Anstiege.

Unterkunft/Service
Vollständiges Verzeichnis der Partnerbetriebe (Hotels, Gasthöfe, Service-Stellen uvm.) auf www.granitland.at.

Tourdaten, GPS-Download
www.granitland.at
Eine detaillierte Karte liegt bei den Partnerbetrieben auf bzw. kann über die Homepage bestellt werden.

Sidesteps
Gepäcktransport, Shuttle
Mittels Taxi-Unternehmen Ecker auf Basis Self-Service oder über die gebuchten Unterkünfte.

Event
8./9. Juni.2019: Granitmarathon über vier Distanzen, XC-Nachwuchsrennen und Business-Bewerb; www.granitmarathon.at

Allg. Infos
www.granitland.at

Seite 1 von 2 12
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  1. #1
    früher mal Weltmeisterin Avatar von NoMan
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    Hart wie Granit - Biken im Mühlviertel

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  2. #2

  3. #3
    Schwergewicht Avatar von NoFatMan
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    Schaut so aus, als ob das Meiste mit dem Gravelbike auch fahrbar wäre
    So es ist soweit, NoFatman schreibt jetzt selbst ein bisschen: https://www.bikestore.cc/blog/

  4. #4
    Keine Panik! Avatar von marty777
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    Da stimme ich zu - auch wenn ich bisher nur mit dem Hardtail dort war.
    Was dort aber eben nicht zu unterschätzen ist, sind gelegentlich die steilen Anstiege und Abfahrten.
    Statt e-biker gibt es dort Mopeds - oder die ausgewachsene Variante - und gelegentlich wurde ein Feldweg mit Regenrinnen zur Sprungschanze umgebaut.
    Aber beim nächsten Urlaub - im Juni - bin ich dort sicher auch mit dem Gravel unterwegs.

  5. #5
    Admin Avatar von NoSane
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    Gravelbike würde ich nicht empfehlen... bergab ist das meiste am Gravelbike gut machbar, auch wenn Passagen wie die auf Bild 24 mit dem Hardtail sicher mehr Spaß machen, aber bergauf ist's tw. richtig knackig. Viele Anstiege mit >20% ... ein paar kurze Ramperl an die 30%

  6. #6
    früher mal Weltmeisterin Avatar von NoMan
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    Schaut so aus, als ob das Meiste mit dem Gravelbike auch fahrbar wäre
    technisch ja, topografisch nein (oder nur mit nachher wirklich dicken knien und dazwischen deutlich weniger freude)
    NoMan

  7. #7
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    Ich würd mit dem Gravel schon auf den ersten Kilometern an der Moar Wiesen in Linz kläglich scheitern.

  8. #8
    Schwergewicht Avatar von NoFatMan
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    Oh danke, bergauf habe ich eh extra zu schleppen
    So es ist soweit, NoFatman schreibt jetzt selbst ein bisschen: https://www.bikestore.cc/blog/

  9. #9
    : : : Avatar von Luki
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    Ich hatte mit meiner 34-42er Übersetzung schon recht zu kämpfen.
    Glaub, mit einem Graveler macht es auf Dauer keinen Spaß... zumindest die ausgeschilderten Strecken.

    Wenn Graveler dann am ehesten Richtung tschechische Grenze, da war es am letzten Tag nicht ganz so steil.

  10. #10
    Schokoholiker Avatar von chriz
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    Zitat Zitat von Luki Beitrag anzeigen
    Ich hatte mit meiner 34-42er Übersetzung schon recht zu kämpfen.
    Glaub, mit einem Graveler macht es auf Dauer keinen Spaß... zumindest die ausgeschilderten Strecken.

    Wenn Graveler dann am ehesten Richtung tschechische Grenze, da war es am letzten Tag nicht ganz so steil.
    Die Erfahrung hab ich auch gemacht.

  11. #11
    Olles für die Katz Avatar von Moa
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    Ich geh' in der Gegend rund um Haslach ganz gern Crossen, zum Mountainbiken findet man in dieser Gegend weniger spannendes (bzw. sehen es die Grundbesitzer nicht so gerne, wenn man das macht).

  12. #12
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    Würde gerne mal mit Dir die Eidenberger Alm Runde fahren.Schauen wir dann wie du mit deinem Gravel Bike zufrieden bist

  13. #13
    Schwergewicht Avatar von NoFatMan
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    Der erste Beitrag und schon so süffisant. Willkommen im BB.

    Ich habe oben lediglich höflich gefragt und die entsprechende Antwort schon erhalten.
    Ps. Ich fahre mit 2 Radtaschen, will verkehrsfrei unterwegs sein und bin auf keinem Egotrip.
    So es ist soweit, NoFatman schreibt jetzt selbst ein bisschen: https://www.bikestore.cc/blog/

  14. #14
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    Zitat Zitat von NoFatMan Beitrag anzeigen
    Der erste Beitrag und schon so süffisant. Willkommen im BB.

    Ich habe oben lediglich höflich gefragt und die entsprechende Antwort schon erhalten.
    Ps. Ich fahre mit 2 Radtaschen, will verkehrsfrei unterwegs sein und bin auf keinem Egotrip.
    Hallo,wollte dich auf keinen Fall beleidigen.Bin aber als einer der Streckenfinder schon stolz auf den schon ordentlichen Trailanteil.Für manche ist's immer noch zu fad.Ich denke wir haben einen ganz guten Kompromiss gefunden.Ich freue mich über jeden Biker der uns besucht.

  15. #15
    Stützradlfahrer Avatar von Rikscha_89
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    Zitat Zitat von michael_90 Beitrag anzeigen
    Ich würd mit dem Gravel schon auf den ersten Kilometern an der Moar Wiesen in Linz kläglich scheitern.
    Ja die hat es in sich, da kann man richtig hören wie die Bronchien platzen...
    Die Weisheit rennt mir hinterher, doch ich bin schneller!

    STRAVA

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