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Test: Schwalbe G-One R Gravelreifen

Test: Schwalbe G-One R Gravelreifen

21.04.22 06:19 2.637Text: NoPainFotos: Erwin HaidenGefühlsecht, extra groß und sicher: der neue G-One R markiert die goldene Mitte im umfangreichen Schwalbe Gravelreifen-Portfolio21.04.22 06:19 2.659

Test: Schwalbe G-One R Gravelreifen

21.04.22 06:19 2.6598 Kommentare NoPain Erwin HaidenGefühlsecht, extra groß und sicher: der neue G-One R markiert die goldene Mitte im umfangreichen Schwalbe Gravelreifen-Portfolio21.04.22 06:19 2.659

Der Gravel-Sektor boomt weiter und wird immer vielschichtiger. Aber genauso schnell, wie sich die Spezialisierung der Gravelbikes in all ihren Details vollzieht, ändern sich auch die Anforderungen an die Bereifung. Immerhin macht es einen großen Unterschied, ob der Marchfeldkanal unter die Mininoppen genommen, in Lycra-Aerowäsche über die Wege der Strade Bianche geballert oder auf groben Stollen, mit Gepäck und Einmannzelt, die Pannonische Tiefebene durchquert werden soll.

Mit dem G-One R platzierte Schwalbe letzten Sommer einen äußerst sportlichen Allrounder zwischen ihre beiden bisherigen Paarungen aus G-One Speed/G-One Allround (Ausrichtung: Straße/Schotter) und G-One Bite/G-One Ultrabite (Ausrichtung: Trail/Matsch), welche ebenfalls erst vergangenes Jahr in puncto Karkassen, Addix-Compound und Design überarbeitet wurden. Alles up to date also bei den Schwaben.

Wir konnten den G-One R bereits mehrere Wochen testen und unter verschärften Bedingungen seine Stärken und Schwächen herausfiltern.

Technik

Schwalbes G-One R wurde für Racer konzipiert und ist in erster Line für den Einsatz im leichten Gelände, auf Schotterpisten und Asphalt gemacht. Die Pneus seien "robust und pannensicher, rollen dabei aber geschmeidig ab und bieten extrem hohe Dämpfung über ruppige Untergründe", so Schwalbe Produktmanager Jakob Maßen.

Den Schlüssel zu diesen Eigenschaften sieht der Hersteller in der besonderen Karkassenkonstruktion. Diese borgt sich der G-One R vom Rennradreifen Pro One. Zwei Karkassenlagen unter der Lauffläche lassen den Reifen dabei geschmeidig rollen, drei Karkassenlagen im seitlichen Bereich schützen vor Schnitten. Ein zusätzlicher V-Guard-Pannenschutz - mit Materialien, welche auch an schusssicheren Westen zum Einsatz kommen - erhöht nochmals den Stich- und Schnittschutz, ohne dabei auf der Waage über die Stränge zu schlagen.


Der Einsatzbereich vom G-One R soll irgendwo bei 20% Straße, 40% Gravel und 40% Trail liegen (siehe Grafik), was wir nach ausgiebigen Tests auch so unterschreiben würden. Der Addix Race-Compound sorgte auf der Straße für einen gelungenen Kompromiss aus solider Bodenhaftung, Leichtlauf und möglichst geringem Verschleiß, während das neuartige "Boomerang"-Profil, bei dem die Mittelstollen eine nahezu geschlossene Struktur bilden, ansprechende Fahreigenschaften im Gelände bot. So rollte der Reifen auf festem Untergrund leicht ab und lieferte auch auf losen Böden genügend Traktion für Vortrieb und Verzögerung. Die etwas höher ausgeführten Seitenstollen versprachen schließlich sicheren Grip in Kurven, wenngleich sie selbstverständlich auch keine Wunder vollbringen konnten - mehr dazu unterhalb im Praxisteil.

Wie die übrigen vier Gravel-Modelle ist auch der neue G-One R mit Tubeless Easy-Technologie ausgestattet. Wenngleich auf unseren Produktfotos die Schwalbe Aerothan Schläuche abgebildet sind, haben wir den G-One R bisher ausschließlich schlauchlos getestet.*

* Der Hintergrund für Interessierte: Alle Fahrfotos und -tests sind im Rahmen des Scott Addict Gravel Tuned Reviews entstanden, für den wir das Bike mit einem Tubeless Setup erhalten haben. Danach war NoPain so was von der Rolle, dass er sich gleich einen Satz G-One R für sein Aero-Gravel-Projekt bestellen musste. Allerdings im Kombi mit hauchzarten Aerothan-Schläuchen, denn NoPain scheißt ja auf ist kein Fan von Tubeless Sealant am Renner, aber das ist eine andere Geschichte.

 I scheiß auf mog Müch ned a so! 

NoPains Bekenntnis zum Thema Tubeless am Gravel/RR

Schwalbe G-One R

Dimension Größe Version Mischung Ausführung Gewicht** Druck** UVP
700x40C 28x1.50" Super Race, V-Guard Addix Race Skin, falt, TLE 480 g Max. 4.5 Bar €69,90
700x45C 28x1.70" Super Race, V-Guard Addix Race Skin, falt, TLE 520 g*** Max. 4.0 Bar €69,90

** Herstellerangaben
*** 564 g gewogen

In der Praxis

Sowohl der G-One Allround als auch der G-One Speed haben sich über die Jahre als unsere Favoriten unter den Gravelreifen herauskristallisiert. Schnell rollend mit gutem Kurvengrip auf Asphalt und ausreichender Performance mit hohem Komfort auf Schotter. Ihre fehlenden Reserven auf losem Untergrund und im Matsch kompensierten wir durch angepasste Geschwindigkeit und Fahrweise - es ging ja um nichts, man hatte es nicht eilig. Bei den Grouprides, auch wenn die Gruppe nur aus insgesamt zwei Personen bestand, ging es selbstverständlich um alles. Hirn aus, Kette rechts und mit dem Messer zwischen den Zähnen nicht nur einmal knapp am nächsten Spitalaufenthalt vorbeigeschrammt. Denn sobald es grindig und tiaf wurde stießen die beiden G-Ones nunmal an ihre Grenzen, so ehrlich muss man sein.


Andererseits waren die G-One Bites und Ultrabites für normales Graveln schon zuviel des Guten und schränkten bei wilder Kurvenhatz auf Asphalt den Spaß nicht unbeträchtlich ein, sobald sie bei heftiger Schräglage und niedrigem Luftdruck unvermittelt über die größeren Seitenstollen "abkippten". Als fulminanten Kompromiss bringt Schwalbe nun die neuen G-One R ins Spiel. Wenngleich das Wort "Kompromiss" immer etwas negativ besetzt ist, haben es die G-One R faustdick hinter den Ohren und besitzen definitiv das Zeug zum optimalen Performance-Reifen für schnelle Touren und Rennen.

Fulminant: G-One R 45C

Mit der vollen Ladung an Schwalbes patentierter Technologien ausgestattet (Boomerang-Profil, V-Guard Pannenschutz, Turn-Up-Konstruktion mit integrierter Tubeless Easy-Technologie und Super Race Karkasse) boten die G-One R einen tollen Mix aus Pannenschutz, niedrigem Rollwiderstand, hohem Komfort und gutem Grip. Das hörte und spürte man. Stichwort: "Smoooth."

Die Montage der 45 mm breiten Reifen war gewissermaßen ein Kraftakt, der ohne den Einsatz zweier hochwertiger Reifenheber von Hand alleine nicht gelang. Dafür wanderten die Reifenwulste willig in die Felgenflanken, die Reifen liefen 100%ig rund und waren prompt dicht. Ihr Gewicht lag mit 564 Gramm allerdings um 8% über der Herstellerangabe. In Wahrheit wurscht, aber es sollte nicht unerwähnt bleiben. Auf den DT-Swiss GRC 1400 Laufrädern mit 24 mm Innenbreite schwangen sich die Pneus in 45C auf tatsächliche 43,5 Millimeter.

Auf hartem Untergrund (Asphalt, Pflaster, fester Schotter) liefen die G-One R unglaublich schnell und fast so stabil, wie wir es von den Allround gewohnt waren, und ließen sich bis zur Kante umlegen, ohne wegzuschmieren. Auch die Selbstreinigung funktionierte nach matschigen Offroad-Abschnitten ausgezeichnet und der Mittelsteg befreite sich schnell und nachhaltig von Schmutz und Schlamm.

Auf losem Untergrund (tiefer Schotter, Trails) hingegen spielte das neue Boomerang-Profil dann seine Stärken voll aus und untermauerte die Unterschiede zu Allround & Speed mit der deutlich besseren Traktion beim Klettern. Darüber hinaus verfügen die G-One R-Reifen über abgewinkelte Seitenstollen, die den Kurvengrip verbesserten. Auch sie besitzen diese Boomerang-Form, welche die oberste Erdschicht durchschneiden soll, um das griffige Material darunter zu greifen. Und das funktionierte die meiste Zeit ausgezeichnet - je tiefer, lockerer und feuchter bzw. klebriger der Boden, umso besser.


Auf extremen Untergrundkombinationen wie beispielsweise einer dünnen Schotter- oder Sandschicht auf hartem Belag stieß der G-One R mit seinen Profil aber unvermittelt an seine Grenzen. Denn die schmächtigen Eckstollen waren dann einfach nicht mehr in der Lage, die oberste Schicht zu durchdringen und darunter Halt zu finden. Wer übermäßig oft und viel auf solchen Böden unterwegs ist und nach maximalem Kurvengrip strebt, der ist mit Reifen wie den G-One Bite oder Ultrabite definitiv besser beraten. Denn nach quer kommt Sturz und danach manchmal der Gipsraum.

Gleiches galt auch für extrem tiefen bzw. klebrigen Matsch. Die Selbstreinigung versagte und die breiten G-One R wuchsen schnurstracks zu Fred Feuersteins Walzen an.

Aerothan Exkurs

Wie erwähnt funktionierten die G-One R ausgezeichnet mit Tubeless Sealant. Also warum zum Teufel sollte man die G-One R trotz ihrer herausragenden TLE-Qualitäten mit TPU-Schläuchen fahren? Ganz einfach: Erstens wegen der schnelleren Montage und zweitens wegen der komfortableren Reparatur im Pannenfall. Denn in puncto "Souplesse" (jenem leichtfüßigen Fahrgefühl, das man zwar fühlen, aber kaum erklären kann), Durchschlagsschutz und Rollwiderstand sehen wir keine großartigen Nachteile gegenüber TLR.

Einzig der Durchstichschutz liegt bei Aerothan auf einem schlechteren Niveau, weshalb man seine Entscheidung neben dem Fahrergewicht und dem Reifendruck auch von den vegetativen Gegebenheiten abhängig machen sollte.

Aerothan +/- (vs. Gummi)

Vorteile Nachteile
Leicht und kaum zu spüren Weniger dehnbar
Natürliches Gefühl beim Graveln Schwieriger montierbar
Geruchs- und geschmacksneutral Kann zu eng sein, wenn die falsche Größe gewählt wurde
Sicherer Sitz und druckstabil Kann reißen, wenn der Trail zu hart ist

Verglichen mit ihren Pendants aus Butyl- oder Latex sind Aerothan-Schläuche, abgesehen vom Einstandspreis, um Häuser überlegen (vgl. unseren großen Aerothan Review). Dank ihrer immensen Formstabilität können sie mit deutlich niedrigeren Luftdrücken gefahren werden und liegen in Sachen Luftdruckstabilität in etwa gleichauf mit Butylschläuchen. Häufiges Nachpumpen wie beispielsweise bei Latexschläuchen ist nicht notwendig.

 Grenzenloses Vergnügen und optimale Sicherheit mit den hauchzarten Schläuchen aus Aerothan. 

Die Gefühlsechten

Fazit

Schwalbe G-One R 45C
Modelljahr: 2021
Testdauer: > 900 km
+ Niedriger Rollwiderstand
+ Rundlauf & Dichtheit
+ Grip & Traktion
+ Handling & Cornering
+ Komfort & Souplesse
+ Durchschlagsschutz
o Kräftezehrende Erstmontage
o Schwächen im Matsch
o Keinesfalls schwer, aber schwerer als versprochen
- Mäßiger Durchstichschutz
BB-Urteil: NoPains neuer Liebling.


Die G-One R-Reifen sind extrem schnell, relativ leicht, geschmeidig und vermitteln unter den meisten Bedingungen großes Vertrauen. Wir fuhren die 45C Reifen mit 85 kg Systemgewicht zwischen 2 und 2,5 Bar und hatten über 500 Tubeless-Kilometer - trotz eines heftigen Durchschlags, sorry Scott - keinen Defekt.

Ihre Performance auf Asphalt und festem, staubigen sowie feuchtem Untergrund war dermaßen gut, dass die G-One R auch auf NoPains privates Aero-Gravelbike wanderten. Die positiven Faktoren in puncto Rollwiderstand und Handling überwogen klar die Negativen auf extremen Untergrundkombinationen und im Matsch - zumindest für seine Anwendungen. Abgesehen von einem lästigen Doppel-Dorn-Durchstich, in Kombination mit Aerothan-Schläuchen, bereiten ihm die G-One R auch am Privatgravel mit Schlauch mindestens genauso viel Spaß, wie mit dem Tubeless-Setup. Persönliches Fazit: Echte Gravel-Abenteuer oder Rennen sprechen eindeutig für den Einsatz von Sealant.

Wann es der bereits am 5. Juni 2021 in Kansas vorgestellt G-One R (wieder) in die Shops schaffen wird, steht derzeit noch in den Sternen. Wer zufällig auf einen stößt sollte am besten gleich zuschlagen, oder seinen Fund bitteschön unterhalb im Thread stolz vermelden. Die Kollegen werden es danken.


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