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René Reidinger Größe: 180 cm Schrittlänge: 85 cm Gewicht: +/- 72 kg Fahrstil/-können: Auf dem Marathon MTB daheim, auf der Straße ein Novice.
Wie heißt der erste Song des ersten Albums von Black Sabbath? Nein, ich will hier nicht von meinem Besuch bei einer dieser unzähligen Quiz Shows erzählen, sondern von der Präsentation des nigelnagelneuen Scott Genius 2023 im italienischen Aostatal.Mit von der Partie waren, abgesehen von einigen Journalisten, auch zahlreiche professionelle Rider von Scott. Und zumindest einen davon kennen fleißige Bikeboard-LeserInnen bereits von diversen Berichten hier im Magazin: Gustav Gullholm, aka Dangerholm. Seines Zeichens „Botschafter von Scott“, so hieß es zumindest in der Vorstellungsrunde. Wenn er nicht gerade halsbrecherisch über Stock und Stein mit dem Rad die Berge hinunterrast, legt er Hand an ohnehin schon feine Scott Räder an und macht sie noch feiner, oder er überrascht mich eben mit profundem Musikwissen über die Ursprünge des Heavy Metal.Nach sechs Jahren Entwicklungszeit stellte Scott das frisch gebackene Genius Mitte September im italienischen Aostatal vor.Weil es viel Neues zu bestaunen gab, hatte eine Hand voll Journalisten gleich drei Tage Zeit, Fragen zu stellen, zu testen oder einfach mit einem der vielen professionellen Fahrer Erfahrungen auszutauschen – oder über den ersten Song des ersten Albums von Black Sabbath zu plaudern.
Any trail, any time
Bereits letztes Jahr wurde das Scott Spark neu designed und dessen Produktpalette erweitert. So gibt es seit 2022 neben dem Spark das Spark RC für Racer und das Spark ST als abfahrtsortierte Variante.Sein auffälligstes Merkmal: der im Rahmen integrierte Dämpfer. Die Erfolge im Weltcup, vor allem der Gesamtweltcupsieg im MTB XC von Nino Schurter, haben gezeigt, wie gut das Konzept funktioniert.Für 2023 hat Scott nun ein völlig überarbeitetes Genius präsentiert. Das 2003 eingeführte Trailbike sollte auch 20 Jahre später den Ansprüchen eines modernen All Mountains entsprechen, ja, diese sogar übertreffen. Für die Scott Konstrukteure war es damit klar, dass das Genius auf die Spark Plattform gehoben werden sollte. „15 Zentimeter Federweg im Rahmen versteckt. Wie geht das?“ War mein erster Gedanke. Wenn ich vorab schon versichere, dass es funktioniert, verrate ich wahrscheinlich nicht zu viel.
Um den vielseitigen Anforderungen moderner Trailbikes gerecht zu werden, wird es auch das Genius in zwei Varianten geben, wobei beide Versionen mit, wie gehabt, 150 mm Federweg am Heck und neuerdings 160 mm an der Front (also + 10 mm) gegenüber dem alten Genius abfahrtsorientierter sein werden. Trotzdem bringen beide Modelle ihre Fahrer nicht nur sicher über jede Art von Trail ins Tal, sondern gerne auch - per Muskelkraft only - hoch hinauf.Das leichtere Genius 900 besticht durch seine Vielseitigkeit, sowohl im Uphill, als auch im Downhill, und soll „out-of-the box“ verwendbar sein. Laut Hersteller wiegt es 12,8 kg in der leichtesten Version. Beim Genius ST, dem Supertrail, geht´s noch mehr Richtung Downhill. Hier wurde auf vielseitige Federelemente und auf einen noch robusteren Laufradsatz Wert gelegt. Um beim ST eine optimale Performance zu erzielen, wird dem Fahrer intensivere Beschäftigung mit dem Gerät und vor allem mit den Federelementen abverlangt. Mit 13,3 kg Gesamtgewicht in der leichtesten Version geht´s trotzdem noch easy bergauf.
Beiden Modellen gemein, und natürlich das Herzstück des Genius, ist der Rahmen. Er wurde sozusagen in zwei Teilen gedacht. Seine obere Hälfte ist vorrangig leicht, die untere vor allem steif. Alle Genius Rahmen im Portfolio profitieren gleichermaßen von den Neuerungen betreffend Geometrie, Optik und Kinematik.Den stärksten ersten Eindruck hinterlassen das mächtige Sattel- sowie Unterrohr, in denen der Dämpfer versteckt ist. "E-Bike?" Könnten Unbedarfte fragen. Weit gefehlt, modernste Fox Federelemente inside, wäre die Antwort.Trotzdem bleibt das Federbein Dank eines per Druckknopf zu öffnenden Covers leicht erreichbar. Der Dämpfer steht kopfüber im Rahmen und bietet damit Zugriff auf alle Drehknöpfe und auf das Druckventil. Über ein Fenster im Sitzrohr erreicht man die Bolzen - etwa, um den Dämpfer auszubauen.
Um in Sachen Sag Klarheit zu schaffen, gibt es einen außenliegenden Indikator direkt am Link - im übrigen der einzige von außen ersichtliche Hinweis auf das vollintegrierte Federbein.Dieser Link ist bei allen Modellen aus 7075 Aluminium geschmiedet, belastbar und trotzdem leicht. Aufgrund seiner Größe, Bauweise und der massiven Verzahnung soll er die einwirkenden Kräfte problemlos ins Innere zum Dämpfer leiten.
Der Rahmen mit dem innen verbauten Dämpfer ist nicht nur optisch ziemlich gelungen, sondern bietet weitere Vorteile. Der Dämpfer kann annähernd auf der Höhe des Tretlagers angeschraubt werden. Dadurch wird ein noch tieferer Schwerpunkt erreicht, was ja bekanntlich zu einem besseren Handling und stabileren, vertrauenerweckenderen Fahrverhalten führt.Auch wird der neuerdings etwas progressiver ausgelegte Dämpfer effektiv vor Schmutz und Witterungseinflüssen geschützt – gewiss kein Nachteil hinsichtlich seiner Lebensdauer und Leistung. Darüber hinaus ist die Rahmenkonstruktion laut Scott im Bereich des Tretlagers steifer, was unnötige Bewegungen seitlich zur Federwegsrichtung des Dämpfers reduziert.
Was die Abmessungen betrifft, rühmt sich Scott einer "intelligenten Anwendung" von longer, lower, slacker. In Zahlen, gemessen an den drei wesentlichsten Faktoren moderner Geometrien:Der Sitzwinkel liegt bei 77,5°, somit sehr steil. Gepaart mit 460 mm (M) Reach ergibt das eine sehr, sehr zentrale Sitzposition - volle Kontrolle über das Rad, auch wenn´s mal brenzlig wird.Der Lenkwinkel liegt wiederum zwischen 64° und 65°, um dem Genius die nötige Ruhe im groben Gelände zu verleihen. Zwischen 64 und 65 Grad? Je nach individuellen Vorlieben? Ja! Denn wie bei anderen Scott-MTBs auch ist der Lenkkopfwinkel dank winkelverstellbarer Steuersatzschalen einstellbar. Einfach Cockpit abschrauben, Schalen entfernen, um 180° drehen, wieder einbauen und zuschrauben. Alle innen verlegten Kabeln bleiben, wo sie sind. Fertig.Wer's gern genau dazwischen hätte: Die Carbonmodelle werden mit einem zusätzlichen Standard-Set (64,5°) ausgeliefert.Der Switch zwischen den Laufradgrößen 27,5" und 29" nur durch Umlegen eines Plättchens in der Federungswippe ist hingegen Geschichte. Das neue Genius ist ein reiner Twentyniner, der bergauf glänzen und gleichzeitig alle notwendigen Features für eine noch bessere Zeit bergab aufweisen soll.
Im Inneren sämtlicher Genius Rahmen arbeiten Fox Dämpfer. Aufgrund der langjährigen Zusammenarbeit beider Unternehmen sind die Federelemente mit dem Familiennamen "Nude" perfekt auf die Bedürfnisse der Räder angepasst.Beim neuen Genius gibt es, wie gesagt zwei Varianten, die sich neben dem serienmäßig eingestellten Lenkwinkel (Genius 900: 65°, Genius ST: 64°) in erster Linie durch die Dämpfer und deren Anbauteile (Lenkerhebel) unterscheiden. Im 900 werkt der Fox Nude 5T, im abfahrtslastigeren ST der brandneue Float-X Nude.
Ein Rahmenlayout, zwei Charaktere
Im Genius 900 dämpft der Nude 5T. Am Lenker werden per Twin Lock mit nur einem Klick sowohl der Dämpfer als auch die Federgabel gesperrt bzw. geöffnet. Als Scott-Novize stand ich freudig-staunend vor dieser Technologie wie das Kleinkind vorm Christbaum …Offen, noch nichts Neues, ist der Downhill Mode. Der Dämpfer macht, was er am besten kann: dämpfen. Die Besonderheit ist die mittlere Position, der Traction Control Mode. Dieser reduziert im Dämpfer das Luftvolumen, was gleichzeitig den Druck im Dämpfer verändert. Dadurch ändert sich die Geometrie des Rahmens – erhöhte Sitzposition, größerer Abstand des Tretlagers von Boden. Damit befinden wir uns nicht mehr in der Abfahrtposition, sondern haben das Bike auf Uphill optimiert. Und zwar ohne zu schrauben, einfach per Hebeldruck. Wie ich im Gespräch gehört habe, erhöht sich im Traction Control Mode das Fahrwerk um 10-12 % .Schließlich gibt es auch noch ein fast klassisches Lockout für längere Anstiege ohne technische Anforderungen. Warum „fast“? Im Fall von unerwarteten groben Schlägen wird die Entscheidung des Fahrers, das Element zu sperren, vom Fox Dämpfer einfach overruled. Um keine Schäden zu verursachen, wird trotz aktivierten Lockouts gedämpft.In Italien bin ich nicht mit dem 900 unterwegs gewesen, darf aber genau dieses Modell in der Ultimate-Konfiguration im November ausführlich im heimischen Wienerwald testen. Ich bin wirklich gespannt, wie das in der Praxis funktioniert.
Vollcarbon in zwei Qualitätsklassen, Hybrid- oder Alurahmen
Damit alle Geschmäcker und die meisten Geldbörsen das optimale Produkt finden, gibt es, wie bei Scott üblich, zwei Carbon-Varianten: den HMX-Rahmen mit 2.295 Gramm, und das um 500 g schwerere HMF-Pendant. Den Hinterbau gibt es wahlweise in Carbon oder in Alu.Weiters wird eine komplett aus Alu gefertigte Version erhältlich sein. Auch dieses Modell profitiert von sämtlichen Neuerungen, was Rahmengeometrie und Dämpfertechnologie betrifft, und sticht mit seiner blank polierten Oberfläche besonders ins Auge.Insgesamt umfasst die Kollektion zehn Modelle von 3.799 bis 11.999 Euro. Nota bene: Alle technischen Daten sowie Preise sind vorläufig und können sich noch ändern.
Das Genius 900 Ultimate wird die „Wünsch dir was!“ – Variante um 11.999 Euro: Carbon, soweit das Auge reicht, der HMX Rahmen, die Vorbau-Lenker Einheit und die Laufräder von Syncross, der oben gerade beschriebene Fox Nude 5T Dämpfer, die AXS Schaltung, die XTR Doppelkammer Bremsen, die DT Swiss 240er Naben und, und, und … 12,8 kg, wie beschrieben, inkl. Flaschenhalter und Tool.Der Downhill-lastigere Zwilling wird sich Genius ST 900 Tuned nennen, 13,3 kg wiegen und 1.000 Euro weniger kosten. Auch hier wird alles verbaut, was gut und teuer ist und, das Wichtigste, was auch wirklich gut funktioniert.Sehr gut gefällt mir, dass es in der Palette für beide Varianten auch Modelle gibt, die speziell auf Frauen abgestimmt sind – Contessa Genius ST 910 (€ 7.499,-) und Contessa Genius 920 (€ 4.999,-), wobei Letzteres mir farblich besonders zusagt.
Ich hoffe, ich habe jetzt alle technischen Details ausreichend beschrieben, um wieder zu den wirklich wichtigen Dingen kommen zu können: Trails, Sonne, Gespräche, Espresso, Bier. Denn genau das gab es in Aosta, in ungefähr dieser Reihenfolge.Das Tal verfügt über unzählige MTB Trails und einige davon habe ich kennen gelernt - Namen habe ich mir keine gemerkt. Zu überwältigend die einzigartige Landschaft am Fuße von Mont Blanc, Matterhorn & Co., zu einnehmend das Dolce Vita unweit der Schweiz und Frankreichs.Wie heißt´s so schön? Den Fleißigen winkt das Glück! Und diesem Fall hatten wir wirklich Glück mit dem Wetter, es war fast schon kitschig schön. Abgesehen von den Gletschern im Hintergrund hat mich das Fahrverhalten des Genius ST fasziniert. Am ersten Tag war ich mit einer Gruppe unterwegs, die für mich unter „Profis“ rangierten. Dauernd mussten deren weitere Mitglieder auf mich warten, das ist mir so bergab noch nie passiert.Oft war ich am Limit, aber nie das Genius ST. Geht nicht! Geht nicht? Und schwups, schon drüber ... so ist es mir bei vielen Stein- und Steilstufen ergangen. Die Geometrie des Rahmens, der tiefe Schwerpunkt, das sensible Ansprechen der Federelemente, der flache Lenkwinkel – alles zusammen hat für mich viel möglich gemacht bergab.
Aber nicht nur deshalb ist mein erster Eindruck vom Scott Genius überaus positiv. Man soll ja nicht aufs Äußere schauen, aber der Rahmen mit dem innen verbauten Dämpfer ist wirklich gut gelungen. Und, ich stehe dazu: Ich finde die Farbgebung sehr, sehr schön und die Rahmenfarbe ist wichtig. (Punkt!)Es gibt außerdem viele kleine Details, die diesen Eindruck abrunden. Der Flaschenhalter mit integriertem Minitool, inklusive Kettennieter und einer Halterung für eine potente Pumpe ist beispielsweise ein solcher Bringer.Am Lenker sind die Stöpsel gleichzeitig das Plug-Werkzeug: links die Nadel mit fertig aufgezogenen Plug, rechts ein Messer samt Ersatzplugs. Für mich, der in einer recht kleinen Wohnung lebt, ist es genial, wenn Dinge aufgeräumt sind, auch wenn es "nur" der Lenker am MTB ist. Außerdem, so habe ich in Aosta beim Frühstück vernommen, werden diese Tools leicht abgeändert auch im XC-Weltcup verwendet. Statt der Nachfüllpackung rechts gibt's dort eine zusätzliche Nadel, bestückt mit einem dünneren Plug für kleinere Löcher.
Aufgeräumt ist am neuen Scott u.a. auch das Cockpit. Verantwortlich hierfür zeichnet die umgestaltete Hixon-Einheit von Syncros mit verbesserter Ergonomie für Backsweep und Upsweep, zwei Optionen für die Erhöhung je nach Rahmengröße (15 mm und 25 mm) und zwei Vorbaulängen. Es gibt mehrere Optionen für die Befestigung von Computern, Lampen usw., wobei die Möglichkeit besteht, diese sowohl an der Vorbaukappe als auch an der Vorderseite des Lenkers mit zwei Gewindeeinsätzen zu befestigen. Alle Kabel laufen sauber unter dem Lenker und in den Steuersatz, was zu einer sauberen, übersichtlichen Front führt.
Für alle, die jetzt noch bei mir sind: Derzeit darf ich, wie erwähnt, das Genius 900 Ultimate in Wien spazieren führen. Das macht so viel Spaß, dass ich daheim schon strafende Blicke ernte, wenn ich wieder aufs Bike steige.Von diesen Ausflügen auf meinen Hometrails samt einwöchiger Testgebietserweiterung ins schöne Kärnten gibt es in absehbarer Zeit einen weiteren Erlebnisbericht, logischerweise ebenfalls hier im Board. Also bleibt dran!Ach ja, abschließend bin ich noch die Antwort auf die eingangs gestellt Frage schuldig: „Black Sabbath“. So heißt der erste Song auf der ersten Platte, und er sollte jedenfalls oft gehört werden!Und genau das mache ich, in memoriam Aostatal, jetzt …
Das Genius ST hat für mich bergab viel möglich gemacht. Jetzt bin ich aufs 900 gespannt.
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